Iran: Bahai - Verfolgung einer Minderheit


Die sieben Mitglieder des informellen Führungsgremiums der Bahai im Iran, die am 5. März bzw. 14. Mai 2008 verhaftet und am 14.07.2010 zu je 20 Jahren Haft verurteilt wurden.
Die sieben Mitglieder des informellen Führungsgremiums der Bahai im Iran, die am 5. März bzw. 14. Mai 2008 verhaftet und am 14.07.2010 zu je 20 Jahren Haft verurteilt wurden.

Hintergrund

Die Bahai (auch Bahá'í geschrieben) sind mit schätzungsweise 150.000 - 350.000 Angehörigen die größte nichtmuslimische religiöse Minderheit im Iran. Die iranische Regierung und konservative muslimische Geistliche sprechen den Bahai das Existenzrecht ab. Die Religion der Bahai entstand im 19. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Iran. Sie versteht sich als Offenbarungsreligion, die frühere Religionen, einschließlich des Islam, anerkennen. Nach klassischer islamischer Rechtsauffassung werden die Bahai als häretische Gruppe abgelehnt. In der Islamischen Republik Iran sind sie Opfer systematischer Diskriminierung und Verfolgung. Die Bahai lehnen Gewalt und die Sharia (das islamische Recht) ab, ebenso die Polygamie. Die Frauen der Bahai haben die gleichen Rechte wie die Männer.

Mit der islamischen Revolution 1979 verschlechterte sich für viele religiöse Minderheiten die Lebenssituation. Die Bahai waren schon zuvor diskriminiert und zum Teil verfolgt worden. Ihre Verfolgung in der Islamischen Republik war und ist allerdings noch systematischer als zuvor. Vor der Revolution existierten im Iran ca. 600 Geistige Bahai-Räte, die sich um die Belange der Gemeinden kümmerten. Diese wurden verboten und zerschlagen. Seit 1980 wird jungen Bahai der Zugang zu staatlichen und privaten Hochschulen und Universitäten verwehrt. Seit März 1981 wird die Mitgliedschaft in einem Bahai-Verwaltungsgremium oder einer Bahai-Gemeinde als Kapitalverbrechen verfolgt. Am 29.8.1983 wurden alle Bahai-Verwaltungsgremien offiziell verboten. Anstelle des gewählten sogenannten "Nationalen Geistigen Rates" der Bahai, dessen Angehörige zum Teil hingerichtet wurden, bildete sich inoffiziell eine landesweite Koordinierungsguppe, mit deren Mitgliedern iranische Behörden jahrelang in Kontakt standen. 


Verhaftung des Bahai-Führungsgremiums

Die sieben Mitglieder des informellen Führungsgremiums waren zunächst alle im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert, wurden aber zwischenzeitlich getrennt. Die Männer befinden sich im Gohardasht-Gefängnis (auch "Rajai Shahr" genannt) in Karaj nordwestlich von Teheran. Die beiden Frauen befinden sich weiter im Evin Gefängnis. Sechs von ihnen wurden am 14. Mai 2008 in ihren Häusern in Teheran verhaftet, die Geschäftsführerin bereits am 5. März 2008 in Mashhad. Eine offizielle Anklage lag Monate lang nicht vor.

Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die zunächst die Verteidigung übernahm, bekam keinerlei Einsicht in die Akten und der Zugang zu ihren Mandanten wurde ihr verweigert. Wegen des noch stärker werdenden Drucks auf sie nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni 2009, kehrte sie nach einer Auslandsreise nicht in den Iran zurück. Die Verteidigung wird in Teheran von drei ihrer Kollegen wahrgenommen: Mahnaz Parakand, Hadi Elsmaielzadeh und Abdolfattah Soltani.

Die halbamtliche iranische Nachrichtenagentur ISNA meldete am 12. Februar 2009, dass die Angeklagten einem Revolutionsgericht überstellt würden. Die Anklage lautete angeblich auf "Spionage für Israel", "Beleidigung religiöser Gefühle" und "Propaganda gegen die Islamische Republik". Einige Wochen später kam ein weiterer Punkt hinzu: "Verderben stiften auf Erden", ein Delikt, das nach dem im Iran geltenden islamischen Recht mit dem Tod bestraft werden kann. Vertreter der Bahai weisen die Anschuldigung als frei erfunden zurück. Der für den 18.10.2009 angesetzte Prozesstermin wurde zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben.

Am 12. Januar 2010 war schließlich der Prozess in einer kurzen Sitzung eröffnet worden. Regierungsnahen Medien zufolge lautete die Anklage gegen die Sieben am ersten Verhandlungstag auf "Spionage", "Propaganda gegen die islamische Ordnung", "Aufbau einer illegalen Organisation", "Zusammenarbeit mit Israel", "Versenden geheimer Unterlagen ins Ausland", "Handlungen gegen die nationale Sicherheit" und "Stiften des Verderbens auf Erden".

Bei einer weiteren kurzen Anhörung am 7. Februar 2010 waren hauptsächlich Verfahrensfragen geklärt worden. Später wurde den Rechtsanwälten mitgeteilt, dass der Prozess, der am 10. April fortgesetzt werden sollte; vertagt wird.

Am 14. Juni fand schließlich eine nicht-öffentliche Verhandlung statt. Die Behörden informierten erst am 8. August 2010 die Anwälte der Verteidigung, dass das siebenköpfige informelle Führungsgremium der Bahai-Gemeinde zu jeweils 20 Jahren Haft verurteilt sei, machten aber keine Angaben zu den Einzelheiten des Urteils. Im Berufungsverfahren reduzierte das Gericht die Haftstrafen auf 10 Jahre im Gohardasht-Gefängnis in Karaj; die Untersuchungshaft wurde jedoch nicht angerechnet. Beide Urteile und die Urteilsbegründungen wurden bisher nicht veröffentlicht; die Anwälte der Verteidigung durften das Urteil nur wenige Minuten einsehen.

Ende Januar bzw. Anfang Februar 2011 wurden zudem die Haftbedingungen für die Führungsmitglieder durch Verlegung in die Abteilung 4 bzw. in die Sektion 200 des wegen grausamer Folter berüchtigten Gohardasht-Gefängnisses drastisch verschärft. Nach neuesten Angaben wurde den Inhaftierten nun mündlich von der Gefängnisverwaltung mitgeteilt, dass ihre ursprüngliche 20jährige Haftstrafe wieder in Kraft gesetzt wurde. Die Reduzierung auf eine zehnjährige Haftstrafe wurde auf Betreiben des Generalstaatsanwaltes rückgängig gemacht.


Friedensnobelpreisträgerin Dr. Shirin Ebadi zu diesem Fall

Dr. Shirin Ebadi ist die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003 und gilt als die bekannteste Menschenrechtlerin des Iran. Bis sie nach den gefälschten Präsidentenwahlen vom 12. Juni 2009 nicht mehr in den Iran zurückkehren konnte, war sie als Anwältin aktiv an der Verteidigung der Führungsgruppe der iranischen Bahai beteiligt. Am 29. Oktober 2009 sagte sie gegenüber der IGFM:


"Es gibt im Iran relativ viele Baha'i, etwa 300.000 Menschen. Leider entbehren sie seit der Revolution alle ihre zivilrechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Rechte. Sie dürfen nicht einmal studieren. Sie dürfen keine staatliche Anstellung bekommen und vor ungefähr zwei Jahren sind sieben Leiter der Baha'i Religion im Iran verhaftet worden. Meine Kolleginnen und Kollegen haben ihre Verteidigung übernommen. Eineinhalb Jahre lang hat man uns die Akteneinsicht verweigert. Sie haben nicht zugelassen, dass wir unsere Mandanten im Gefängnis aufsuchen durften. Die Staatsanwaltschaft hatte immer den Vorwand, ihre Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen. Vor ungefähr fünf Monaten ist uns endlich Akteneinsicht ermöglicht worden. Die Staatsanwaltschaft hatte die Anschuldigung erhoben, dass diese Sieben für die USA und Israel spioniert haben. Sie wissen, dass das Zentrum der Baha'i in Haifa liegt. Der Grund dafür ist, dass der Prophet dieser Religion vor 170 Jahren, als das Gebiet zum Osmanischen Reich gehörte, dort verstorben ist. Außerdem wurden sie beschuldigt, sie hätten Geld nach Israel geschickt und seien nach Israel gereist. Die Baha'i meinten zu Recht, dass es einen Staat Israel noch gar nicht gab, als ihr Prophet dort lebte und starb. Sie hätten Geld für ihr religiöses Zentrum überwiesen, das hätte mit dem Staat Israel doch nichts zu tun.

Ich habe bei einer Begegnung dem Staatsanwalt gesagt, dass ein Spion doch in der Regel Geld erhält und nicht Geld zahlt. Wo in der Welt gibt es das denn, dass jemand spioniert und dann auch noch Geld dafür bezahlt. In einem rechtsstaatlichen Verfahren würden diese Menschen sofort frei kommen."


Nach der Bekanntgabe des Urteils am 8. August 2010 sagte die Friedensnobelpreisträgerin, deren Defenders of Human Rights Center die Bahái verteidigte, sie sei über die Haftstrafen "fassungslos". In einem Fernsehinterview, das am 8. August von dem persisch-sprachigen Dienst der BBC ausgestrahlt wurde, erläuterte sie: "Ich habe ihre Akte Seite für Seite gelesen und keinen einzigen Beweis für die Anklage gefunden. Ich habe auch kein anderes Dokument gefunden, das die Vorwürfe des Anklägers rechtfertigten." Das Urteil sei eindeutig politisch. Sie werde dagegen Einspruch einlegen und die Freilassung der Häftlinge fordern.

 


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Fariba Kamalabadi

 

Fariba Kamalabadi, geboren am 12. September 1962 in Teheran, ist Entwicklungspsychologin und Mutter von drei Kindern: Varqa, Alhan und Taraneh Taefi. Wegen ihres ehrenamtlichen Engagements für die Bahai-Gemeinde befand sie sich vor ihrer Festnahme am 14. Mai 2008 bereits zweimal für einen bzw. zwei Monate in Haft. Seit 1982 ist sie mit Ruhollah Taefi verheiratet. Ihr Vater verlor 1980 nach der islamischen Revolution seine Arbeit als Arzt im öffentlichen Gesundheitswesen, weil er Bahai war, befand sich in Haft und wurde gefoltert.

 

  

Jamaloddin Khanjani

 

Jamaloddin Khanjani, geboren am 27. Juli 1933 in Sangsar, stammt aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen. Es gelang ihm, eine Ziegelei aufzubauen, die schließlich mehrere Hundert Personen beschäftigte. Nach der islamischen Revolution 1979 wurde er enteignet. Daraufhin baute er auf dem Land von Verwandten einen landwirtschaftlichen Betrieb auf. Khanjani ist verheiratet mit Ashraf Sobhani. Das Paar hat vier Kinder. Ihm, seiner Familie und seinen Verwandten sind zahlreiche Beschränkungen auferlegt. Dazu gehören u.a. das Verbot, ins Ausland zu reisen, Kredite aufzunehmen sowie andere wirtschaftliche Einschränkungen. Jamaloddin Khanjani befand sich vor seiner derzeitigen Inhaftierung mindestens dreimal in Haft.

 

  

Afif Naemi

 

Afif Naemi, geboren am 6. September 1961 in Yazd, ist Unternehmer. Als Bahai war ihm im Iran ein Studium verwehrt, er konnte aber die Textil- und Teppichfabrik seines Schwiegervaters übernehmen. Afif Naemi ist verheiratet mit Shohreh Khallakhi. Beide haben zwei Kinder: Fareed Naemi und Sina Naemi.

 

  

Saeid Rezaie

 

Saeid Rezaie, geboren am 27. September 1957, wuchs in Shiras auf. 1981 heiratete er Shaheen Rowhanian. Das Paar hat drei Kinder: Martha, Maman und Payvand. Saeid Rezaie ist Ingenieur für Agrarwissenschaft. Während der frühen 80er Jahre war die Verfolgung der Bahai im Iran besonders stark. Rezaie war gezwungen, mit Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt zu sichern, da es sehr schwer für einen Bahai war, eine Anstellung zu finden oder ein Geschäft zu betreiben. 1985 eröffnete er mit einem anderen Bahai eine Firma für Landwirtschaftsmaschinen in der Provinz Fars. Rezaie war bereits 2006 in Haft, wo er 40 Tage in Einzelhaft gehalten wurde. Seine beiden Töchter waren unter den 53 Bahai-Jugendlichen, die im Mai 2006 in Schiras verhaftet wurden, als sie an einem humanitären Projekt für sozial benachteiligte Jugendliche mitarbeiteten.

 

  

Mahvash Sabet

 

Mahvash Sabet, geboren am 4. Februar 1953 in Ardestan, ist Psychologin und war Rektorin an einer staatlichen Schule. Nach der Islamischen Revolution wurde ihr - wie Tausenden anderen Lehrern und Angestellten im öffentlichen Dienst - wegen ihres Bahai-Glaubens gekündigt. Seitdem durfte sie nicht mehr an öffentlichen Schulen beschäftigt werden. Sie arbeitete anschließend als Rektorin der inoffiziellen und selbstorganisierten Bahai-Hochschule des Iran, dem Bahai Institute for Higher Education (BIHE). Das BIHE war von den iranischen Bahai Ende der 80er Jahre als alternative Hochschuleinrichtung gegründet worden, nachdem Bahai-Jugendliche von öffentlichen und privaten Universitäten ausgeschlossen wurden. Viele Bahai haben ihre Ausbildung an der BIHE oder am angegliederten Advanced Bahai Studies Institute (ABSI) erhalten. Sabet war Geschäftsführerin des informellen Führungsgremiums der iranischen Bahai. Sie wurde bereits am 5. März 2008 verhaftet. Mahvash Sabet ist seit dem 21. Mai 1973 mit Siyvash Sabet verheiratet. Sie haben zwei Kinder: einen Sohn, Masrur, und eine Tochter, Nega Sabet.

 

  

Behrouz Tavakkoli

 

Behrouz Tavakkoli, geboren am 1. Juni 1951 in Mashhad, studierte Psychologie an der dortigen Universität. Er spezialisierte sich auf die Betreuung von körperlich und geistig Behinderten. Tavakkol arbeitete an einer staatlichen Einrichtung, bis er Anfang der 80er Jahre  wegen seines Bahai-Glaubens entlassen wurde. Daraufhin eröffnete er in der Stadt Gonbad einen kleinen Laden für Webteppiche, um seine Familie ernähren zu können. Dort bot er auch eine Reihe von Weiterbildungen für erwachsene und jugendliche Bahai an. Mit 23 Jahren heiratete er Tahereh Fakhri Tuski. Das Paar hat zwei Söhne: Naeim und Nabil. Behrouz Tavakkol war mehrfach verhaftet und misshandelt worden. Seit seiner letzten Haft leidet er an schwerwiegenden Gesundheitsproblemen, unter anderem an Leber- und Gelenkerkrankungen.

 

  

Vahid Tizfahm

Vahid Tizfahm, geboren am 16. Mai 1973 in Urumiyyih, ist Augenoptiker und besitzt einen Optikerladen in Täbris, wo er bis Anfang 2008 lebte, bevor er nach Teheran zog. Mit 23 Jahren heiratete er Furuzandeh Nikumanesh. Das Paar hat einen Sohn, Samim.

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