20.03.2007 15:18 Uhr

20. März - Jahrestag der politischen Lüge: Zu Ehren der ermordeten russischen Journalistin, Anna Politkowskaja

In Putins Russland



Anna Politkowskaja. Bild: Nowaja Gaseta


Anna Politkowskaja war eine der wenigen Journalisten, die kompromisslos über die Situation in Tschetschenien berichtete. Sie und ihre Zeitung "Nowaja Gaseta" waren das Sprachrohr der Opfer in diesem kaukasischen Schlachthof. Für ihre Reportagen über die grausame Wirklichkeit in Tschetschenien wurde sie weltweit bekannt und ausgezeichnet, in Russland selbst brachte es ihr Morddrohungen und Mordanschläge ein. Vor ihrer Ermordung arbeitete sie an einer Artikelreihe über Folter und Entführungen in Tschetschenien und die Rolle Präsident Putins dortigen Statthalter, Ramsan Kadyrow, bei diesen Verbrechen. Ihren letzter Auftritt hatte sie am 5.Oktober in einer Sendung des Radio "Liberty", in der sie über Tschetschenien und Ramsan Kadyrow gesprochen hatte, diesen als "bis zu den Zähnen bewaffneten Feigling" bezeichnete und den Wunsch äußerte, ihn bald auf der Anklagebank zu sehen. Am 7. Oktober 2006 wurde sie von einem Auftragsmörder erschossen.

Nach Annas Mord setzte ihre Zeitung die Berichterstattung über die Lage in Tschetschenien fort, wo Mord und Verschleppung genauso zum Alltag gehören, wie die Auslieferung von Zinksärgen mit Leichen dort gefallener Soldaten an deren Eltern in Russland.

In ihrem 2004 in Deutschland erschienen Buch "In Putins Russland" (DuMont Verlag, ISBN 3-8321-7919-4) schildert Anna Politkowskaja schonungslos das autoritäre Reich des zynischen Wladimir Putin, der über Leichen geht, und seinen mächtigen Geheimdienst, die brutalen Verhältnisse in den russischen Streitkräften, die käufliche Justiz, und die enttäuschende Rolle des Westens. Zu Ehren und Erinnerung an die mutige russische Journalistin bringt die IGFM Auszüge aus diesem Buch.



In Putins Russland



Vorwort zur Deutschen Ausgabe
(Auszug)

Wladimir Putin und Gerhard Schröder wirken in jüngster Zeit geradezu wie Zwillingsbrüder mit ihren wechselseitigen Sympathiebekundungen, ihren Worten des Lobes füreinander. Da nimmt es nicht Wunder, dass auch die deutsche Wirtschaft den russischen Präsidenten nach Kräften hofiert. Deshalb ist dieses Buch in meinen Augen nicht gerade ein Geschenk für das gegenwärtige Schöder-Deutschland, in dem eine Atmosphäre der weitreichenden Kritiklosigkeit herrscht gegenüber allem, was der in Frühjahr 2004 für eine zweite Amtszeit gewählte Staatschef der Russischen Föderation sagt und tut. Tschetschenien? Mag dort ruhig Krieg sein, wenn nur unser Erdgas fließt. ? Bei seinem Deutschlandbesuch im Dezember 2004 wiegelte Putin von vornherein sämtliche Fragen zum Tschetschenien-Krieg ab und beschied den Fragestellern dummdreist, sie könnten getrost nach Hause gehen und ihre Weihnachtsgans verspeisen, denn es gäbe keinen Krieg. Das war eine Lüge. Doch diejenigen, denen Putin diesen Bären aufband, zuckten mit keiner Wimper. Bundeskanzler Schröder lächelte strahlend ? Und dabei hatten wir in Russland so lange gedacht, Deutschland stünde an unserer Seite im Kampf um Demokratie, auf Deutschland könnten wir jederzeit zählen. ? Jetzt steht fest: Wir haben vergebens gehofft. Deutschland ist auf der Seite Putins, nicht auf unserer. ?


Worüber schreibe ich in diesem Buch?
(Auszug)

Über Putin, und zwar ohne überschwängliche Begeisterung ? etwas, was im Westen gegenwärtig absolut nicht en vogue ist. Und ich nenne auch gleich den Grund, warum ich diese Begeisterung nicht teile, die heute beinahe ein Markenzeichen des Westens gelten kann und die sich so sehr relativiert, wenn man das gesamte Geschehen von Russland aus wahrnimmt: Putin, der dem finstersten aller russischen Geheimdienste entstammt, hat es nach seiner Wahl zum Präsidenten nicht vermocht, über sich hinauszuwachsen, will heißen, den Oberstleutnant des KGB in sich auszumerzen. Er tut weiter, was er in all den Jahren seiner bisherigen beruflichen Laufbahn getan hat: Er rechnet ab mit denjenigen, die sich allzu aufmüpfig gebären, erstickt Meinungsvielfalt und Freiheit im Keim. ?

Warum ich Putin nicht mag? Weil im Sommer 2004 fünf Jahre seit dem Beginn des zweiten Tschetschenien-Kriegs vergangen sind, der nur deswegen begonnen wurde, damit Putin Präsident wird. Und dieser Krieg nimmt kein Ende. Seit 1999 gab es keine einzige Ermittlung im Zusammenhang mit den Morden, die an Kindern während der Beschießungen und Säuberungen verübt wurden. Kein einziger Kindermörder musste seinen wohl verdiensten Platz auf der Anklagebank nehmen. Putin verlangte das auch nie, obwohl er als großer Kinderfreund gilt. Die Armee agiert in Tschetschenien nach wie vor so, als befände sie sich auf einem Truppenübungsplatz ohne Menschen.

Die Massenmorde an Kindern wühlten das Land nicht auf, kein Fernsehkanal zeigte die Aufnahmen von den ermordeten tschetschenischen Kindern. Der Verteidigungsminister trat nicht zurück. Er ist ein guter Freund von Putin, und es wird darüber spekuliert, dass er Putins Nachfolger im Jahr 2008 werden wird. Auch der Oberkommandant der Luftwaffe wurde nicht mit Schimpf und Schande entlassen. Alles blieb beim Alten. Der Oberste Befehlshaber sprach dem Vater, der mit einem Schlag seine ganze Familie verloren hatte, kein Beileid aus. ?

Warum ich Putin nicht mag? Wegen seines Zynismus. Wegen seines Rassismus. Wegen des endlosen Krieges. Wegen seiner Lügen. Wegen der Gasattacke im Musicaltheater "Nord-Ost". Wegen der unschuldigen Menschen, die während seiner Amtszeit umgebracht wurden. Ein Sterben, das man hätte vermeiden können.

Putin, der zufällig eine enorme Macht in die Hände bekam, gebraucht diese Macht mit für Russland katastrophalen Folgen. Ich mag ihn nicht, weil er die Menschen nicht mag. Er erträgt uns nicht. Er verachtet uns. Er denkt, wir sind nur ein Mittel zum Zweck für ihn, ein Mittel zur Erfüllung seiner Machtambitionen. Und deswegen darf er alles, kann mit uns spielen, wie es ihm passt. Er glaubt, dass wir nichtswürdig sind, er glaubt, dass er Zar und Gott zugleich ist, vor dem wir uns verneigen und fürchten müssen.

In Russland hat es schon Führer mit ähnlicher Weltanschauung gegeben. Dies hat zu Tragödien geführt. Zu großem Blutvergießen. Zu Bürgerkriegen. Und das will ich nicht. Deswegen mag ich diesen typisch sowjetischen Tschekisten nicht, der über die roten Teppiche des Kreml zum russischen Thron schreitet.



 

Siehe auch:

Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Russland 2006
Bericht des "Moskauer Menschenrechtsbüros"

Massenmedien in Russland. IGFM-Bericht, Juli 2006

Zensur, Unterdrückung und Verfolgung von Journalisten unter Putin
Alexej Simonow, Präsident der Stiftung zur Verteidigung der Glasnost, Moskau, Russland

Probleme der Medien in den russischen Regionen
Michail Karasew, Chefredakteur des Fernsehsenders "Olymp"

Tschetschenien: Moskaus Versuchsfeld für giftige Substanzen
Ärzte beschreiben Symptome. Aufzeichnungen der IGFM über Berichte von vermutetem Einsatz chemischer Substanzen durch russische Truppen in Tschetschenien. Oktober 2002



 






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