Das Volk der Inguschen: Schicksal einer Minderheit im Nordkaukasus, Russland


Bericht beruht auf einem IGFM-Sachverständigengutachten

 



IGFM, Wanda Wahnsiedler
November 1994

 

 

 

Das Volk der Inguschen: Geschichte und Leidensweg

Der Kaukasus. Karte: thewe.cc 

Die Inguschen sind eins der vielen Völker, die im nördlichen Kaukasus leben. Nach sowjetischer Volkszählung von 1989 gehören 237 438 Menschen diesem Bergvolk an (1937 waren es noch 436 076). Sie sind Muslime und ethnisch, sprachlich und kulturell eng mit den Tschetschenen verwandt. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet befindet sich zwischen dem der stets moskautreuen Osseten auf der einen Seite und dem der rebellischen Tschetschenen auf der anderen. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts besiedelten sie die menschenleere Anguscht-Ebene zwischen den Flüssen Sunschi und Terek. 1769 erhielten sie auf eigenen Wunsch die russische Staatsbürgerschaft, um so der Unterdrückung durch die Bergstämme der aksajer Kumyken und der Kabardiner zu entkommen. Ab 1830 wurde ein Teil der Inguschen von der ossetischen orthodoxen Mission zwangschristianisiert.

Ende 1994 entdeckte Dr. Michail Roschtschin, Wissenschaftler am Moskauer Institut für Ostkunde der russischen Akademie der Wissenschaften, während seiner Nachforschungen über die Geschichte der Inguschen im Russischen Archiv für Militärgeschichte ein Dokument vom 15.7.1842 "Bericht des Verteidigungsministers über den Wunsch der Inguschen-Gemeinde in Narsan, zum Islam zurückzukehren". Daraus ist erkennbar, daß die russische Militäradministration diesen Wunsch der Inguschen unterstützte, was allerdings starken Widerstand des orthodoxen Klerus hervorrief. Die Zarenantwort war: Die Rückkehr der Inguschen zum Islam ist zu verbieten; ihre Zwangschristianisierung sei einzustellen und nicht mehr zugelassen.

Der Beginn des zaristischen Eroberungskrieges im Kaukasus hatte wegen des erbitterten Widerstands der Tschetschenen die Verhängung des Ausnahmezustandes, die Einrichtung von russischen Kosakensiedlungen in Inguschetien und Tschetschenien und die erste Zwangsumsiedlung eines Teils der Inguschen zur Folge. So entstanden 1847 die Kosakensiedlungen Assinowskaja und Wosnesenskaja dort, wo Gadschiren-Jurt bzw. Mahomed-Chite waren, 1859 Sunschenskaja, Tarskaja und Karabulakskaja, wo Achki-Jurt, Anguschta und Ildir-Gala waren, 1860 Feldmarschalskaja, wo Alchaste war, und 1861 Woronzowo-Daschkowskaja und Nesterowskaja, wo Tausen-Jurt bzw. Ach-Borse waren. 1905 ließ die Zarenregierung im Tersker Gebiet den Nasrano-Inguschetischen Kreis einrichten, um die Beziehungen zwischen den zwangsumgesiedelten Inguschen und den Neuansiedlern, den Kosaken, zu entspannen. Das war auch ein Zeichen dafür, daß die Zarenregierung, für die die Inguschen gleich Tschetschenen waren, allmählich begriff, daß es sich hier um ein eigenständiges Volk handelte.

Am 7. Juli 1924 wurde von der sowjetischen Regierung die kurz nach der Oktoberrevolution von 1917 eingerichtete multinationale kaukasische Bergrepublik aufgehoben. Gleich darauf rief sie ein autonomes Gebiet Inguschetien und ein autonomes Gebiet Nord-Ossetien aus. Wladikawkas, die Hauptstadt der aufgelösten Bergrepublik, gehörte als eigenständige autonome Einheit der Russischen SFSR an. In dem rechts des Terek-Flusses gelegenen Stadtteil von Wladikawkas wurde die Administration des Inguschetien-Gebiets eingerichtet, in dem links gelegenen - die von Nord-Ossetien.

1924 und 1928 unternahmen die benachbarten Osseten erneut mehrere Versuche, den Inguschen dieses Gebiet zu entziehen, allerdings ohne Erfolg. 1934 rief Stalin die Gründung der Tschetscheno-Inguschetischen Autonomen Republik mit Grosnyj als Hauptstadt aus. Wladikawkas (damals: Ordschonikidse) wurde zur Hauptstadt Nord-Ossetiens erklärt. Trotzdem betrachten die Inguschen nach wie vor Wladikawkas als ihr Stammgebiet. Sie berufen sich dabei auf den Vertrag von 1810, den Rußland mit den Inguschen (und nicht mit den Osseten) über die Bewachung der Festung Wladikawkas abgeschlossen hatte.

Am 7.3.1944 erklärte Stalin in seinem Dekret "Liquidierung der Tschetscheno-Inguschetischen ASSR" die Inguschen und die Tschetschenen (genauso wie viele andere kleinen Völker) zum "inneren Feind" und ließ sie nach Mittelasien und Sibirien deportieren. Dreitausend Osseten ließen sich mobilisieren, um bei der Deportation der Inguschen behilflich zu sein ("Iswestija", 26.1.1994). Die so 39 freigewordenen inguschetischen Ortschaften wurden mit Osseten und Russen besiedelt.

 

"Streng geheim
An den Volkskommissar für Staatssicherheit, L.P. Beria
Berichte hiermit, dass mit der Umsiedlung der Tschetschenen und Inguschen am 23.02.1944 um 5.00 Uhr begonnen wurde. Es wurden dafür insgesamt 189 Züge mit je 65 Waggons für 493 269 Menschen bereitgestellt. Im Durchschnitt kamen pro Zug 2740 Personen. Die Züge befanden sich 9 bis 23 Tage, d.h. im Durchschnitt 16 Tage, auf dem Weg. Unterwegs wurden 56 Kinder geboren, 285 Menschen mussten in Krankenanstalten eingewiesen werden, 1272 verstarben.
Leiter der Konvoi-Armee des NKWD der UdSSR, Generalmajor Botschkow"

 

Im gleichen Jahr wurde der Großteil der historischen Siedlungsgebiete der Inguschen der Nord-Ossetischen Autonomen Sowjetrepublik zugeschlagen.

 

"An das Staatliche Verteidigungskomitee, Genosse I.W. Stalin
Den 26.2.1944. Infolge der Aussiedlung der Tschetschenen und Inguschen werden an die Nord-Ossetische ASSR angeschlossen: die Kreise Atschlukskij, Nasranowskij, Pse-dachskij, der Kreis Prigorodnyj mit Ausnahme seines südlichen bergigen Teils sowie ein Teil des Sunschenskij Kreises. ... L. Beria"

 

Auf Drängen des nord-ossetischen KP-Volkskommissariats und des KP-Gebietskomitees erhielt Nord-Ossetien auch den gewünschten Krupskij Kreis, der zu Kabardino-Balkarien gehörte (das Volk der Kabardiner wurde ebenfalls deportiert), und die Stadt Mosdok samt Umgebung. "Dank der unablässigen Sorge der bolschewistischen Partei und des Genossen Stalin persönlich hat sich unsere Republik um 50% vergrößert", so der Erste Sekretär des KP-Gebietskomitees Nord-Ossetiens, I.D. Kulow.

Tausende Inguschen kamen in der Verbannung in Kasachstan, Kirgisien und Sibirien ums Leben. Das Dekret des Obersten Sowjets der UdSSR vom 16.7.1956 verordnete zwar die Aufhebung der Kommandanturaufsicht des NKWD-Geheimdienstes (KGB) über die Inguschen in ihren Deportationsgebieten, das Verbot auf Rückkehr in ihre Heimat blieb aufrecht erhalten. Die heimatverbundenen Inguschen (wie auch die Tschetschenen) hielten sich nicht daran.

Am 1.4.1957 forderte der sowjetische KGB-Chef I. Serow in seinem mit "Streng geheim" versehenen Schreiben an das ZK der KPdSU, unverzüglich Maßnahmen gegen die Rückkehr der Inguschen in ihre jetzt zu Nord-Ossetien zugeschlagenen Gebiete einzuleiten, um "die Gründe für Entstehung einer ungesunder Situation in der Nord-Ossetischen ASSR zu beseitigen". Und das, obwohl er wußte, daß bereits am 9.1.1957 zwei Verordnungen mit dem gleichen Titel "Herstellung der Tschetscheno-Inguschetischen ASSR" verabschiedet worden waren: eine vom Obersten Sowjet der UdSSR und eine vom Obersten Sowjet der Russischen SFSR. Der einzige Unterschied im Text war, daß die zweite Verordnung in der Aufzählung den Kreis Prigorodnyj nicht erwähnte. Er war auch nicht in der Verfassung Nordossetiens als ihr Bestandteil enthalten, wohl aber in der Verfassung der Tschetscheno-Inguschetischen ASSR. Erst nach 1978 hat Nord-Ossetien diesen Kreis in die Verfassung eingetragen, wobei es sich auf Stalins Deportations-Erlass von 1944 berief.

 

 

Inguschen in Nord-Ossetien: Opfer der Moskauer Nationalitätenpolitik

 

"... Heute, am traurigen 50. Jahrestag der Zwangsumsiedlung der Inguschen und Tschetschenen spreche ich diesen Völkern mein inniges Mitgefühl und Anteilnahme aus. Die Inguschen und die Tschetschenen wurden Opfer der verbrecherischen Willkür von Stalin und Beria. ... Das totalitäre Regime hat die zwischennationalen Beziehungen mit Zeitzünderminen versehen. Dies wurde besonders in der ossetisch-inguschetischen Tragödie deutlich. ..." So Boris Jelzins in seinem Grusswort an die beiden Völker, das am 24.2.1994 in der russischen Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" veröffentlicht wurde.

Seit 1957 gab es drei geheime Anordnungen der sowjetischen Regierung, die die Rückkehr der deportierten Inguschen in ihre Siedlungen in Nordossetien verhindern sollte.
- Bereits 1956 verbietet der Ministerrat der Nord-Ossetischen ASSR mit seinem geheimen Rundschreiben Nr. 063 den Verkauf von Häusern oder Wohnungszuteilung an die Inguschen.
- 1982 erließ der Ministerrat der UdSSR die Anordnung Nr. 183 "Einschränkung des Zuzugs für den Kreis Prigorodnyj der Nord-Ossetischen ASSR".
- Signal für die dritte Anordnung war 1990 die Deklaration des Obersten Sowjet der UdSSR "Erklärung aller Gesetze und Verordnungen gegen deportierte Völker als unrechtmässig und verbrecherisch".

Letztere rief bei der nord-ossetischen Regierung und ossetischen Nationalisten grossen Unmut hervor. Am 14.9.1990 erließ der Oberste Sowjet der Nord-Ossetischen ASSR (diesen Namen führte Nord-Ossetien bis Ende 1993) die Anordnung, die den Verkauf und Kauf von Häusern für den Eigengebrauch in ganz Nord-Ossetien verbat. Der Protest des Generalstaatsanwalts der Russischen Föderation, der darauf erfolgte, wurde ignoriert.

Immer wieder haben die Inguschen an die Regierung in Moskau und an verschiedene Instanzen appelliert, ihnen ihre 1944 an die Nord-Ossetische SSR angegliederten Heimatgebiete Prigorodnyj und Mosdokskij zurückzugeben. Doch nichts geschah. Auch das am 26.4.1991 von der Regierung der Russischen Föderation verabschiedete Gesetz "Über die Rehabilitierung repressierter Völker", das u.a. die Wiederherstellung ihrer Republiken in den Grenzen, die sie vor ihrer Liquidierung durch Stalin hatten, vorsah, blieb ohne Wirkung.

Mehr noch: Am 4. Juni 1992 verabschiedete der Oberste Sowjet der Russischen Föderation das Gesetz "Über die Schaffung der Republik Inguschetien" im Rahmen Russlands. Es gliederte Inguschetien von Tschetschenien ab (was eher als Reaktion Moskaus auf den Austritt des widerspenstigen Tschetscheniens aus Russland zu verstehen war), ohne jedoch das Territorium, die Grenzen oder die Hauptstadt Inguschetiens festzulegen.

Damit war der Sprengsatz für einen weiteren Kriegsherd im Nordkaukasus gelegt und Nord-Ossetien der Weg für die ethnische Säuberung im Kreis Prigorodnyj geebnet. Massenentlassungen in Betrieben, tätliche Übergriffe auf inguschetische Familien waren die Folge. Nach Angaben des Informationsbüros der Republik Inguschetien wurden im Zeitraum vom April 91 bis Oktober 92 in Nord-Ossetien 25 Inguschen aus nationalistischen Motiven umgebracht, ohne daß die Täter zur Verantwortung gezogen wurden.

 

 

Oktober 1992: Gezielter Völkermord

Im Oktober 1992 leiteten die Osseten in Nord-Ossetien, oft mit aktiver Unterstützung der Russischen Armee und aktivem Beistand süd-ossetischer Milizen aus Georgien, einen an Grausamkeit kaum zu übertreffenden Völkermord an den im Kreis Prigorodnyj und in Wladikawkas lebenden Inguschen ein. Mehrere inguschetische Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Bevölkerung teils massakriert, teils vertrieben oder in Geiselhaft genommen, Frauen und minderjährige Mädchen vergewaltigt und dann zu Tode gefoltert.

Der von langer Hand planmäßig vorbereitete Genozid begann am 20.10.1992. An diesem Tag haben ossetische OMON-Milizen die 19jährige Inguschin Madina Gadaborschewa mit einem Panzerwagen überfahren und wurden vom Staatsanwalt für unschuldig erklärt. Gleiches wiederholte sich am 21.10.1992, als ein ossetischer Beamter des Innenministeriums zwei Inguschen erschoss. Am gleichen Tag wurden in Prigorodnyj ein Ingusche im eigenen Auto verbrannt, sein Begleiter verschleppt und bestialisch ermordet. Die Aushändigung seiner Leiche an die Angehörigen wurde verweigert. Am gleichen Tag wurde ein 12jähriges inguschetisches Mädchen von einem GUS-Panzerfahrzeug überrollt, ein weiterer Ingusche getötet. Während des Begräbnisses eröffneten OMON-Truppen Feuer auf die Trauernden, es gab viele Tote und Verletzte.

Am 24.10.1992 fand eine Ratssitzung in Nasran/Inguschetien statt, an der die Leiter von drei inguschetischen Kreisen Nord-Ossetiens teilnahmen. Es wurde beschlossen, die Zufahrtswege zu den von Inguschen bewohnten Dörfern im Kreis Prigorodnyj zu blockieren und Bürgerwehren aufzustellen. Ein verhängnisvoller Beschluß, der der Regierung Nord-Ossetiens den "Casus belle" lieferte.

Als die Inguschen in der Nacht auf den 31.10.1992 Wachen in ihren Dörfern aufzustellen, um ihre Familien zu schützen, wurde dies von den ossetischen Kampfgruppen zum Anlaß für einen großangelegten Übergriff genommen. Sie wurden dabei von russischen Truppen unterstützt.

Ab dem 1. November herrschte Krieg in der Region. Die Ärzte im Krankenhaus von Nasran, in das die verletzten Inguschen aus Nord-Ossetien gebracht wurden, stellten fest, daß auch chemische Kampfstoffe gegen die inguschetische Zivilbevölkerung in Nord-Ossetien eingesetzt wurden, an deren Folgen vier kleine Kinder starben. Dies wurde vom russischen Volksdeputierten Baburin, der nach Ausbruch der Kampfhandlungen als erster den Nordkaukasus besuchte, bestätigt.

Nach Angaben des Inguschetischen Informationsbüros kamen allein im Oktober 1992 ca. 1500 Inguschen ums Leben, 2640 wurden verwundet, 17.400 galten als vermißt, 1500 wurden ins Innland Nord-Ossetiens und in das in Georgien liegende Süd-Ossetien verschleppt, 16 000 inguschetische Häuser wurden niedergebrannt, der entstandene Schaden belief sich auf 150 Mrd. Rubel. (Fotos und Videobericht liegen der IGFM vor).

Nach Zeugenangaben der Inguschen zeichneten sich bei diesen Bluttaten und Plündrereien besonders die aus Süd-Ossetien angereisten professionellen Para-Milizen durch Brutalität aus. Sie plünderten Leichen und die verlassenen zerstörten Häuser der Inguschen. Die OMON-Truppen, das Innenministerium sowie die Nationalgarde Nord-Ossetiens wurden mit Waffen aus den Arsenalen der russischen Truppen versorgt.

Am 1.11.1992 wurden die Bewohner des inguschetischen Dorfes Kasrz in die Keller ihrer Häuser gejagt, wo sie tagelang ohne Licht und Lebensmittel saßen. In Wladikawkas fanden Pogrome statt. Zuerst wurden die Häuser der Inguschen mit Granaten beworfen, dann ausgeraubt. Verletzte wurden umgebracht, Unverletzte gefoltert und in Geiselhaft genommen. Die Leichen kamen in die Leichenhallen und wurden nicht mehr freigegeben. Die Zahl der Opfer ging auf die Tausend zu. Alle in Wladikawkas lebenden inguschetischen Studenten, die an den örtlichen Hochschulen studieren, wurden als Geiseln genommen und halbnackt in Kellern zusammengepfercht. Der 82jährige inguschetische Schriftsteller Idris Basorkin wurde mit Familie aus seiner Wohnung getrieben, dann von seiner Familie getrennt abgeführt, sein Archiv beschlagnahmt.
 

 

Russische panzer als Helfeshelfer der Osseten bei der "ethischen Säuberung" inguschetischer Dörfer. Bild: Alexander Mnazak, ingushetiya.ru 

Bis zum Ausbruch des Gemetzels lebten 17 000 Inguschen in Wladikawkas. Bis zum 31.10.1992 befanden sich die meisten von ihnen in Haft. In den ersten Novembertagen gab es in Wladiwostok keine inguschetische Familie mehr, ihr Stadtbezirk Schaldon wurde vollständig niedergebrannt. Auszug aus der IGFM-Pressemitteilung vom 13.11.1992:

 

"... 135 Studenten tschetschenischer und inguschetischer Nationalität wurden in Wladikawkas, wo sie studierten, in Geiselhaft genommen und in den Keller des medizinischen Instituts gesperrt. Sie wurden dort geschlagen, man schoss auf sie. Ruslan Bulgutschew, Medizinstudent im 7. Semester, verstarb an Schussverletzungen, weil ihm medizinische Hilfe verweigert wurde. Dies geht aus einem an die IGFM gerichteten Appell einer Studentenvertretung hervor. "

 

Einige Inguschen konnten bei ihren russischen und ossetischen Nachbarn Rettung finden, die sich dadurch selbst in äußerste Lebensgefahr begaben.

Augenzeugen der Ereignisse in den Siedlungen Almasowo, Martasanowo und Auschew berichten ebenfalls über furchtbare Pogrome, Brandstiftungen, Morde und Vergewaltigungen. Die Hauptstadt Inguschetiens Nasran lag im November 92 unter Beschuß, ebenso weitere Siedlungen. Flugzeuge mit Medikamenten und Ärzten, die im Auftrag der Staatlichen Kommission für Notsituationen der Russischen Föderation in Beslan landeten, wurden einige Tage dort an der Weiterfahrt gehindert und konnten nur mit Mühe zu den nach Inguschetien gebrachten Verletzten gelangen.

Am 4. November 1992 verhängte Präsident Jelzin in Nordossetien und Inguschetien den Ausnahmezustand. Seit Februar 1994 wird er per Dekret regelmäßig verlängert. Betroffen davon sind Inguschetien und Teile Nord-Ossetiens, darunter der Kreis Prigorodnyj, in den die russische Regierung die vertriebene inguschetische Bevölkerung zurückführen will. Auszug aus der Verordnung Nr. 1542 des Präsidenten Rußlands vom 25. Juli 1994:

 

"... Aufgrund der angespannten Situation in einer Reihe der Gebiete der Republik Nordossetien und in der Republik Inguschetien, sowie der Notwendigkeit der Rückführung der Flüchtlinge und der Deportierten in ihre Siedlungsorte und der Realisierung von Maßnahmen zur Behebung der Folgen des bewaffneten Konflikts ... ordne ich an, ... in folgenden Gebieten den Ausnahmezustand aufrecht zu erhalten:
In der Republik Nord-Ossetien in den Kreisen Mosdokskij, Prawobereschnyj (Dörfer Staryj Batarkojurt, Silga, Olginskije, Flughafen Wladikawkas), in Prigorodnyj (Dörfer Majskij, Tschermen, Komgaron, Tarskoje, Kurtat, Oktjabrskoje, Kambilejewskoje, Datschnoje, Sunscha, Dongaron) und in Wladikawkas (Dörfer Juschnyj, Tschernoretschenskoje, Terk, Balta, Tschmi, Nischnij Lars, Werchnij Lars, Esmi, Karza und Militärsiedlung "Sputnik"). ..."
("Rossijskaja Gaseta", 27.7.1994)


Die von Moskau für die Dauer des Ausnahmezustandes in Nordossetien eingesetzte Notstandsverwaltung bzw. Übergangsverwaltung ist oft machtlos, weil sie nur begrenzte Befugnisse hat. Beispiel: Nach Meldung der Pressestelle der Generalstaatsanwaltschaft Russlands hatten bewaffnete Osseten in Terskij den Bus der Notstandsverwaltung angehalten, in dem sich 19 Inguschen befanden. Sie entführten die Insassen, zumeist alte Menschen und ein Kind. ("Rossijskaja Gaseta" vom 21. und 24.7.1994)



Moskau verdreht Tatsachen

Russische Vizepremier, Georgij Chischa. Bild: kommersant.ru

Die entstellten Leichen getöteter Inguschen wurden von den Osseten den Medien als eigene Opfer präsentiert, um die öffentliche Meinung gegen die Inguschen einzuschwören. (Videoaufnahmen liegen der IGFM vor.) Dies gelang ihnen auch. Die Inguschen selbst sahen sich in das Jahr 1944 versetzt, als Stalin sie zu "faschistischen Söldnern" erklärte und per Dekret deportieren ließ. Jetzt, Ende des 20. Jahrhunderts, war man bemüht, einen Völkermord damit zu rechtfertigen, indem man das ganze Volk der Inguschen zu "Extremisten" erklärte.

Der damalige russische Vizepremier Georgij Chischa erklärte z.B. in einem Fernsehinterview Anfang November 1992, daß die "inguschetischen Aggressoren aus dem Gebiet Wladikawkas und Prigorodnyj vertrieben" worden seien. Auf die Frage, was mit den Flüchtlingen geschehen solle, antwortete er: "Wahrscheinlich bitten wir diese Inguschen, zeitweise nach Nasran umzusiedeln."

Tausende von Flüchtlingen wurden so zu Fuß auf bereits verschneiten Gebirgspfaden nach Inguschetien geschickt, viele fanden beim Sturz in die Schluchten den Tod. Der Militärkommandant von Nasran/Inguschetien meldete zur gleichen Zeit, in der Stadt wären Fälle von Cholera aufgetreten. Russlands Vizepremier Chischa allerdings lehnte eine Begegnung mit den inguschetischen Politikern und dem Bevollmächtigten des Präsidenten Jelzin in Inguschetien, Isa Kosdojew, ab.
 

Ähnlich sah es mit der Berichterstattung in den russischen Medien zu Beginn des Konflikts aus, in denen nur ossetische Journalisten zu Wort kamen. Sie bezeichneten die Inguschen als "Aggressoren", gegen die die Osseten in Notwehr zu handeln gezwungen waren. Erst Anfang 1994 wagte die russische Zeitung "Iswestija" eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse von 1992-1993. Sie wurde in fünf umfangreichen Folgen unter dem Titel "Krieg und Frieden im Kreis Prigorodnyj" Ende Januar 1994 veröffentlicht. In ihrer Ausgabe vom 29.1.1994 schließt sie ihre Studie mit folgenden Worten:

 

 

Inguschetische Opfer ossetischer Pogrome. Bild: doshdu.ru

"... Als unsere Soldaten in Tiflis (am 9.4.1989 - Anm. der IGFM) neunzehn Menschen mit Armeespaten zerhackten, ging ein Stöhnen durch die ganze Sowjetunion, und der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR hat Krjutschkow, Ligatschow, Jasow und Schewardnadse nach allen Regeln verhört. Die Ausgabe der Leningrader Zeitung, in der Anatolij Sobtschaks Bericht über den "Blutigen Sonntag" in Tiflis veröffentlicht wurde, ging von Hand zu Hand. Dann folgten der "Blutige Sonntag" von Baku (21.1.1990 - Anm. d. IGFM) und Wilnius (13.1.1991 - Anm.d. IGFM), dann die zerschossenen Häuser der Inguschen im Kreis Prigorodnyj, wo Hunderte von Menschen getötet wurden. Wo aber war zu diesem Zeitpunkt A. Sobtschak, wo die Intelligenzija?

... Die Armee ist jetzt zum wichtigen Bestandteil der Politik geworden, ihre Generäle zu gewichtigen Politikern. Die Militärdoktrin Russlands sieht den Einsatz der Armee zur Unterstützung der Streitkräfte des Innenministeriums vor. Und die Armee wurde nicht selten von Politikern bei ihren Rivalitäten benutzt. Immer öfter geht sie ihre eigenen Wege, mal mit dem Wissen der Regierung, mal aufgrund eigener Sympathie für jemanden, meistens aber von ihrer Antipathie geleitet. Wie in Transnistrien, Abchasien, Inguschetien.

Die Pogrome gegen Personen kaukasischer Nationalität, die unseren National-Patrioten versprochen wurden, fanden zum ersten Mal planmäßig organisiert gegen die Inguschen statt. Wir aber weigerten uns, diese erste ethnische Säuberung wahrzunehmen, die vor einem Jahr in Russland erfolgreich durchgeführt wurde; weigerten uns auch, die erste Republik auf Russlands Territorium wahrzunehmen, die nationale Unduldsamkeit zur eigenen offiziellen Politik machte; wahrzunehmen die Bürger Russlands, die vor der eigenen Russischen Armee Rettung suchten. Ein Jahr später hatten wir all dies in Moskau: Russen, die Rettung vor der Armee suchten (Oktoberputsch 1993 - Anm. d. IGFM), sowie die ethnische Säuberung der Hauptstadt vor Personen kaukasischer Nationalität. (Anordnung des Ministerrats der Russischen Föderation Nr. 1049 vom 13.10.1993 "Maßnahmen zur Regelung des vorübergehenden Aufenthaltes von Flüchtlingen in Moskau", in dessen Folge Moskau von Personen kaukasischer Herkunft regelrecht gesäubert wurde - Anm.d. IGFM)."

 

Am 21.5.1994 berichtete "Iswestija", daß die Redaktion aufgrund der Veröffentlichung der Studie erneut eine offizielle Verwarnung des Staatskomitees für Presse der Russischen Föderation erhalten habe. Sie trug die Unterschrift des Vizechefs des Komitees, W. Wolodin. Am 2.9.94 wurde der Leiter des Komitees, Boris Mironow, ein bekennender Nationalist ("Wenn russischer Nationalismus Faschismus ist, dann bin ich ein Faschist"), entlassen. Ins Amt des Komiteechefs wurde sein Vize W. Wolodin berufen.



Russlands "Friedens"-Truppen als Helfer der Vertreibung

Moskaus "Friedensmission" in Nord-Ossetien: Vertreibung der Inguschen aus ihrem Stammgebiet. Bild: Alexander Mnazak, ingushetiya.ru 

Die Rolle der Friedens-Truppen der Russischen Föderation beschreiben zahlreiche Augenzeugen so: "Nach dem Beschuss durch Artelleriegeschütze zogen russische Panzer durch das Gebiet und zerstören alles auf ihrem Weg. Den Panzern folgten OMON-Truppen und Sondereinheiten des nord-ossetischen Innenministeriums. Verletzte Inguschen wurden umgebracht. Besonders grausam ging man mit Kindern männlichen Geschlechts um." Die Meinung der Inguschen: Präsident Jelzin habe Truppen geschickt, um den Konflikt zwischen Osseten und Inguschen beizulegen. Sie kamen ihrer Aufgabe nicht nach, sondern hatten mitgeholfen, Tausende von Inguschen zu vertreiben.

"Russland hat das Volk der Inguschen verraten und der Vernichtung preisgegeben. Von welcher Friedensmission kann da die Rede sein, wenn die Osseten unter dem Schutz und vor den Augen der russischer Verbände Inguschen erschossen, als Geiseln genommen, ihre Häuser ausgeraubt und niedergebrannt haben. Russland hat gezeigt, dass es Söhne und Stiefsöhne hat", sagte der Vorsitzende des Kreisrates der inguschetischen Hauptstadt Nasran, Schamsutdin Maguschkow. Der russische Präsident habe sich über die Situation im Krisengebiet vom Vorsitzenden des Obersten Sowjets Nord-Ossetiens informieren lassen, war aber für den Vertreter Inguschetiens nie erreichbar.

Erst viel später gaben der Leiter der Moskauer Übergangsverwaltung, Sergej Schojgu, und der damalige Kommandierende der Streitkräfte des Innenministeriums Russlands, Generaloberst W. N. Sawwin, zu, daß es bei den Inguschen keine bewaffnete Formationen militärischer Art gab, ihre Bürgerwehren aus 25-30 Personen bestanden, die ausser Handwaffen und einiger gefangengenommener Panzerwagen nichts hatten. Es würde auch stimmen, dass Häuser friedlicher Einwohner mit Panzern attackiert wurden und die vereinigten Streitkräfte Russlands und Nord-Ossetiens den Kreis Prigorodnyj von Personen inguschetischer Nationalität gesäubert hätten. ("Iswestija", 27.1.1994)



Lage der Flüchtlinge und Vertriebenen in Inguschetien und das Problem ihrer Rückführung

Zehntausende Inguschen fliehen aus Nord-Ossetien über die Berge nach Inguschetien. Bild: ingushetiya.ru 

In der von der russischen Regierung per Gesetz vom 4.6.92 deklarierten Republik Inguschetien befinden sich zehntausende Flüchtlinge aus Nordossetien, darunter über 15 000 aus dem Kreis Prigorodnyj. Im April 1993 gab der Migrationsdienst der Russischen Föderation die Zahl der Flüchtlinge mit insgesamt 65 000 an, in Inguschetien selbst spricht man von 80 000 bis 100 000.

Die Republik versucht, mit dem Flüchtlingsproblem fertig zu werden. Aus der russischen Föderation erhält sie Hilfe. Für die Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Gebiet Prigorodnyj wurden Fertighäuser aufgestellt.

Doch die heimatverbundenen und traditionsbewussten Menschen wollen zurück in ihre Häuser, die sie verlassen mußten. Das mit eigenen Händen erbaute Haus hat in der Tradition und im Glauben für die Inguschen eine ganz besondere Bedeutung. Die russischen Vertreter, die die Fertighäuser brachten, wurden daher oft von den Flüchtlingen als Helfershelfer der Osseten angesehen, weil sie damit ihrer Flucht den Stempel des Endgültigen aufdrücken.

Das föderale Arbeitsamt versucht, den Flüchtlingen Arbeit in der Republik zu verschaffen. Der russische Migrationsdienst stellte Listen von Flüchtlingen zusammen und Flüchtlingsausweise aus, die zur einmaligen finanziellen Hilfe von 1800 Rubeln berechtigen. Er organisierte Unterkünfte und kostenlose Verpflegung. Das wichtigste für die Flüchtlinge sind jedoch die Fahrten nach Nordossetien in ihre zerstörten Dörfer, wo sie nach ihren auf der Flucht verloren gegangenen Angehörigen oder deren Gräbern suchen wollen.

 

"... Jeder Ossete, ob ehrlicher Mensch oder Marodeur, darf ungehindert in die inguschetischen Dörfer im Kreis Prigorodnyj hinein. Außer der Heizkörper, Toilettenschüsseln und Ziegel ist aus den über 3000 niedergebrannten Häusern der Inguschen nichts mehr zu holen. Ein Ingusche aber darf sein zerstörtes Haus nur dann aufsuchen, wenn er eine Woche zuvor dies beantragt. Nach penibler Durchsuchung darf er dann einen Bus besteigen, der sich in Begleitung von russischen Panzerwagen und Soldaten auf einen gefahrvollen Weg begibt. Es gab Fälle, wo die Osseten ganze Busse mit Inguschen als Geiseln entführten oder die Busse mit einem Hagel von Steinen bewarfen, die Inguschen aus den Bussen zerrten und verprügelten.
...Inguschetien dagegen befindet sich schon seit zwei Jahren unter Blockade Nord-Ossetiens. Humanitäre Hilfe kann per Bahn nur bis zum Bahnhof Beslan in Nord-Ossetien gebracht werden. Ihr Bestimmungsort, der Bahnhof Dilakowo in Inguschetien, liegt nur sechs Kilometer weiter entfernt. Doch weder die von Moskau eingesetzte Notstandsverwaltung noch das ihr zugeordnete Militär sind in der Lage, bei den Osseten die Weiterfahrt des Zuges mit dieser lebensnotwendigen Hilfe durchzusetzen. Deswegen wird sie auf großem Umweg über Astrachan nach Inguschetien gebracht. Es fragt sich, warum man denn Russland in Nord-Ossetien eigentlich ein so riesiges und uns so teuer zu stehen kommendes militärisches Kontingent stationiert hat?"
(Iswestija, 29.1.1994)

"Sein Land von Inguschen gesäubert": Achsarbek Galasow, Präsident Nord-Ossetiens. Bild: os_praes-mega.km.ru

Am 13.12.1993 unterzeichnete der russische Präsident den Erlass Nr. 2131 über eine etappenweise Rückführung der geflohenen und vertriebenen Inguschen nach Nord-Ossetien. Der nord-ossetische Präsident Achsabek Galasow beruhigte daraufhin seine aufgebrachten Untertanen: "Nur keine Angst! Der Erlass des Präsidenten Jelzin ist nicht der erste Erlass ... Wir werden schon was finden und jeglicher Macht widerstehen".

Im Januar 1994 wurde ein von Russlands Premierminister Tschernomyrdin gezeichnetes Schreiben an Nord-Ossetien und an Inguschetien bekannt, in dem um Vorschläge zur Änderung der Art. 3 und 6 des ?Gesetzes über die Rehabilitierung verfolgter Völker? gebeten wird ? beide legten die Wiederherstellung der Gebietseinheiten in ihren alten territorialen Grenzen - d.h. bis zur Zwangsdeportation der Völker und der Auflösung ihrer Gebiete durch Stalin - fest. ("Iswestija", 29.1.1994)

Anfang 1994 scheiterte die erste Verhandlungsrunde zwischen der Regierung Nord-Ossetiens und der Inguschetiens über die Rückführung der Flüchtlinge. Auch die zweite drohte an der Forderung Nord-Ossetiens, Inguschetien habe seinen Anspruch auf die Rückgabe des Kreises Prigorodnyj aufzugeben, zu scheitern. Am 26. Juni 1994 kam es unter Vermittlung der von Moskau im Gebiet des Ausnahmezustands eingesetzten Übergangsverwaltung doch noch zu einer Übereinkunft zwischen dem Präsidenten Inguschetiens, Ruslan Auschew, und dem nord-ossetischen Präsidenten Achsarbek Galasow. ("Express-Chronika", 8.7.1994.) Sie sieht gemäss des Jelzin-Erlasses Nr. 2131 vom 13.12.1993 die Rückkehr der Vertriebenen und Flüchtlinge in vier Dörfer des Prigirodnyj-Gebiets vor: zuerst nach Tschermen und Kurtat und später nach Dongaron und Datschnoje. Ob diese Bemühungen zu einem normalen Miteinader in der Zukunft führen werden, ist fraglich. Zu oft ist in Nord-Ossetien immer noch zu hören: "Ohne die Inguschen ist die Luft in Wladikawkas reiner geworden".

Die russische Regierung hat zwar in den unter Ausnahmezustand gestellten Gebieten Nord-Ossetiens eine Notstandsverwaltung eingesetzt, ihre Rechte aber durch unzählige Verordnungen und Beschlüsse beschnitten. Gemäß der Verordnung des Präsidenten Jelzin vom 3.11.1991 oblag ihr z.B. auch die administrative Verwaltung im Kreis Prigorodnyj, doch schon am 4.11.1991 ordnete er an, daß für dieses Gebiet nord-ossetische Gesetze gelten. So verblieben in diesem Gebiet bis auf den heutigen Tag die nord-ossetische Miliz, die OMON-Truppen des nord-ossetischen Innenministeriums und die nord-ossetische Garde. Infolge dessen kann die Notstandsverwaltung der Zentralregierung ihre wichtigsten Aufgabe nicht erfüllen: Den Schutz des Lebens und der Rechte der Menschen.

 

"Die Notstandsverwaltung erteilte angesichts dieser Bedingungen den ihr untergeordneten Armeetruppen den Befehl, keinen Inguschen in den Kreis Prigorodnyj hereinzulassen, um wenigstens so ihr Leben zu schützen. Eine irrsinnige Situation: Die Russische Armee und Vertreter der russischen Zentralregierung, sogar im Range eines Vizepremiers, wurden zu Vollziehern der schändlichen Gesetze des nord-ossetischen Parlaments gemacht. ... Ihr warmer Sitz ist befindet sich in Wladikawkas. Die ossetische Regierung betreut sie aufmerksam und schaut nach ihnen. So berichtet eine ossetische Zeitung: "Innerhalb von sieben Monaten 1993 hat das Innenministerium der Nord-Ossetischen SSR 268 Militärangehörige Russlands mit einer Geldprämie von insgesamt 6 520 000 Rubel ausgezeichnet." Die Notstandsverwaltung soll jetzt auf weitere 600 Bürokraten aufgestockt werden."  (Iswestija, 29.1.1994)

Am 27.7.1994 berichtete die russische Zeitung "Nesawisimaja Gaseta" in ihrem Beitrag "Inguschetien droht eine soziale Katastrophe" über das Ergebnis einer Umfrage. Sie wurde von russischen Wissenschaftlern des Moskauer Instituts für sozialpolitische Forschung der Russischen Akademie der Wissenschaften im April-Mai 1994 in Inguschetien durchgeführt.

 

"... Inguschetien liegt in Russland an letzter Stelle, was den Lebensstandard der Bevölkerung betrifft. Die Todesrate ist um 15-20% und die Erkrankungen an Tuberkulose sind um 50-60% höher, als in den anderen Gebieten Russlands. 97% der Befragten sind mit der Nordkaukasuspolitik des Präsidenten Jelzin unzufrieden. Auf die Frage, ob die Notstandsverwaltung der Zentralregierung ihre Interessen verteidigt, antworteten 74% mit "Nein", 17% antworteten mit "Manchmal". 93% der befragten Flüchtlinge und Vertriebenen wollen zurück in ihre Wohnorte. ..."

 

 

Sergej Kowalew, Ombudsmann der Russischen Föderation. Bild: A. Blinuschowa, hro.org

Am 21. September 1994 traf Sergej Kowalew, Ombudsmann der Russischen Föderation und Vorsitzende der von Präsident Jelzin eingesetzten Kommission für Menschenrechte, mit Kommissionsmitgliedern in Nord-Ossetien ein, über dessen größten Teil samt der Hauptstadt Wladikawkas der russische Präsident den Ausnahmezustand verhängt hat. Nach seiner Inspektionsreise erstellte Herr Kowalew einen Bericht an den Präsidenten, der in "Express-Chonika" vom 7.10.1994 publik gemacht wurde. Auszüge:

 

"... Die Kommission betont in ihrem Bericht, dass "in den Gebieten Nord-Ossetiens, in denen Ausnahmezustand herrscht, die Menschenrechte massiv und grob verletzt werden. Die Situation wird immer schlimmer und zunehmend unlösbarer."
Das Hauptproblem liegt darin, dass die Verordnungen des Präsidenten der Russischen Föderation über die Rückkehr der inguschetischen Flüchtlinge in ihre Ortschaften in Nord-Ossetien, aus denen sie vertrieben wurden, schlichtweg ignoriert werden. "Der Hauptgrund dafür ist das unkonstruktive Verhalten der Regierung Nordossetiens", so das Fazit der Kommission.
Die vom Präsidenten eingesetzte Notstandsverwaltung benehme sich sehr unentschieden, wenn es um rechtzeitiges Eingreifen gegen absichtlich rechtswidrige Handlungen der ossetischen Seite geht. Die Kommission hat dem Präsidenten den Vorschlag unterbreitet, "die Ausnahmezustandsregeln zu verschärfen, u.a. die Einstellung der Tätigkeit der örtlichen ossetischen Administration und Behörden des Innenministeriums anzuordnen. Deren Arbeitsfunktionen müssten der Notstandsverwaltung übertragen werden."
Sergej Kowalew ist der Meinung, dass auch die Tätigkeit der sogenannten "Verständigungskommissionen" abgeändert werden muss, da es sich bei ihnen um "einseitige ossetische Institutionen handelt, die die Rückkehrwilligen ausfiltern und als rechtsprechende Organe auftreten." Im Bericht ist auch die Rede von der Notwendigkeit einer Reihe von Gerichtsprozessen gegen Personen, die schwere Verbrechen begangen haben. ..."

 

Am 3.10.1994 hat Präsident Jelzin per Verordnung Nr. 1970 den Ausnahmezustand in Nord-Ossetien erneut verlängert. Seine Verordnung Nr. 1986 vom 7.10.1994 "Staatliche Unterstützung der sozialökonomischen Entwicklung der Republik Nord-Ossetien bis zum Jahre 2000" sieht im Punkt 14 die Bereitstellung von 110 Mrd. Rubel zur Finanzierung der Rückkehr und kompakten Ansiedlung der Flüchtlinge und Vertriebenen bis zum Jahre 2000 sowie die Einrichtung von fünf Auffanglagern bis Ende 1994 in Nord-Ossetien vor.

 

 

Neuer Kriegsherd Tschetschenien?

 

 

Tschetschenies Präsident Dschochar Dudajew. Bild: historymike.com

Die benachbarte Republik Tschetschenien, die sich 1991 von Russland unabhängig erklärt hatte, hat sofort nach Ausbruch des Konflikts in Nord-Ossetien seine Neutralität erklärt. Auch in der Frage von Waffenlieferungen nahm der tschetschenische Präsident Dudajew eine entschiedene Haltung ein. "Russland sucht einen Anlass für einen Einmarsch in Tschetschenien und diesen Anlass werden wir nicht geben",- erklärte er. Die Recherchen der "Iswestija" zeigten, dass er Recht hatte. In ihrer Ausgabe vom 27.1.1994 schreibt sie:

 

"Direkt vor seiner Abreise nach Wladikawkas am 31.10.1992 lag dem damaligen Vizepremier Georgij Chischa ein geheimer Beschluss des Sicherheitsrates der Russischen Föderation vor, gezeichnet vom Sekretär des Sicherheitsrates, Skokow. Zuvor versuchte Skokow in den Medien und in der Presse eine Zensur einzuführen. In seinem Schreiben wies er sie an, "... keine Meldungen zu verbreiten, die zur Eskalierung des bewaffneten Konflikts durch die Regierung Tschetscheniens, eines auf dem Territorium der Tschetscheno-Inguschetischen SSR ungesetzlich entstandenen Gebildes, führen könnten". "Es gibt keine Gefahr außer der, die stets von Tschetschenien ausgeht. Diese Frage muss ihre Lösung finden", so Chischa in seinen Meldungen aus dem nord-ossetischen Wladikawkas.
Welche Rolle der damalige Vizepräsident Ruzkoj spielte, ist schwer zu sagen. Doch schon einmal versuchte er die Abwesenheit des Präsidenten Jelzin zur Verhängung eines Ausnahmezustandes über Tschetschenien zu nutzen. Am 10. November 1992 wurde Inguschetien durch russisches Militär besetzt. Von da aus machten sich die schweren T-72 Panzer, Landetruppen und schweres Militärgerät auf den Weg Richtung Tschetschenien. Eben nach Tschetschenien, zwischen dem und Inguschetien es keine Grenzen gab und gibt. Aus den umliegenden Dörfern herbeigeeilte tschetschenische Bevölkerung stellte sich ihnen mit bloßen Händen in den Weg, Präsident Dudajew rief in seinem Land den Ausnahmezustand aus. Wieder einmal roch es nach einem großen kaukasischen Krieg. Am 11. November, dem Tag darauf, unterzeichnete der russische Premier Gajdar mit Vertretern Inguschetiens und Tschetscheniens die Vereinbarung über den Abzug der russischen Armeetruppen."

 

Auszug aus der IGFM-Pressemitteilung vom 13.4.1992:

 

"Tschetschenische Kommunisten beraten in Nord-Ossetien über Dudajews Sturz.
In Grosnyj, der Hauptstadt Tschetscheniens, fand in der zweiten Aprilwoche der zweite Versuch der Opposition statt, das Fernsehgebäude in ihre Gewalt zu bringen. Die tschetschenische Opposition hat ihr Hauptquartier in Wladikawkas, der Hauptstadt der Autonomen Republik Nord-Ossetien, die zu Russland gehört. Sie besteht beinahe ausschließlich aus KP-Mitgliedern, deren Partei vom Präsident Dudajew verboten wurde. Wie die IGFM erfahren hat, finden z. Zt. in Wladikawkas zwischen den Kommunisten Tschetscheniens, Russlands und Vertretern der Machthaber Georgiens Beratungen über Dudajews Sturz statt. "

 

Mehrere tschetschenische Politiker und Regierungsmitglieder sind bereits Attentaten zum Opfer gefallen. Am 28.5.1994 entging Präsident Dudajew knapp einem Mordanschlag, sein Innenminister und dessen Stellvertreter wurden getötet, Dudajews Ehefrau und Sohn verletzt. Nur zögernd und mit grosser Verspätung gab die russische Presse zu, dass es sich bei den Bus-Entführungen in der russischen Stadt Mineralnyje Wody im Nordkaukasus nicht - wie ursprünglich behauptet - um Tschetschenen gehandelt habe.

Die ab Mitte Juli 94 zunehmende Berichterstattung über Tschetschenien in der russischen Presse und Medien war ein deutliches Zeichen dafür, dass ein weiterer Kriegsherd im Nordkaukasus in Vorbereitung war. Am 8. August traf Ruslan Chasbulatow, der im Oktober 1993 als Parlamentsvorsitzender Russlands den blutigen Putsch gegen Präsident Jelzin anführte, in seinem tschetschenischen Heimatort ein und erklärte sich zum "Friedensstifter". Seine paramilitärische Gruppierung so auch andere Gruppen, die mit Waffengewalt Präsident Dudajew zu stürzen versuchen, erhalten militärische Hilfe aus Russland.

 

 

 

IGFM-Bildarchiv: Inguschetische Opfer der ethnischen Säuberung in Nord-Ossetien im Herbst 1992

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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