Iran: 1 Million Unterschriften Kampagne für Frauenrechte
Zusammenfassung
Im August 2006 gründeten im Iran Frauen - und Männer - der Bürgerrechtsbewegung eine Initiative für die gesetzliche Gleichberechtigung von Frauen im Iran: Die "Eine Million Unterschriften Kampagne für Frauenrechte". Die Idee dieser Kampagne entstand nach der gewalttätigen Niederschlagung eines Protestes für mehr Gleichberechtigung in Teheran am 12. Juni 2006. Eine Petition mit einer Million Unterschriften iranischer Bürger soll dem Gesetzgeber vorgelegt und dieser zur Änderung der Rechtslage aufgefordert werden. Die Organisatoren wollen das Anliegen der Frauen in die Gesellschaft tragen und den Gedanken der Gleichberechtigung im öffentlichen Bewusstsein verankern.
Nach den Gesetzen der Islamischen Republik Iran gelten Frauen de facto als Menschen zweiter Klasse. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass Frauen im Iran rund 60% der Studierenden stellen, zum Teil auch in wirtschaftlichen Führungspositionen stehen und im Parlament präsent sind. Jahrelang zeigten Frauen in der iranischen Gesellschaft ihren Protest unterschwellig, zum Beispiel durch ein immer weiter nach hinten rutschendes Kopftuch. Doch das zunehmend rigorose Vorgehen der islamistischen Regierung gegen Menschenrechte und insbesondere gegen Frauenrechte wollten viele Frauen nicht mehr schweigend hinnehmen. Seit den gefälschten iranischen Präsidentschaftswahlen am 12. Juni 2009 gingen Bilder demonstrierender Iranerinnen um die Welt. Shirin Ebadi, Nobelpreisträgerin und Mitbegründerin der "Eine Million Unterschriften Kampagne" erklärt: "Weil Frauen in der Gesellschaft am unzufriedensten sind, ist ihre Präsenz am deutlichsten." Auch die Symbolfigur der Proteste wurde eine Frau: die am 20. Juni 2009 von einem Basij-Milizionär erschossene Neda Agha-Soltan. Die Mehrheit der iranischen Frauenrechtlerinnen leben und leiden jedoch außerhalb der Öffentlichkeit. Seit Gründung der Kampagne wurden zahlreiche Aktivisten belästigt, bedroht und eingeschüchtert. Zahlreiche Unterschriftensammler sind verhaftet, misshandelt und mitunter zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden.
[zum Appellvorschlag an die iranische Regierung ...]
Ursprung
Die "Eine Million Unterschriften Kampagne" wurde am 27. August 2006 von insgesamt 54 Iranerinnen und Iranern gegründet. Die Gründung erfolgte nach der gewaltsamen Niederschlagung eines friedlichen Protestes am 12. Juni 2006 gegen frauendiskriminierende Gesetze im Iran auf dem Haft-e Tir Platz in Teheran bei der 70 Teilnehmer - darunter 42 Frauen und 28 Männer - festgenommen wurden. Mit der Gründung der Kampagne gingen die Frauenrechtler in die Offensive und begannen, Unterschriften für die Gleichberechtigung zu sammeln, um eine Änderung der Rechtslage für Frauen vor das Parlament zu bringen.
Forderungen und Selbstverständnis
Das Ziel der Kampagne ist die Abschaffung frauenfeindlicher Gesetze und eine Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Bereichen des iranischen Rechts. Sie strebt eine Angleichung des iranischen Rechts an internationale Standards an.
Die Bewegung versteht sich selbst nicht als Opposition, sondern als politisch unabhängig. Sie sieht sich als legal, weil sie öffentlich, transparent und friedlich arbeitet. Zudem verbietet kein iranisches Gesetz das Sammeln von Unterschriften. Ferner stehen die Forderungen nach Ansicht der Initiatoren auch nicht im Widerspruch zu islamischen Werten. Zu den Mitwirkenden gehören sowohl Säkularisten als auch fromme Muslime. Die Kampagne wendet sich direkt an das iranische Volk und die Mitglieder des iranischen Parlamentes.
[original Unterschriftenliste in Farsi, pdf-Datei, 69 kB ...]
[Übersetzung der originalen Unterschriftenliste ...]
Beispiele für die rechtliche Ungleichbehandlung von Frauen:
Frauen im Iran dürfen nur mit Erlaubnis des Vaters oder Großvaters heiraten. Mädchen mit 13 Jahren sind nach iranischem Recht heiratsfähig. Darüber hinaus kann eine Heirat mit Erlaubnis des Gerichts bereits früher veranlasst werden. Ein muslimischer Mann kann gleichzeitig mehrere Ehefrauen haben und ist befugt, die Ehe auch gegen den Willen der Frau aufzulösen, während eine Frau das Scheidungsrecht nur in sehr spezifischen Fällen für sich in Anspruch nehmen kann: Wenn ihr Mann keinen Lebensunterhalt an sie zahlt, er drogenabhängig, längere Zeit inhaftiert, vom Islam abgefallen ist - und sie dies beweisen kann. Einer Mutter ist es verwehrt, ihr Kind finanziell zu unterstützen, über dessen Wohnsitz zu bestimmen, das Kind ohne Erlaubnis außer Landes zu bringen. Sie darf nicht einmal über die medizinische Behandlung des Kindes entscheiden. Der Vater hat alle Vorrechte inne, die Mutter kann nur eine pflegeähnliche Position für ihr Kind einnehmen und erhält nie das alleinige Sorgerecht.
Nach dem Gesetz sind Mädchen schon mit neun Jahren strafmündig, Jungen erst mit 15 Jahren. Sofern ein neunjähriges Mädchen eine Straftat begeht, die nach iranischem Recht mit dem Tod zu bestrafen ist, liegt die Vollstreckung der Todesstrafe im Ermessen des Gerichts. Ausnahmsweise kann das Gericht das Mädchen bis zu ihrem 18. Lebensjahr inhaftieren, um dann erst eine Exekution anzuordnen.
Die Entschädigung (das "Blutgeld") für eine Frau beträgt bei Unfällen lediglich die Hälfte des Anspruchs, der einem Mann zusteht. Das Zeugnis einer einzigen Frau ist nach iranischem Recht "nicht ausreichend", die Aussage eines Mannes hingegen wird anerkannt. Diese Regelung wird von einigen islamischen Rechtsgelehrten mit dem "eigenen Wohl der Frau" begründet. Da sie die Frau als nicht voll rechtsfähig ansehen, werde ihr so "die Bürde der Verantwortung" genommen.
Die Staatsbürgerschaft kann von der Mutter nicht auf die Kinder übertragen werden, weswegen es nach Angaben der Organisatoren der Kampagne etwa 20.000 Kinder mit afghanischen Vätern im Iran gibt, denen eine Staatsbürgerschaft verweigert wird. Diese Kinder leben ohne Bescheinigung ihrer Existenz und weitgehend rechtlos, u.a. auch ohne das Recht, eine Schule besuchen zu dürfen.
Frauen wird im Iran der Weg zu bestimmten Berufen versperrt. Das Richteramt bleibt Frauen verwehrt - aufgrund ihrer angeblichen "Emotionalität" und der dadurch eingeschränkten objektiven Entscheidungsfindung. Wehrt sich, z.B. aus Angst, eine Frau bei einer Vergewaltigung nicht ausreichend, so droht ihr wegen "Unkeuschheit" die Steinigung bis zum Tode. Tötet hingegen eine Frau ihren Vergewaltiger, so ist sie nach dem "Vergeltungsgesetz" durch den Strang hinzurichten.
Die Kampagne und der Islam
Die Initiatoren der Kampagne betonen, dass die angestrebten Änderungen nicht im Widerspruch zum Islam stünden. Der Islam und das islamische Recht (der dschaf'aritisch-schiitischen Rechtsschule) bilden das Fundament und die Legitimation der Islamischen Republik Iran und ihrer Gesetzgebung. Bei Kritik an der Scharia droht Anklage wegen "Feindschaft gegen Gott" und "Verderbenstiften auf Erden". Dieses Delikt kann im Iran mit dem Tod bestraft werden - theoretisch sogar mit der Kreuzigung. Da der oberste "Führer", die Regierung und andere mächtige Führungsgruppen der Islamischen Republik ihre Macht unmittelbar mit dem Islam und der Scharia rechtfertigen, ist eine Diskussion über das islamische Recht nur sehr bedingt möglich. Forderungen nach einer Trennung von Staat und Religion werden hart verfolgt.
Die Initiatoren der Kampagne argumentieren daher, die diskriminierenden Gesetze würden sich nicht zwingend aus dem Islam ableiten lassen, sondern seien das Ergebnis einer rückwärts gewandten Auslegung islamischer Rechtsquellen. Unabhängig davon, wie die einzelnen Unterstützer der Frauenrechtsbewegung und der Kampagne zum Islam und zu Fragen des islamischen Rechts stehen mögen: In der Praxis gibt es im Iran keine realistische Alternative zu dieser Position.
Arbeitsweise
Die Aktiven der Kampagne sprechen andere Iraner persönlich an, um sie über die rechtliche Lage von Frauen im Iran zu informieren und Unterschriften zu sammeln. Beinahe jede Unterschrift ist Ergebnis eines Gespräches mit Überzeugungsarbeit, denn viele Iraner fürchten Repressalien durch Behörden und Sicherheitskräfte. Es zeigte sich, dass die Sammlung der Unterschriften dadurch noch schwieriger ist als befürchtet. Zudem werden Seminare, Workshops und Konferenzen veranstaltet und neue Unterstützer in rechtlichen Fragen aus- und weitergebildet. Auch das Internet wird für die Aufklärungsarbeit und für die Unterschriftensammlung genutzt. Die Aktiven versuchen auch Personen zu erreichen, die traditionelle islamische, patriarchale Ansichten vertreten.
Weil die Gleichberechtigung landesweit eingefordert wird, werden auch landesweit Unterschriften gesammelt. Außerhalb Teherans geschieht das allerdings nicht mehr so intensiv wie nach der Initierung der Kampagne im Jahr 2006.
Die iranische Friendensnobelpreisträgerin Dr. Shirin Ebadi will nach Abschluss der Unterschriftenaktion zu den Forderungen einen konkreten Gesetzesentwurf ausarbeiten. Stimmen zwei Drittel der Abgeordneten zu, wäre ein Volksentscheid über den Gesetzesentwurf möglich.
Wer trägt die Kampagne?
Neben den Gründungsmitgliedern und Aktiven wie der Nobelpreisträgerin Dr. Shirin Ebadi, sind es vor allem Menschenrechtler(-innen), Journalisten(-innen) und Studenten(-innen), die die Kampagne tragen. Amene Shirafkan, Journalistin des Frauenmagazins Zanan, das als einziges über die Kampagne berichtete, und Shala Lahiji, erste Verlegerin des Irans und Soziologin und Historikerin, setzten sich für die Frauenrechtskampagne ein. Die Unterschriften kommen von sehr unterschiedlichen Menschen im Iran. Darunter sind auch aktuelle und ehemalige (reformorientierte) Mitglieder des Parlaments, aber auch Mitglieder von Familien einflussreicher Geistlicher, wie Zahra Eshragi, eine Enkelin des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini.
Die Ayatollahs Sanei'i und Bojnourdi regten bereits vor Beginn der Kampagne eine neue Interpretation der Scharia im Hinblick auf die Frauenrechte an. Ihre Leitlinie ist: "Die Quellen der Scharia sind heilig, ihre Interpretation ist es nicht." Auch der iranische Theologe Shabestari sprach sich für mehr Frauenrechte und einen säkularen Staat aus. Seiner Meinung nach "sind die Herrschenden das größte Hindernis", wenn es um Reformen im Iran geht.
Besonders interessant ist, dass auch Männer aktiv an der Kampagne mitwirken. Dies gibt Hoffnung, dass die iranische Gesellschaft einen wirklichen Wandel erfährt. Gegenwärtig liegt im Iran die Entscheidungsgewalt darüber, wie viel Rechte Frauen im Iran erhalten, praktisch ausschließlich in der Hand von Männern. Das gleiche gilt für die Deutungshoheit religiöser Rechtstexte.
Die Reichweite der Kampagne geht über die Grenzen Teherans und des Irans hinaus. Im Iran gibt es 15 Niederlassungen, die sich für eine rechtliche Gleichstellung der Frauen einsetzen. Es gibt weitere Ansprechpartner in Deutschland, in England, den USA, Schweden, Zypern und Kuwait.
Haltung von Parlament und Regierung
Der "Führer" der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Ali Khamene'i, und die iranische Regierung lehnen eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern und jede rechtliche Änderungen in diese Richtung rigoros ab. Das gleiche gilt für den einflussreichen, aber nicht durch Wahlen legitimierten "Wächterrat", der ein weitreichendes Vetorecht besitzt. Die staatlichen Sicherheitskräfte behandeln die Aktiven der Kampagne als politische Gegner, haben zahlreiche von ihnen bedroht und verhaftet. Insbesondere die Arbeit über das Internet wird von den Behörden wirksam eingeschränkt.
Einige Mitglieder des Parlamentes und religiöse Führungspersönlichkeiten haben hingegen die Petition unterschrieben und regten Diskussionen über die Notwendigkeit einer Reform der Gesetze für Frauen an. Bereits 2002 hatte das Parlament versucht, das Scheidungsrecht zu reformieren. Das Gesetz wurde jedoch vom Wächterrat "als den islamischen Gesetzen widersprechend" abgelehnt. Auch der Präsidentschaftskandidat Mussawi sprach sich deutlich für mehr Frauenrechte aus. Er hatte sich zusammen mit seiner Ehefrau in der Öffentlichkeit gezeigt, was im Iran für Personen des öffentlichen Lebens so nicht üblich ist. Sogar die Tochter des Ex-Präsidenten Haschemi Rafsandschani demonstrierte gegen die gefälschten Wahlen im Juni 2009 mit und zählt zu den Verhafteten.
Behinderungen durch die Regierung und Rückschläge
Zu Beginn ihrer Gründung im Jahr 2006 rechnete die Bewegung mit einer Zeitspanne von etwa zwei bis drei Jahren, um die eine Millionen Unterschriften zu sammeln. In der Praxis erwies sich die Arbeit als weitaus schwieriger und langwieriger. Von Anfang an behinderte die Regierung die Kampagne. Dutzende Aktivistinnen und Aktivisten wurden wegen "Propaganda gegen die islamische Republik" oder "Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration" verhaftet. Die Homepage der Kampagne wurde in den letzten Jahren vielfach blockiert oder gefiltert. Staatliche Medien verbreiteten Unwahrheiten, z.B. dass es sich um eine Kampagne des feindlichen Westen handle. Behördenvertreter verhinderten, dass die Aktivisten Seminarräume nutzen oder mieten konnten, so dass Seminare in Privatwohnungen stattfinden mussten. Unterstützer der Bewegung wurden in ihrer Reisefreiheit eingeschränkt und z.B. mit wiederholten anonymen Drohanrufen eingeschüchtert. Männliche Unterstützer wurden von Polizeibeamten als "Verräter" beschimpft, Frauen wie Männer wurden in der Haft misshandelt und gefoltert.
Internationale Beachtung und Unterstützung
Die Kampagne wird von zahlreichen Nichtregierungorganisationen aus der ganzen Welt moralisch unterstützt. Auf Wunsch der Initiatoren geht die Kampagne keine Koalitionen mit anderen Organisationen oder Regierungen ein, da die Eigenständigkeit für die Organisation im Vordergrund steht. International wird allerdings für die Bewegung geworben: Nichtiraner sind eingeladen, einen Appell an die iranische Regierung zu verfassen und eine Petition für Nichtiraner zu unterschreiben. Zu den "Eine Million Unterschriften" werden allerdings nur solche von iranischen Staatsbürgern gezählt.
[zum Appellvorschlag an die iranische Regierung ...]
[zur Petition für iranische Staatsbürger ...]
[zur Petition für Nicht-Iraner ...]
Erfolge
Trotz Drohungen und Verhaftungen arbeiten die Aktivistinnen und Aktivisten für die Kampagne weiter. Inhaftierte Unterstützer setzten ihre Aufklärungsarbeit in den Gefängnissen fort und setzten sich für eine bessere Behandlung der Gefangenen ein. Die Kampagne bekam international bereits viel Zuspruch und für ihre friedliche Arbeit für die Gleichstellung der Frau zahlreiche Auszeichnungen. Im Jahr 2009 ehrte sie die Feminist Majority Foundation, und erhielt den Simone de Beauvoir Preis. Die rechtliche Benachteiligung von Frauen wurde durch die Initiative der Bewegung im iranischen Parlament und der iranischen Öffentlichkeit thematisiert. Vielen wurde erst durch die Kampagne die schlechte rechtliche und gesellschaftliche Lage von Frauen bewusst. Damit ist ein wichtiger Schritt in Richtung eines Wandels geschafft. Große Teile der iranischen Gesellschaft scheinen nach über 30 Jahren Islamischer Republik dafür bereit zu sein.
Kleine Chronik der Kampagne für Frauenrechte
- 2006: Am 27. August startete die Kampagne. Auslöser war ein friedlicher Protest für Frauenrechte, der am 12. Juni 2006 gewaltsam von der Polizei beendet worden war.
- 2007: Im Januar wurden drei Mitarbeiter verhaftet und zwei von ihnen, Nasim Sarabandi und Fatemeh Dehdashti, am 12. August zu je sechs Monaten Haft und einer anschließenden Bewährungsfrist von zwei Jahren verurteilt. Im Februar, ein halbes Jahr nach Beginn der Unterschriftensammlung, waren 30.000 Unterschriften zusammengetragen. Am 4. März wurden 33 Frauen während eines stillen Protestes vor dem Islamischen Revolutionsgerichtshof in Teheran verhaftet und bis zu 15 Tage gefangen gehalten. Im April wurden 11 Aktivistinnen wegen "Gewalt gegen die nationale Sicherheit", "Propaganda gegen die Islamische Republik" und "Teilnahme an einer unerlaubten Demonstration" angeklagt. Im Mai protestierten Aktivistinnen gegen die Inhaftierung von Zeinab Peyghambarzadeh, die am 7. Mai verurteilt worden war. Im Juni wurde Delaram Ali zu 34 Monaten Haft und 10 Peitschenhieben verurteilt. Im nächsten halben Jahr folgten sechs weitere Verhaftungen.
- 2008: Im Februar wurde Irans erstes Frauenmagazin "Zanan" auf Anordnung der Regierung zwangsweise eingestellt. Das Magazin konnte 1992 zum ersten Mal veröffentlicht werden, als der spätere Präsident Ayatollah Khatami Kultusminister war und die notwendigen Genehmigungen erteilte. Am 3. März wurde Parvin Ardalan daran gehindert, nach Schweden zu fliegen, um den Olaf Palme Preis entgegen zu nehmen. Ihr wurde der Reisepass weggenommen, zusätzlich musste sie vor einem Gericht erscheinen. Allein im März erhielten 43 Aktivistinnen gerichtliche Vorladungen, zehn wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Weitere Verhaftungen folgten, teils ohne Anklage. Auch längere Haftstrafen wurden verhängt, wie z.B. eine fünfjährige Haftstrafe gegen Hadi Abdi. Andere Aktive wurden gegen ruinös hohe Kautionen aus dem Gefängnis entlassen.
- 2009: Im Jahr 2009 wurden so viele Unterstützer der Frauenrechtskampagne bedroht, körperlich angegriffen, verhaftet, misshandelt und gefoltert wie in keinem der Jahre zuvor. Viele Aktive der Kampagne für Gleichberechtigung waren an den Protesten gegen die gefälschten iranischen Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni 2009 beteiligt. Bei den Protesten in den 50er und 70er Jahren sollen sich Frauen oft in getrennten Reihen, meistens hinter den Männern bewegten haben - nach Aussagen iranischer Frauenrechtlerinnen sollen sie nicht immer freiwillig an den Protesten beteiligt gewesen sein. Jetzt aber protestierten iranische Frauen freiwillig und selbstbewusst Seite an Seite mit Männern. Auch dies ist ein Zeichen für den gesellschaftlichen Wandel im Iran.
Shirin Ebadi zur Kampagne
Dr. Shirin Ebadi ist die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003 und die wohl bekannteste Menschenrechtlerin des Iran. In einem Gespräch mit der IGFM in Frankfurt am 29. Oktober 2009 äußerte sie sich auch zur "Eine Million Unterschriften für Frauenrechte" und zur rechtlichen Situation der Frauen im Iran:
"Ich gehöre zu den Gründern dieser Kampagne. Die Lage der Frauen ist nach wie vor sehr schlimm, Diskriminierungen sind an der Tagesordnung. Ich möchte einige Beispiele anführen: Laut Gesetz ist das Leben einer Frau halb soviel Wert wie das Leben eines Mannes. Das heißt, wenn ein Mann und eine Frau auf der Straße Opfer eines Unfalls werden und den gleichen Schaden erleiden, dann bekommt die Frau nur die Hälfte an Schadenersatz wie der Mann. Vor Gericht zählt die Aussage zweier Frauen wie die eines Mannes. Ein Mann kann vier Frauen zur gleichen Zeit heiraten, er kann ohne rechtliche Begründung seine Frau verstoßen. Gleichzeitig ist es aber für eine Frau sehr schwierig, eine Scheidung zu erreichen.
Es gibt noch viele andere Diskriminierungen. Und das obwohl über 60 Prozent der Studierenden im Iran weiblich sind. Man muss das auch vor dem Hintergrund sehen, dass die Frauen im Iran schon seit über 50 Jahren auf allen Ebenen das Wahlrecht haben, länger als in der Schweiz. Wir haben sehr viele Professorinnen, wir haben viele Ingeneurinnen, wir haben viele Rechtsanwältinnen. Das heißt, diese Gesetze stehen im krassen Gegensatz zu der Stellung der Frau in der iranischen Gesellschaft. Deswegen nutzen die Frauen im Iran jede Gelegenheit, um ihre Unzufriedenheit auszudrücken.
Eine dieser Möglichkeiten ist die "Eine Million Unterschriften Kampagne". In dieser Kampagne sind nicht nur Frauen, sondern auch Männer aktiv. Ja, ein Teil derjenigen, die Unterschriften sammeln, sind Männer. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass etwa 50 Personen, die diese Unterschriften gesammelt haben, strafrechtlich verfolgt werden. Aber das hat nicht dazu geführt, dass die Aktivitäten der Kampagne eingestellt wurden.
Ich möchte als Beispiel etwas über eine meiner Mandantinnen erzählen, damit Sie wissen, mit welcher Motivation sich dort Menschen einsetzen: Eine junge Frau, 23 alt, Journalistin, wurde, während sie Unterschriften sammelte, von der Polizei festgenommen. Die Staatsanwaltschaft sagte ihr, sie müsste eine Kaution hinterlegen, damit sie bis zur Hauptverhandlung auf freiem Fuß bleiben könne. Sie meinte daraufhin, dass sie das Geld nicht habe, es aber auch dann nicht zahlen würde, wenn sie es hätte. Sie würde aus freien Stücken zur Hauptverhandlung erscheinen. Der Staatsanwalt entgegnete: "Wenn du nichts zahlst, dann werfe ich dich ins Gefängnis". Sie antwortete ihm, dass sie das wisse und bereit sei zu gehen. Der Staatsanwalt sagte ihr: "In einer Woche wirst Du mich auf Knien bitten, dass ich Dich entlasse."
Man hat sie dann ins Gefängnis gebracht und, damit es ihr in der Haft schlecht geht, sie nicht zu anderen politischen Gefangenen gesperrt, sondern zu Straftäterinnen, die zum Teil hohe Haftstrafen verbüßen. Nach einigen Tagen konnte sie mich anrufen. Sie sagte mir, dass einige der Häftlinge keine Verteidigerinnen oder Verteidiger hätten und fragte mich, ob ich dafür sorgen könnte, dass einige Anwälte sich bereit erklären, diese Häftlinge ohne Honorar zu verteidigen.
Wir haben dann einige Anwälte dort vorgestellt, damit alle über einen Verteidiger verfügten. Ein paar Tage später konnte sie mich wieder anrufen. Sie sagte, es gäbe dort keine Gefängnisbibliothek, ob ich nicht dafür sorgen könnte, dass jeder unserer Freunde fünf oder sechs Bücher aufbringt und dem Gefängnis schenkt. Eine Woche später wurden dem Gefängnis dann sehr viele Bücher geschenkt. Die anderen Frauen im Gefängnis hatten mitbekommen, dass sie viel für sie getan hatte. Sie hatten sich mit ihr angefreundet. Außerdem hatte sie dort einen Kurs eingerichtet und die Frauen über Frauenrechte aufgeklärt und von der Kampagne der "Eine Millionen Unterschriften" erzählt.
Einen Monat später ist der Leiter des Gefängnisses zur Staatsanwaltschaft gegangen und hat ihn gebeten, sie da rauszuholen, weil sie dort alle Frauen zu Feministinnen mache. Der Staatsanwalt hat dieser Bitte entsprochen. Das war nur ein Beispiel. Ich wollte Ihnen damit etwas über die Verfassung der iranischen Frauen verdeutlichen. Deswegen meinte ich auch, dass die Reagierung mit ihrem Wissen am Ende ist. Wenn ein Volk bereit ist, mit dem Leben den Preis für Demokratie zu zahlen, dann wird es irgendwann siegen."


















