Die Regierung muss unter Druck gesetzt werden


"Der Islam ist eine respektable Religion, aber in Nigeria vergeht kein Tag ohne vielfache Menschenrechtsverletzungen im Namen des Islam. Barbarische Strafen wie Auspeitschungen, Amputationen und sogar Steinigungen sind Realität. Steinigungen, die in Dörfern stattfinden, werden von der nigerianischen Presse nicht beachtet", berichtet Prof. Dr. Obiora Ike.  Der Sozialethiker und Leiter des Institutes für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden in Enugu (Südostnigeria) warnt vor dem Verlust von Pluralität und Religionstoleranz in ganz Nigeria. Ike: "Jeder hat das Recht auf seine eigene Religion. Sie darf aber der staatlichen Verfassung, die für alle gilt, nicht entgegengestellt werden!"

 

Sie haben formuliert, dass in Nigeria täglich im Namen des Islam Menschenrechtsverletzungen geschehen. Um welche Art von Menschenrechtsverletzungen handelt es sich dabei und welche Rolle spielt dabei die Scharia?

 

Zur Rolle der Scharia muss man bedenken: Die Scharia ist eine religiöse Praxis, die der Gerechtigkeit und völligen Regulierung von Kultur und Leben unter Muslimen dienen soll. Wir können weder den Koran noch eine Glaubenshaltung verurteilen, solange Menschenwürde in einer pluralistischen Gesellschaft gewahrt bleibt. Muslime haben ein Recht auf eigenen Lebensstil und auf Wahrung der Lehren ihrer Religion. Probleme beginnen dann, wenn die plurale Koexistenz in Gefahr gerät, verfassungsrechtliche Bestimmungen, die die Einheit des Landes anstreben sollen, beiseite geschoben werden, wenn internationale Normen, die die Grundlagen für Menschenrechte sichern sollen, abgelehnt werden, und all das im Namen von Scharia und Religion.

 

In Nigeria wurden Menschenrechte gröblich verletzt von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, im Namen von Scharia und Religion zu handeln. Sie haben Menschen verurteilt zu Steinigung, Auspeitschung, Beraubung ihrer Rechte, zum Abhacken ihrer Hände oder zu sonstigen Amputationen, zur Bloßstellung ihres Privatlebens im Namen von Religion, sie gestatten keine Privatsphäre, sie verweigern Freiheiten wie etwa das Recht auf Arbeit, sie verweigern Christen Bauplätze für ihre Kirchen und Zugang zu Landbesitz und Privateigentum. Stattdessen vertreiben sie aus ihren Häusern, bedrohen ihr Leben und setzen sie unter Druck und so weiter. Wie könnten diese Ansprüche einer einzigen Religion auf Ausübung von Straf- und Zivilrecht im klaren Widerspruch zur Landesverfassung korrekt sein? Religiöse Toleranz heißt vor allen Dingen Koexistenz, daran hat der Islam sich genauso zu halten wie andere auch. Da liegt das Problem: Die Täter glauben, im Namen von Allah zu handeln. Im Geiste Gottes sollte Einheit aller und Liebe zu allen herrschen und nicht Verleugnung von Menschenrechten und Verunglimpfung von Personen im Namen von Allah.

 

Sicherlich könnte die Scharia ihren Nutzen haben, aber wird sie in Nigeria zur Staatsreligion gemacht, so wird sie destruktiv. Krieg wird ausbrechen. Die Einheit des Landes kann überstrapaziert und Toleranz gegenüber anderen zum Problem werden. Pluralität ist angesagt. Kulturelle Verschiedenheiten und Integrität sind unumgänglich, aber nicht auf Kosten anderer. Wir brauchen dringend Dialog und Geduld, um das zu begreifen und umzusetzen.

 

Sie haben darauf hingewiesen, dass viele Scharia-Urteile, sogar Steinigungen weder in nigerianischen noch in ausländischen Medien beachtet werden. Sind die Medien in Nigeria desinteressiert, stehen sie unter Druck oder worin bestehen die Ursachen für die fehlende Berichterstattung? Sind vor allem die nördlichen Bundesstaaten Nigerias betroffen?


Die Medien? Ob die Medien Bericht erstatten oder nicht hängt davon ab, ob die Medienvertreter vor Ort sind oder nicht. Welche positiven Berichte von Afrika kann man schon in westlichen Medien hören, ob nun in Deutschland oder sonst wo? Das gleiche gilt für Nigeria. Starke Medienpräsenz herrscht vor allem in Lagos und Abuja, aber alles was sich im Rest von Nigeria abspielt, einem Land fast drei mal so groß wie Deutschland, ohne angemessene Infrastruktur hinsichtlich Telekommunikation, Straßen und andere Kommunikationsnetzwerke, ohne Journalisten, die über das ganze Land verteilt sind, da wird die Nachrichtenübermittlung zu einem mühseligen Unterfangen. Über viele Ereignisse wird schlichtweg nicht berichtet, weil man nichts davon erfährt; besonders in Nordnigeria sind die Entfernungen sehr groß, oft liegt die nächste Stadt in 300 Kilometer Entfernung, dazwischen nur unwegsames Gelände. Das sind vor allem die Regionen Kano, Sokoto, Zamfara, Bornu, Bauchi, Katsina, Kaduna und Niger.


Die Zentralregierung müsste doch auch über das Wissen verfügen, dass auf dem Lande Auspeitschungen, Amputationen und sogar Steinigungen stattfinden. Weshalb wird sie nicht tätig wenn ihr bekannt ist, dass Provinzregierungen nicht dagegen handeln wollen? Die Zentralregierung verzichtet seit mehreren Jahren darauf, die Scharia-Gesetzgebung in den nördlichen Bundesstaaten aufzuheben. Weshalb diese Zurückhaltung?


Die Zentralregierung kennt die Situation, sie weiß um die Steinigungen, Amputationen etc., aber sie betreibt eine Vogel-Strauß-Politik, spielt ein Versteckspiel oder nimmt die Haltung ein: "Dusch mich, aber mach mich nicht nass". Es fehlt an politischer Bereitschaft, wahrscheinlich wegen der potentiellen Rolle, die die Religion in des Volkes emotionaler Kultur spielt, etwas aufzubauen oder zu zerstören. Die Zentralregierung schöpft ihre Autorität nicht voll aus und verharmlost die Gefahren, zu denen die Scharia führen könnte. Hinzu kommt, dass viele hohe Politiker in der Regierung selbst Moslems sind und in Gewissenskonflikte zwischen ihren religiösen Empfindungen und ihrem Glauben auf der einen Seite und ihrer Treue zum nigerianischen Staat auf der anderen Seite verstrickt sind. Die Situation ist geprägt durch Mangel an gutem Willen, durch Taktlosigkeit, Angst vor Weiterentwicklung und durch die Hoffnung darauf, dass Probleme dieser Art von alleine auftauchen und daher auch wieder von alleine verschwinden. Wir benötigen Führungspersönlichkeiten, die eine deutliche Sprache sprechen und die couragiert und unbestechlich handeln.

 

Selbst Präsident Obasanjo äußerte, dass sich das Problem früher oder später von selbst löse. Das hat es aber nicht getan. Es sind noch mehr Menschen umgekommen und noch weitere Staaten haben sich zur Scharia bekannt. Es sind die politische Elite im Norden und die Moslemführer, die den Mut aufbringen müssen, aus Respekt vor Gesamtnigeria und vor der Einheit des Landes und Respekt vor der Gewaltlosigkeit, die Scharia bedeutungslos zu machen und den Status quo ante wieder herzustellen. Noch nicht einmal zur Zeit der Militärregierung unter moslemischer Führerschaft wurde die Scharia erzwungen. Und jetzt, in einer Demokratie, erzwingen fanatische Befürworter die Scharia. Das Ergebnis dieser Situation sind viele Tote, und es werden in Zukunft noch Tausende von unschuldigen Bürgern sterben.


Gibt es Forderungen von Muslimen auch dort die Scharia einzuführen, wo mehrheitlich Christen leben?


Es gibt ein starke Strömung unter einigen Moslemführern in Nigeria, die von Moslems aus anderen Ländern gesteuert wird und die vollkommene und absolute Islamisierung Nigerias zum Ziel hat. Erst kürzlich setzte eine Debatte ein, in der es darum ging, nun auch eine modifizierte Form der Scharia in den westlichen Teilen Nigerias, also Lagos, Osun, Ondo, Oyo und Kwara einzuführen. Die Gefahr ist akut und die Energien sind geweckt, Gründungs- und Propandamaschinerie laufen.

 

Wie verhalten sich die Christen und die kirchlichen Amtsträger gegenüber den Menschenrechtsverletzungen im Rahmen der Scharia? Sind die Bischöfe durch öffentliche Kritik oder Appelle hervorgetreten?

 

Sie predigen Frieden und religiöse Toleranz; Respekt vor der Herrschaft des Gesetzes; Trennung von Kirche und Staat; öffentliche Stellungnahmen; Dialoge auf allen Ebenen; Lehre; Forschung und Zusammenkünfte mit Meinungsmachern und so weiter.


Es ist bekannt, dass es in Nigeria seit längerer Zeit Übergriffe von Muslimen auf Nichtmuslime gibt. Meinen Sie nicht, dass es sich dabei um eine kleine Minderheit handelt und die Mehrheit der nigerianischen Muslime Gewalt ablehnen und tolerant sind?


Es ist streckenweise eine Minderheit, die all die Gewalt im Namen des Islam ausübt. Aber wenn die Mehrheit der Muslime dazu schweigt oder fast nichts unternimmt, macht sie sich zum Komplizen und es wird schwierig zu unterscheiden, wer hier was im Namen des Islam tut. Es gibt viele Gründe: Unwissenheit, mangels Bildung Eifer bei Gewaltanwendung aus Tugend, fanatisches Training; Manipulation durch religiöse Führer; politische Manipulation des Islam unter der Berufung darauf, dass der reine Islam angestrebt werden soll; Ereignisse von weltweiter Bedeutung wie zum Beispiel der Angriff auf Afghanistan und auf den Irak unter Berufung gewaltanwendenden Terrorismus.


Zuweilen wird behauptet, dass Islamisten für sich aus der islamischen Ethik das Recht ableiten, die Unwahrheit zu sagen, falls dies im Interesse des Islam sei. Können Sie diese Einschätzung aus Ihrem Erfahrungsbereich bestätigen?


Generell glauben Moslems, dass sie alles tun müssen, auch sterben, um ihren islamischen Glauben zu verteidigen, das kann auch Gewaltanwendung und unmoralisches Verhalten beinhalten. Hier fangen die Schwierigkeiten an, eine Unterschied zwischen Glauben und Vernunft zu machen.


Am 19. April (Karsamstag) 2003 soll das Parlament der Bundesregierung Nigerias neu gewählt werden. Bestehen Aussichten, dass die politisch-religiösen Spannungen danach abflauen?


Die Gefahr hinsichtlich eines religiösen Aufruhrs besonders vor Wahlen ist in Nigeria jedes Mal sehr groß. Einer der Präsidentschaftskandidaten ruft die Moslems auf, keinen Präsidenten  für Nigeria zu wählen, der nicht auch Moslem ist. Das schafft ein Situation, die Übergriffe begünstigt.


Wie konnte es zu der angespannten Lage in Nigeria kommen? Unter welchem Einfluss und welchen Bedingungen konnten Unruhe und Hass gedeihen? Gab es Einwirkungen von Außen?


Zu den Ursachen gehören  Armut, soziale Unausgewogenheit, Ungleichheit, Unwissenheit der Jugendlichen, von denen  viele nicht zur Schule gehen und Druck, der von islamischen Ländern und der von den Mullahs reicher Länder neugeschaffene religiöse Fundamentalismus; Saudi Arabien, Iran, Libyen und der Sudan waren in Nigeria besonders aktiv alle möglichen Formen einen radikalen Islam zu fördern.


Was kann die internationale Gemeinschaft, was kann die deutsche Regierung, die Europäische Union tun, um Nigerias Regierung zu einer aktiven Menschenrechtspolitik zu bewegen?


Diese Institutionen und Länder können eine Menge bewirken und haben es auch schon getan. Aber es reicht nicht aus. Es muss mehr getan werden, indem man für mehr Bildung sorgt und größer angelegte Aufklärungskampagnen hinsichtlich der Dimension dieser Probleme durchführt. Das bedeutet, dass örtliche Gruppen, die den Dialog suchen, Kontakte knüpfen und Partnerschaften eingehen wollen, unterstützt werden; die Regierung muss unter Druck gesetzt werden, damit sie die Menschenrechte in Nigeria nach internationalen Standards respektiert.


Sollen sich die Regierungen der sogenannten christlichen oder westlichen Staaten bewusst mit Kritik an der Steinigung und Appellen zurückhalten, weil dies den Zorn der Muslime erregen und unter dem Vorwand der "kulturelle Bevormundung" zurückgewiesen werden könnte?


Die Regierungen westlicher Länder sind nicht mehr christliche Regierungen. Sie wurden von ihrem Volk lediglich gewählt, um sie zu vertreten. Dies sind keine religiösen Wahlen. Sie sollen nach internationalen Standards handeln wie allgemein anerkannt und solche Aktionen haben nichts mit kultureller Überheblichkeit zu tun. Die Menschenrechte und ihre Durchsetzung ist eine Mission für jeden Menschen und dessen Regierung. Auf lange Sicht ist der Maßstab jeder Zivilisation die Menge der Rechte, die dem einzelnen Bürger eingeräumt werden. Die Menschenrechte sind der Schlüssel zum Maßstab jeder Entwicklung.


Wie würden Sie sich den Dialog von Christen und Muslimen wünschen?


Ein Dialog kompromittiert nicht die eigene Position, sondern macht dem Partner die Unterschiede in einer Angelegenheit klar. Dialog verzichtet auf Gewalt solange er anhält. Dialog heißt nicht, dass man seine Überzeugung aufgibt. Aber er bejaht die Suche nach einer Lösung, die durch Toleranz, Pluralität, Gesetzestreue und Einhaltung von Regeln geprägt ist und Co-Existenz ermöglicht.
Dialog führen heißt akzeptieren, dass es keine absolute Wahrheit gibt und dass er mit gegenseitigem Respekt, Toleranz gegenüber dem anderen und der Kenntnis des Standpunktes des anderen geführt wird. Das ist das Gesetz des Augenblicks in Nigeria, Dialog auf allen Ebenen. Das ist das, was das Katholische Institut für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden tut. Es ist ein langer Weg. Aber es ist der richtige Weg und wird auf lange Sicht Frieden bringen. Er muss von allen Institutionen unterstützt werden, von örtlichen, nationalen und internationalen. Das ist unsere Aufgabe und ich freue mich, dass die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte diese Initiative unterstützt. Der Dialog für Religionsfreiheit und Toleranz in Afrika ist eine erhabene und noble Sache. Das ist Teil unserer Mission!


Die Fragen an Professor Ike stellte Martin Lessenthin.

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