Die Ein-Kind-Politik der VR China und ihre Auswirkungen
Staatlich verordnete Zwangsabtreibung als Methode der chinesischen Familienplanung und Geburtenkontrolle
von Christine Pierk
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Bild: kreuz.net |
Während in Deutschland und anderen europäischen Staaten verstärkt Anreize gesetzt werden, um das Geburtenniveau anzuheben, kämpft das bevölkerungsreichste Land der Erde seit Jahrzehnten mit einem rasanten Bevölkerungswachstum. Um dieses einzudämmen, hat die Volksrepublik China im Jahre 1979 die so genannte "Ein-Kind-Politik" eingeführt.
Nach westlichem, demokratischem Verständnis ist dies ein massiver Eingriff in die Privatsphäre und das Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Doch im sozialistischen China sind die Interessen der Einzelnen denen des Staates immer untergeordnet, so dass auch das Staatsziel der Bevölkerungspolitik über dem persönlichen Wunsch eines Ehepaares nach einem Kind steht.
Da die erste Generation der staatlich gewollten Einzelkinder mittlerweile erwachsen ist und nun selbst eine Familie gründen möchte, werden die Folgen dieser weltweit einzigartigen Bevölkerungspolitik immer deutlicher.
Am 29. Dezember 2001 wurde in der Volksrepublik China ein neues Familienplanungs- und Bevölkerungsgesetz verabschiedet, das am 01. September 2002 in Kraft trat. Dieses bekräftigt die seit Jahren praktizierte Politik der Geburtenkontrolle und Familienplanung, die sich in der Ein-Kind-Politik ausdrückt. Denn nach der Geburt des ersten Kindes gilt jedes weitere als "ungewollt" , aber nicht von den Eltern, sondern von der Staatsführung. Allerdings lässt das Gesetz unter bestimmten Umständen , beispielsweise bei einer Behinderung oder dem Tod des ersten Kindes ,auch die Geburt eines zweiten Kindes zu. Auch in ländlichen Gebieten macht man Ausnahmen, wenn der Abstand zum ersten Kind nicht zu gering ist. Die nationalen Minderheiten sind von diesen Vorschriften weitgehend ausgenommen und auch bevölkerungsarme Nationalitäten unterliegen keinerlei Geburtenkontrolle.
Um das Bevölkerungsprogramm erfolgreich durchführen zu können, hat sich die chinesische Regierung nicht nur auf die "Freiwilligkeit" der Menschen verlassen, sondern die Geburtenkontrolle und Familienplanung mit zahlreichen Belohnungen und Sanktionen durchgesetzt. So erhält die Ein-Kind-Familie zahlreiche materielle Anreize, wie beispielsweise monatliche Prämien bis zum 14. Lebensjahr des Kindes, wie auch Begünstigungen im Bildungs-, Gesundheits- und im Wohnungsbereich. Bei den Sanktionen, die bei Nichteinhaltung der Familienplanungspolitik verhängt werden, handelt es sich hauptsächlich um finanzielle Strafen. Dabei wird beispielsweise ein prozentualer Betrag vom Lohn des Ehepaares abgezogen, die Familie im Wohnungssektor benachteiligt, sowie das ungeplante Kind im Bildungs- und Gesundheitsbereich eingeschränkt.
Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass sich oftmals reiche und auch arme Eltern trotz der hohen finanziellen Strafen nicht von einer ungeplanten Geburt abhalten lassen. Erstere weil sie die hohen Summen ohne Probleme zahlen können und letztere, weil eine Sanktionierung durch die Behörden bei ihnen aufgrund ihrer schlechten finanziellen Lage keinen Erfolg versprechen würde. Da die Strafen aber für diejenigen, die sie zahlen müssen, sehr hoch sind, erfüllen sie das Ziel der Abschreckung im Sinne der Geburtenkontrolle sehr gut. So müssen Paare, die ein außerplanmäßiges zweites Kind bekommen, in bestimmten Regionen 365$ zahlen , was in manchen Fällen dem Vierfachen des durchschnittlichen Netto-Jahreseinkommens eines Bauern entspricht.
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Zwangsabteibung an einer uygurischen Frau. |
Bei den verschiedenen Methoden der Familienplanung und Geburtenkontrolle sind besonders die Abtreibungszahlen erschreckend. Während es im Jahre 1979 noch 7,9 Millionen Abtreibungen gab, stieg diese Zahl drei Jahre später bereits auf 12,4 Millionen. Der Grund dafür ist, dass Abtreibungen in der Volksrepublik China nicht nur legal und für jede Frau möglich sind, sondern auch von der Regierung noch offiziell gefördert und in Form von bezahltem Urlaub belohnt werden. Unverheiratete Frauen müssen dagegen für die Abtreibung bezahlen.
Trotz zahlreicher Berichte über Zwangsabtreibungen und einer landesweiten Durchführung von Zwangsmaßnahmen zur Fertilitätskontrolle im Jahre 1983 bekräftigte die chinesische Regierung fortwährend die Freiwilligkeit des Bevölkerungsprogramms und wies sämtliche Schuld von sich ab.
Zwar waren es immer die lokalen Helfer, die solche Zwangsmittel angeordnet und durchgeführt haben, aber diese standen ständig unter dem Druck der Zentralregierung, die Geburtenraten in ihrem Bezirk zu senken und eine hohe Verbreitung der Verhütungsmittel und des Ein-Kind-Zertifikats zu erreichen. Wie schon erwähnt, ist es heute allerdings eher möglich, ein zweites Kind zu bekommen, da das neue Gesetz zahlreiche Ausnahmegenehmigungen vorsieht und die Regierung verstärkt auf die Abschreckung durch finanzielle Mittel setzt. Trotzdem sind Abtreibungen immer noch bis zum sechsten Schwangerschaftsmonat möglich und legal.
Zwar verringerte die Ein-Kind-Politik die Fertilität der Volksrepublik stark, verlangsamte das natürliche Bevölkerungswachstum und reduzierte die Bevölkerung um rund 300 Millionen Menschen, zieht aber gleichzeitig auch einige unbeabsichtigte und teilweise folgenschwere Probleme nach sich. Allgemein gesehen unterstreichen und vergrößern diese staatlichen Maßnahmen die schon bestehenden Unterschiede zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung, wie auch zwischen den armen und reichen Chinesen. Denn die hohen Geldbußen für ein zweites, ungenehmigtes Kind werden von der wohlhabenderen Schicht oft in Kauf genommen, wohingegen die Mittelschicht dazu nicht in der Lage ist. Für diese Menschen kann eine solch enorme Summe die gesamte Existenz gefährden.
Allerdings sind die Menschen, die in der Stadt leben, auf die Mithilfe möglichst vieler Kinder bei der täglichen Arbeit nicht angewiesen und können somit , im Gegensatz zur ländlichen Bevölkerung , nur ein Kind und damit zahlreiche Vergünstigungen bekommen. Ehepaare, die auf dem Land leben und nicht über größere finanzielle Mittel verfügen und die Unterstützung ihrer Kindern benötigen, müssen noch dazu mit Nachteilen bei der Landzuteilung oder den Bildungs- und Gesundheitsangeboten zurecht kommen. Dadurch verschlechtern sich die Lebensbedingungen für den einen Teil der Bevölkerung, während der , schon privilegierte ,andere Teil noch davon profitiert.
Außerdem ist das Geschlechterverhältnis bei der Geburt, das in der Regel bei rund 106 Jungen auf 100 Mädchen liegt, seit Einführung der Ein-Kind-Politik auf ein unnatürliches und historisch einzigartiges Niveau angestiegen. Während in den Volkszählungen der Jahre 1953 und 1964 noch normale Geschlechterproportionen von 104 zu 105 Kleinkinder registriert wurden, war diese Zahl im Jahre 1982 schon auf 108 angewachsen. Diese Unregelmäßigkeit hielt in den folgenden Jahren an und ging sogar so weit, dass die Sexualproportion im Jahre 1995 bei 116 und fünf Jahre später bei knapp 118 lag. Dieses Phänomen kann auf drei Faktoren zurückgeführt werden: Erstens auf die niedrige Fertilität des Landes, zweitens auf die starke und kulturell bedingte Bevorzugung von Söhnen und drittens auf die mittlerweile weit verbreitete Möglichkeit der pränatalen Geschlechtsbestimmung, die häufig eine Abtreibung der weiblichen Föten nach sich zieht.
Somit steht die abnehmende Zahl der jungen Frauen einer immer größeren Anzahl von jungen Männern gegenüber. Aufgrund dieses Männerüberschusses und des Brautmangels wird es sicherlich immer stärker zu Schwierigkeiten auf dem Heiratsmarkt kommen. Einige Experten warnen sogar davor, dass das Land durch den immer höher werdenden Männeranteil eine kriegerischere und aggressivere Haltung in der internationalen Politik einnehmen könnte. Dadurch besteht auch immer die Gefahr, dass es aufgrund der vielen unverheirateten Männer zu sozialen Spannungen kommt, die sich im schlimmsten Fall sogar zu Unruhen in der Gesellschaft ausweiten könnten. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Eltern im konfuzianisch geprägten China den Sohn zur Heirat drängen, damit dadurch die Familienlinie weitergeführt und die Ahnen geehrt werden.
Obwohl diese Anomalie der Sexualproportion überwiegend in den ländlichen Regionen Chinas vorkommt, tritt sie mittlerweile auch schon zunehmend in den Städten auf. Außerdem wird sich das Problem auf dem Land verschärfen, da die dort lebenden Frauen eine höhere Mobilität als die Männer aufweisen und deshalb oft in die Städte abwandern. Berechnungen zufolge werden in den nächsten Jahren 23 Millionen junge Chinesen in ihrem Heimatland keine Frau zum Heiraten finden. Untersuchungen haben ergeben, dass sie durch diesen Umstand anfälliger sind, Verbrechen zu begehen. Dadurch könnte das Gleichgewicht in der Gesellschaft und der Politik gefährdet sein.
Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, hat die chinesische Regierung eine Kampagne für mehr Mädchen im Land gestartet. So werden Ehepaare, die sich für die Geburt ihrer Tochter entscheiden, mit zusätzlichen finanziellen Altersabsicherungen und Häusern belohnt. Besonders schwer ist die Überzeugungsarbeit aber immer noch auf dem Land, da meist nur die Söhne im Alter für die Eltern sorgen und die Töchter in die Familie ihres Mannes einheiraten. Mittlerweile ist auch die Geschlechtsbestimmung vor der Geburt durch das neue Gesetz verboten. Folglich ist es auch den Ärzten unter Strafe untersagt, den Eltern das Geschlecht des Kindes mitzuteilen. Die großzügigen Vergünstigungen, die der Familie für eine Tochter bereitgestellt werden, könnten langfristig gesehen zu einer ausgeglicheneren Sexualproportion, wie auch zu einem gesteigerten Ansehen der Mädchen in China führen.
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Von den staatlich verordneten Zwangsabtei- |
Überdies hinaus zieht die Ein-Kind-Politik unausweichlich auch einige soziale Probleme mit sich. So diente die Geschlechtsbestimmung vor der Geburt auch der Altersabsicherung. Denn nach chinesischer Tradition sorgen die Kinder ,aber speziell die Söhne, im Alter für ihre Eltern. Deshalb waren besonders Ehepaare, die auf dem Land lebten, vor der strengen Familienplanung darauf bedacht, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Als jedoch die Fertilität und damit auch die Zahl der Geburten pro Frau zurückging, sorgten sich viele um ihre Alterssicherung. Auch aus diesem Grund trieb man verstärkt Mädchen ab.
Um den Menschen diese Ängste trotz der chinesischen Bevölkerungspolitik zu nehmen, müsste in den ländlichen Gebieten einerseits ein Rentenversicherungssystem eingeführt werden, das die Eltern von ihren Kindern finanziell unabhängiger macht. Andererseits sollte die Regierung die älteren Bürger dazu ermutigen, bei ihren erwachsenen Töchtern zu leben. Dies könnte auch dazu beitragen, dass sich das Geschlechterverhältnis im Laufe der Zeit wieder dem biologisch normalen Bereich nähert. Außerdem sollte die Beziehung zwischen Kindern und Eltern von staatlicher Seite noch stärker unterstützt werden, da die chinesische Bevölkerung zunehmend altert, die Fertilität aber gleichzeitig sinkt und die älteren Menschen auf die Hilfe ihres nun erwachsenen Nachwuchses angewiesen sind.
Aufgrund der Ein-Kind-Politik konzentrieren sich die Eltern auch sehr stark auf ihr einziges Kind und setzen all ihre Energie dafür ein, dass dem Sohn oder der Tochter alle Möglichkeiten offen stehen. Deshalb investieren sie viel Geld in Frühfördermaßnahmen und die schulische Aus- und Weiterbildung ihres Nachwuchses. Ausgelöst durch die ehrgeizigen Eltern findet an den Schulen ein regelrechter Konkurrenzkampf statt, der die Kinder enorm unter Leistungsdruck setzt. Denn für chinesische Ehepaare steht der schulische Erfolg des Kindes an erster Stelle , noch vor der gesundheitlichen und moralischen Entwicklung. Um die hohen Erwartungen der Eltern zu erfüllen, die all ihr Geld und ihre eigenen Träume in das Leben der Kinder investieren, müssen diese viel lernen und Leistungen erbringen. Da die meisten Kinder ohne Geschwister aufwachsen, verhalten sie sich oft egoistisch und selbstsüchtig. Durch das Umsorgen der Eltern sind außerdem viele Kinder und auch Jugendliche verwöhnt und unselbständig. Um solchem Verhalten entgegenzuwirken, gibt es bereits Ferienlager, in denen den Kindern soziale Kompetenzen gelehrt werden und das Miteinander praktiziert wird.
Die chinesische Ein-Kind-Politik wurde seit ihrer Einführung international heftig kritisiert, die radikalen Maßnahmen und die damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen zu Recht verurteilt. Denn eine Bevölkerungspolitik darf nicht mit Hilfe von Zwangsmaßnahmen gegen den Willen der Menschen durchgesetzt werden. Dabei heiligt das Ziel auf keinen Fall die Mittel, sondern zieht auch noch dramatische Folgen nach sich. Die Menschenwürde sowie die Menschenrechte sind weltweit zu achten und dürfen daher auch von der chinesischen Regierung nicht verletzt werden. Obwohl die europäischen Länder mit dem entgegen gesetzten Problem einer zu geringen Fertilität zu kämpfen haben, sollten sie sich im Hinblick auf deren Folgen stärker mit dieser Bevölkerungspolitik und den eingeleiteten Maßnahmen auseinandersetzen. Denn in einer globalisierten Welt haben die Probleme in China auch Auswirkungen auf die internationale Ordnung und deren Stabilität.



















