Das Interview führten Irina Gaisdörfer und Tim Eike Zeller
IGFM, 19.05.2008
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| Pedro Pablo Alvarez Ramos als Gast bei der Jahreshauptversammlung der IGFM, 2008 |
| Foto: © IGFM, Felix Seuffert |
Im März 2003 war Pedro Pablo Alvarez Ramos wegen seiner Tätigkeit in der unabhängigen Gewerkschaft Consejo Unitario De Los Trabajadores zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Als einer von vier politischen Gefangenen wurde er anlässlich des Amtsamtritts von Raul Castro freigelassen und nach Spanien ausgewiesen.
Am 19. März 2008 berichtete der ehemalige politische Gefangene als Gast bei der Jahreshauptversammlung der IGFM von seinem Schicksal und von Möglichkeiten, die Lage der Kubaner zu verbessern.
IGFM: Herr Alvarez Ramos, ist dies das erste Mal, dass Sie Kuba verlassen haben?
Alvarez Ramos: 1991 habe ich eine Reise in die USA unternommen. Im Jahr 1998 bin ich außerdem nach Mexiko und Venezuela gereist.
IGFM: Wie wirken die Freiheiten innerhalb der EU und Deutschlands auf Sie, nachdem Sie die letzten fünf Jahre als politischer Gefangener in kubanischer Haft verbracht haben?
Alvarez Ramos: Ideen wie Informationsfreiheit oder Bewegungsfreiheit sind in Kuba Vielen unbekannt, denn die meisten Kubaner sind mit der Bewältigung des Alltags beschäftigt. Einschränkungen oder gar das Fehlen wesentlicher Freiheiten werden daher oft nicht einmal als gravierend wahrgenommen. Wenn dann noch scheinbare Reformen hinzukommen - wie kürzlich die Erlaubnis, Handys zu besitzen, kann leicht ein falscher Eindruck entstehen. Auch die EU darf sich nicht täuschen lassen. Um bei dem Handy-Beispiel zu bleiben: Die Erlaubnis führt keineswegs zu mehr Freizügigkeit, denn die Einnahmen der Kubaner, diese neue Freiheit zu nutzen, sind viel zu gering. Man muss da die gesellschaftliche Lage als Ganzes betrachten. Die kubanische Gesellschaft ist durch das System der zwei ungleichen Währungen immer stärker in zwei Klassen gespalten. Das hat auch Folgen für die wirtschaftliche Leistung, zum Beispiel sind 20-30% Prozent der industriellen Produktion weggeschrumpft als Konsequenz des Doppelwährungssystems. Die kubanische Regierung hat gleichzeitig aber nicht die wirtschaftliche Macht, dieses schädliche System zu beenden. Stattdessen versuchen die Oberen, von dem System zu profitieren. Obwohl die kubanische Regierung offiziell den Neoliberalismus bekämpft, praktiziert sie ihn inoffiziell zum eigenen Vorteil. Wenn die sich immer mehr aufbauende gesellschaftliche Spannung abgebaut werden soll, müssen echte und grundlegende Gesetzesänderungen eingeleitet werden, beispielsweise für die freie Wahl des Arbeitsplatzes und die Freizügigkeit für Personen und Waren. Um das zu unterstützen, muss die EU fordernder auf Kuba zu gehen. Immerhin braucht Kuba die Investitionen der EU-Staaten, nicht umgekehrt.
IGFM: War es Ihnen möglich, Kontakt zu Ihrer Familie und zu Ihren Freunden zu halten, nachdem Sie während der als Schwarzer Frühling bekannten Verhaftungswelle im März 2003 verhaftet worden sind?
Alvarez Ramos: Während der ersten 2 Jahre erlaubte man mir einen Anruf pro Woche, und Besuche durfte ich alle 25 Tage empfangen. Das galt aber nur für meine Familie. Meine Freunde habe ich während der fünf Jahre überhaupt nicht gesehen. Ich muss betonen, dass ich in einem moderaten Gefängnis saß. Zum Schutz vor kriminellen Häftlingen konnte ich zum Beispiel meine Einzelzelle selbst abschließen. Sie müssen wissen, dass die Gefängnisse auf Kuba schlimmer werden, je weiter östlich sie liegen.
IGFM: Welche Motivation hatten Sie, da Sie schon zuvor einmal inhaftiert worden waren? Was trieb Sie an, obwohl Sie also die Gefahren schon kannten?
Alvarez Ramos: Ich weiß seit meinem 20. Lebensjahr um die Gefahren meiner Arbeit. Damals wurde ich wegen meiner religiösen Überzeugung in ein Arbeitslager interniert. Das war typisch in den 60er Jahren. Später wurde ich dann von der Universität geschmissen und verlor mehrere Jobs. 1980 wurde ich dann offiziell als "nicht vertrauenswürdig" eingestuft. Um zu überleben, musste ich danach die niedrigsten Arbeiten verrichten.
IGFM: Woher nehmen Sie die Kraft?
Alvarez Ramos: Vielleicht wird man mit dieser Kraft geboren. Das ist eine Gewissenssache. Am Anfang hat man zwar Angst, aber man vergisst sie angesichts der Unterdrückung und der Missstände. Auch jetzt habe ich das Land nicht freiwillig verlassen, sondern wurde ausgewiesen. Deswegen fühle ich mich natürlich auch jetzt den Kubanern verpflichtet.
IGFM: Wo befindet sich Ihre Familie?
Alvarez Ramos: Meine Kinder sind seit dreieinhalb Jahren in Miami, meine Frau seit eineinhalb Jahren.
IGFM: Wie groß war während Ihrer Gefangenschaft der Druck auf Ihre Familie?
Alvarez Ramos: Die, die am meisten leiden, sind die Angehörigen. Kürzlich musste ich meine Schwester außer Landes bringen, da dem Freund der Schwester bei der Polizei mit Rausschmiss gedroht wurde. Ihr Freund durfte das Land bislang nicht verlassen.
IGFM: Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft? Vor allem bezüglich Ihrer Arbeit.
Alvarez Ramos: Ich fühle mich Kuba immer noch verpflichtet. Da ich ins Exil gezwungen wurde, ist dies hier eine zeitweilige Angelegenheit für mich. Ich fühle mich verpflichtet, den Gefangenen zu helfen. Solange, wie die kubanische Regierung die Menschenrechte mit Füßen tritt und die Gesetze nicht achtet, solange werde ich mich weiter für die Kubaner und die Freilassung der Gefangenen einsetzen. Deswegen reise ich, um auf die Menschenrechtssituation und auf die politischen Gefangenen aufmerksam zu machen.
IGFM: Was sind Ihre wichtigsten Ziele?
Alvarez Ramos: In Kuba muss eine Bewegung zu Gunsten der politischen Gefangenen gegründet werden. Ich will in Deutschland auf die Lage der politischen Gefangenen hinweisen. Viele leiden unter einem miserablen Gesundheitszustand und menschenunwürdigen Bedingungen und das obwohl sie unschuldig sind. Während meines erzwungenen Exils werde ich versuchen, in der EU für einen kritischen und fordernden Dialog mit Kuba zu werben.
IGFM: Was können die EU, Deutschland und die IGFM für eine Verbesserung der Lage in Kuba tun?
Alvarez Ramos: Kuba ist wegen seiner Misswirtschaft auf die EU angewiesen. Vor Kurzem besuchte EU- Kommissar Michel Kuba und kündigte einen Dialog mit Kuba an. Ein Dialog kann aber nicht fruchtbar sein, wenn die kubanische Opposition ausgeschlossen wird. Es ist ein Fehler der EU, dass sie sich darauf einlässt. Ein Dialog muss kritisch sein und alle einschließen. Und Kuba ist nicht in der Position, Forderungen zu stellen, sondern muss Beweise bringen für grundsätzliche Änderungen im wirtschaftlichen und rechtlichen Bereich. Vor allem Gesetze zur freien Wahl des Arbeitsplatzes sind notwendig. Die Gesetze müssen den Kubanern helfen. Im Moment sind von einem unkritischen Dialog der EU mit Kubas Regierung keine gravierenden Reformen zu erwarten. Die kleinen Änderungen der jüngsten Vergangenheit sind keine Reformen.
IGFM: Welche Rolle hat die IGFM bei Ihrer Freilassung gespielt?
Alvarez Ramos: Sicherlich hat die IGFM eine wichtige Rolle gespielt, sowohl in meinem Fall als auch weltweit in vielen anderen. Die IGFM hat in verschiedenen Regionen auf der Welt einiges erreicht, auch in noch gewalttätigeren Regionen als Kuba. In Kuba kann die IGFM in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Sie leistet eine hervorragende Arbeit. Ich werde dafür sorgen, dass die politischen Gefangenen und Angehörigen davon erfahren.