51 Jahre IGFM

Zur 51. Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) reisten Mitglieder, Freunde und Förderer nach Bonn um dort an das 75-jährige Bestehen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu erinnern und sich über die aktuelle Arbeit auszutauschen.

IGFM: 51. Jahrestagung

Krieg in Europa – Wie schützen wir die Menschenrechte?

Vor genau einem Jahr haben wir hier an unser 50-jähriges Bestehen erinnert mit einer ermutigenden Rede unseres ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Inzwischen sind wir schon 51 Jahre alt und die Themen sind im Großen und Ganzen die gleichen geblieben:

  • Der Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine
  • Die Bedrohung weiterer Nachbarstaaten durch Russland
  • Der sogenannte Gottesstaat Iran, der keine Gnade kennt
  • Der bedrohliche Machthunger Chinas

Hier die einzelnen Redebeiträge zum Weiterlesen

Herzlich willkommen!

Unsere Jahrestagung steht unter dem Motto

Krieg in Europa – Wie schützen wir die Menschenrechte?

In diesem Jahr gibt es ebenfalls ein Jubiläum:

75 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Wir müssen als Menschenrechtsorganisation die Frage stellen:

Hat sich seit 1948 die Achtung der Menschenrechte verbessert?

Eigentlich nur in Osteuropa durch den Zusammenbruch des Kommunismus 1989/90

Ansonsten gibt es Licht und Schatten. Ich fürchte: Es gibt mehr Schatten.

  • Die völkerrechtlichen Grundlagen sind zwar weiter entwickelt worden
  • Das UNO-Instrumentarium zum Schutz der Menschenrechte ebenfalls
  • Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag wurde errichtet

Aber schon der Blick auf unser heutiges Programm zeigt, wie bescheiden diese Fortschritte sind.

Was die Gott sei Dank untergegangene DDR betrifft, so muss man sogar aufpassen, dass sie nicht mit zunehmendem zeitlichem Abstand nostalgisch geschönt wird.

Nachfolgend finden Sie einen Auszug der Reden während der Tagung.

Außerdem wurden unser Vorstand und der Internationale Rat neu gewählt:

https://www.igfm.de/igfm-auf-einen-blick/

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Meine sehr geehrten Damen und Herren,

als die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte 1972 gegründet wurde, war Europa noch geteilt. Ich war damals ein Kind und lebte auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in der Tschechoslowakei. Vier Jahre zuvor hatte die Sowjetunion den Prager Frühling niedergeschlagen. Die Unfreiheit und die Unterdrückung, die im Ostblock herrschten, wurden dadurch für jeden sichtbar und für mich auch erlebbar.

Trotzdem interessierten sich im Westen nur wenige für die vielen politischen Gefangenen in Mittel- und Osteuropa. Aber die IGFM machte ihre Schicksale im Westen bekannt und gab ihnen eine Stimme. Wie wichtig das war, zeigt sich daran, dass Erich Mielke die IGFM 1975 zum Staatsfeind erklärte.

Damals wie heute gilt: Menschenrechtsverstöße müssen öffentlich gemacht werden. Die Betroffenen dürfen nicht vergessen werden. Sie brauchen Hoffnung und unsere Unterstützung. Nur so haben sie eine Chance, freizukommen.

Seit 2011 gibt es das Patenschaftsprogramm der IGFM, durch das Abgeordnete eine Patenschaft für politische Gefangene übernehmen. Dadurch konnten in vielen Fällen Verbesserungen für die Inhaftierten erreicht werden, weil auch Diktaturen und Autokratien um ihr Image in der Welt besorgt sind.

Wir wissen nicht, wie viele Inhaftierte ohne solche Patenschaftsprogramme einfach hingerichtet worden wären. Aber jede Todesstrafe, die in eine Haftstrafe umgewandelt wurde, ist schon ein Erfolg. Jede Haftstrafe, die verkürzt wurde, ist auch ein Erfolg. Jede Folter, die gestoppt wurde, und jede Freilassung eines Häftlings sind ein Erfolg. Nicht nur die Betroffenen, sondern wir alle sind dankbar dafür. Ohne die IGFM wäre das nicht möglich gewesen!

Sie leisten auch humanitäre Hilfe, z. B. in der Ukraine. Das Ausmaß der Zerstörung dort ist katastrophal, deswegen ist Ihre Unterstützung enorm wichtig für die Menschen, die unter diesem Krieg leiden.

Diese Woche wurde der russische Oppositionspolitiker Wladimir Kara-Mursa zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil er den russischen Einmarsch in die Ukraine als Aggression bezeichnet hat. Ihm wurde die Verbreitung von Falschinformationen über die Armee und Hochverrat vorgeworfen. Nun will die Duma die Höchststrafe für Hochverrat sogar auf lebenslange Haft erhöhen!

Wladimir Kara-Mursa hat seinen Prozess mit den Schauprozessen zu Stalins Zeiten verglichen. Wer hätte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 gedacht, dass wir erneut einen russischen Einmarsch in ein Nachbarland und die Verhaftung zahlreicher Regimekritiker in Russland und Belarus erleben müssen?

Hoffnung macht mir, dass sich mutige Frauen dem belarussischen Diktator Lukaschenko entgegengestellt haben. Die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja konnte nach der Niederschlagung der Massenproteste nach Litauen fliehen und kämpft von dort aus tapfer weiter für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte in ihrer Heimat. Auch ihre Unterstützerin Weranika Zepkala verließ das Land.

Die Dritte im Bund, Maria Kalesnikava, sitzt in Belarus immer noch in Haft. Sie und tausende andere Inhaftierte brauchen unsere Unterstützung! Die IGFM sammelt Geld, um besonders jugendlichen Gefangenen einen Rechtsbeistand zu ermöglichen. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg!

Ich möchte daran erinnern, dass Swetlana Tichanowskaja, Maria Kalesnikava und Weranika Zepkala während des Wahlkampfes gegen Lukaschenko drei Symbole verwendet haben: eine geballte Faust, ein Herz und ein Victory-Zeichen.

Diese Symbole sollten uns inspirieren: Wir müssen weiter für die Menschenrechte kämpfen, wir sollten unser Mitgefühl mit den Opfern von Menschenrechtsverletzungen zeigen und wir dürfen nicht aufgeben, bis Freiheit und Demokratie gesiegt haben.

Solche Symbole haben wir in den letzten Monaten auch im Iran gesehen: Frauen, die ihre Kopftücher verbrannt haben, um deutlich zu machen, dass sie sich nicht mehr von den Mullahs unterdrücken lassen. Längst ist daraus eine revolutionäre Bewegung geworden, die das ganze Land erfasst hat. Auch wenn das Regime tausende von Demonstrantinnen und Demonstranten eingesperrt hat, kann es die Uhr nicht zurückdrehen. Die Iranerinnen und Iraner sehnen sich nach der Freiheit.

Lassen Sie uns gemeinsam unsere Stimme für die Inhaftierten im Iran und überall auf der Welt, wo Menschenrechte unterdrückt werden, erheben. Die IGFM tut das seit 51 Jahren. Ich danke Ihnen allen – allen Mitgliedern, Unterstützern und Helfern der IGFM – sehr herzlich für Engagement und wünsche Ihnen auch weiterhin viel Erfolg!

Wenn man das Weltgeschehen verfolgt, hat man den Eindruck, dass wir gegenwärtig eine Renaissance der Diktatur erleben. In vielen Ländern sind Diktaturen auf dem Vormarsch. Besorgniserregend ist zudem der Trend, dass sich die Diktatoren verstärkt gegenseitig unterstützen. Dabei spielen die Großmächte China und Russland eine Schlüsselrolle.

Allerdings handelt es sich nicht um einen Konflikt zwischen Ost und West, sondern um einen zwischen Diktatur und Demokratie. Diktaturen und Demokratien gibt es sowohl in Ost als auch in West. Historisch betrachtet, ist der Konflikt vergleichsweise neu. In den letzten einhundert Jahren durchlief er sehr unterschiedliche Phasen. Gemessen an früheren Zeiten ist die Lage gar nicht so schlecht. Immerhin lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung (45,7 %) in einer wenn auch häufig unvollkommenen Demokratie.

In den 1980er und 1990er Jahren erlebte die Welt sogar einen Siegeszug der Demokratie. Es lohnt sich, die Ursachen für den damaligen Zusammenbruch so vieler Diktaturen näher anzusehen. Für die IGfM besonders relevant ist es zu analysieren, welche Rolle externe Menschenrechtsorganisationen bei den Regimewechseln spielten. Dazu liegen verschiedene Studien vor.

Für die gegenwärtige Phase des Konflikts zwischen Diktatur und Demokratie kann man aus diesen Erfahrungen mehrere Schlussfolgerungen ziehen:

  • Der Kampf um die Durchsetzung von Menschenrechten verlangt einen langen Atem. Bei den meisten Ländern dauerte es Jahrzehnte, bis es zu einem Regimewechsel kam
  • Nationale und internationale NGOs spielen in diesem Kampf eine wichtige Rolle. Sie verfügen zwar nur über geringe materielle Ressourcen, aber sie haben eine große moralische Macht. Zu ihren Aufgaben gehört es nicht nur, Kontakte in einzelne Länder zu entwickeln sowie Informationen zu sammeln und zu veröffentlichen. Sie müssen die Berichte über Menschenrechtsverletzungen auch in internationale staatliche Institutionen einspeisen, um ihre Wirksamkeit zu erhöhen.
  • Der Kampf gegen Regime, die die Menschenrechte verletzen, verlangt auch den Einsatz spürbarer Druckmittel. Wenn es gelingt, einen Staat international zu isolieren, wachsen die Chancen für einen Regimewechsel. Die Erfahrung zeigt, dass dies einfacher ist, wenn man sich auf einige, besonders erfolgversprechende Länder konzentriert, statt den Kampf an allen Fronten gleichzeitig zu führen.
  • Der Kampf für die Menschenrechte ist nicht nur ein politischer, sondern auch ein wirtschaftlicher und sogar militärischer. Demokratien müssen deshalb ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von diktatorischen Regimen verkleinern und ihr militärisches Potential vergrößern. Wirtschaftliche Krisen treiben den Regimewechsel voran, während militärische Abschreckung die gewaltsame Ausdehnung von Diktaturen eindämmt.
  • Regimewechsel werden in den seltensten Fällen von außen herbeigeführt. Entscheidend für den Erfolg ist die Entstehung einer inneren Opposition sowie die Abkehr eines Teils der Machtelite vom bisherigen Herrschaftsmodell. Die oppositionellen und reformorientierten Kräfte sollten deshalb ermutigt werden, ohne sie dadurch zu kompromittieren. Ein Weg, dies zu tun, ist die enge Zusammenarbeit Regimegegnern, die ins Exil getrieben wurden.
  • Der Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen ist auch ein Kampf um die Deutungshoheit in demokratischen Ländern. Nur wenn es gelingt, Öffentlichkeit und Politik dort zu einer klaren Positionierung gegen bestimmte Diktaturen zu bewegen, hat der Kampf langfristig Aussicht auf Erfolg. Dazu müssen nicht nur politische Widerstände, sondern auch wirtschaftliche Interessen überwunden werden. Die Strategie vieler Staaten, die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit mit Diktaturen voranzutreiben und hinter verschlossenen Türen einige Menschenrechtsverletzungen anzusprechen, hat wenig Aussicht auf Erfolg.
  • Der Erfolg von Menschenrechtsorganisationen hängt stark von ihrer Kampagnenfähigkeit ab. Weltumspannende Kampagnen sind erfolgreicher, wenn sie ein Land, ein Unrecht und eine Person in den Mittelpunkt stellen. Die Thematisierung aller Menschenrechtsverletzungen kann demgegenüber leicht zu einem Gefühl der Aussichtlosigkeit führen. Zwar rücken dadurch andere Länder oder Personen stärker in den Hintergrund, doch am Ende profitieren alle von einem Erfolg.
  • Der Kampf um die Menschenrechte ist nicht nur ein Kampf für das Ende von Diktaturen, sondern auch ein Kampf für den Erhalt der Demokratie. Demokratie ist ein fragiles politisches System, das geschützt und stabilisiert werden muss. Die Entwicklung in Russland oder Tunesien zeigt, dass dies offenbar nicht ausreichend geschehen ist. Ein Mittel zum besseren Schutz der Menschenrechte ist die Schaffung dauerhafter und unabhängiger Menschenrechtssekretariate wie in Südamerika. Auch die öffentliche Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen ist ein wesentliches Mittel, um einen Rückfall in vordemokratische Zustände zu verhindern.
  • Menschenrechtsorganisationen haben es derzeit mit mächtigen Gegnern zu tun. Neben Russland, das schon im vergangenen Jahrhundert eine Schlüsselrolle im Konflikt zwischen Diktatur und Demokratie spielte, tritt die neue Weltmacht China als besonders aggressive Diktatur hervor. Im Nahen Osten stellt vor allem der Iran eine erhebliche Bedrohung dar. Der Kampf für die Demokratie ist dadurch schwieriger, aber nicht aussichtslos geworden. Die Geschichte zeigt vielmehr, dass der Expansionsdrang diktatorischer Regime auch Gegenkräfte auslöst. Nicht nur durch den russischen Überfall auf die Ukraine, auch in Asien und Afrika wächst der Widerstand gegen den neuen Kolonialismus. Einigkeit, Entschlossenheit und Geduld sind die wichtigsten Instrumente, ihm entgegenzuwirken.

Meine Damen und Herren,

erlauben Sie mir, im Namen des Außenministeriums der Republik Litauen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte für die Einberufung dieser Veranstaltung und für Ihre kontinuierliche Arbeit zur Förderung von Toleranz, Frieden und Achtung der Menschenrechte sowie für die Bereitstellung humanitärer Hilfe in meiner Region und auf der ganzen Welt aufrichtig zu danken.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte hat sich seit Anfang der 90er Jahre mit meinem Land, Litauen, in unserem Kampf um die Unabhängigkeit solidarisch gezeigt. Heute steht die IGFM den Ukrainern in ihrem Kampf für Freiheit, grundlegende Menschenrechte und demokratische Werte zur Seite. Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung in der Vergangenheit und für die Unterstützung der Menschen in der Ukraine heute.

Jede Hilfe für die Ukraine ist heute von entscheidender Bedeutung. Bei dem von Russland und seinem Komplizen Belarus geführten Angriffskrieg geht es nicht nur um die Sicherheit der Ukraine. Putin hat einen Angriff auf die internationale Ordnung gestartet und versucht, diese durch militärische Macht zu ersetzen.

Daher besteht die einzige Möglichkeit, die in der Charta der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankerten Grundsätze zu schützen, darin, sicherzustellen, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnt. Zu Beginn des zweiten Jahres dieses Angriffskrieges sind wir uns sehr wohl bewusst, dass für den Sieg der Ukraine konkrete praktische Schritte erforderlich sind.

Kontinuierliche militärische, finanzielle und humanitäre Hilfe für die Ukraine ist von immenser Bedeutung. Die internationale Gemeinschaft hat auch eine große kollektive Verantwortung, die Straflosigkeit zu bekämpfen, um die andauernden Verstöße gegen das Völkerrecht zu beenden und sie in Zukunft zu verhindern.

Daher sind wir der festen Überzeugung, dass der Internationale Sondergerichtshof eingerichtet werden muss, um die Rolle des Internationalen Strafgerichtshofs bei der Verurteilung des Verbrechens der Aggression zu ergänzen. Die internationale Reaktion auf diesen Krieg wird von entscheidender Bedeutung sein, um künftige Versuche abzuschrecken, gegen die in der UN-Charta verankerten internationalen Grundprinzipien zu verstoßen.

Die gegenwärtige Situation ermutigt uns auch, die Funktionsweise der internationalen Institutionen neu zu bewerten. Obwohl die meisten internationalen Organisationen sofort eine universelle Verurteilung ausgesprochen haben, unter anderem durch verschiedene Resolutionen der UN-Generalversammlung und des Menschenrechtsrates, sowie den Ausschluss Russlands aus dem Europarat, dem UN-Menschenrechtsrat und einigen anderen internationalen Organisationen, wurden auch gravierende Beschränkungen deutlich.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wurden Institutionen wie der UN-Sicherheitsrat durch Russland – ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrats mit der Möglichkeit, sein Vetorecht zu missbrauchen – in die Enge getrieben. Auch die Arbeit anderer Organisationen wie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), in der Beschlüsse im Konsens gefasst werden müssen, wird in ihrer Entscheidungsfindung blockiert. Russland behindert die Arbeit von Organisationen auf raffinierte Weise, indem es Entscheidungen über den Haushalt, den Vorsitz und andere für das normale Funktionieren verschiedener internationaler Gremien notwendige Schritte blockiert.

Die Möglichkeit, Mitgliedsrechte in einem solchen Ausmaß zu missbrauchen, stellt eine existenzielle Bedrohung für einen effektiven Multilateralismus, eine auf Regeln basierende internationale Ordnung und die globale Sicherheit insgesamt dar. Das Vorgehen Russlands sollte den Diskussionen über die Reformen des Sicherheitsrates, einschließlich der Versuche, die Nutzung des Vetorechts einzuschränken, neue Impulse verleihen.

Solidarität und konzertierte Aktionen demokratischer Staaten in allen internationalen Organisationen sind notwendig, um die ständigen Versuche nicht-demokratischer Länder wie Russland, Belarus, China, Venezuela, Iran, Afghanistan, Syrien und anderer zu überwinden, die Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte in Frage zu stellen.

Autoritäre Staaten berufen sich häufig auf die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten und versuchen so, mögliche Menschenrechtsverletzungen und die Nichteinhaltung zentraler Menschenrechtsgrundsätze zu vertuschen. Die Universalität der Menschenrechte wird häufig durch die von China vertretene Auffassung in Frage gestellt, dass Entwicklungsfragen Vorrang vor der Menschenrechtsagenda haben müssen.  Entwicklungsländer sind für diese Argumente oft anfällig.

Wir sollten uns bemühen, unsere Fähigkeit, unsere Partner in den afrikanischen, lateinamerikanischen und indo-pazifischen Ländern zu erreichen, deutlich zu verbessern und zu betonen, dass die Menschenrechte universell, unteilbar, voneinander abhängig und miteinander verknüpft sind, unabhängig davon, ob es sich um bürgerliche, politische, kulturelle, wirtschaftliche oder soziale Rechte handelt.

Darüber hinaus sind freie und unabhängige Medien ein unersetzliches Schlüsselelement des demokratischen Systems. In Kriegszeiten machen sie die internationale Gemeinschaft auf die Realität vor Ort aufmerksam und tragen so zum Schutz der Zivilbevölkerung bei. Nichtregierungsorganisationen sowie Menschenrechtsverteidiger, Journalisten und andere Medienschaffende spielen in allen Regionen eine unverzichtbare Rolle bei der Sammlung von Beweisen und der Dokumentation mutmaßlicher Verbrechen.

Journalisten und Freiheitskämpfer sind überall auf der Welt mit lebensbedrohlichen Szenarien konfrontiert, wenn sie sich für den Schutz und die Förderung der allgemeinen Menschenrechte einsetzen. Allein in unserer unmittelbaren Nachbarschaft Weißrussland befinden sich rund 1500 politische Gefangene und über 30 Journalisten oder Medienschaffende hinter Gittern.

Unsere Hauptstadt Vilnius ist zu einem unabhängigen russischen und weißrussischen Medienzentren im Exil für Journalisten geworden, die vor Lukaschenkos Unterdrückung und Putins kriegsbedingter Unterdrückung der Medienfreiheit im eigenen Land fliehen.

Gestatten Sie mir abschließend, der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte noch einmal für die enge Zusammenarbeit mit meinem Land, Litauen, zu danken. Lassen Sie uns weiterhin gemeinsam für Toleranz, Frieden und die Achtung der Menschenrechte eintreten, um eine gerechtere und nachhaltigere Welt für alle zu schaffen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein, und mit Ihnen über ein Thema zu sprechen, das uns ständig und in diesen Zeiten ganz besonders bewegt, nämlich die Lage der Menschenrechte in Zeiten des Krieges.

Es gehört zu unserer täglichen Erfahrung, dass mit Krieg verbunden sind: Töten, Folter, Vergewaltigung, Verschwinden lassen und vieles mehr. Andererseits können wir auf 75 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verweisen. Das ist der positive Aspekt, der uns Schwung gibt und den es zu feiern gilt, nämlich dass die Menschenrechte Geltung beanspruchen auf internationaler Ebene.

Jeder Staat, der als halbwegs zivilisiert gelten will, der mitspielen will in den internationalen Beziehungen, der moralisches Gewicht haben will, kommt nicht umhin, sich der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte anzuschließen.

Es ist der Maßstab, an dem die internationale Gemeinschaft und immer wieder die totalitären Regime gemessen werden können. Und dann macht es eben auch den Unterschied, ob die internationale Presselandschaft darüber spricht, was in China stattfindet, dass die Menschenrechtskommissarin ihren Bericht abliefern kann, und dass darüber hinaus berichtet wird: Ihr kommt mit Euren Menschenrechtsverletzungen nicht daran vorbei, dass die Gesamtheit der internationalen Staaten das bemerkt und darüber diskutiert.

Vor 75 Jahren wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Das war damals ein Meilenstein des Völkerrechts, setzte Maßstäbe, allein aus der Würde des Menschen heraus individuelle Rechte abzuleiten: Freiheit, Gleichheit, Meinungsfreiheit, Bildung und Arbeit, das Recht auf Leben. Das folgt aus der Tatsache der Menschenwürde und des Menschseins, egal zu welchem Geschlecht, zu welcher ethnischen, sozialen, religiösen Gruppe man gehört.

Das war ganz klar die Antwort auf das, was zuvor historisch passiert war, auf den Zweiten Weltkrieg, auf das nationalsozialistische Regime, das genau diese Menschenrechte versagt hat, bis hin zum Recht auf Leben. Und es war der Aufbruch der zivilisierten Länder zu sagen: Das wollen wir ändern, und dem wollen wir mit einem Dokument begegnen, eine gemeinsame Verpflichtung schaffen.

Dass das gelungen ist war damals ziemlich selbstverständlich und es war eine großartige Sache. Wir können sagen, dass es sich auch für uns in Deutschland ganz maßgeblich ausgewirkt hat. Denn vor 75 Jahren, als diese Erklärung auf internationaler Ebene gelang, hat das damals auch unsere Diskussion zur Verabschiedung unserer Verfassung, unseres Grundgesetzes beeinflusst.

Der Parlamentarische Rat, der vor 75 Jahren ebenfalls zusammentrat, war auch der Maßstab, an dem die neue Verfassung sich ausrichten musste. Es war ganz ungewöhnlich, modern und wegweisend, dass der Parlamentarische Rat die Grundrechte an den Anfang der Verfassung gestellt hat. Jede andere Verfassung fängt erstmal damit an: Wer darf denn hier bestimmen? Wie werden die Leute ausgewählt und wie sind die staatlichen Verfahren? – Nein, das Grundgesetz hat ganz bewusst die Grundrechte an den Anfang gestellt.

Und trotzdem müssen wir sagen, dass in der Realität Grundrechte und ihre Verwirklichung bei weitem noch nicht selbstverständlich sind. Wenn wir hier in diesem Saal alleine die Plakate anschauen, dann wissen Sie als diejenigen, die sich mit dem Thema beschäftigen, was sich alles damit verbindet und was Menschen in diesen Ländern auszuhalten haben.

In vielen Ländern kämpfen Menschen und Gruppen für die Menschenrechte, für die Gleichheit, für die Anerkennung ihrer ganz persönlichen Freiheit, um ihr Leben zu leben, wie sie es wollen, und um die politischen Freiheiten mitbestimmen zu können. Auch viele westliche Länder können nicht von sich behaupten, dass bei ihnen alles perfekt ist. Wir kennen die verschiedenen Diskussionen aus dem USA, auch bei uns in Europa müssen wir uns immer wieder an diesem Maßstab abarbeiten.

Es ist nicht nur ein Zeigen auf andere, sondern auch immer der Anspruch, sich selbst zu reflektieren, auch in der eigenen Politik, in der Menschenrechtspolitik als auch der Außenpolitik, in der Handelspolitik, in vielen Bereichen, immer wieder als Querschnittsaufgabe die Menschenrechte in den Blick zu nehmen.

In China geht es immer wieder darum, dass gezielt Volksgruppen angegriffen werden, inhaftiert und umerzogen werden oder ausgerottet werden, z. B. die Uiguren als das bekannteste Beispiel, aber nicht das einzige.

Schauen wir nach Afghanistan: Nach dem Abzug der internationalen Truppen haben die Taliban die Macht wieder übernommen. Das, was sie versprochen hatten, nicht zu tun, tun sie nach wenigen Wochen und Monaten im alten Ausmaß. Vor allem Kinder und Frauen müssen darunter leiden. Sie können sich nicht mehr frei bewegen, sie können nicht mehr an der Bildung teilhaben. Sie leben in krasser Armut. Und das ist dem Regime egal.

Wir haben im Iran seit Jahrzehnten die Unterdrückung der gesamten Zivilgesellschaft. Auch da sind besonders Frauen betroffen durch die religiösen Führer, die das religiös begründen, tatsächlich aber nur ihren eigenen patriarchalischen Machtanspruch durchsetzen wollen.

Und ich füge hinzu, auch in Ländern, die uns durchaus Hoffnung machen und gute Beispiele geben, gibt es doch auch immer Grund zur Sorge unter menschenrechtlichen Aspekten: Ich war im Februar mit einer Delegation des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages in Senegal und Ghana. Das sind Länder in Westafrika, die durchaus als Vorbilder gelten, denn da gibt es viele gute Entwicklungen.

Aber auch da gibt es überkommene Traditionen, unter denen dort vor allem die Frauen zu leiden haben, z.B. durch eine tolerierte Möglichkeit der Vielehe, die alleine dem Willen des Mannes unterliegt, durch Praktiken wie die Genitalverstümmelung, die zwar mittlerweile verboten ist, aber trotzdem stattfindet und nicht in dem Maße bekämpft werden, wie es möglich sein müsste. Wir haben dort gefragt, wie wird das denn verfolgt, wie viele Verfahren habt Ihr denn? – Haben wir überhaupt nicht. – Ja, woran liegt das? – Es war nicht schwer zu erkennen, woran das liegt.

Genitalverstümmelung wird an kleinen Mädchen vorgenommen, die wenige Jahre alt sind, bis zum vierten, fünften Lebensjahr. Und dann gilt die ganz normale Verjährung von drei Jahren. Welches achtjährige Kind wird denn seine Eltern anzeigen?

Wir haben den Begriff der feministischen Außenpolitik, an dem sich der eine oder andere Streit entzündet. Ich finde, die Zielrichtung ist genau das, was notwendig ist. Welchen Begriff man dafür findet, ist für mich zweitrangig.

Wir haben nun die noch vor zwei Jahren fast unvorstellbare Situation eines Krieges in Europa, in unserem EU-Nachbarstaat Ukraine durch einen russischen Angriffskrieg. Es war ein krasser eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht, um den Einfluss der alten Sowjetunion wieder auszubauen.

Die von Kollegin Renata Alt genannten Beispiele aus Belarus und aus vielen anderen Ländern dieses damaligen Einflussbereichs sind uns allen sehr bewusst. Nun ist in diesem Fall der Krieg als solcher schon ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht. Aber es kommen unzählige Kriegsverbrechen hinzu.

Wir hätten es uns gar nicht vorstellen können, und doch wissen wir es seit Butscha, dass Menschen gezielt gefoltert werden, vergewaltigt, getötet werden mit gefesselten Händen, mit Folterspuren am Körper. Wir wissen, dass Zivilisten und ihre Wohnungen bombardiert werden, dass gezielt auf Infrastruktur geschossen wird, um das Land unbewohnbar zu machen.

Und ganz besonders perfide ist die Entführung von Kindern. Vergewaltigungen sind gezielt darauf ausgerichtet, dass auch nach einem Krieg den Menschen der Lebensmut genommen wird. Denn wenn man nicht weiß, wo das Kind ist und sich darum Sorge macht, kann man nie wieder froh sein, selbst wenn die Kriegshandlungen irgendwann vorbei sind.

Und deshalb ist es hier besonders wichtig, dass das internationale Recht durchgesetzt wird. Das internationale Recht ist der einzige Handlungsansatz, um Menschen wie Putin zu zwingen, Verantwortung zu übernehmen. Es ist wichtig als Zeichen für die Opfer. Auch wenn wir die Taten jetzt nicht verhindern können.

Deshalb ist es gut, dass der Generalbundesanwalt in Deutschland von Anfang an Beweise gesichert hat durch Videoaufnahmen, die es ja vielfältig gibt, aber auch  Zeugen. Viele Flüchtlinge, die gekommen sind und berichten können. Sie müssen noch nicht einmal hier sein, sondern können digital aus der Ukraine heraus übermittelt werden. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Und dafür stellen wir gerne unsere Ressourcen zur Verfügung.

Trotzdem haben wir die Situation, dass Verbrechen des Angriffskriegs vor unseren nationalen Gerichten nicht verfolgt werden können. Dafür braucht es ein internationales Tribunal. Und darüber haben wir auch eine Diskussion als Rechtspolitiker. Mit Außenpolitikern haben wir darüber beraten und hatten auch eine Anhörung über den Vorschlag, ein hybrides Tribunal einzurichten. Wir sind seitens meiner Fraktion der Ansicht, dass das nicht reicht, sondern wir brauchen ein originäres internationales Tribunal.

Der internationale Strafgerichtshof wird wahrscheinlich nicht berufen sein und nicht in der Lage sein, Putin und die oberste politische Ebene, die für den Angriffskrieg verantwortlich ist, verantwortlich vor sein Tribunal zu bekommen. Denn weder Russland noch die Ukraine sind Signaturstaaten des Rom-Statuts und eine Zuständigkeit des IStGH könnte nur durch den UN-Sicherheitsrat begründet werden. Das scheitert am Veto Russlands.

Die Frage ist, unter welchem Format kann ein Tribunal erfolgreich sein. Wir müssen hier darauf achten, dass alles, was einen nationalen Anknüpfungspunkt hat, und das hätte ein hybrides Tribunal – das wäre eine Mischung aus ukrainischen und internationalen Richtern – unter den Maßgaben eines nationalen Gerichts handeln könnte, sprich: auch an die Immunität der höchsten politischen Ebene Russlands gebunden wäre.

Das wäre bei einem internationalen Tribunal anders. Wenn der Weg zum IStGH nicht gegeben ist, dann wäre der zweitbeste Weg die Einsetzung eines Tribunals durch die UN-Vollversammlung. Das ist aber auch nicht einfach zu haben. Wir fordern die Bundesregierung auf, sich darum zu kümmern.

Es braucht eine große internationale Einigkeit, damit dieses Tribunal Akzeptanz findet. Das darf nicht nur ein Projekt der westlichen Gemeinschaft sein, sondern es muss eine internationale Reaktion sein, ein internationales Verdikt gegen diesen Angriffskrieg. Und bei der Gelegenheit müssen wir uns sicherlich auch mit den Vorwürfen auseinandersetzen, die andere Länder uns machen: Jetzt habt ihr einen Krieg in Eurer Nähe, und da werdet ihr wach, aber bei den langen Auseinandersetzungen und Kriegen in der südlichen Hemisphäre und anderen Ecken dieser Welt war Euch das nicht wichtig.

Das ist ein Vorwurf, den müssen wir sehr ernst nehmen. Wir müssen ihn konstruktiv auflösen und sagen: Ja, dann müssen wir das zum Anlass nehmen, um gemeinsame Maßstäbe und Regelungen zu ringen und klarmachen: das Völkerrecht lässt nicht zu, dass auf diese Weise ein Volk ein anderes überfällt.

Also viel zu tun auf der großen Ebene, aber auch auf der individuellen Ebene, sei es für Opfer, die durch Verhaftung wegen freier Meinungsäußerung von staatlichen Maßnahmen betroffen sind. Wir als Abgeordnete haben fraktionsübergreifend vielfach eigene Patenschaften übernommen. Ich habe derzeit eine Patenschaft für einen jungen Mann, der im Iran inhaftiert ist, und viele Kollegen haben das auch.

Das ist ein ganz konkreter Anknüpfungspunkt zu Ihrer Arbeit, die sie als IGFM durchgehend und kontinuierlich über Jahre hinweg einbringen. Was die Politik auf der großen Ebene tun kann, muss dem einen Ziel dienen, Menschenrechte für alle und für jeden zu verwirklichen. In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre Arbeit und Ihre Aufmerksamkeit.

Einige Eindrücke der Tagung:

Aktuelle Pressemitteilungen der IGFM

1205, 2026

Thomas Rachel übernimmt Patenschaft für zwei junge Iraner

Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, fordert die sofortige Freilassung von Peyvand Naimi und Borna Naimi. Die beiden jungen Sportler und Bahá’í wurden willkürlich festgenommen, Scheinhinrichtungen ausgesetzt und unter Folter zu falschen Geständnissen gezwungen.

2904, 2026

Pressegespräch in Gießen: Verschleppte ukrainische Zivilisten sichtbar machen

Beim Runden Tisch im Rathaus Gießen machten Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft auf das Schicksal verschleppter ukrainischer Zivilisten aufmerksam. Mehrere politische Entscheidungsträger haben bereits Patenschaften übernommen und setzen sich für deren Freilassung ein.

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