09.10.2006 11:40 Uhr

Russland: In 15 Jahren 246 Journalisten umgebracht. Mord an Anna Politkowskaja

Bücher der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja über den Tschetschenienkrieg auch in deutscher Sprache erhältlich



Auftragsmord: Anna Politkowskaja, die schärfste Kritikerin des Präsidenten Putin, wurde am 7.10.2006 erschossen. Foto: Nowaja Gaseta


Frankfurt/M. (9. Oktober 2006) - Kompromisslosse und furchtlose Journalisten wie Anna Politikowskaja leben in Rußland nicht lange. In Rußland wurden in den vergangenen 15 Jahren 246 Journalisten umgebracht. Fast keiner dieser Morde ist gelöst worden. Auch diesmal ist nach Meinung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Hoffnung, die Staatsanwaltschaft und die Polizei würden den Killer und seine Auftraggeber finden, gering. Die Zeitung "Nowaja Gaseta", für die A. Politkowskaja arbeitete, kündigte ihre eigenen journalistischen Ermittlungen an; dazu rief auch der Vorsitzende des russischen Journalistenverbandes auf.
 
Anna Politkowskaja war eine der wenigen Journalisten, die kompromisslos und furchtlos über die Situation in Tschetschenien berichtete. Vor ihrer Ermordung arbeitete sie an einer  Artikelreihe über Folter und Entführungen in Tschetschenien und die Rolle von Ramsan Kadyrow, den eigentlichen Herrscher in Tschetschenien, bei diesen Verbrechen. Ihren letzter Auftritt hatte sie am 5.Oktober in einer Sendung des Radio Liberty, in der sie über Tschetschenien und Ramsan Kadyrow gesprochen hatte, diesen als "bis zu den Zähnen bewaffneten Feigling" bezeichnete und den Wunsch äußerte, ihn bald auf der Anklagebank zu sehen.

Zur Person Anna Politkowskaja:

Anna Politkowskaja (geb. 1958), studierte Journalistik an der Moskauer Universität, das sie 1980 abschloss. 1982 bis 1993 arbeitete sie bei der Zeitung "Iswestija" und anderen Redaktionen. 1994 wechselte sie zur "Obschtschaja Gaseta". Seit Juni 1999 war sie bei der regimekritischen unabhängigen "Nowaja Gaseta" tätig. Ihr Schwerpunkt war Putins Krieg in Tschetschenien, das sie mehrmals besuchte. Sie und ihre Zeitung wurden zum Sprachrohr der Opfer in diesem kaukasischen Schlachthof. Für ihre Reportagen über die grausame Wirklichkeit in Tschetschenien wurde sie weltweit bekannt und ausgezeichnet, in Russland selbst brachte es ihr Morddrohungen und Mordanschläge ein. In ihrem letzten Artikel beleuchtete sie die Zusammensetzung und das mörderische Diktat der paramilitärischen Verbände des Moskauer Staathalters in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow. Ihr Bericht über die Verschleppung von Zivilisten und Folter in Tschetschenien blieb unvollendet. Ob er vollständig erscheinen wird bleibt ungewiss. Gleich nach ihrer Ermordung durchsuchte die Staatsanwaltschaft ihr Arbeitszimmer und nahm alle Unterlagen mit.

Anna Politkowskaja ist Autorin mehrerer Bücher, von denen einige in deutscher Sprache erhältlich sind:
"Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg", DuMont Verlag, ISBN 3-8321-7832-5
"In Putins Russland", DuMont Verlag, ISBN 3-8321-7919-4



Siehe auch:

Russland: Zensur, Unterdrückung und Verfolgung von Journalisten unter Putin
Alexej Simonow, Präsident der Stiftung zur Verteidigung der Glasnost, Moskau, Russland. Rede im Rahmen der IGFM-Jahresversammlung "Meinungs- und Pressefreiheit verteidigen". Mai 2006

Massenmedien in Russland. IGFM-Bericht, Juli 2006

Probleme der Medien in den russischen Regionen. Michail Karasew, Chefredakteur des Fernsehsenders "Olymp", Tambow, Russland. Bericht an die IGFM, Mai 2006

Putins administrative Reformen und die Demokratie in Russland.
Das in Russland kaum entwickelte demokratische Immunsystem ist durch das System Putin geschädigt worden. Dr. Rudolf A. Mark, Ost-Akademie, Lüneburg. Dezember 2004

Tschetschenien 2003: Das Verfassungsreferendum und der blutige Alltag danach. IGFM, Juli 2003

 

 






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