Für Freiheit und Gleichstellung


von Walter Flick

Pfarrer Jusuf Akbulut im Jahr 2003.

Die 90er Jahre bedeuteten für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt der Verfolgung und der Bedrängnis syrischer Christen im Südosten der Türkei. 34 namentlich bekannte Christen wurden von 1990 - 1998 im Tur Abdin, einem alten christlichen Klostergebiet, umgebracht. Die Zahl der Christen war von 70.000 in den 60er Jahren auf rund 2000 im Jahr 1998 gesunken.

Alarmiert durch diese Nachrichten, entschloss sich die IGFM, im Juni 1994 eine dreiköpfige Delegation in den Südosten der Türkei und in den Tur Abdin zu schicken. Die daraufhin unter dem Titel "Verfolgte Christen im Tur Abdin" veröffentlichte 18-seitige Dokumentation beginnt mit den Worten: "Die Existenzbedingungen der Christen in der Türkei haben sich in den letzten Jahren sehr verschlechtert, die Verfolgung der Christen in ihrem angestammten Gebiet in Südostanatolien kommt dem Genozid gleich."

In der Dokumentation werden u.a. 24 in den 80er und 90er Jahren an syrischen Christen verübte Morde aufgeführt und die Geschichte des 1993 entführten syrisch-orthodoxen Religionslehrers Lahdo aus dem Dorf Miden geschildert. "Zeugen berichteten, dass die Entführer Dorfwächter und Mitglieder der Hisbollah waren. Schon längere Zeit forderten sie, dass die Christen abhauen sollten, denn die Türkei ist ein islamisches Land."

Neben der Verfolgung durch eine islamistisch-türkische Hisbollah, die eine "christenfreie" Region anstrebte, gerieten die Syriani, wie man die dort lebenden Christen assyrischer Volkszugehörigkeit auch nennt, in die Auseinandersetzung zwischen die kurdische PKK und dem türkische Militär. Es wurde ihnen Kooperation mit der jeweiligen anderen Seite vorgeworfen.

Die Reise und Dokumentation des Jahres 1994 markiert den Beginn intensiver Arbeit zur Lage der Christen in der Türkei: Mitarbeit im 1993 entstandenen "Solidaritätskreis Tur Abdin", Artikel in der Zeitschrift "Menschenrechte", so im Heft 6/1995 zu griechisch-orthodoxen Christen in der Provinz Hatay, Unterschriftenaktionen wie "Weltkulturerbe Kloster Mar Gabriel" und "Religionsfreiheit für Christen", gerichtet an Staatspräsident Demirel.

"Christen in der Türkei" sind ein ständiges Thema des im Mai 1998 entstandenen Rundbriefes zur "Religionsfreiheit" sowie bei den IGFM-Jahresversammlungen. Im Oktober 1998 erschien der Rundbrief aus Anlass "75 Jahre Republik Türkei" mit einer sechsseitigen Sonderbroschüre. Im Januar 1999 und im Januar 2000 reisten weitere Kleingruppen der IGFM zu verschiedenen Gemeinden in Istanbul. Die Fahrten dienten auch der Übergabe von Medikamenten an Kirchenvertreter.

Hilfe für die Arbeit von Religionslehrern

In Verbindung mit dem Solidaritätskreis Tur Abdin wurde und wird die Arbeit von Religionslehrern im Südosten der Türkei unterstützt. Immer wieder wurden und werden auch Appelle für einzelne Christen wie den im Herbst 2000 der Volksverhetzung angeklagten syrisch-orthodoxen Pfarrers Akbulut (Diyarbakir) durchgeführt. Seitdem die Türkei im Dezember 1999 als EU-Kandidat offiziell aufgenommen wurde, gibt es z. B. nach Unterschriftenabgaben Antworten der türkischen Botschaft. Die Türkische Botschaft in Berlin antwortete im Fall Akbulut mit Brief vom 26. Februar 2001: "Die Türkei ist ein durch das Gesetz regiertes Land. Beschuldigungen wegen Völkermordes (Anm. Redaktion: an Armeniern und Assyrern 1915 und Folgejahre) sind völlig grundlos und inakzeptabel."

Rund 12.000 Unterschriften wurden in der Zeit von 1998 bis 2002 übergeben. Nach 1999 spielen IGFM-Resolutionen, z.B. bei den Jahreshauptversammlungen 2002 und 2003, in Verbindung mit der EU-Kandidatur der Türkei eine besondere Rolle. Zahlreiche IGFM-Pressemeldungen zur Lage von "Religionsfreiheit/Christen in der Türkei" dokumentierten die Situation. Die 11-tägige Türkeireise im September 2004 zu christlichen Gemeinden und Kirchenvertretern erbrachte einem anschließenden 28-seitigen Bericht und bildet einen Höhepunkt bisheriger Arbeit. Im Oktober 2003 hielten im Rahmen eines dreitägigen Seminars im Burckhardt-Haus in Gelnhausen die Professoren Tamcke und Grulich aufschlussreiche Referate zur Geschichte der Christen in der Türkei einschließlich der Vorgänge während des 1. Weltkrieges.

Im Jahr 2004 ist vor dem Hintergrund der anstehenden EU-Entscheidung die IGFM-Arbeit zur Türkei weiter gefordert. Gleichstellung und Gleichberechtigung der kleinen christlichen Minderheit sind trotz Reformankündigungen durch die Erdogan-Regierung bei weitem noch nicht erreicht.

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