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Meine Geschichte beginnt am Abend des 18. März 2003: Im Rahmen des "Schwarzen Frühlings" werden 75 Menschen aus vielen Dörfern und Städten unterschiedlicher kubanischer Provinzen verhaftet und zu Massenanhörungen geschleppt. Alle werden zu Haftstrafen zwischen 6 und 28 Jahren verurteilt.
Schon seit den frühen Morgenstunden wurde mein Haus in Las Tunas überwacht. Jedes Mal, wenn ich es verließ, wurde ich verfolgt. Etwas später erreichte mich dann noch die Drohung eines anonymen Anrufers mit der Mitteilung, ich werde innerhalb der nächsten Stunden verhaftet.
Aber ich war schon an diese Einschüchterungs- und Verfolgungsmethoden gewöhnt und lebte mein Alltagsleben einfach weiter, ohne diese Dinge ernst zu nehmen, nicht ahnend, dass ich mich bereits inmitten einer großangelegten Operation der Staatssicherheit des Kuba-Regimes befand - der "Offensiva II".
Gegen 15:30, als ich gerade mit meinen Kollegen von der Agentur für freie Presse, Ramon Velazquez Toranzo, Hector Olivera Gonzalez und Guillermo Farinas im Englisch-Unterricht war - dieser Unterricht war Teil unser Grundausbildung zu Journalisten für alternative Medien -, erschienen Beamte der Politischen Polizei. Sie hielten mir eine Anzeige wegen "subversiver Tätigkeit" vor und erklärten, mich festnehmen und mein Haus durchsuchen zu wollen. Ich bat die Offiziellen, meine Begleiter von der Agentur für freie Presse gehen zu lassen. Sie stimmten meiner Bitte ohne Einwände zu.
Vor den Augen meiner vier kleinen Kinder und ohne auf den psychologischen Schaden, den sie damit anrichteten zu achten, begannen die Offiziere mit einer minutiösen Hausdurchsuchung, die letztendlich etwas mehr als sechs Stunden andauerte. Besondere Aufmerksamkeit erregte bei ihnen eine Videokassette mit dem Titel "Das geheime Leben des Fidel Castro", die im Süden USA produziert worden war. (Allerdings wurde diese in der Verurteilung später nie erwähnt.)
23 Stunden später wurde ich zum Polizeigebäude der Provinz gebracht. Die kleine dunkle, feuchte Zelle mit dürftiger Belüftung als erster Vorgeschmack auf die Grausamkeit, die ich danach erfahren sollte.
Ich war in Einzelhaft, ohne viele Verhöre. Dann wurde ich wegen "Handlungen gegen die Unabhängigkeit und territoriale Integrität der Nation" zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Anklage basierte auf dem Gesetz 88, auch bekannt als das "Knebelgesetz" oder "Gesetz zum Schutz der nationalen Unabhängigkeit Kubas". Dieses Gesetz wurde weder vor noch nach der "Sache der 75" wieder verwendet.
Am 3. April 2003 fand die mündliche Anhörung in einem Theater statt. Passend, denn der ganze Prozess dort war genauso inszeniert wie ein schlechtes Theaterstück und hatte weder Hand noch Fuß. Einstimmig wurden die anderen vier Angeklagten und ich für schuldig befunden. Und trotzdem hatten wir nicht einen Moment unsere politische Meinung und unsere Unterstützung für einen demokratischen Wechsel in Kuba verleugnet. Am nächsten Tag verkündete uns der Gerichtsdiener die offiziell verhängten Haftstrafen, in meinem Fall: 24 Jahre Gefängnis.
Zwei Tage nach dem "Prozess", am 5. April 2003, wurden wir ins Hochsicherheitsgefängnis der Provinz, den "El Tipico" eingewiesen. Damit begann für mich eine Fahrt in die Hölle, oder besser gesagt - in die Strafvollzugsmaschinerie des Castro-Regimes. Als ich und die anderen Verurteilten im Gefängnis ankamen, wurde uns mitgeteilt, dass wir die nächsten zwei Jahre ohne jegliche Vergünstigungen in Isolationshaft verbringen müssten. Das alles, ohne jegliche Verstöße begangen zu haben, der diese so grausame, unmenschliche Art der Haft hätte rechtfertigen können.
In diesem Gefängnis und mit dieser Strafordnung hatte ich das Recht auf nur einen einzigen Anruf im Monat. Und natürlich wurde dieser immer abgehört und zensiert. Außerdem durfte ich alle drei Monate besucht werden und alle vier Monate mir eine kleine Tüte mit Essen vorbei bringen zu lassen. Besuche meiner Ehefrau waren nur jeden fünften Monat erlaubt.
Was ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen konnte, war, dass dies erst der Anfang meiner Odyssee als politischer Gefangenen sein sollte. Überführungen in neun verschiedene Gefängnisse in fünf Provinzen Kubas, alle sehr weit vom Wohnort meiner Familie entfernt, sollten folgen.
Wie litten wir, politische Gefangene, unter dem ehernen Deckel der medialen Verleumdung, deren einziges Ziel es war, uns in den Augen der kubanischen Bevölkerung unglaubwürdig darzustellen. In Fernsehprogrammen, wie dem "Runden Tisch" oder "Schlacht der Ideen", wurden nur die von der Regierung vorgefertigten Meinungen und Standpunkte wiedergegeben. Wir, die Gefangenen, konnten uns gegen die Vorwürfe nicht wehren und verteidigen, waren Opfer unbeschreiblicher Grausamkeit, eingesperrt und isoliert unter menschenunwürdigsten Bedingungen.
Es waren genau diese Haftbedingungen, die meine Gesundheit schwächten und mich, einen Mann, der zuvor 86 kg wog, nach eineinhalb Jahren Gefängnis um 45 kg Körpergewicht brachten. Diese alarmierende Gewichtsabnahme führte zu einer lebensgefährlichen Darminsuffizienz. Nur dank vieler Faktoren, wie der glückliche Umstand, dass ich Arzt bin und entsprechende Gegenmaßnahmen treffen konnte, mein Lebenswille und die Unterstützung vieler Personen, Institutionen, Freunde und Familienmitglieder sorgten dafür, dass ich überlebte.
Am Samstag, den 10. Juli 2010, wurde ich ins nationale Hospital für Häftlinge gebracht. Zwei Tage später, am Abend des 12. Juli 2010, wurde ich nach Spanien abgeschoben.
In den sieben Jahren und vier Monaten meiner Gefangenschaft war ich, meinen Gesundheitszustand einmal ausgenommen, immer voller Optimismus und zweifelte nie an der Richtigkeit meiner Überzeugungen. Aber als ich dann endlich in Freiheit war, fühlte ich mich, als ob ich in einer Parallelwelt angekommen wäre, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Mir wurde bewusst, dass "Angst haben" in Kuba etwas Chronisches ist. Deswegen wird für mich, die Anpassung and das Leben in Freiheit ein langer Prozess voller Überraschungen sein.
Ich werde jeden Tag ein Bisschen mehr von Demokratie und Gedankenfreiheit kennenlernen. Die beiden Dinge, die ich in meinem Heimatland suchte und heute in einem anderen Land gefunden habe. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sie irgendwann mein geliebtes Kuba erreichen werden.
Dr. José Luis García Paneque, geb. am 24.Juli 1965, katholisch, verheiratet mit der Anwältin Yamilet Llanes, hat vier Kinder. 1989 schloss er ein Medizinstudium ab, seit 1993 ist er Spezialist in plastischer Chirurgie. 1996 schloss er sich der Widerstandsbewegung gegen das Castro-Regime an. 1998 trat er der unabhängigen "Agencia de Prensa Libertad" (Agentur für freie Presse) bei, die sich die Betreuung journalistisch alternativer Projekte zur Aufgabe gemacht hat. 2000 wurde er zum Direktor der Agentur für freie Presse ernannt, im Jahr danach wegen regimekritischer Aktivitäten als Arzt im Hospital der Provinz Las Tunas fristlos entlassen.
Während der kubanischen "Schwarzen Frühlings" im März 2003 wurde Dr. Paneque verhaftet und zu 24 Jahren Haft verurteilt. Zwei Jahre davon verbrachte er in Isolationshaft, befand sich in insgesamt neun verschiedenen Gefängnissen in fünf Provinzen Kubas. Am 12. Juli 2010 wurde Dr. Paneque vorzeitig freigelassen und nach Spanien abgeschoben.
Dr. Christian Ehler MdEP, EVP, Stellv. Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, war politischer Pate von Dr. José Luis García Paneque, sowie Wigbert Schwenke, MdL (CDU), Landtag von Sachsen-Anhalt, stv. Vorsitzender des Sozialausschusses.
Hinweis: Der kubanische "Schwarze Frühling" (la Primavera Negra) bezeichnet eine Verhaftungswelle von Regimekritikern, die am 18. März 2003 auf Kuba begann und ca. 2 Wochen andauerte. Auf Grundlage des "Gesetzes zum Schutz der Nationalen Unabhängigkeit Kubas", dem Ley de Protección de la Independencia Nacional y la Economía Cuba, wurden 75 Personen inhaftiert, die als "Gruppe der 75" weltbekannt wurden.