Aseris in Georgien: Trauriger Heiratsmarkt minderjähriger Bräute


Oft bleibt minderjährigen aserischen Mädchen in Georgien nur eine Wahl - die Heirat im Kindesalter

Ramilja Aliewa, Kaspi (IPWR Nr. 289 vom 4. Juni 2005)

© ReliefWeb

 

 

 

"Ich will nicht heiraten. Ich will weiterlernen und später Ärztin werden", sagt Sewil Allaskysy. Sie ist klein, zerbrechlich, mit noch kindlicher Figur. Sewil ist 11 Jahre alt, hat ausgezeichnete Schulnoten und ist die beste Schülerin ihrer 7. Klasse der Dorfschule von Ferma im Kaspi-Kreis in Georgien. Doch zu Hause ist das Hauptthema aller Gespräche das Vorhaben ihrer Familie, sie noch in diesem Jahr zu verheiraten.

"Ich war letztes Jahr mit einer Klassenfahrt in der Türkei, und habe mich mit den dortigen Mädchen unterhalten, die auch 11 Jahre alt waren. Ich fragte sie: "Wann heiratet ihr?" Sie antworteten, dass solange sie lernen, dies für sie nicht in Frage kommt. Ich will auch auslernen, warum darf ich das nicht?" - sagt das Mädchen.

Doch Sewils Chancen stehen schlecht. Ab dem 8. Schuljahr, d.h. ab einem Alter von ca. 13 Jahren, gibt es in den aserischen Dorfschulen in der Provinz Kwemo Kartli Georgiens nur noch Jungen. Die Mädchen sind in diesem Alter entweder bereits verheiratet oder verlobt und stehen kurz vor der Heirat.

Nach georgischem Gesetz dürfen Teenager ab 14 Jahren mit der Zustimmung ihrer Eltern heiraten. Sind die Eltern dagegen, darf man erst ab 16 heiraten.

"Jeglicher Versuch, die Eltern umzustimmen, misslang. Wir können uns noch so bemühen, sie verheiraten ihre minderjährige Mädchen trotzdem", klagt die Georgischlehrerin der Dorfschule von Ferma, Sewil Aliewa. Nach ihren Worten haben viele ihrer Dorfbewohnerinnen im Alter von 15 Jahren bereits zwei oder drei Kinder.

"In unserer Schule gibt es viele Probleme: Das Gebäude ist praktisch einsturzgefährdet, ständig fehlt Strom. Aber wir ziehen den Unterricht durch, bemühen uns, den Kindern eine Schulbildung auf gutem Niveau zu geben", sagt Schuldirektor Dato Kotolaschwili. "99% unserer Schüler sind aserischer Herkunft. Insgesamt hat unsere Schule 240 Schüler, zumeist Jungen, weil ab dem 5. - 7. Schuljahr Mädchen die Schule nicht mehr besuchen. So haben wir in der 8. Klasse kein einziges Mädchen. Allerdings gibt es ganze drei Mädchen in der Neunten, aber sie alle sind georgischer Herkunft", ergänzte er.

Etwa 300 000 Aseris leben in Georgien, sie sind eine der größten nationalen Minderheiten in Georgien. Sie beherrschen die georgische Sprache kaum und halten sich von der Zentralregierung isoliert. Viele Experten behaupten, dass, im Vergleich zu anderen ethnischen Gruppen, ihren Problemen weniger Achtung geschenkt wird.

Im Dorf Ferma leben 250 Familien, beinahe alle sind Aseris. Sie bestreiten ihr Leben zum größten Teil durch Kleinhandel - fahren in die Türkei oder Saudi Arabien, von wo sie Kleidung, technische Haushaltswaren, Geschirr u.a. mitbringen. Damit handeln sie dann auf dem großen Markt von Lilo am Stadtrand von Tiflis.

Die wichtigste Arbeitskraft sind in vielen Familien die Frauen. Sie gebären und erziehen Kinder, führen den Haushalt, viele von ihnen reisen und beschaffen die Ware und stehen dann tagelang hinter dem Ladentisch.

Der Leiter der Dorfverwaltung von Ferma, Schichali Ismajilow, sagt, dass das Verheiraten minderjähriger Mädchen ein Problem nicht nur seines Dorfes sei, sondern aller Dörfer von Kwemo Kartli. "Wir versuchen die ganze Zeit die Menschen zu überzeugen, es nicht zu tun. Denn im Ergebnis gibt es in der aserischen Gemeinschaft kaum junge Kader, die später Fachleute hätten werden können. Die Eltern verheiraten ihre Söhne und Töchter sehr früh. Eine Ausbildung zählt für sie nichts", klagte er dem IWPR.

"Diese Traditionen gefallen mir nicht" - so Sewils Mitschülerin, Elwira Kurbanowa, die ebenfalls sehr gute Noten hat. "Ich bin so froh, dass meine Eltern mich nicht zur Heirat zwingen und mir versprechen zu helfen, eine Hochschulbildung zu bekommen", sagt Elwira.

Elwira erzählt, dass Eltern ihre Töchter oft nicht durch Zwang versuchen zu verheiraten, sondern mit Überreden, indem sie ständig auf das Kind einreden, wie viele Geschenke es von der Familie des Bräutigams bekommen würde, welche Kleider und welch schönen Goldschmuck. "Einige dumme Mädchen fallen darauf rein", sagt Elwira verächtlich. Sie meint, dass für sie das Leben im Dorf in einigen Jahren nicht leicht sein wird. "Bei uns findet man kein 15jähriges Mädchen, das unverheiratet ist. Wenn man aber schon 17 Jahre alt und immer noch ledig ist, so wird man als verkommen, als alte Jungfer angesehen", sagt die 11jährige Elwira.

"Leider ist das eine reale hässliche Tatsache in den aserischen Dörfern Georgiens", sagt Islam Aliew, Korrespondent der Zeitung "Gurdschistan", die in Tiflis in aserischer Sprache herausgegeben wird. "Das gleiche Problem gibt es in den Bergregionen Aserbajdschans. Obwohl es früher diese Tradition bei allen islamischen Völkern gab, leben wir aber jetzt im 21. Jahrhundert. Wir müssen mit allen Kräften den Eltern klar machen, dass diese Tradition nicht nur der Gesundheit ihrer Kinder, sondern auch der des ganzen aserischen Volkes schadet".

Doch es ist schwer gegen Traditionen anzukämpfen. "Meine Tochter ist schon 9 Jahre alt, wozu soll sie weiter lernen; sie kann nun Georgisch, also reicht es" - erklärte der Dorfbewohner von Ferma, Gulali Huseinow, gegenüber dem IWPR. "In 2-3 Jahren verheirate ich sie, möge mir nur ein reicher der Bräutigam begegnen. Wir richten dann eine gute Hochzeit aus. Als ich meine Frau geheiratet habe, war ich 17, und sie 12. Na und, leben wir schlecht?".

Vom wirtschaftlichen Standpunkt gesehen, lebt man in Ferma so auch in vielen aserischen Dörfern von Kwemo Kartli tatsächlich nicht schlecht. Die Dörfer bestehen zumeist aus zweistöckigen gut instandgesetzten Eigenheimen. Der Kleinhandel scheint sich für die Menschen zu lohnen.

"Die Lage hat sich derart verbessert, dass in unserem Dort sogar ein Kindergarten eröffnet wurde", so eine Dorfbewohnerin von Ferma, Hatuna Mirselikysy zu IWPR. "Früher, als wir nach Lilo fuhren, um unsere Waren zu verkaufen, mussten die Kinder oft alleine zu Hause bleiben. Heute kann ich in Ruhe dort handeln, ohne um sie Angst zu haben".

Das Haus der Eltern von Sewil ist auch groß und gut. Doch seit jüngstem nähert sie sich auf ihrem Heimweg nach der Schule dem Haustor mit Beklemmung. Oben auf dem Querbalken über dem Tor weht ihr rosa Seidenschal - ein Zeichen, den örtliche Bewohner anbringen, die eine heiratsfähige Tochter haben.

Ihrem Vater widersprechen darf Sewil nicht. Sein Wort, wie auch später der Befehl des Ehemannes, sind Gesetz.

 

Ramilja Aliewa, Korrespondentin des Allgemeinen Fernsehens Georgiens, Tiflis

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