Kuba: Yoani Sanchez - Entführung im Stil der Camorra


 

 



Die Castro-Regierung verschärft erneut die Verfolgung von Journalisten und Bürgerrechtlern - trotz der Bemühungen Europas und der USA, durch eine offenere Haltung gegenüber dem Regime Castros die Besserung der Menschenrechtslage in Kuba herbeizuführen. Am 6. November 2009 haben Mitarbeiter der Staatssicherheit die oppositionelle Bloggerin Yoani Sánchez vorübergehend festgenommen und misshandelt, um ihre Teilnahme an der Demonstration für "Gegen die Gewalt" zu verhindern. Frau Sanchez wurde 2008 mit dem Weblog Award der Deutschen Welle ausgezeichnet. Sie ist auch Preisträgerin der spanischen Tageszeitung El Pais und wegen ihrer kritischen Berichte über das Leben in Kuba international bekannt. Ihr Blog "Generation Y" wird über 1 Million Mal im Monat besucht.


 

 

Yoani Sánchez, 07. November 2009 
http://www.desdecuba.com/generationy
http://www.desdecuba.com/generationy_de/?author


Übersetzung aus dem Spanischen:
© Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

 

 

Yoani Sánchez, preisgekrönte oppositionelle Bloggerin Kubas, entführt und misshandelt. Bild: CNN, Screenshot vom Nachrichtenbeitrag

Havanna, 06.11.2009. "Gegen die Gewalt" - Demostration kubanischer Bürgerrechtler und Oppositioneller in Havanna, an der Yoani wegen Entführung durch die Staatssicherheit nicht teilnehmen konnte. Bild: Screenshot vom Videobeitrag auf youtube.com 

In der Nähe der 23. Straße, genau am Kreisverkehr der Avenida de los Presidentes war es, als wir drei stämmige Unbekannte in einem schwarzen Auto chinesischen Fabrikats auf uns zu kommen sahen. "Yoani, steigen Sie ins Auto ein", sagte einer zu mir, wobei er mich hart am Handgelenk packte. Die anderen zwei stellten sich um Claudia Cadelo, Orlando Luis Pardo und eine Freundin herum, die uns zu einer Demonstration "Gegen die Gewalt" begleitete. Was ein Tag des Friedens und der Eintracht hätte werden sollen, war "Ironie des Schicksals" ein Nachmittag voller Schläge, Schreie und Beschimpfungen. Die Aggressoren riefen eine Patrouille herbei, die meine beiden Begleiter mitnahmen; Orlando und ich waren dazu verdammt, in das Auto mit dem gelben Kennzeichen einzusteigen - in die schreckliche Welt der Illegalität und der Ungestraftheit des Armageddon.

Ich weigerte mich in den glänzenden Geely einzusteigen und wir verlangten, dass sie uns ihren Ausweis zeigen sollten oder eine richterliche Anordnung für unsere Festnahme. Natürlich zeigten sie uns kein Papier, das die Gesetzmäßigkeit unserer Verhaftung nachweisen konnte. Neugierige sammelten sich um uns und ich schrie: "Hilfe, diese Männer wollen uns entführen", aber die Täter stoppten die Leute, die einschreiten wollten, mit dem Ruf, der den ganzen ideologischen Hintergrund der Operation enthüllte: "Mischen Sie sich nicht ein, das sind Konterrevolutionäre".

Angesichts unseres verbalen Widerstandes griffen sie zum Telefon und sagten zu jemandem, der ihr Chef sein musste: "Was sollen wir tun? Sie wollen nicht ins Auto einsteigen". Ich nehme an, die Antwort war unmissverständlich, denn darauf folgte ein Hagel von Schlägen und Stößen. Sie drückten meinen Kopf nach unten und versuchten mich ins Auto zu drängen. Ich klammerte mich an der Tür fest, Schläge auf die Fingerknöchel. Ich schaffte es, einem von ihnen ein Papier, das er in der Tasche trug, zu entwenden und steckte es mir in den Mund. Eine weitere Reihe von Schlägen, damit ich ihnen das Dokument zurückgäbe.

Im Auto war schon Orlando, unbeweglich gemacht durch einen Karategriff, der ihn mit dem Kopf am Boden festhielt. Einer setzte sein Knie auf meine Brust, der andere schlug mir vom Vordersitz aus in die Nierengegend und auf den Kopf, damit ich den Mund öffnete und das Papier freigäbe. In einem Augenblick hatte ich den Eindruck, ich würde nie mehr aus jenem Auto herauskommen. "Bis hierher haben wir es dir durchgehen lassen, Yoani. Jetzt ist Schluss mit deinen Mätzchen", sagte der, der neben dem Fahrer saß, wobei er meinen Kopf an den Haaren hochzog.

Auf dem Rücksitz lief ein seltsames Schauspiel ab: meine Beine nach oben gestreckt, mein Gesicht gerötet vom Blutdruck, Schmerzen am ganzen Körper. Auf der anderen Seite befand sich Orlando, in Schach gehalten von einem professionellen Schläger. In einem Akt der Verzweiflung schaffte ich es, diesen Mann durch seine Hose hindurch an den Hoden zu packen. Ich krallte meine Nägel hinein, da ich glaubte, er würde meine Brust bis zum letzten Seufzer abquetschen. "Bring mich schon um" rief ich ihm zu mit dem letzten Atemzug, der mir blieb. Derjenige der vorne mitfuhr, riet dem Jüngeren: "Lass sie atmen!".

Ich hörte Orlando hecheln und weiterhin regneten Schläge auf uns herab. Ich überlegte, die Tür zu öffnen und mich hinausfallen zu lassen, aber es gab keinen Griff, den man von innen hätte bedienen können. Wir waren ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die Stimme von Orlando zu hören, gab mir Mut. Später sagte er mir, dass es ihm bei meinen abgehackten Worten ebenso ergangen war - sie sagten ihm "Yoani lebt noch".

Auf einer Straße in Timba ließen sie uns zurück, am Boden liegend und gekrümmt vor Schmerzen. Eine Frau kam herbei: "Was ist Ihnen passiert?" "Eine Entführung", brachte ich heraus. Wir hielten uns umarmt und weinten mitten auf dem Gehsteig. Ich dachte an Teo. Mein Gott, wie soll ich ihm all diese blauen Flecken erklären. Wie kann ich ihm sagen, dass er in einem Land lebt, wo so etwas passiert, wie soll ich ihn ansehen und ihm erzählen, dass seine Mutter auf offener Straße misshandelt worden ist, weil sie einen Blog schreibt und ihre Meinung in Kilobytes veröffentlicht. Wie soll ich ihm die despotischen Gesichter der Leute beschreiben, die sich in jenem Auto gewaltsam auf uns stürzten, das Vergnügen, das sie offensichtlich empfanden, als sie uns schlugen, meinen Rock hoben und mich halbnackt ins Auto zerrten.

Trotzdem gelang es mir, den Grad des Erschreckens unserer Angreifer zu sehen, die Furcht vor dem Neuen, vor dem, was sie nicht zerstören können, weil sie es nicht verstehen, den Schrecken des Kraftmeiers, der weiß, dass seine Tage gezählt sind.



 

Die Schuld des Opfers

 

Yoani Sánchez, 08. November 2009 
http://www.desdecuba.com/generationy
http://www.desdecuba.com/generationy_de/?author


Übersetzung aus dem Spanischen:
© Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

 

 

 

Yoani Sánchez - Folgen der Misshandlung durch die kubanische Staatssicherheit. Bild: CNN, Screenshot vom Nachrichtenbeitrag

Yoani Sánchez: ihr Blog "Generation Y" - ihre Haupttherapie. Bild: CNN, Screenshot vom Nachrichtenbeitrag

Nach einer Körperverletzung gibt es gewisse kurzsichtige Leute, die das Opfer selbst für das Geschehen verantwortlich machen. Wenn es eine Frau ist, die vergewaltigt wurde, erklärt jemand, dass ihr Rock zu kurz war oder dass sie durch ihren aufreizenden Gang provoziert habe. Wenn es sich um einen Raub handelt, dann gibt es Leute, die auf die auffällige Tasche hinweisen oder die glänzenden Ohrringe, die die Habgier des Verbrechers hervorriefen. Falls es um ein Opfer von politischer Unterdrückung geht, da fehlt es nicht an Leuten, die anführen, dass Unvorsichtigkeit die Ursache eines so "energischen" Vorgehens gewesen sei. Das Opfer fühlt sich angesichts solcher Verhaltensweisen doppelt angegriffen.

Die vielen Augenpaare, die sahen, wie Orlando und ich unter Schlägen in ein Auto gezerrt wurden, ziehen es vor, nicht als Zeugen aufzutreten, da sie sich so auf die Seite des Straffälligen stellen würden.

Der Arzt, der kein Protokoll über physische Misshandlungen schreibt, weil man ihn bereits darauf hingewiesen hat, dass in diesem "Fall" kein Dokument zurückbleiben darf, das die Verletzungen bestätigt, verstößt gegen den Eid des Hippokrates und macht gemeinsame Sache mit dem Täter. Wer der Meinung ist, es hätte mehr blauer Flecken und sogar Knochenbrüche bedurft, um mit dem Angegriffenen Mitleid empfinden zu können, der quantifiziert nicht nur den Schmerz, sondern sagt zum Angreifer: "Du musst mehr Zeichen hinterlassen, du musst energischer sein."

Ebenso wenig fehlt es an Leuten, die immer behaupten werden, dass das Opfer sich die Verletzungen selbst beigebracht habe, Leute, die die Schreie oder die Klagen neben sich nicht hören wollen, die aber einen solchen Fall hervorheben und publik machen, wenn er Tausende von Kilometern entfernt unter einer anderen Ideologie, unter einer anderen Regierung passiert. Es sind dieselben ungläubigen Leute, die die UMAP (Arbeitslager zur Umerziehung von politisch Andersdenkenden), das Militärausbildung und Landarbeit kombiniert, für ein lustiges Lager halten. Es sind dieselben, die immer noch glauben, dass es gerechtfertigt sei, drei Männer zu erschießen*, wenn es darum geht, den Sozialismus zu schützen, und dass es sich, wenn irgendjemand eine nicht konforme Person schlägt, letztere selbst zuzuschreiben hat - wegen ihrer Kritik. Wer immer wieder Gewaltanwendung rechtfertigt, lässt sich von keiner Offensichtlichkeit überzeugen, nicht einmal von den Abkürzungszeichen R.I.P. auf weißem Marmor. Für sie ist das Opfer der Urheber und der Angreifer erteilt lediglich die nötige Lektion, er "korrigiert" einfach unsere Abweichungen.


Kurz zum medizinischen Teil:

Ich bin gerade dabei, die körperlichen Verletzungen, die von der Entführung am vergangenen Freitag stammen, zu überwinden. Die blauen Flecken sind am Verschwinden. Was mich im Augenblick am meisten stört, ist ein stechender Schmerz in der Lendenwirbelgegend, der mich dazu zwingt, eine Krücke zu benutzen. Gestern Abend bin ich in die Poliklinik gegangen, wo ich gegen Schmerz und Entzündung behandelt wurde. Nichts, was mein jugendliches Alter und mein guter Gesundheitszustand nicht überwinden könnten. Glücklicherweise hat der Schlag, den ich abbekam, als sie mein Gesicht auf den Boden des Autos drückten, nicht mein Auge in Mitleidenschaft gezogen, sondern nur den Wangenknochen und die Augenbrauen. Ich hoffe, in wenigen Tagen wieder hergestellt zu sein.

Dank der Freunde und Familienangehörigen, die mich umsorgt und mir geholfen haben, verschwinden allmählich sogar die psychischen Folgeerscheinungen, die ja schwerwiegender sind. Orlando und Claudia stehen immer noch unter Schock, aber sie sind unglaublich stark und sie werden es auch schaffen. Wir haben schon wieder angefangen zu lächeln, was die beste Medizin gegen Misshandlung ist. Die Haupttherapie für mich bleibt weiterhin dieser Blog und die Tausend Themen, die ich in ihm noch behandeln will.

(Anmerkung des Herausgebers: Der Eintrag wurde telefonisch diktiert.)



Anmerkung der Übersetzerin:
* UMAP: Arbeitslager zur Umerziehung von politisch Andersdenkenden
* Im April 2003 brachte eine Gruppe von Kubanern eine Fähre in ihre Gewalt, um mit ihr nach Florida zu fliehen. Das Unternehmen schlug fehl, drei von ihnen wurden kurz darauf exekutiert.



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