11.10.2006 15:42 Uhr

Wieviel Zynismus braucht Russland?

IGFM empört über Putin ? Journalisten kleiner Zeitungen sind nicht bedeutungslos - staatsnahe Konzerne manipulieren Pressefreiheit




Frankfurt/M. (11. Oktober 2006) - Über die beiläufige Feststellung des russischen Präsidenten Putin, die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja sei in Rußland unbedeutend, ist die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) empört. Putin habe dadurch den Eindruck erweckt, dass in Rußland die Leser durch ihr Kaufverhalten über Bedeutung und Größe einer Zeitung bestimmen könnten, was tatsächlich nicht stimme. Seine unmißverständliche Äußerung, der Mord sei eine "abscheuliche Gräueltat", und es werde alles getan, das Verbrechen aufzuklären, war zudem nach Meinung der IGFM nur eine Reaktion auf die Forderung der Bundeskanzlerin, denn der russische Präsident habe sich erst zwei Tage nach Politkowskajas Ermordung geäußert - in Deutschland, nicht aber zuvor in Rußland. Es sei daher zweifelhaft, ob er seinen Worten Taten folgen lasse.

In der Tat, so die IGFM, habe die Zeitung "Nowaja Gaseta", in der Anna Politkowskja gearbeitet hatte, nur eine Auflage von 151 000 Exemplaren. Die Internetseite der Zeitung werde täglich auch nur von 70 000 Lesern besucht, was selbst für Rußland gering sei, so dass man tatsächlich nur wenig Einfluss auf das Wählerverhalten ausüben könne. Aufklärung gebe da aber die Erklärung des Chefredakteurs der Zeitung, Dmitrij Muratow, der die Gründe für die kleine Auflage in der Manipulation der Pressefreiheit sieht: "Die Zeitung wird von der Post getötet. Das Abo kostet mehr als der Einzelverkauf. Vertriebsnetze werden in ganz Russland vom "Russisches Aluminium" aufgekauft, und in Moskau von allen möglichen Leuten, vor allem von Sicherdiensten".

Mit "Russisches Aluminium" ist ein großer Konzern gemeint, der, wie alle großen Konzerne in Russland, staatsnah ist. Genauso wie "Gasprom" kaufen sie Fernsehanstalten und Zeitungen, entlassen missliebige Redakteure und Journalisten, lassen ehemals seriöse und solide Zeitungen und Fernsehkanäle zu leichtgewichtigen Unterhaltungsmedien verkommen, um die Informationsflüsse in "richtige" Kanäle steuern zu können. Durch ständigen Druck auf Redakteure und Journalisten erzeugen sie ein Klima der Angst und Einschüchterung. Bei der Demonstration in Moskau nach dem Mord an Anna Politkowskaja waren unter den 3000 Demonstranten nur 30 Journalisten, abgesehen von denen, die von der Demonstration berichteten.

Der Druck und Selbstzensur führen dazu, so die IGFM, dass die Zahl der unabhängigen und mutigen politischen Journalisten schwindet. Der Mord an Anna Politkowskaja sei für eingeschüchterte Journalisten ein weiterer Grund, sich des kompromisslosen politischen Journalismus zu enthalten.



Siehe auch:

Russland: Zensur, Unterdrückung und Verfolgung von Journalisten unter Putin
Alexej Simonow, Präsident der Stiftung zur Verteidigung der Glasnost, Moskau, Russland. Rede im Rahmen der IGFM-Jahresversammlung "Meinungs- und Pressefreiheit verteidigen". Mai 2006

Massenmedien in Russland. IGFM-Bericht, Juli 2006

Probleme der Medien in den russischen Regionen. Michail Karasew, Chefredakteur des Fernsehsenders "Olymp", Tambow, Russland. Bericht an die IGFM, Mai 2006









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