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Hintergrundbericht von Mathias Ikechukwu Odigbo
übersetzt von Anne Duncker
 Igbos-Kinder, Nigeria
Enugu / FrankfurtM. (26. Januar 2004) - Zwei Gruppen der Igbos im Südosten Nigerias erleiden die schlimmsten Diskriminierungen: die Osu (wörtlich übersetzt "Ausgestoßener") und die Ohu ("Sklave" ). Beide Gruppen gelten als "Unberührbare". In einer Kultur mit straffen sozialen Regeln und Klassifizierungen werden diese Menschen als "Untermenschen" betrachtet und dementsprechend behandelt. Wie ist es dazu gekommen, dass gerade diese Gruppen der schlimmsten Form der Diskriminierung ausgesetzt sind?
Die Personen, die während der vergangenen Bürgerkriege gefangen genommen wurden oder die von Sklavenhändlern "eingeschifft" wurden, wurden als Sklaven klassifiziert und dies wurde automatisch auf ihre Nachkommen übertragen. Die "Ausgestoßenen" hingegen sind diejenigen, die von ihrer Gemeinschaft verbannt Zuflucht bei den Göttern gesucht haben. Somit werden sie das "Eigentum" der Götter, was dem lebenslangen Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutet. Sie werden geächtet und ihre Nachkommen in die Ächtung hinein geboren.
Ein Religionsverständnis, das die Unfehlbarkeit und den absoluten Machtanspruch der Götter propagiert, war der Hauptgrund für diese Praktiken, die die Betroffenen Beleidigungen, Ächtung und Missbrauch aussetzten. Niemand traute sich, die Götter herauszufordern, aus Angst, ihr Zorn würde sich gegen sie selbst richten. Die Anweisungen waren einfach und bindend: den Betroffen wurde jeder Kontakt zu "den normalen" Menschen untersagt.
Die Ausgestoßenen hatten ihre eigenen Märkte, Wohnviertel, Wasserstellen, Äcker und Spielplätze und mussten ein Zeichen, dass sie als Ausgestoßenen ausweist, z.B. eine Glocke, an ihrem Körper tragen. Darüber hinaus waren es ihnen verboten "freie Menschen" zu heiraten, an öffentlichen Debatten teilzunehmen oder eine Auszeichnung zu erhalten. Bedauernswerter Weise haben diese Praktiken, entgegen der Versuche sie abzuschaffen, bis heute überdauert.
Die Verbreitung des Christentums sowie die Verstädterung waren die Kräfte, die den alten Praktiken am stärksten entgegen gewirkt haben.
Dies zeigt das Beispiel von Okeke Nwede. Er stammt aus Umuode in der Provinz Enugu. Nwede wurde in den Status eines Osu hineingeboren und musste so seit seiner Kindheit vielerlei Art Diskriminierungen erfahren und wurde beispielsweise von der Schule ausgeschlossen. Daher flüchtete er in die Stadt Enugu wo er bei seinem Onkel unterschlüpfen konnte, der das gleiche Schicksal zu erleiden hatte. In der Stadt, wo niemand ihn kannte, konnte Okeke Nwede eine Ausbildung zum Ingenieur an einer lokalen Universität absolvieren. Er engagierte sich in der dortigen Kirchengemeinde, wo er Theresa kennen lernte. Theresa wollte Okeke unabhängig von seinem "Status" heiraten. Das Paar setzte sich über die alten Traditionen und die Dorfbewohnern hinweg, heiratete und lebt heute in glücklicher Ehe mit zwei Kindern.
Die christliche Religion propagierte das Prinzip der Nächstenliebe und der Gleichheit aller Menschen ohne Unterschiede bezüglich des sozialen Status. Die Verstädterung schuf eine neue Welt, in der Wohnsituation und Arbeitsstelle nicht mehr vom sozialen Status, sondern von Qualifikation und Fähigkeiten abhängen. Dort muss jeder bei Null anfangen und kann sein Schicksal, unabhängig von der früheren Stigmatisierung, selbst in die Hände nehmen. Trotz dieser Entwicklungen hält vor allem auf dem Land die Praxis an, die Nachkommen von Ausgestoßenen und Sklaven zu stigmatisieren und zu verfolgen, ohne dass diese Schuld auf sich geladen hätten. Diesen Menschen bleibt der Weg in ein glückliches Leben bis heute verwehrt.
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