25.02.2003 11:08 Uhr

Nigeria: Scharia kann Religionskrieg auslösen

Nigerianischer Menschenrechtler: Religion darf nicht machtpolitisch instrumentalisiert werden



Prof. Dr. Obiora Ike unterstützt die IGFM-Kampagne gegen barbarische Strafen


Frankfurt/M. (25. Februar 2003) - "Der Islam ist eine respektable Religion, aber in Nigeria vergeht kein Tag ohne vielfache Menschenrechtsverletzungen im Namen des Islam. Barbarische Strafen wie Auspeitschungen, Amputationen und sogar Steinigungen sind Realität. Steinigungen, die in Dörfern stattfindenden, werden von der nigerianischen Presse nicht beachtet", berichtet Prof. Dr. Obiora Ike. Der Sozialethiker und Leiter des Institutes für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden in Enugu (Südostnigeria) warnt vor dem Verlust von Pluralität und Religionstoleranz in ganz Nigeria. Ike: "Jeder hat das Recht auf seine eigene Religion. Sie darf aber der staatlichen Verfassung, die für alle gilt, nicht entgegengestellt werden!"

Obiora Ike unterstützt die von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt gestartete Kampagne für die weltweite Ächtung der Steinigung und anderer barbarischer Strafen. Am 21. Oktober 2002 entging Prof. Ike nur knapp einem Mordanschlag. Doch als Sozialwissenschaftler und engagierter Christ wird er fortfahren, für die Menschenrechte, Versöhnung und Verständigung in Nigeria einzutreten, auch wenn dies für ihn mit großer Gefahr verbunden ist.

Prof. Dr. Obiora Ike wurde in der islamischen Hochburg Gusau, Hauptstadt des nordnigerianischen Bundesstaates Zamfara geboren, der als erster die Scharia mit ihren barbarischen Strafen eingeführte. Er ist im ebenfalls islamisch geprägten Bundesstaat Kano aufgewachsen. Ike berichtet, dass ihm bereits damals zahlreiche Jugendliche auffielen, denen Finger oder die Hand fehlten. Das war lange Zeit vor der offiziellen Einführung der Scharia in mittlerweile zwölf nordnigerianischen Bundesstaaten. Nach der offiziellen Einführung vor drei Jahren und den damit einhergehenden Unruhen flohen Zehntausende von Christen in den Süden. Zuletzt entzündeten sich blutige Unruhen Ende November und Anfang Dezember 2002 mit mehreren Hundert Toten, Tausenden von Verletzten und Flüchtlingen im Norden Nigerias und in der Hauptstadt Abudja. Auslöser waren Mullahs, die in Moscheen und Koranschulen gegen die in Abudja abgebrochenen Miss-Wahl-Veranstaltungen agitiert hatten. Das Redaktionsgebäude einer Zeitung, die einen positiven Kommentar zur den auf nigerianischem Boden geplanten Miss World-Wahlen veröffentlicht hatte, wurde niedergebrannt. Die verantwortliche Redakteurin musste sich nach Morddrohungen im Ausland in Sicherheit bringen.

Bereits 120.000 Bürger unterstützen den IGFM-Appell gegen die Steinigung

Die IGFM bittet Bürger und Politiker in Deutschland und den EU-Partnerstaaten, sich dafür einzusetzen, die Steinigung abzuschaffen. "In Deutschland haben bereits mehr als 120.000 Bürger den Appell der IGFM unterzeichnet und die Bundesregierung aufgefordert, international gegen die Steinigung initiativ zu werden", erläutert Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM. Die IGFM ist in Nigeria durch eine nationale Gruppe vertreten, die sich für Pluralismus und religiöse Toleranz im Vielvölkerstaat Nigeria engagiert. Lessenthin: "Am 19. April wird das nigerianische Bundesparlament gewählt. Der Ausgang ist ungewiss. Überall im Land herrscht eine gespannte Atmosphäre. Wahlziel islamistischer Politiker ist die Einführung der Scharia in der gesamten Bundesrepublik. Wahlfälschungen sowie die Einschüchterung und Behinderung von Wählern müssen in großem Ausmaß befürchtet werden."


Pressekonferenz mit Prof. Obiora Ike zur Jahreshauptversammlung der IGFM: 05.04.2003, 13:00 Uhr






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