Appartment 102 - Omarska
von Jadranka Cigelj
Deutsche Übersetzung: Vlatka Frketic
Vorwort: Karl-Peter Schwarz (Frankfurter Allgemeine Zeitung/FAZ)
Appartement 102 war das Zimmer im Lager Omarska während des Bosnien-Kriegs, in dem die Autorin mit siebzehn anderen Frauen acht Wochen lang gefangen gehalten und gefoltert wurde.
Die Autorin:
Jadranka Cigelj, 54, ist bosnische Kroatin, Rechtsanwältin, Politikerin und Menschenrechtsaktivistin, die am 14.Juni 1992 für fast 2 Monate im nordwestlichen bosnischen Serbenkonzentrationslager Omarska, dem berüchtigsten Lager im bosnischen Krieg, eingekerkert wurde. Ungefähr 3000 Männer, meist bosnische Muslime, wurden in Omarska ermordet, dessen Kommandant Zeljko Mejakic wegen Kriegsverbrechen vom Tribunal in Den Haag angeklagt ist. Frau Cigelj war eine von 37 eingekerkerten Frauen in Omaraska, fünf von ihnen wurden getötet. Sie lebt heute in Zagreb und ist Vorsitzende der IGFM- Kroatien.
DIAMETRIC VERLAG
Jutta A. Wilke e.K.
Versbacher Str. 181
D-97078 Würzburg
Die Autorin
Jadranka Cigelj: "Ich habe es überlebt und muss darüber berichten." |
In jedem Leben gibt es Ereignisse, die wir lieber vergessen würden. Aber haben wir das Recht dazu?
Diese Frage beschäftigte mich vier Jahre lang, vier lange Jahre versuchte ich Krieg und Lager zu vergessen. Aber darf ich schweigen oder muß ich reden, auch im Namen meiner Freundinnen und Freunde, die irgendwo in unbekannten Massengräbern liegen und der Welt nichts mehr von ihren unmenschleichen Leiden berichten können?
So habe ich mich entschlossen, mein Leben im Lager "Omarska" aufzuschreiben. Drei Jahre habe ich gebraucht, denn es war unendlich schwer, den ganzen Schmerz und die Erniedrigungen noch einmal in der Erinnerung zu durchleben.
Oft war ich eifersüchtig auf meine toten Freunde und Bekannten, denn die Erinnerung war wie erneuter Terror.
Im Namen der 5 Frauen, die dort starben: Mugbila Besirevic (Ekonomistin), Edna Datovic (Studentin), Velida Mahmuljin (Lehrerin), Sadeta Medunjanin (Professoerin), Hajra Hodic (Studentin); im Namen meiner Freunde: Silvije Saric (Jurist), Mato Tadic (Ingenieur), Jozo Maracic (Bauingenieur), Zeljko Sikora (Gynäkologe), Esad Sadikovic (Otorhinologe); im Namen Hunderter unbekannter Opfer, die ich nie wieder sehen werde, schrieb ich dieses Buch.
Es wird für viele von Ihnen schwer sein, zu glauben, was in diesem Lager passierte, und einige werden vielleicht denken, daß ich Manches erfunden habe. Aber es ist die Wirklichkeit und die Aussagen sind nur ein kleiner Teil der schrecklichen Wahrheit. Ich habe sogar Manches gar nicht aufgeschrieben, weil es zu unvorstellbar ist für Menschen, die nie einen Krieg erlebten.
Warum der Titel "Apartment 102"? Das Zimmer, in dem ich mit siebzehn weiteren Frauen
Gefangen gehalten wurde, hatte die Nummer 102.
In diesem Raum lebten Menschen mit ihrer Liebe, ihrer Angst, ihrem Hass, der Hoffnung und allem, was den Menschen menschlich macht. Die Stunden vergingen nur langsam, und jede Minute konnte den Tod bringen. Doch unsere Freundschaft untereinander war so stark, daß wir den Wunsch hatten, wenigstens eine von uns müsse am Leben bleiben.
Ich weiß, es wird schwer, das Buch zu lesen, aber ich bitte Sie: halten sie durch! Nur so wird die Wahrheit bekannt und bringt für unseren Schmerz Genugtuung.
In Zukunft muß es Achtung vor den Menschen und ihren Rechten geben. So wird unsere Tragödie hoffentlich dazu beitragen, die Welt etwas besser zu machen.
Vorwort
Der Krieg in Bosnien-Herzegovina begann im April 1992. Nur acht Monate später hatten zwei Millionen Bosnier - in ihrer Mehrheit Muslime und Kroaten - ihre Heimat verlassen. Die serbische Strategie trachtete danach, durch eine ethnische Neuaufteilung des Territoriums der ehemaligen jugoslawischen Föderation einem möglichst großen und ethnisch möglichst homogenen großserbischen Staat Raum zu geben. Bis heute wird versucht, diese Kriegsursache zu leugnen, den serbischen Präsidenten Slobodan Milo?evic und seine bosnisch-serbischen Mittäter zu entlasten und die Schuld an der Tragödie gleichermaßen zwischen Tätern und Opfern, Angegriffenen und Angreifern aufzuteilen. Aber wer verkennt, daß die Methoden, die Karad?ic und Mladic anwendeten, ihren politischen Zielen entsprachen, verbaut sich den Weg zum Verständnis der bosnischen Tragödie. Die Verbrechen, die an der Zivilbevölkerung begangen wurden, begleiteten nicht einfach die serbische Kriegführung, sie machten ihr Wesen aus.
Jadranka Cigelj war eine Aktivistin der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) in der norwestbosnischen Gemeinde Prijedor. Mit einem Anteil von weniger als sechs Prozent waren die Kroaten dort eine kleine Minderheit, die Bevölkerungsgruppen der Serben und der Muslime hielten einander in etwa die Waage. Prijedor wurde am 30. April 1992 von den bosnischen Serben eingenommen; wer nicht Serbe war, wurde gezwungen ein weißes Armband zu tragen und war damit der Willkür und dem Terror ausgesetzt. Die Folge war, daß sich die Muslime und Kroaten in die Dörfer flüchteten, die nicht-serbische Enklaven darstellten.
In einer zweiten Phase wurden diese Enklaven nach und nach mit Artillerie beschossen und eingenommen. Die Überlebenden wurden selektiert und in Konzentrationslager verbracht: die kriegsfähigen Männer in die Keramikfabrik Keraterm am Ortsrand von Prijedor, die Frauen in einem Schulgebäude in Trnopolje, die politischen, sozialen, und intellektuellen Eliten der Muslime und der Kroaten, unter ihnen 37 Frauen, in das Bergwerksgelände Omarska, das etwa 20 Kilometer außerhalb von Prijedor liegt. Schwere physische und psychische Mißhandlungen, Vergewaltigungen, Folter und Mord waren in diesen Lagern alltäglich.
Jadranka Cigelj beschreibt den Alltag in Omarska. Für Omarska gilt in Abwandlung, was über das Konzentrationslager gesagt wurde, das das kroatischen Ustascha-Regime in Jasenovac während des Zweiten Weltkrieges betrieb: es war ein Todeslager, in dem nicht industriell gemordet wurde, sondern in Handarbeit , mit Eisenstangen, Äxten, Messern, Pistolenschüssen. Die Anklageschrift gegen ?eljko Mejakic, den Kommandanten von Omarska, und seine vier Mitangeklagten vor dem Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen in Den Haag schätzt die Opferzahlen auf "mindestens Hunderte von Häftlingen, deren Identität zum Teil bekannt ist und zum Teil nicht." Die Todesfabrik in Omarska war nur wenige Monate in Betrieb, zwischen Ende Mai und August 1992. Als die bosnische Regierung die Führung der bosnischen Serben beschuldigte, mehr als 90 Konzentrationslager eingerichtet zu haben, bestätigte der amerikanische Journalist Roy Gutman als erster diesen Vorwurf mit seinen Recherchen. Unter starkem internationalen Druck wurden Keraterm und Omarska im August 1992 geschlossen. Die Überlebenden wurden in andere Lager gebracht und schließlich deportiert.
Identifizierung-Konzentrierung-Eliminierung/Deportation lautet das Schema, nach dem "ethnische Säuberungen" vorgenommen werden. Wie Mißhandlung, Folter und Mord gehört auch sexuelle Gewalt seit jeher zu den Vertreibungsmethoden. Angst, Demütigung und Erniedrigung sollen den Wunsch abtöten, je wieder in die Heimat zurückzukehren. Massenvergewaltigung ist dabei weder neu noch ein spezifisch balkanisches Phänomen, sondern war immer schon Teil einer totalen, auf Vernichtung zielenden Kriegführung. Neu ist, daß eine Frau es wagt, so offen darüber zu berichten wie Jadranka Cigelj es in ihrem Buch tut.
Deutschen Leserinnen und Lesern drängt sich der Vergleich mit der Anonyma auf, deren Tagebuchaufzeichnungen aus 1945 unter dem Titel "Eine Frau in Berlin" veröffentlicht wurden. Adriana Georgescu deutete in ihren Memoiren ("In the Beginning Was the End") nur an, was sie als junge Frau nach dem Kriegsende in einem kommunistischen Gefängnis in Rumänien erlitten hat. Doch in Berlin wie in Bukarest ging die Gewalt von Fremdherrschaftt aus, Deutschland war besetzt und in Rumänien waren die Kommunisten nicht mehr als eine kriminelle Sekte, die ihre Macht ausschließlich den russischen Besatzern verdankte. Cigelj und ihren Mitgefangenen in Omarska hingegen waren einige ihrer Wärter und Peiniger bekannt, Serben aus der Gegend von Prijedor, ehemalige Schul- oder Arbeitskollegen. Von einem Tag auf den anderen hatte sich der jugoslawische Alltag in einen Alptraum verwandelt.
Kurz bevor die Nachricht vom Tod Slobodan Milo?evics alle anderen Meldungen aus dem ehemaligen Jugoslawien verdrängte, berichtete die Nachrichtenagentur Hina aus Zagreb, daß seit dem Ende des Krieges immer noch 1.140 Kroaten von ihren Angehörigen vermißt werden , 1.140 Einzelschicksale, ähnlich jenen der Häftlinge von Omarska, die von der Weltöffentlichkeit, wenn überhaupt, nur noch als statistische Größe wahrgenommen werden. "Ich weiß, daß ich die Wahrheit nicht kenne", sagte Peter Handke in selbstgefälliger Pose der Bescheidenheit beim Begräbnis Milo?evics, als ob dies seine Anwesenheit gerechtfertigt hätte. Jadranka Cigelj beschreibt die Folgen der serbischen Aggression. Wer die Wahrheit erfahren möchte, muß sich der Lektüre ihres Buches stellen, so schwer dies auch fallen mag.
Karl-Peter Schwarz
Buzet (Kroatien), 27. März 2006
Leseprobe
"Und, Frauen?!"
Er stand an der Tür. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen, die ein gepflegter Schnurrbart umsäumte. Sein Äußeres hob die Selbstsicherheit hervor, die dieser Mann ausstrahlte - die funkelnden dunkelbraunen Augen, das sorgfältig gekämmte glänzende dichte Haar, das mit Öl oder Haargel eingeschmiert war.
Das Erscheinen des Mannes unterbrach unsere leise Unterhaltung. Schweres steinernes Atmen füllte den Raum mit stummer Erwartung.
Die Luft war bleiern vor Schweigen und Unbehagen, das mich wie eine Flutwelle überkam.
Langsam glitt sein Blick über unsere Gesichter, die wir mit gebeugten Köpfen zu verstecken versuchten.
Meine Augen irrten herum in der Hoffnung Unterstützung zu finden. Mein Hals pochte. Mich beschlich eine unangenehme Vorahnung, die Panik hervorrief. Ich versuchte meine verwirrten Gedanken auf der Suche nach der Bedeutung dieses Besuchs zu ordnen. Aber die Panik, die so unerwartet kam wie die Flut, packte mein gesamtes Wesen. Die Fäuste, die ich vor Angst immer fester zusammendrückte, füllten sich mit klebrigem Schweiß. Heimlich suchte ich den Blick einer anderen Frau. Alle Blicke waren auf den Boden gerichtet, die Lippen fest zusammengedrückt und stumm, als ob unser Schweigen, das unendliche Minuten füllte, den unerwarteten Besuch hätte entfernen können.
"Du! Du, da hinten. Mit den großen Augen... Du bist neu?" Es waren nur Wörter. Wörter, die eine Drohung in sich trugen. Keine von uns antwortete. Er sprach auch keine bestimmte von uns an. Vorsichtig blickte ich in die Gesichter von drei Frauen, die an jenem Tag gebracht wurden. Ich hielt den Atem an. Sie starrten mich an. Mein Hals zog sich zusammen, als ich merkte, dass sich der Mann an mich wandte. Ich konnte kein Wort hervorbringen. Anstatt zu antworten, nickte ich fast unmerklich. Kleine Schweißtropfen sammelten sich an meinen Lippen und tropften auf das Kinn.
Ein unsinniger Gedanke schoss durch meinen Kopf und ich sagte, fast laut: "Eigentlich schwitze ich nie."
"Hab keine Angst! komm her!"
Es war keine Bitte. Er bat um nichts. Es war ein abgeschwächter Befehl. Ich bewegte meine bleischweren Beine und näherte mich ihm.
"Du hast Augen wie meine Ivanka. Ja. Genau wie sie. Das habe ich sofort bemerkt."
Ich unterdrückte den Wunsch zu fliehen. Die Worte kamen eines nach dem anderen, als ob er sie sich selbst aufsagen würde. Langsam berührte er mit seinem Daumen und dem kleinen Finger mein Kinn und mit zärtlichen Berührungen wischte er die kleinen Schweißtropfen, die sich über meinen Lippen ansammelten, weg.
Ich traute mich nicht mich auch nur einen Millimeter zu bewegen, trotz des gutwilligen Blicks, mit dem er mich anschaute. Mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung unterdrückte ich die aufkommende Panik, die sich in mir ausbreitete und mich lähmte. In diesem Raum gab es nur meine Angst und den Verursacher meiner Angst. Alles Andere war weg und außerhalb meiner Reichweite. Langsam stieg Kälte meinen Rücken hinauf und rief eine Gefühllosigkeit im ganzen Körper hervor.
"Ich möchte mit dir alleine reden!"
Das war ein Befehl, begleitet mit einem leichten Drücken meines Kinns. Wieder suchte ich in den Augen der anderen Frauen Unterstützung. Aber ihre Augen blickten ins Leere, als ob sie so ihr eigenes Schicksal ändern könnten.
Mein Blick glitt auf den Tisch, auf dem Reste unseres Abendessens lagen. Es war mein erster Abend an diesem Ort.
Seine Hand glitt von meinem Gesicht auf den Oberarm. Langsam schob er mich in Richtung Tür. Das Heraustreten aus dem hellen Raum in den dunklen Flur war ein weiterer Schock. Vor lauter Angst konnte ich meine Beine kaum bewegen, während er mich mit einer merkwürdigen und bestimmten Geduld in die Dunkelheit schob. Ich hatte das Gefühl sehr lange gegangen zu sein, bevor ich wieder Licht sah; wahrscheinlich war es der Mondschein, oder ein anderes Licht außerhalb dieses Raumes. Ich spürte, wie er meinen Arm losließ und mich am Rücken fest nach vorne drückte, irgendwohin nach vorne.
"Komm!" Ein leiser Befehl. Er schob mich nach vorne. Es gab keine Zärtlichkeit in seinen Berührungen mehr, auch nicht in der Stimme. Ich ahnte die unausgesprochene Drohung.
Ich versuchte meine Augen dem schwachen Licht anzupassen, das einige Büromöbel erleuchtete und den Raum mit Angst erregenden Schatten füllte. "Draußen werden bestimmt Reflektoren sein." Ich versuchte meine Gedanken auf etwas Bestimmtes zu richten, um meinen heftigen Wunsch zu schreien zu dämpfen. Intuitiv spürte ich, dass keine Angst gezeigt werden darf und dass schon gar nicht geschrieen werden darf. Ich spürte, wie er mich wieder fest am Oberarm griff und mich nach unten zog. Ich begriff. Er wollte, dass ich mich setze. Steif blieb ich stehen, bis er mir mit schweren Händen meine Schultern nach unten drückte und mich zwang dem unausgesprochenen Befehl zu gehorchen. Ich spürte die Berührung seiner Beine. Er saß auf einem Stuhl. Mein schwacher Abwehrversuch wurde mit einem festen Druck gestoppt und im nächsten Augenblick war ich in seinem Schoß.
"Du bist also die Kroatin, die heute gebracht wurde! Ich hörte es in der Kommandantur. Sie reden von dir, als ob du sehr gefährlich seiest. So dachte ich mir, die sollte ich mir mal ansehen. Vielleicht bist du ja nicht so übel. Und dann! Verdammt. Du siehst genauso aus wie meine Ivanka!"
"Welche Ivanka?", flüsterte ich und richtete dabei meinen Kopf auf.
Diese unüberlegte Frage machte mir Angst, aber die Antwort kam mit derselben bestimmten ruhigen Stimme.
"Ivanka? Das ist meine Schöne aus Koprivnica. Wir waren eine Zeit lang zusammen. Früher. Ich war jung und neugierig. Ich liebte es in ganz Jugoslawien herumzureisen. Und so bin ich auf sie gestoßen." Seine Hand glitt im Rhythmus seiner Worte meinen Rücken entlang. Ich unterdrückte meine Angst, brachte kein Wort mehr hervor und wünschte nur, er würde weiter reden. Es nahm kein Ende ...
"Ihr ähnelt euch sehr. Sie war etwas kleiner. Du bist ziemlich groß. Aber der gleiche Typ. Große Augen, und auch das Haar, so wie deines, unruhig, lockig,.Weißt du, ich war verliebt in sie."
Die letzten Worte flüsterte er zärtlich, was in mir einen Funken von Hoffnung hervorrief.
"Was war mit deiner Ivanka?", fragte ich, um seine Erzählung in Gang zu halten und so seine Hand davon abzuhalten, meinen Körper immer stärker zu quetschen.
"Ach! Die Ferne, die Jugend, mein Herumirren. Sie wollte nicht auf mich warten."
Gott sei Dank erwähnte er nicht die Nationalität oder etwas Ähnliches. Ich spürte eine gewisse Erleichterung.
Der Druck seiner Hände ließ etwas nach. Ich hoffte, er würde loslassen. Einige Augenblicke lang war es still. Sogar die grauenvollen Schatten waren verschwunden. Von draußen waren durch den Regen leise Stimmen der Wachposten zu hören. Die bedrohliche Stille wurde von einem schmerzhaften Stöhnen eines Mannes durchbrochen.
"Ich habe deine Angst bemerkt!"
...
"Da sind sie", mit leisem und trotzdem lauten Flüstern unterbrach jemand meine Agonie. Das merkwürdig klappernde Geräusch schwerer Schritte , es waren Stiefel oder schwere Schuhe zerriss meine Ohren. Ich zwang mich, in die Richtung zu blicken, aus der die Geräusche kamen, und beobachtete das Unerahnte.
Sie traten durch das niedrige Fenster ein. Diese demonstrierte Macht brauchte offensichtlich keine Tür. Schwere Soldatenstiefel verschwammen mit der Farbe der Kampfuniformen. Etwas höher, wo Männerschenkel sein sollten, hingen wie Trauben kleine Granaten, die ihre Macht hervorhoben.
Durch das Fenster traten insgesamt zehn Männer ein, einer nach dem anderen. Alle waren gleich angezogen und mit den gleichen Waffen beladen. Nur einer stach hervor, in einer schwarzen Lederjacke, vielleicht war sie auch dunkelbraun, und Jeans. Er war der kleinste und der dickste. Durch das Fenster trat meine Angst ein. Meine bösen Vorahnungen, ihre Macht.
Erst jetzt kam unsere Hilflosigkeit so richtig zum Vorschein, und das begriff ich, während ich die hochgekrempelten Ärmel der Soldatenhemden und die aufgeknöpften Kragen betrachtete, was diesen Gewalttätern ein ziemlich unordentliches Aussehen verlieh.
Alle hatten sie auf der rechten Hüfte eine sichtbare Pistolenhülle mit einem langen Militärmesser oder einem Bajonett. Sonnenstrahlen schienen auf die Spitze dieser scharfen Waffen und ließen sie noch gefährlicher erscheinen.
Über ihren Schultern hingen Munitionsgürtel für die kurzen Automatengewehre, die sie drohend in ihren Händen hielten.
Im Gang, mit erhobenem Kopf, blickten sie vor sich, demonstrierten stumm ihre Macht und ignorierten unsere ärmliche, in der Ecke zusammengedrückte Gruppe. Ich erkannte ihre Gesichter. Erinnerte mich an ihre Namen. An ihre Berufe. An das, was diese Menschen vor dem Krieg waren. Unter dem Druck der aufgestauten Angst konnte ich mich nur an zwei Namen erinnern. Das waren Dragan Radakovic, Grundschullehrer, Amateurschauspieler. Ein Marxist, den die Kommunistische Partei zum Direktor des Nationalparks Kozara ernannt hatte. Er sang im lokalen Chor Dr. Mladen Stojanovic den Bass. Als ob er sich und seine Gedanken vor unserer ärmlichen Gefängnisgruppe verstecken wollte, trug er eine Brille mit verdunkelten Gläsern.
Ich versuchte den Blick des anderen "Mächtigen" einzufangen, der sich hinter den mir so bekannten dicken Brillengläsern zu verstecken versuchte. Es war der Strafvollzugsrichter, ?ivko Dragosavljevic. Wie eine Ertrinkende, die sich an einen Strohhalm klammerte, erhoffte ich mir Hilfe. Während eines Strafverfahrens wegen kleinerer Diebstähle hatten wir so oft Spaß zusammen. Ein Mal als ich als Vertreterin meiner Firma gegen einen Fischdieb vorging. So oft hatten wir über unsere kleinen Gehälter geredet bzw. über die Differenz. Oft hatte er mir im Spaß angeboten mit mir zu tauschen, weil mein Gehalt höher war. Er war auch privat bei mir zu Hause auf Besuch mit seiner Gattin und damals brachten sie Chrysanthemen mit. Mein Körper versteifte sich, als ich meine Gedanken an die Gründe, warum er mir helfen könnte, unterbrach. Verdammte Chrysanthemen. Werden sie bei uns nicht zum Friedhof an die Gräber gebracht?
Er ging jetzt an Nusreta, Jasminka und an mir vorbei, als ob er uns noch nie zuvor gesehen hätte. Sein Gesichtsausdruck zeugte von einer gewissen Peinlichkeit, gemischt mit aufgesetzter Härte und fest zusammengepressten Lippen. Oder habe ich mir das alles eingebildet?
"Hallo ?ivko!", schoss es wie aus der Kanone aus mir heraus.
Worte, die noch vor einigen Tagen Zeichen von Höflichkeit waren, des Kennens, des Normalen, klangen in diesem Raum wie ein Hilferuf. Alle blickten wir zu Nusreta. Nach der schnell ausgesprochenen Begrüßung blickten ihre Augen ängstlich fragend um sich, mit der furchtbaren Erkenntnis, einen Fehler gemacht zu haben. Der Mund, der ein zwanghaftes Lächeln formte, nahm diesem "Mächtigen" gegenüber schnell eine angeekelte Form an. ?ivko beschleunigte seinen Schritt, als ob er so schnell wir möglich aus unserem Blickfeld verschwinden wollte. Bevor er hinter der Tür verschwand, sahen wir, wie sein ganzes Gesicht rot anlief.
Als er durch die Glastür verschwand, lebte unsere Ecke auf.


















