27.04.2010 16:05 Uhr

Ägyptens bekanntester Konvertit vor Gericht - Nagelprobe für Religionsfreiheit unter Mubarak

IGFM: Gericht bestätigt Zwangskonversion von Jugendlichen zum Islam



Mohamed Ahmed Hegazy, ägyptischer Journalist, trat mit 16 Jahren zum Christentum über. Bild: compassdirekt.org


Kairo ? Frankfurt am Main ? (27. April 2010) ? Ägyptens mit Abstand bekanntester Konvertit zum Christentum, der Journalist Mohamed Hegazy, stand am heutigen Dienstag vor Gericht. Hegazy hatte am  2. August 2007 als erster Ägypter die Änderung der Religionszugehörigkeit in seinem Personalausweis  von "Muslim" in "Christ" beantragt. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte berichtet, war die heutige Verhandlung einzig zu dem Zweck angesetzt worden, das Urteil in diesem Fall zu verkünden. Das große internationale Medieninteresse bewog den vorsitzenden Richter aber, das Verfahren "zu stoppen". Die Verhandlung verfolgten mehr Journalisten, als übrige Teilnehmer anwesend waren, so die IGFM.

Folter für Konvertiten

Mohamed Ahmed Hegazy hatte sich bereits mit 16 Jahren dem Christentum zugewandt. Wegen seines "Abfalls vom Islam" wurde er von der ägyptischen Staatssicherheit verhaftet und gefoltert. Mitglieder seiner eigenen Familie wollten ihn umbringen. Der Journalist Hegazy ahnte daher, was ihm bevorstehen würde, als er versuchte, sein Recht auf freie Wahl der Religion legal wahrzunehmen. Obwohl es in Ägypten Schätzungen zufolge mehrere Tausend Konvertiten gibt, hatte zuvor noch niemand diesen Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Nach Angaben der IGFM sind zahlreiche ägyptische Konvertiten von der Staatssicherheit verhaftet, misshandelt und gefoltert worden ? darunter auch Frauen.

Für IGFM Vorstandssprecher Martin Lessenthin hat der Prozess um den Konvertiten Hegazy eine herausragende Bedeutung: "Hegazys Versuch, einen Präzedenzfall zu schaffen, kann nicht hoch genug bewertet werden. Entweder führt er dazu, dass die Abwendung vom Islam in Ägypten endlich legal wird, oder er zeigt, dass die Regierung Mubarak das Recht auf religiöse Selbstbestimmung missachtet."

Der Religionseintrag in den Personalpapieren hat für ägyptische Staatsbürger sehr weitreichende zivilrechtliche Konsequenzen. Z.B. führt der Religionseintrag "Muslim" dazu, dass ein Mann seine Frau ohne Angabe von Gründen und ohne Unterhaltspflicht verstoßen kann. Nur drei Religionen sind vom ägyptischen Staat anerkannt, alle andere Religionen und Religionslosigkeit sind ? zumindest bisher ? de facto verboten. Während der Übertritt zum Islam problemlos möglich ist, verweigern die Behörden den Wechsel von Muslimen zu einer anderen Religion.

Todesdrohungen und Mordanschläge

Ein ebenso großes Problem wie die Verfolgung durch die ägyptischen Behörden ist der gesellschaftlich sehr große Einfluss von islamischen Fundamentalisten. Seit Hegazy die Änderung seines Religionseintrags beantragte, sind er und seine Frau gezwungen, versteckt zu leben. Das Verlassen des Islams ist Hegazy erstinstanzlich gerichtlich verweigert worden. Zahlreiche Personen, darunter Vertreter staatlicher Institutionen, haben öffentlich seinen Tod gefordert. Auf ihn, seine Frau sind mehrere Anschläge verübt worden. Eine Koptin wurde dabei ermordet.

Zwangskonversion von Kindern und Jugendlichen

Ehemalige Muslime sind nicht die einzigen, denen der ägyptische Staat den Wechsel zum Christentum verweigert. Auch Ägypter, die gegen ihren Willen zum Islam übertreten mussten, werden gezwungen, Muslime zu bleiben. Das geschieht vor allem dann, wenn ein Elternteil zum Islam konvertiert. Die Behörden ändern dann automatisch die Religionseinträge der Kinder, selbst dann, wenn die Kinder des Konvertiten mit 15 Jahren schon selbst religionsmündig sind. Eine spätere "Rückkehr" zum Christentum verweigern die ägyptischen Behörden.

Einer der wenigen Fälle dieser Art, der außerhalb Ägyptens Beachtung fand, ist der von Frau Camilia Lutfi und ihren Zwillingssöhnen Andrew und Mario, die im Juni dieses Jahres 16 Jahre alt werden. Erst am 14. April hat ein Verwaltungsgericht ihren Antrag abgewiesen, in den Geburtsurkunden der Jungen wieder den ursprünglichen Religionseintrag ?Christ? einzutragen. Camilia Lutfis Ex-Mann, Medhat Ramsis Labib, war zum Islam übergetreten und hatte gegen den Willen der Jungen und der Mutter die Papiere der gemeinsamen Kindern im Jahr 2005 ändern lassen.

Das Gericht begründete sein Urteil damit, dass die Mutter kein Urteil eines ?zuständigen? Gerichtes vorlegen konnte, das den Übertritt der Jungen zum Christentum bestimme. Die Richter erteilten keine Auskunft darüber, welches Gericht für den "Übertritt" ihrer Söhne zuständig ist. Camilia Lutfi fasste den Ärger über die Ungleichbehandlung, den viele christliche Ägypter teilen, zusammen: "Wie kann es sein, dass der Vater kein Gerichtsurteil brauchte, als er ihre Religion von Christ zum Muslim änderte? Und jetzt, wo sie zum Christentum ?zurückkehren? wollen, benötigt das Gericht ein Urteil!"

Kirche "nicht befähigt", Bescheinigungen über christlichen Glauben auszustellen

Camilia Lutfi und ihre beiden Zwillinge sind und waren während der gesamten Auseinandersetzung Christen. Ihr Anwalt legte dem Gericht 15 verschiedenen Bescheinigungen vor, die belegen, dass die Jungen Christen waren und sind. Doch das Gericht erkannte die Gültigkeit der Bescheinigungen nicht an. Kirchen seinen "nicht befähigt", Bescheinigungen auszustellen, die den Wechsel der Religion vom Islam zum Christentum belegen. Gerichte würden ausschließlich Bescheinigungen der muslimischen Al-Azhar Universität in Kairo anerkennen, der bedeutendsten Theologischen Fakultät des sunnitischen Islam. Nach Angaben der IGFM hat die Al-Azahr Universität noch niemals eine solche Bescheinigung für ehemalige Muslime ausgestellt.

 






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