Dagestan/Russland: In den sogenannten "Scharia-Familien" sind Ehefrauen vollkommen rechtlos


Dagestanische Frauen in polygamen Ehen riskieren alles zu verlieren, sogar ihre Kinder, wenn der Ehemann ihrer überdrüssig wird

von Polina Sanajewa, Machatschkala (IPWR Nr. 289 vom 4. Juni 2005)

© crees-bhamac.uk

Madina war der Meinung, dass sie gut geheiratet hat. Die weltverbundene gebildete junge Frau aus Dagestan war von ihrem Ehemann, einem reichen Mann mit einem großen Haus, begeistert. Sie dachte nicht einmal nach, als er die Trauung in der Moschee und nicht beim Standesamt vorgeschlagen hatte. Er erklärte ihr damals, das wäre "unwichtig, nur zusätzlicher Papierkram". Madina gab ihre Arbeitsstelle auf, war drei Jahre lang nur noch Hausfrau und versuchte mit aller Kraft, den Vorstellungen ihres Ehemannes über eine "moslemische" Ehefrau gerecht zu werden.

Allerdings hatte der Ehemann, allem Anschein nach, Absichten. Offensichtlich hatte er eine Trauung in der Moschee deswegen vorgezogen, weil er sich später eine zweite Ehefrau nehmen wollte, was nach dem Scharia-Recht erlaubt ist.

"Drei Jahre lang schuftete ich für diese Familie. Aber mein Ehemann beschloss, noch einmal zu heiraten. Ich war damit nicht einverstanden und sagte es ihm auch. Daraufhin zeigte man mir die Tür. Keiner stand mir bei. Ich kam bei meiner Großmutter unter. Wenig später nahm mir mein Ex-Ehemann die Tochter weg", erzählt Madina.

Der Prozess über das Sorgerecht der Tochter dauert noch an, obwohl Madina sagt, dass sie weder Geld noch Durchhaltevermögen mehr zum prozessieren hat. Sie behauptet, dass ihr Ehemann den Richter bestochen und gefälschte Dokumente vorgelegt hat, aus denen hervorgeht, dass sie ihr Kind grausam behandelt habe. Das Kind befindet sich jetzt bei ihrem Ex-Ehemann und seiner neuen Frau. Die 32jährige Madina sagt, dass sie keine Kraft mehr hat, ein neues Leben zu beginnen.

Sie ist eine von Hunderten von Frauen, die Opfer einer in Dagestan wachsenden Tendenz wurde, wenn Männer das islamische Recht nutzen, um sich eine zweite oder dritte Ehefrau zu nehmen, obwohl Polygamie vom russischen Gesetz verboten ist. Das Ergebnis ist, dass diese verstoßenen Frauen kaum Rechte in der weltlichen Republik haben.

Noch vor wenigen Jahren hatten in Dagestan nur die reichsten Männer der Oberschicht Zweitfrauen. Es herrschte die Ansicht, dass sie sich vom wirtschaftlichen und ethischen Standpunkt her "alles erlauben dürfen". Mit der Zeit begannen andere Männer das Standesamt zu ignorieren und sich nur noch nach dem Scharia-Recht trauen zu lassen. Diese Praxis fand in den letzten Jahren eine weite Verbreitung. Obwohl die optimistischsten religiösen Funktionäre diese Erscheinung mit dem wachsenden islamischen Selbstbewusstsein der Republikbevölkerung verbinden, sprechen immer mehr Soziologen, Psychologen und sogar Moslems vom Sittenverfall.

Die Imame der Moscheen in Dagestans Hauptstadt Machatschkala behaupten, dass zu ihnen praktisch jedes Paar entweder vor oder nach seiner standesamtlichen Trauung kommen würde. Es gebe welche, die nur auf Druck der Verwandten das Standesamt aufsuchen, weil es für sie wichtiger sei, dass ihre Eheschließung von Allah gesegnet wird. Einige sind der Meinung, dass nur eine Eheschließung nach dem Scharia-Recht die einzige unabdingbare Form sei, den ehelichen Beziehungen gesetzliche Kraft zu verleihen.

Doch in vielen Fällen hat die Polygamie mit der Religion nur indirekt zu tun.

"Die heutigen Dagestaner nehmen den Islam traditionsgemäß an, sie sind, wie man sagt, 'ethnische Moslems' ", so ein junger Mann, der sich selbst als Fundamentalisten bezeichnet. "Sie erlauben es sich, Moslem zu sein, wenn es ihnen passt. Z.B. rauchen und trinken sie, obwohl diese Verbote ausführlich im Koran stehen. Wenn es ihnen passt, sich eine Zweitfrau zu nehmen, tun sie es mit dem Hinweis darauf, dass ihre Religion dies erlaubt".

Viele junge gläubige Frauen erklärten sich allzu leicht dazu bereit, Zweitfrau zu werden, trotz ihrer niedrigen Stellung im Vergleich zur ersten offizielle angetrauten Ehefrau. Auch von ihren Ehemännern werden sie nich achtungsvoll behandelt. Oft findet die Trauung mit der zweiten Frau geheim vor den Verwandten und der Familie der ersten Ehefrau statt.

"Heutzutage ist die Möglichkeit für den Mann, sich eine Zweitfrau zu nehmen eine bequeme und sozial verträgliche Form, einer - um sie beim richtigen Wort zu nennen - außerehelichen Beziehung den Schein der Gesetzmäßigkeit zu verleihen" - erklärt die Psychologin Irina Rudakowa, Leiterin des psychologischen Krisenzentrums für Frauen "Genesis", das seit 5 Jahren in Machatschlkala tätig ist. "Für eine Frau, die sich auf so eine Ehe einlässt, ändert sich in der Beziehung mit dem Mann nichts. Sie bleibt nach wie vor in einer illegalen bzw. halblegalen Lage, die weder Bestand noch eine soziale Absicherung hat. Sollte so eine Ehe in die Brüche gehen (zumeist tragen der Ehemann oder seine Familie dafür die Verantwortung), hat diese Frau keine Möglichkeit, ihre Rechte durchzusetzen. An den Staat zu appellieren, ist jedenfalls völlig zwecklos."

Kenner behaupten, dass die psychologischen Folgen und soziale Benachteiligung während der Ehe in keinem Vergleich mit dem Elend und Leid einer Frau stehen, die von ihrem islamischen Ehemann buchstäblich auf die Straße hinausgeworfen wird.

"Ich bin für Mehrmännerehe, wenn auch eine Frau sich mehrere Ehemänner nehmen kann. Ich bin mit der russischen Verfassung zufrieden, die Mann und Frau gleiche Rechte zugesteht. Aber all diese hiesigen sogenannten "Scharia-Ehen" sind ein einziger großer Betrug der Männer", sagt die Publizistin Swetlana Anochina. "Der Mann ignoriert einfach seine Verpflichtungen. Wenn ein sogenannter "Scharia-Mann" seiner Ehefrau überdrüssig wird, jagt er sie weg, was man bis auf den heutigen Tag als Schande für die Frau ansieht. Also sei SIE schuld an allem! Wie im Mittelalter!"

Amina war noch Studentin, als sie einen Mann ehelichte, der wesentlich älter war. Sie erzählt, dass auf ihren Entschluß, Zweitfrau zu werden, vor allem der sogenannte wirtschaftliche Faktor Einfluß hatte - der Mann war gut situiert. Sie heiratete ihn gegen den Willen ihrer Eltern. Sie wohnte in einer separaten Wohnung, die ihm gehörte. Sie arbeitete nicht, weil sie erstens eine Tochter bekam, und zweitens keine Notwendigkeit darin sah. Doch nach einiger Zeit erzwang ihr Mann, dass sie die Wohnung räumte, und brach danach jegliche Beziehung zu ihr ab. "Er konnte dem Druck seiner Familie nicht mehr widerstehen, die mich als seine gesetzmäßige Ehefrau nicht anerkennen wollte", sagt Amina.

Zu ihren Eltern durfte sie nicht. Für ein halbes Jahr kam sie mit Tochter bei einer Freundin unter, dann ergab sich ein Job. Sie arbeitet jetzt in einer Malerbrigade und nahm sich eine Mietwohnung. Sie ist 25 Jahre alt, eine alleinerziehende Mutter mit Praxis und Erfahrung, in Extremsituationen zu überleben.

Von vielen Problemen infolge des fehlenden Mechanismus, die Beziehungen in einer "Scharia-Ehe" auf gesetzlicher Grundlage zu regulieren, sind auch die Erstfrauen betroffen. Diese Frauen sind in der Regel jahrelang aus einem Berufsleben ausgeschlossen und führen ein sehr abgeschiedenes Dasein. Folglich sind sie völlig hilflos, wenn der Ehemann sie verstößt. Ohne jegliches Recht können sie sich nicht an den Staat wenden, und das einzige, was ein Rechtsanwalt ihnen sagen kann, ist, dass sie ohne gesetzliche Eheschließung gehabt zu haben, faktisch als Konkubinen gelten.

Obwohl es im dagestanischen Gesetz Artikel gibt, nach denen eine sogenannte "Scharia-Ehefrau" auf das gemeinsam erschaffene Vermögen Anspruch erheben kann, konnten in der Praxis solche Frauen noch kein einziges Mal ihr Recht vor Gericht erstreiten. Darüber hinaus nehmen Rechtsanwälte diese aussichtslosen Falle nicht an: Es müssten zu viele Bedingungen erfüllt werden und es gibt zu viele Faktoren, die für die Gegenseite arbeiten.

Eine derartige Situation widerspricht dem islamischen Recht, das der Frau und nicht dem Mann in der Ehe mehr Rechte einräumt, so auch der weltlichen Gesetzgebung, das die Gleichberechtigung der Geschlechter festschreibt.

"Männer, die ihre Pflichten ernst nehmen, nehmen sich selten eine Zweitfrau, und nehmen ihre erste Ehe sehr gewissenhaft", - so der Experte des islamischen Rechts, Idris Magomedow. "In einer echten sogenannten 'Scharia-Ehe' hat der Mann volle Verantwortung für Frau, Familie und Kinder zu tragen. Seine Verpflichtung liegt nicht nur darin, seine Ehefrau materiell zu versorgen, sondern auch darin, dass sie gesund und glücklich ist."

Einige dagestanische Frauen haben tatsächlich ihr Glück in ihrer "Scharia-Ehe" gefunden. Ajschat hieß vor der Heirat Alena. Ihr Ehemann überredete das russische Mädchen, den Islam anzunehmen. Acht Jahre sind nun vergangen, seitdem sie Muslimin, Ehefrau eines Moslems und Mutter von drei Kindern wurde. Sie trägt Kopftuch und lange Kleider, nur Gesicht und Hände sind offen. "Ich fand Ruhe und den Glauben. Habe viele neue Freunde gefunden. Ich sehe sie als meine neue islamische Familie an", sagt sie.

Nach Meinung von Idris Magomedow, der wissenschaftlich über die Mehrfrauenehen in Dagestan forschte, treten viele gläubige Dagestaner in eine Zweitehe, wenn das Familienleben mit der Erstfrau nicht stimmt, weil sie islamische Regeln ablehnt (z.B. islamische Kleidung zu tragen, fünf Mal am Tag zu beten, die Fastenzeit einzuhalten usw.) Dann heiraten sie Frauen, die voll ihre religiösen Ansichten teilen.

Der Politologe Ruslan Kurban sieht in der Einführung eines "Scharia-Gerichts" die Lösung: "In einer weltlichen Gesellschaft ist dies möglich und es gibt sogar schon Erfahrungen damit. So gibt es so ein Gericht seit langem und mit staatlicher Genehmigung im kanadischen Staat Ontario" - erklärt er. "Die meisten, die mit Leichtigkeit sich eine Zweitfrau nehmen, tun es, weil sie des Islams unkundig sind. Die Grundlage der Forderungen im Koran sind Gerechtigkeit und Gleichberechtigung des Mannes gegenüber seiner Ehefrauen."

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