29.11.2007 12:38 Uhr

Russland: Freie und geheime Wahlen vielerorts durch Abmeldezwang unterlaufen

Parlamentswahlen in Russland nur noch Referendum für Putin



Putins Partei Geeintes Russland: Dumawahlen am 2. Dezember 2007 - ein Referendum für Putin


Frankfurt/M. (29. November 2007) - Das Ergebnis der Parlamentswahl am Sonntag wird nach Meinung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Wahlprognosen weit übertreffen. Die IGFM wirft Putin und der Partei "Geeintes Russland" bedenkenlose Manipulation und Unfairness im Wahlkampf vor. Das Putin-Lager versuche noch nicht einmal mehr den Anschein einer fairen Wahl zu wahren. Zunehmend meldeten russische Bürgerrechtler die unmittelbare Einflussnahme der örtlichen Administration auf die Wahlen, indem viele Wähler unter Androhung von Entlassungen, Exmatrikulation oder ähnlichem gezwungen würden, Abmeldescheine von den ursprünglichen Wahllisten zu beantragen, um sie an einem anderen Ort in öffentlichen Veranstaltungen zur Wahl der Partei "Geeintes Russland" zu bewegen.

Um eine höhere Wahlbeteiligung zu gewährleisten, wurden die Wähler gezwungen, die so genannten "Abmeldebescheinigung" von den Wahlkommissionen zu beantragen, so die IGFM. Mit dieser Bescheinigung ist es dem Wähler erlaubt, nicht in ihrem Wahllokal abzustimmen, in dem sie in die Wählerliste eingetragen sind, sondern in einem beliebigen Wahllokal innerhalb ihres Wahlkreises. Stundenten, Arbeiter, Angestellte überall im Lande wurden von ihren Vorgesetzten und Arbeitgebern gezwungen, diese Bescheinigungen zu beantragen, um am Arbeitsort oder in Lehrbetrieben abstimmen zu lassen. Viele Betriebe haben den 2. Dezember, einen Sonntag, zum Arbeitstag, Institute zum Lerntag erklärt.

Die so genannte "administrative Kapazität", d.h. Druck und Einschüchterung auf die Kandidaten der anderen Parteien, auf Journalisten und die Wähler durch die Exekutive in allen Landesteilen wurde massiv eingesetzt. Aus allen Landesteilen wurde über Androhungen von Arbeitsplatzkündigungen und Exmatrikulationen und unverhüllte Versuche des Stimmenkaufs mit Geschenken oder gegen Bargeld manipuliert, berichtet die in Frankfurt ansässige Menschenrechtsgesellschaft weiter.

Die IGFM sieht den Grund für dieses Vorgehen in der Erklärung Putins, dass vom Wahlergebnis der Partei Geeintes Russland sowohl die Zukunft des Landes als auch seine persönliche politische Zukunft abhängen werde. Damit sei, so die IGFM, der Auftrag an die Administration verbunden, alles zu unternehmen, dass seine politische Zukunft keinen Schaden nehmen wird. Der Führer der Partei Geeintes Russland Boris Gryslow hatte es auf den Punkt gebracht: Die Wahlen zur Duma im Dezember 2007 seien ein nationales Referendum für Putin und kein Parteienkampf in Wahlkreisen. Die Notwendigkeit, mehr als 60 % der Wählerstimmen für die Partei Geeintes Russland einzubringen, hat den Wahlkampf zum schmutzigen Kampf der geballten Macht der Staatsmaschinerie gegen die Demokratie verkommen lassen.

Dieser Wahlkampf hatte nichts mit einer zivilisierten parteipolitischen Konkurrenz gemein. Jegliche Opposition - von der radikalen Anti-Putinbewegung Das Andere Russland bis hin zu den etablierten Parteien Jabloko und SPS - wurde zu Feinden erklärt und entsprechend bekämpft. Wahlveranstaltungen anderer Parteien wurden massiv gestört, Wahldruckerzeugnisse beschlagnahmt, diffamierende Flugblätter verteilt, Kandidaten und Wahlhelfer der anderen Parteien wurden in großer Zahl festgenommen und verhaftet.

Die Kontrolle über die wichtigsten, landesweit ausgestrahlten Fernseh- und Radiosendern übte die 'Partei der Macht' ? das sind Putin und die Partei Geeintes Russland - aus. Abgesehen von Wahlwerbespots und einigen Fernsehdebatten zwischen den Parteien war die Sendezeit mit direkter und indirekter Propaganda für die Partei Geeintes Russland und Putin und groben und aggressiven Ausfällen gegen andere Parteien gefüllt.


Eine Auswahl von Beispielen für derartige Praktiken hat die Nichtregierungsorganistion Golos (Die Stimme) - "Transparente Wahlen" (www.88003333350.ru) zusammengestellt:


25.10.2007. Republik Adygeja: An der Universität werden Studenten zum Eintritt in die Partei Geeintes Russland gezwungen. Bei Ablehnung werden Probleme mit Semesterbescheinigungen angedroht.

29.10.2007. Gebiet Wolgograd: Antiwerbung - In der Nacht wurden Wahlflugblätter der SPS angeklebt, in denen die SPS allen AIDS-kranken hohe Bezahlung für die Arbeit als Agitatoren für die Partei verspricht.

29.10.2007. Republik Adygeja: Der Präsident der Republik und der Vorsitzender der örtlichen Filiale von Geeintes Russland erklärten den anwesenden Leitern der Bezirksexekutive, wie viele Stimmen für Geeintes Russland gewährleistet werden müssen.

30.10.2007. Omsk: Ein Lkw mit Wahlunterlagen der Partei SPS wurde von der Polizei ohne Erklärung beschlagnahmt.

08.11.2007. Gebiet Samara: Mitarbeiter des Kinderheimes wurden aufgefordert, für "Geeintes Russland" abzustimmen. Dabei wurde angedeutet, dass sie die Arbeit verlieren könnten, wenn sie nicht "richtig" abstimmen.

12.11.2007. Nischnij Nowgorod: Gazprom bezahlt Menschen, damit sie zur Kundgebung für Putin fahren.

12.11.2007. Wladimir: Im Krankenhaus versprechen Vertreter von Geeintes Russland den Kranken je zwei Bananen und Bonbons, wenn sie für die Partei abstimmen.

12.11.2007. Moskau: Im Betrieb 'Rubin' ist der 2. Dezember zum Arbeitstag erklärt worden. Die Mitarbeiter sollen mit Bussen zu einem bestimmten Wahllokal gefahren werden, wo sie für Geeintes Russland abstimmen sollen. Die Abstimmung soll gefilmt werden.

17.11.2007. Omsk: Auf Weisung des Vorsitzenden der Wahlkommission beschlagnahmte die Polizei alle Wahldruckerzeugnisse der Partei Gerechtes Russland zwecks "Prüfung der Gesetzmäßigkeit der Herstellung".

17.11.2007. Wladimir: In öffentlichen Verkehrsmitteln wurde Antireklame gegen die Partei SPS ausgehängt: SPS sei für die Erhöhung des Rentenalters um 10 Jahre.

18.11.2007. Republik Adygeja, Stadt Maikop: Die Leitung aller privaten Taxiunternehmer verpflichtet die Fahrer zum Anbringen der Wahlwerbung der Partei Geeintes Russland in den Taxen. Bei Nichtbefolgung werden keine Fahrten genehmigt.

19.11.2007. Gebiet Rjasan, Ortschaft Tuma: Die Bewohner werden unter Androhung der Arbeitsplatzkündigung für das Abstimmen für Geeintes Russland aufgefordert.

22.11.2007. Omsk: Einer der Dekane des Omsker Staatlichen Universität drohte seinen Studenten mit Exmatrikulierung, wenn sie am 2.12 nicht in Wahllokalen erscheinen und wenn sie gegen die Partei Geeintes Russland abstimmen.

22.11.2007. Omsk: Einwohnern der Stadt Omsk wurden Quittungen im Namen der Partei SPS in die Briefkästen eingeworfen, mit der Anforderung die Renovierung von Fassaden zu bezahlen, die durch Anmalen von Wahllosungen der Partei SPS entstanden sein sollen. Die Partei SPS erklärte, sie habe damit nichts zu tun, dies sei eine schmutzige PR-Aktion.

22.11.2007. St. Petersburg: Studenten der Ingenieurswissenschaften werden unter Androhung der Exmatrikulation zum Wählen aufgefordert.

22.11.2007. Ekaterinburg: Der Rektor des pädagogischen Instituts und Mitglied der Partei Geeintes Russland erklärte den 2. Dezember zum Lerntag. Studenten müssen in der ersten Vorlesung in die Wahllokale gehen und abstimmen. Die Kontrolle obliegt dem Lehrpersonal.

22.11.2007. Ekaterinburg. Im Transportzentrum werden die Mitarbeiter gezwungen, Abmeldebescheinigungen zu beantragen, am Arbeitsort zu erscheinen und von "speziell geschulten Personen" Wahlzettel entgegen zu nehmen, in dem bereits ein Häkchen bei der Liste der Partei Geeintes Russland steht. Der eigene, nicht ausgefüllte Wahlzettel muss abgegeben werden, der ausgefüllte in die Wahlurne geworfen werden.

25.11.2007. Gebiet Wladimir, Stadt Wjasniki: Die Leitung des größten Betriebes erklärte den 2.12 zu einem Arbeitstag.

25.11.2007 Stadt Wladimir. Im Businessinstitut sind der 1. und der 2. Dezember zu Lerntagen erklärt worden. Studenten und Mitarbeitern wurde mitgeteilt, mit Abmeldebescheinigungen zu kommen und im Wahllokal in der Nähe des Instituts abzustimmen.

26.11.2007. Moskau: Die Schulleitung der Schule Nr. 12 verlangt von den Mitarbeitern, Abmeldebescheinigungen zu beantragen und am 2.12 in der Schule abzustimmen. Bei Ablehnung wird mit "Problemen" gedroht.

26.11.2007. Wladimir: Die Administration des Einkaufszentrums verlangt von den Angestellten eine Bescheinigung über Teilnahme an der Wahl. Ohne Bescheinigung keine Zulassung zur Arbeit.

27.11.07. Twer: Die örtliche Filiale von Geeintes Russland verlangt von den Geschäften, in ihren Räumen Wahlplakate für Putin auszuhängen. Bei Ablehnung wird Kündigung der Miet- und Pachtverträge angedroht.

27.11.2007. St. Petersburg: Der Verwalter des Marktes verlangt von den Verkäufern das Vorzeigen von Abmeldebescheinigungen. Im Falle einer Ablehnung wird Kündigung angedroht.






 Russland: Urteil gegen Demonstrantin vertagt - 01-10-10 13:55
 Russland: Vorsitzende der Soldatenmütter St. Petersburgs festgenommen - 01-09-10 15:11
 Russland: Menschenrechtsverteidiger vor Verurteilung - 12-05-10 12:56
 Russland: "Tag des Vaterlandsverteidigers" mit blutigen Flecken - 23-02-10 13:58
 Russland: Offiziere wegen Grausamkeit abgesetzt - 03-12-09 14:52
 Russland / Tschetschenien: Willkür des Kadyrow-Regimes begünstigt Morde an Menschenrechtlern - 12-08-09 14:41
 Russland: Zwei Jahre Strafbataillon wegen Zivilcourage - 15-05-09 13:14
 Russland: Menschenrechtsverteidiger Alexej Sokolow verhaftet - 14-05-09 10:02
 Internationaler Tag der Pressefreiheit am 3. Mai / Russische Föderation: Mit Morden und Attentaten gegen die Pressefreiheit - 29-04-09 13:42
 Russland: Internetdissident Tscharuschew zur Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka verurteilt - 17-03-09 15:02
 Russland: Mord an Markelow und Baburowa - Mangelndes Engagement bei der Ergreifung der Täter symptomatisch für System Putin - 23-01-09 14:37
 Russland: Mord an Journalistin Anna Politkowskaja vor Militärgericht - 07-10-08 12:28
 Russland: 23. Februar - Tag der Russischen Armee - 22-02-08 16:38
 Russland: Internationale Wahlbeobachtung unerwünscht - demokratische Wahlen ebenso - 02-11-07 12:10
 Inguschetien / Russische Föderation: Neuer Brennpunkt im Nordkaukasus - 15-10-07 13:19
 Russland: Mordfall Politkowskaja ? absurdes Polittheater geht ins zweite Jahr - 05-10-07 12:19
 Russland: Massive Behinderungen eines Internationalen Forums zum Gedenken an Anna Politkowskaja - 05-10-07 11:59
 Russland: Putin demontiert die Pressefreiheit - 02-05-07 14:16
 Russland: IGFM an Putin - Sonderregelungen und Sondertruppen führen zur Radikalisierung - 18-04-07 11:50
 Tschetschenien / Russische Föderation: Amtseinführung eines Verbrechers - 05-04-07 13:07
 20. März - Jahrestag der politischen Lüge: Zu Ehren der ermordeten russischen Journalistin, Anna Politkowskaja - 20-03-07 15:18
 Russland: "Tag der Armee" - kein Grund zum Feiern - 22-02-07 11:50
 Russland: NGO geschlossen - 24-01-07 13:26
 Russland: Putin will Menschenrechtler zum Schweigen bringen - 22-01-07 13:00
 Russland: Moskau verbietet Demonstration für Pressefreiheit - 13-12-06 13:46
 Russland: Fall Litwinenko - Ohne offene Ermittlung keine Wahrheit - 06-12-06 13:10
 Russland: Gericht verfügt Auflösung der Gesellschaft für Russisch-Tschetschenische Freundschaft - 13-10-06 14:30
 Russland: Neues Opfer der russischen Kampagne gegen Tschetschenien-Berichterstatter - 11-10-06 13:01
 Russland: In 15 Jahren 246 Journalisten umgebracht. Mord an Anna Politkowskaja - 09-10-06 11:40
 Russland des G8-Vorsitzes unwürdig - 14-07-06 13:30
 Russische Föderation: Extremismusgesetz ist weitere Keule gegen die Reste von Russlands Demokratie - 12-07-06 12:00
 Russland: Zensur, Unterdrückung und Verfolgung von Journalisten unter Putin - 08-06-06 12:46
 Tschetschenien: Kreml-Schützling Kadyrow läßt Menschenrechtler entführen - 22-03-06 12:45
 Tschetschenien: Weltfrauentag 2006 - Verschleppungen und Morde an Frauen und Mädchen - 07-03-06 15:49
 Russland: Neuer Schlag gegen Menschenrechtsverein - 03-02-06 14:05
 Russland: Jagd auf Menschenrechtler eröffnet - 26-01-06 11:45
 Russland: Schröder ja, Kritiker nein? - 23-12-05 10:21
 Russland: Neuer Schlag Putins gegen die Pressefreiheit - 17-11-05 12:10
 Russland: Menschenrechtsgerichtshof soll Urteile gegen Chodorkowskij und Lebedew überprüfen - 14-11-05 12:30



<- zurück zur Übersicht

© Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), deutsche Sektion e.V. Spendenkonto: 23 000 725, Taunussparkasse, BLZ 512 500 00

designed by WIV-GmbH