14.06.2004 10:00 Uhr

Nigeria: Menschenrechtsdialog braucht demonstrative internationale Begleitung

Deutschland soll gegen Steinigung initiativ werden - Diplomaten sollen regelmäßig über Menschenrechtslage in Afrikas bevölkerungsreichstem Staat informieren



 

Frankfurt (14. Juni 2004) - Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ruft die Bundesregierung auf, sich verstärkt für eine Verbesserung der Menschenrechtssituation in der Bundesrepublik Nigeria einzusetzen. Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM, forderte dazu auf, dass deutsche Diplomaten den Menschenrechtsdialog in Nigeria verfolgen, demonstrativ an entsprechenden Konferenzen teilnehmen und regelmäßig der deutschen Regierung über die Menschenrechtslage Bericht erstatten. Lessenthin: "Deutschland soll innerhalb der Vereinten Nationen und direkt gegenüber der nigerianischen Regierung initiativ werden, um eine Überwindung der barbarischen Strafen wie Steinigungen, Amputationen und Auspeitschungen in Nigeria durchzusetzen. In Nigera müssen offizielle Vertreter Deutschlands für die Menschenrechte Flagge zeigen."

In Nigeria sind eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung, berichtet die IGFM, die in Nigeria mit einer Sektion vertreten ist. Besonders problematisch ist die Einführung der islamischen Rechtsordnung - die Scharia - in zwölf Bundesstaaten Nigerias seit dem Jahr 2000.

Die Scharia sieht grausame Strafformen wie Peitschenhiebe und Amputationen von Gliedmaßen vor. Auf den Tatbestand des Ehebruchs steht als Strafe die Hinrichtung durch Steinigung, welche vor allem an Frauen vollstreckt wird. Die Scharia gesteht Frauen eine nur mindere Rechtsstellung zu. Alltägliche Regelungen haben zu einer faktischen Apartheidspolitik geführt. So dürfen in den Scharia-Staaten des nördlichen Nigerias Frauen und Männer nicht denselben Bus benutzen, nicht einmal Ehepartner. Auch die Ausübung der traditionellen Religionen führt noch immer zu Menschenrechtsverletzungen. So werden die sogenannten Osu (Igbo: Ausgestossene) systematisch aus der Gemeinschaft ausgegrenzt, weil sie als unberührbares "Eigentum der Götter" angesehen werden.

Weitere Menschenrechtsverletzungen, die nigerianische Frauen erleiden müssen, können durch keinen religiösen Hintergrund gerechtfertigt werden, sondern dienen allein als Mittel zur Unterdrückung der Frau. So werden junge Mädchen und Frauen an den Genitalien verstümmelt, eine häufig lebensgefährliche Prozedur. Bereits früh werden sie Opfer von sexueller und physischer Ausbeutung, etwa durch eine Zwangsheirat. Verbreitet ist in einigen Regionen Nigerias auch das Phänomen des "Fattening", dies bedeutet die vollkommene Isolierung von Frauen in den Wochen vor ihrer Hochzeit, während derer sie gezwungen werden, sich für ihren Ehemann, dem traditionellen Schönheitsideal entsprechend, weitere Pfunde "anzufressen".

Die Spannungen zwischen Christen und Muslimen, die durch die teilweise Einführung der Scharia noch angewachsen sind, haben sich in den letzten Monaten in einer beunruhigenden Gewaltspirale entladen. In Nigeria gibt es nun verschiedene Versuche, durch einen Menschenrechtsdialog zwischen Muslimen und Christen weitere Gewaltausbrüche zu verhüten und zu Normalität im Alltag zurückzukehren. Diese Versuche sollten durch die demonstrative Anwesenheit deutscher Diplomaten eine Aufwertung erhalten, erklärte Lessenthin.

 






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