12.08.2004 12:00 Uhr

Deutschland: DDR-Nostalgie treibt unerhörte Blüten

Ehemaliges Frauenzuchthaus Hoheneck wirbt Hotelgäste mit "Jail-House-Feeling"



Trakt im DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Bild: th.schule.de

 

Frankfurt/M. (12. August 2004) - Als unerhört und unanständig bezeichnet die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Vermarktung des ehemaligen Frauenzuchthauses Hoheneck in der Nähe Stolberg/Sachsen. In originalen Zellen sollen vom 4. bis 11. September Hotelgäste für 100 Euro das Gefängnisgefühl eines Insassen auf Hoheneck erleben können mit Gefängnisverpflegung und spektakulärem Nachtprogramm, verbunden mit dem unwiderstehlichen Jail-House-Feeling, so die Vorstellungen des Veranstalters. Ehemalige politische Gefangene, die sich seit mehr als fünf Jahren um die Herrichtung von 2-3 Zellen als Gedenk- und Begegnungsstätte bemühen, werden hingehalten. Die IGFM bat den sächsischen Ministerpräsidenten Milbradt, sich dafür einzusetzen, daß diese Show nicht verwirklicht wird.

Die meisten der in der DDR und Ost-Berlin aus politischen Gründen verurteilten Frauen verbüßten ihre Haft im Zuchthaus Hoheneck und haben zum Teil mehrere Jahre zu Unrecht dieses "unwiderstehliche Jail-House-Feeling" über sich ergehen lassen müssen. Die Akten der Frauen, die in Hoheneck zu Unrecht festgehalten wurden, zeichnen ein Bild von praktizierter Erniedrigung und Entwürdigung der politischen Gefangenen. Karrieren wurden geknickt, Ehen wurden dadurch zerstört, Kinder ihren Eltern entfremdet, einige nahmen sich das Leben. Über 70 Namen sind dokumentiert, die in der Haft oder an den unmittelbaren Folgen der Haft umgekommen waren, darunter mindestens drei Kinder.

Die Burg Hoheneck wurde seit 1950 als größtes Frauenzuchthaus der DDR zweckentfremdet. Anfangs waren dort 1500 Frauen aus den sowjetischen Internierungslagern zusammengepfercht. Bis zum Erlöschen der DDR waren dort zeitweise ein Drittel bis zur Hälfte aller weiblichen Insassen aus politischen Gründen inhaftiert Obwohl Mitte der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre der Gebäudekomplex umgebaut und renoviert wurde, galt Hoheneck als die unmodernste, inhumanste und unhygienischste Haftanstalt der DDR. 2001 wurde die Justizvollzugsanstalt Hoheneck geschlossen.

Häftlingshilfevereine wie z.B. die Hoheneckerinnen bemühen sich seit mehr als fünf Jahren, zwei bis drei Verwahrräume als Gedenk- und Begegnungsstätte einrichten zu dürfen. Dem Bescheid, dafür sei kein Geld da, folgte: Voraussetzung sei, daß Sachsen mindestens 50% der Kosten übernehmen müsse, und schließlich, daß dem Vorhaben der Flächennutzungsplan entgegenstehe. Zumindest wurde nun schriftlich zugesichert, daß sie die Möglichkeit des Erinnerns und Gedenkens erhalten werden, nur über den Zeitpunkt werden die ehemaligen politischen Gefangenen im Unklaren gelassen.

Die IGFM bedauert, daß die Verantwortlichen es gänzlich an Verständnis mangeln lassen, sondern durch dieses Nostalgie-Knastübernachtungsangebot auf der Würde der zu Unrecht inhaftierten Frauen herumtrampeln. "Niemand käme auf den Gedanken, einem Ort, in dem Nazi-Unrecht geschehen ist, einen Wiedererlebniswert zuzugestehen, aber in der DDR-Nostalgie ist wohl alles möglich", so Karl Hafen, Geschäftsführender Vorsitzender der IGFM.

"Wir können von den heute noch lebenden ehemaligen politischen Häftlingen nicht verlangen, sich allein gegen diese Unverschämtheit mit der ihnen zur Verfügung stehenden Macht zu wehren. Darum müssen wir uns vor sie, zumindest an ihre Seite stellen." Jeder politische Häftling, der standhaft für seine Rechte eingetreten sei, habe einen bedeutenden Anteil für die heutige Freiheit, die alle genießen können, geleistet", heißt es in dem Schreiben der IGFM an Ministerpräsident Prof.Dr. Milbradt.

 






 Deutschland / Asyl: Hauptsache raus - 10-08-10 16:17
 IGFM-Appell: Wahlprüfstein 20 Jahre nach dem Mauerfall - Parteien und Wähler sollen Vernunft walten lassen - 11-09-09 12:31
 13. August - Jahrestag des Mauerbaus in Berlin: Wahlprüfstein im Gedenkjahr des Mauerfalls - 11-08-09 14:26
 Deutschland: Menschenrechtler entsetzt über Verharmlosung von Ehrenmorden - 14-05-09 15:18
 Deutschland / IGFM: Woolworth verharmlost Symbole der DDR-Diktatur - 02-06-08 13:52
 Deutschland: IGFM enttäuscht über Prinzipienlosigkeit der Bundestagsabgeordneten - 07-04-06 13:09
 Deutschland: IGFM zur DNA-Analyse - Datenschutz darf nicht Unrecht schützen - 27-01-05 14:20
 Deutschland: Nationalfeiertag so wichtig wie der 1. Mai - 04-11-04 11:00
 SR Vietnam/Deutschland: Grosser Bahnhof für den Hanoier KP-Chef ist Ohrfeige für die Verfolgten - 01-03-04 12:00
 Deutschland/"Körperwelten" - IGFM: Nach neuen Enthüllungen muss die Ausstellung geschlossen werden - 03-02-04 12:00
 Deutschland/IGFM: Kein Ausstellungsbesuch ohne Klärung der Herkunft von ausgestellten Körpern - 21-01-04 12:00



<- zurück zur Übersicht

© Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), deutsche Sektion e.V. Spendenkonto: 23 000 725, Taunussparkasse, BLZ 512 500 00

designed by WIV-GmbH