Konvertiten: Mit dem Tod bedroht
Abt Michael El Baramounsy, Leiter des Koptischen Zentrums in Waldsolms-Kröffelbach, zur Situation ägyptischer Konvertiten
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Abt Michael, ist es in Ägypten offiziell und auch in der Praxis möglich, seine Religion zu wechseln?
In der ägyptischen Verfassung gibt es einige Widersprüche, die diese Sachen betreffen: Die ägyptische Verfassung garantiert zwar die Religionsfreiheit, aber Artikel 2 derselben Verfassung bestimmt, daß der Islam Staatsreligion ist und dass die Grundsätze der islamischen Scharia die primäre Quelle der Gesetzgebung sind. Die Scharia ist das islamische Recht. Sie besagt, dass derjenige, der Apostasie begeht, das heißt vom Islam abfällt, mit dem Tode bestraft werden muss.
Dieser Artikel der Verfassung ist für die Praxis entscheidend. Islamistische Gruppen im Lande wachen darüber, dass die islamischen Vorschriften auch eingehalten werden. Wenn der Staat die islamische Scharia nicht anwendet, so nehmen sie häufig die Sache in die Hand und vollziehen die Strafe. Die Regierung verfolgt solches Tun nicht, weil sie die religiösen Gefühle der islamischen Mehrheit im Lande nicht verletzen möchte, denn sie möchte ja im Amt bleiben.
1992 verkündete der islamische Religionsgelehrte Scheikh El-Ghazali eine Fatwa hierzu, also ein Rechtsgutachten auf der Grundlage der Scharia: Diese Fatwa besagte: "Wer einen Murtad (das ist ein "Abtrünniger" vom Islam) tötet, soll nicht bestraft werden." Einer der wichtigsten Religionsführer des Landes hat damit die Ermordung eines vom Islam zum Christentum Konvertierenden religiös legitimiert. Dagegen wird sich auch die ägyptische Regierung nicht wenden wollen. Ich denke, damit ist Ihre Frage ausreichend beantwortet.
Welche Probleme haben Muslime, die sich für den christlichen Glauben interessieren?
Es ist dem Moslem untersagt, jegliches Interesse an der christlichen Religion zu zeigen. Schon der Besitz einer Bibel oder der Besuch einer Kirche, ja selbst eine freundliche Äußerung über die christliche Religion haben für ihn Schwierigkeiten mit den Angehörigen und Bekannten bis hin zu Schwierigkeiten mit der Polizei zur Folge.
Welche Konsequenzen hat der Wechsel vom Islam zum Christentum in Ägypten in der Praxis?
Der Konvertit hat kein Recht darauf, seinen Namen in den Ausweispapieren in einen christlichen umzuschreiben, noch seine nun christliche Konfession darin umzuschreiben. Hat er Kinder, wird ihm das Sorgerecht für diese entzogen, da er nun als Heide betrachtet wird. Selbst wenn es sich um eine konvertierte Mutter handelt, werden ihr die Kinder und das Sorgerecht einfach weggenommen. Die Kinder werden dann jemandem gegeben, der sie muslimisch erzieht. Gelingt es dem Elternteil etwa, sie im Geheimen an sich zu nehmen, so begegnet ihm in der Schule das Problem, dass sie am islamischen Religionsunterricht teilnehmen und ihre muslimischen Namen beibehalten müssen, da sie wie auch er den muslimischen Namen nicht in einen christlichen umändern dürfen.
Ein Konvertit hat keinerlei Recht auf Erbe seiner muslimischen Verwandten, zudem übernehmen Moslems all seinen Besitz nach seinem Tod - selbst wenn er Kinder, also Erben, zurücklässt.
Alle formellen und offiziellen Angelegenheiten und Dokumente werden unter Verwendung seines muslimischen Namens erstellt. Sollte einer seiner Verwandten, Bekannten oder aber die Polizei von seiner Konvertierung erfahren, besteht für ihn Lebensgefahr. Das Mindeste ist eine Gefängnisstrafe unter Folter und Qual durch die Beamten. Zur selben Zeit kann ein vom Christentum zum Islam Konvertierter sehr schnell seine Papiere erneuern. Ihm wird sofort eine Arbeitsstelle verschafft und man veranstaltet für ihn eine Prozession auf den Straßen.
Muslime, die ihren Glauben wechseln, müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Ich kann Ihnen einige Beispiel nennen für das, was Leuten passierte, die wir kennen:
- die Islamisten töteten den Konvertiten oder versuchten ihn zu töten;
- der Konvertit wurde durch die Polizei gefoltert;
- Familienmitglieder des Konvertiten wurden durch die Polizei gefoltert;
- der Konvertit verlor seinen Arbeitsplatz;
- der Konvertit wurde durch die eigene Familie und durch Freunde verstoßen; er hat dann meist keine Bleibe mehr und muss versuchen, in einem Hotel irgendwo in Kairo unterzutauchen, wo ihn niemand kennt - aber die meisten können sich das nicht leisten.
Wie verhalten sich der Staat und seine Behörden gegenüber Konvertiten?
Wurde Anzeige gegen einen Konvertiten erstattet, wird dieser, wie schon gesagt, unverzüglich in Gewahrsam genommen. Dort wird er dann von den Polizeibeamten verhöhnt, weil er sich ihrer Ansicht nach von der rechten Religion, der Staatsreligion, der Religion der Mehrheit, abgewandt hat. Macht er seine Konvertierung nicht rückgängig, kann er so lange im Gefängnis bleiben, bis er durch die Folter stirbt. Oder aber er wird freigelassen, um von den islamischen Fundamentalisten ermordet zu werden. Töten diese ihn nämlich, brauchen sie keine Bestrafung zu fürchten, denn der Mord an einem Christen bleibt straffrei. Tötet dagegen ein Christ einen Moslem, so wird er entsprechend bestraft, er wird also nicht wie der Moslem gepriesen, weil dieser in den Augen der Regierung eine gute Tat vollbracht hat. Wurde ein Konvertit im Geheimen getauft, bleibt er rechtlos. Er betritt unbemerkt die Kirche und trägt, ohne dass es jemand erfährt, eine Bibel oder ein anderes Gebetsbuch bei sich. Man muss dazu noch Folgendes bedenken: Der islamische Fundamentalismus hat sich in Ägypten sehr verbreitet, insbesondere auch unter den Juristen. So ist ihre Gewerkschaft seit der Zeit Sadats in den 1970er Jahren voll in der Hand der Moslembruderschaft. Genauso sieht es mit allen Behörden im Lande aus. Und das bestimmt, was in der Praxis im Lande geschieht. Das heißt, entscheidend sind nicht allein die gesetzlichen Bestimmungen. Es kommt immer noch darauf an, wie man mit einem Fall umgeht. Und da sieht es für einen abtrünnigen Moslem in Ägypten keinesfalls gut aus.
Wie reagieren die Kirchen in Ägypten, wenn jemand, der juristisch gesehen ein Moslem ist, den Wunsch äußert, sich taufen zu lassen? Welche Folgen hätte es für einen Geistlichen und seine Gemeinde, wenn er diesem Wunsch nachkommen würde?
Viele Priester weigern sich, einen Konvertiten zu taufen. Denn die islamische Scharia gibt ganz eindeutig Auskunft, wie da zu verfahren ist - und sie ist ja die erste Quelle allen Rechts in Ägypten: Wer einen Muslim zur Abkehr von seinem Glauben bewegt und ihn tauft, ist mit dem Tode zu bestrafen. Dies ist
einer der Gründe dafür, dass es in Ägypten immer wieder vorkommt, daß Priester ermordet werden. Oft werden die Fälle natürlich verschleiert - z.B. als Unfall dargestellt, wie es erst jüngst wieder geschah.
Werden Konvertiten auch in Deutschland bedroht?
Ägyptische Konvertiten, die ursprünglich Muslime waren, sind in Deutschland verschiedenen Gefahren ausgesetzt. Nach unserer Erfahrung sind das hauptsächlich Folgende: Sie und ihre Familien werden manchmal auch in Deutschland verfolgt, etwa wenn ihr "Abfall vom Glauben" muslimischen Landsleuten hier bekannt wird. Konvertiten, die nach Deutschland geflohen sind und hier ein Asylgesuch eingereicht haben, müssen meist jahrelang auf eine Entscheidung warten. Sie leben dann in ständiger Angst vor Abschiebung nach Ägypten. Was sie dort erwartet, habe ich ja bereits angerissen. Aber nicht jeder findet einen verständnisvollen Richter oder kann sich einen guten Rechtsanwalt leisten. Kirchen und Klöster in Deutschland, in denen Konvertiten Zuflucht suchen, sind den Islamisten natürlich bekannt und werden immer wieder ausspioniert. Wir führen z.B. ein ganz offenes Haus. Wir sind vor so etwas auch nicht sicher. Die Konvertiten werden ihre Angst niemals los. Sie fürchten natürlich auch, ihre Gastgeber in Gefahr zu bringen.
Was kann in Deutschland und von Deutschland aus getan werden um Konvertiten zu helfen?
Es wäre schön, wenn in den deutschen Asylbehörden verständnisvolle Mitarbeiter tätig wären, die über die Verhältnisse der Konversion von Muslimen Bescheid wissen. Ägyptischen Konvertiten sollte unbedingt das Asylrecht eingeräumt werden, auch wenn solche Glaubensflüchtlinge manchmal nicht in der Lage sind, alle Papiere beizubringen, die die deutschen Behörden sehen möchten. So mancher ist da schon an der Bürokratie gescheitert, obwohl jeder Islamist, dem im Heimatland die Todesstrafe droht, in Deutschland Asyl bekommt. Das ist absurd.
Wichtig wäre es auch, an die Vergabe deutscher Entwicklungshilfe für Ägypten Bedingungen zu knüpfen. So sollte man auf jeden Fall die Gewährung von Religionsfreiheit verlangen, ehe Gelder vergeben oder Kredite gewährt werden und man sollte auch die Bedingung stellen, dass das Leben von Konvertiten geschützt wird.
Mit Abt Michael sprachen Max Klingberg und Martin Lessenthin
Stand: Januar 2005














