Menschenrechte in der S.R. Vietnam 2006


Einleitung

Mindestens 20 Bürger in Vietnam wurden aus politischen oder religiösen Gründen im Jahr 2006 inhaftiert. Darunter befinden sich Gewerkschafter, Dissidenten und Gläubige. Damit erhöht sich die Zahl der politischen Gefangenen in Vietnam auf rund 170 Personen. Der Gipfel der Unterdrückung ereignete sich in der Zeit der Konferenz der APEC-Länder (Asia Pacific Economic Conference, 18.-19. November in Hanoi). Rund einhundert Personen wurde bis zu zwei Wochen unter absoluten Hausarrest gestellt. Einigen wurden sogar terroristischen Absichten vorgeworfen. Zunehmend setzte die Regierung zivile Personen bei Gewaltakten gegen Dissidenten ein.

 

159 inhaftierte Indigene

Vietnamesische Sicherheitskräfte in Zivil im Einsatz gegen die Montagnards. Bild: montagnard-foundation.org

Der IGFM sind 159 christliche ethnische Montagnards namentlich bekannt, die sich aus politischen Gründen in Haft befinden. Andere Quellen sprechen von 300 bis 355 Montagnards-Gefangenen.

Sie wurden im Zusammenhang mit den Demonstrationen in den Jahren 2001 und 2004 verhaftet. Damals gingen Zehntausende Montagnards für Minderheiten-Rechte und das Recht auf Religionsfreiheit auf die Straße. Die Demonstranten verhielten sich weitgehend friedlich, bis Polizei, Armee sowie Sicherheitskräfte in Zivil mit Gewalt gegen sie vorgingen. Danach wurde eine regelrechte Hatz auf sie eröffnet mehrere auf ihrem Fluchtweg nach Kambodscha verhaftet. Sie wurden zu Haftstrafen von bis zu 17 Jahren verurteilt - in unfairen Prozessen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die große Mehrheit wird in nordvietnamesischen Lagern festgehalten, über eintausend Kilometer von ihren Heimatorten und Familien entfernt. Die Haftbedingungen sind unmenschlich: Mangel an Hygiene, schlechte Ernährung, unzulängliche medizinische Versorgung und Zwangsarbeit. Mehrere Gefangene berichteten von Misshandlung durch Gefängniswärter und aufgewiegelte kriminelle Mitgefangene.

2006 starben mindestens vier Gefangene in der Haft oder kurz nach der Haftentlassung. Ihre mittellosen Familien konnten sie wegen der Entfernung und wegen des schwierigen Genehmigungsverfahrens nur selten besuchen. 2006 flohen weitere rund 250 Montagnards nach Nord-Kambodscha und hielten sich in Wäldern versteckt bis der UNHCR sie fand.

 

Systematische Folter

Systematische Folter in vietnamesischen Haftanstalten. Bild: montagnard-foundation.org

Folter in Polizeiwachen und Untersuchungshaft ist weit verbreitet. Die aktuellen Fälle von acht Buddhisten in Bac Giang zeigen, dass Folter in Vietnam systematisch durch Staatsanwaltschaft, Polizei und Gefängniswärter betrieben wurden. Ähnlich sieht es in Gefängnissen aus. Ein Gefangener wird in der Regel sechs bis neun Monate regelmäßig gefoltert.

Erschreckend ist das Verdunkelungssystem, das Opfer und Familien zum Schweigen zu bringen versuchte. Die Folterfälle kamen im Mai 2006 ans Licht, weil die Betroffenen nach heftigen Protesten auf Bewährung freigelassen wurden. Sie waren Ende 2003 und Anfang 2004 wegen angeblichen Antiquitätendiebstahls verhaftet worden. Die Polizei hatte sie während der Untersuchungshaft gefoltert, um von ihnen Geständnisse zu erpressen. Sie wurden nackt ausgezogen, am Handgelenk aufgehängt und mit einem eckigen Stock bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Oder man hängte sie an Armen und Beinen wie eine Schaukel an die Decke und ließ ihren Körper parallel zum Boden pendeln, damit ihr Kopf gegen die Wand stieß , immer wieder, bis zur Bewusstlosigkeit. Ihnen wurden die Körperhaare mit dem Feuerzeug versengt und brennende Zigaretten in den After eingefügt. "Um die Jungfräulichkeit der Mönche zu prüfen", wurde an ihren Genitalien bis zur Blutung gezerrt.

Der 70jährige Mönch Thich Duc Chinh wurde so zu Tode gefoltert. Sein Körper war übersäht mit Blutergüssen. Seine Familie erhielt seinen Leichnam zurück, unter der Bedingung, dass sie sich nicht über die Todesursache beschweren werde. Andere Gefangene trugen schwere bleibende Gesundheitsschäden davon, die in einem Fall lebensbedrohlich sind. In der Regel haben sie 20 bis 40 kg an Körpergewicht in der Haft verloren. Sie berichteten, dass die Folter zumindest mit dem Wissen des zuständigen Staatsanwalts stattgefunden hatte. Obwohl umfangreiche Details über die Foltermethoden sowie die Namen der Täter bekannt sind, hat Vietnam bislang die betreffenden Beamten nicht zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen wurde die staatliche Presse angewiesen, darüber nicht zu berichten, Zeugen und Folteropfer wurden eingeschüchtert bzw. isoliert.

 

Unterdrückung von Opposition unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung

Die vom katholischen Pfarrer Nguyen Van Ly initiierte Unterschriftenliste für Meinungsfreiheit (23. Februar 2006) im Vorfeld des 10. Parteitags der regierenden Kommunistischen Partei Vietnams hat im Laufe des Jahres eine eigene Dynamik erhalten und zu weiteren Erklärungen für die Demokratisierung des Landes geführt, wie z.B. der Unterschriftenliste für die Gründung von politischen Parteien (6. April 2006) und dem Manifest für Freiheit und Demokratie in Vietnam (8. April 2006).

 

Rechtsanwältin Bui Kim Thanh in psychiatrischer Zwangsbehandlung, die anderen in Haft.

Es folgte die öffentliche Gründung von mehreren oppositionellen politischen Parteien und Organisationen:
- Bloc 8406 (8. April 2006)
- Demokratische Partei XXI (20. Mai 2006)
- Progressive Partei (7. September 2006)
- Allianz für Demokratie und Menschenrechte (17.Oktober 2006)
- Unabhängige Gewerkschaft  (20. Oktober 2006)
- Vereinte Organisation der Arbeiter und Bauern (30. Oktober 2006)
- Verein der ehemaligen politischen Gefangenen (24. November 2006)
- Verein der Opfer des Unrechts (9. Dezember 2006) und
- Komitee für Menschenrechte (10. Dezember 2006)

Zahlreiche unabhängige Publikationen wurden herausgegeben, auf Papier und im Internet:
- "Meinungsfreiheit?" (erste Ausgabe am 15. April 2006)
- "Freiheit und Demokratie" (2. September 2006)
- "Vaterland" (15. September 2006)
- "Demokratie" (21. Oktober 2006)


Die vietnamesische Regierung reagierte mit zunehmender Einschränkung der Grundrechte: Störung bis Abschaltung der Telefon- und Internetverbindung, Behinderung der Bewegungsfreiheit, Verweigerung der Ausstellung eines Reisepasses, Ausreiseverbot, Konfiszierung von Computern und Laptops, mehrwöchige Verhörserien und mehrtägige Inhaftierung.

Der Staatssicherheitsdienst scheute nicht vor Zermürbungsmethoden zurück, um Dissidenten einzuschüchtern: nächtliche Besuche, Hauseinbruch in der Abwesenheit, Überfälle und vorgetäuschte Verkehrsunfälle durch Unbekannte.

Die Juristin Bui Kim Thanh wurde am 2. November zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen und seitdem dort festgehalten. Im August und September 2006 wurden fünf Demokratie-Aktivisten verhaftet: Truong Quoc Huy, Vu Hoang Hai, Nguyen Ngoc Quang und Pham Ba Hai. Sie haben bis heute keine Anklageschrift erhalten.

Do Thanh Cong, ein vietnamesischstämmiger US-Amerikaner, und drei weitere führende Mitglieder der im Untergrund arbeitenden "Demokratischen Volkspartei" wurden Mitte August verhaftet und ohne belastbare Beweise des Terrorismus beschuldigt. Die vietnamesische Regierung warf ihnen vor, einen terroristischen Anschlag gegen das US-Generalkonsulat geplant zu haben. Unter Protest der US-Botschaft wurde Do Thanh Cong später ausgewiesen, während Le Nguyen Sang, Huynh Trung Dao und Le Trung Hieu sich noch in Haft befinden.

Der Terrorismusvorwurf ist nicht neu, denn er wurde davor in anderen Fällen bereits eingesetzt. Ebenfalls unter dem Vorwand des Terrorismus wurden gegen rund ein hundert Dissidenten im ganzen Land in der Zeit um die APEC-Konferenz ein absolutes Ausgangs- und Besuchsverbot verhängt. Sie und ihre Familien durften die Wohnungen in dem Zeitraum vom 9. bis zum 22. November 2006 nicht verlassen. Vor ihren Häusern richtete die Polizei Wachposten ein und stellte Schilder wie "Zutritt verboten", "Für Ausländer verboten", "Fotos verboten" auf. Wer dennoch sein Heim verlassen wollte, wurde mit brutaler Gewalt ins Haus zurückgedrängt, in einem Fall wurde der Betreffende von mehreren Beamten in Zivil zusammengeschlagen. Mit dieser Aktion wollte die Regierung verhindern, dass Dissidenten und ehemalige politische Gefangene sich mit ausländischen Journalisten und Regierungsvertreter treffen, die an der APEC-Konferenz teilnahmen.

 

 

Verhaftung von Gewerkschaftern

 

 

Im Zeitraum zwischen Dezember 2005 und März 2006 gab es rund 150 Streiks, an denen 150.000 Arbeiter beteiligt waren.

Sie verlangten mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Gemäß einem Regierungsdekret über den Mindestlohn in Betrieben ausländischer Investoren aus dem Jahre 1999 durften sie nur einen Monatslohn von umgerechnet 40 Dollar erhalten. Mit diesen verordneten niedrigen Arbeitslöhnen sollten weitere ausländische Investoren (Foreign Direct Investment, FDI) ins Land gelockt werden.

Außerdem wurden die Arbeiter ausgebeutet, z.B. zu mehr Arbeit - manchmal bis zu 100 Stunden pro Woche - gezwungen oder von den Besitzern der Betriebe misshandelt.

Der Vietnamesische Gewerkschaftsbund, der einzig zugelassene im Lande, arbeitete oft gegen die Interessen der Arbeiter. Seit 1995 hatte er nur zu einem einzigen Streik aufgerufen, die sonstigen Streiks verurteilte er als illegal. Unter diesen Umständen haben die Arbeiter ihre Streiks selbst organisiert und sich gegen die staatlichen Gewerkschaftsvertreter gestellt.

Die "Vereinte Organisation der Arbeiter und Bauern" wurde am 30. Oktober 2006 von Arbeitern und Bauern ins Leben gerufen. Sie setzt sich auch für die Belange tausender Bauern ein, deren Land durch rechtswidrige Machenschaften enteignet worden waren. Zwei Wochen nach der Gründung wurden in der Zeit zwischen dem 14. und dem 18. November 2006 acht Vorstandsmitglieder des Vereins verhaftet: Nguyen Tan Hoanh, Tran Thi Le Hang, Doan Huy Chuong, Doan Van Dien, Le Van Si, Nguyen Thi Tuyet, Le Ba Triet und Nguyen Tuan. Zuletzt wurde am 12. Januar 2007 der Sprecher dieser Organisation, Tran Quoc Hien, verhaftet.

 

 

Gläubige in Haft und unter Hausarrest

Le Thi Duc und Nguyen Thi Nhan von der Full Gospel Chirch wurden bei der gewaltsamen Auflösung des Gottesdienstes von der Polizei zusammengeschlagen

Thich Qhuang Do, UBCV-Generalsekretär, verhaftet. Bild: IBIB 

Religionsgemeinschaften in Vietnam werden verfolgt, wenn sie vom Staat nicht zugelassen sind. Auch zwei Jahre nach dem Erlass der "Verordnung über Glauben und Religion" gibt es keine neue Anerkennung von Kirchegemeinschaften.
Lediglich einige wenige evangelische Treffpunkte bekamen unmittelbar vor der Veröffentlichung der US-Liste der Countries of Particular Concern (CPC) im Bereich der Religionsfreiheit in November 2006 eine Zulassung, die sogenannte "Genehmigungsbescheid für Aktivitäten". Dies sollte als 'Beweis für Fortschritte' gelten. Danach kam es bei der Legalisierung wieder zum Stillstand.

Die zugelassenen Treffpunkte sind nicht eine Denomination oder Kirche, wie die vietnamesischen Zeitungen fälschlicherweise berichteten. Die Hauskirche "The Assemblies of God", die über 500 Treffpunkte in 30 Provinzen verfügen, beklagte, dass bis Ende 2006 nur fünf ihrer Treffpunkte Genehmigungsbescheide erhielten. Auch offiziell anerkannte Organisationen wie der Verband der Evangelischen Kirche in Nordvietnam bzw. Südvietnam müssen um die Anerkennung jeder einzelnen ihrer Gemeinden kämpfen. Von den 108 Gemeinden in der nordwestlichen Provinz Lai Chau hat der seit 1958 vom Staat anerkannte Verband der Evangelischen Kirche nur eine einzige zugelassene Gemeinde.

Ohne eine Genehmigung riskieren die religiösen Versammlungen eine Auflösung durch die Polizei. Mitglieder von Hausgemeinden der "Full Gospel Church" in Thanh Hoa wurden sonntags von Polizisten und Miliz brutal misshandelt. Im März und April 2006 hatten es mehrere große Brandanschläge auf Häusergruppen von Christen in den nord- und zentralvietnamesischen Bergregionen der Provinzen Lai Chau, Lao Cai, Dien Bien und Quang Ngai gegeben. Ethnische Christen wurden dabei brutal misshandelt.

Die Vereinigte Buddhistische Kirche Vietnams (Unified Buddhist Church of Vietnam/UBCV) hat seit 1975 keine Zulaasung erhalten. Ihre führenden Mitglieder stehen seitdem unter Hausarrest. Thich Quang Do, Generalsekretär der UBCV, wurde in Februar 2006 vorübergehend festgenommen, als er dem Oberhaupt Thich Huyen Quang einen Besuch abstatten wollte. Der schwerkranke Thich Huyen Quang durfte im Januar 2007 nicht zur Nachuntersuchung nach Ho Chi Minh reisen, obwohl die Regierung ihm im Oktober 2006 (vor der Bekanntgabe der CPC-Liste) gestattet hatte, sich dort wegen eines Notfalls medizinisch behandeln zu lassen. Vertreter der UBCV wurden von der Polizei angewiesen, sich in der Zeit der APEC-Konferenz nicht mit ausländischen Diplomaten und Journalisten zu treffen.

Die traditionelle Organisation der Hoa Hao Buddhististen in Südvietnam wird weiterhin von der Regierung als illegal bezeichnet. Im Lauf des Jahres 2006 wurden deren Mitglieder ständig schikaniert, überfallen und in Gewahrsam genommen. Mit mindestens einer Selbstverbrennung und Hungerstreiks haben die Hoa Hao versucht, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihr Schicksal zu lenken. Sie beklagten, dass derzeit vier ihrer Mitglieder unter Hausarrest stehen und 14 führende Mitglieder sich in Haft befinden: Nguyen Van Dien, Nguyen Van Tho, Duong Thi Tron, Le Van Soc, Nguyen Van Thi, Vo Van Buu, Mai Thi Dung, Nguyen Thanh Phong, Nguyen Thi Ha, To Van Manh, Nguyen Thanh Long, Vo Van Thanh Liem, Le Van Tinh und Bui Tan Nha. Um die Zeit der APEC-Konferenz wurden rund 50 Hoa Hao-Aktivisten unter Hausarrest gestellt.

 

 

Empfehlungen

Die IGFM ruft Vietnam auf,

  • alle politische und religiöse Gefangene freizulassen
  • Folter und unmenschliche Behandlung einzustellen und der UN-Folterkonvention beizutreten
  • die Rechte der indigenen Bevölkerung zu respektieren
  • eine vollständige Liste der Montagnards-Gefangenen zu veröffentlichen, die Haftgründe von einer unabhängigen Kommission sorgfältig überprüfen zu lassen, und Personen, die wegen politischen und religiösen Motivationen zu Unrecht inhaftiert sind, sofort freizulassen und zu entschädigen
  • das Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit zu repektieren und die Drangsalierungen gegenüber Dissidenten einzustellen, das Recht der inhaftierte Dissidenten auf einen fairen Gerichtsprozess zu garantieren
  • die UN-Arbeitsgruppe gegen Willkürliche Verhaftungen, sowie die UN-Sonderberichterstatter für die Situation der Menschenrechte und Fundamentale Freiheiten für die indigene Bevölkerung, für Religions- und Glaubensfreiheit, für Meinungsfreiheit und für Folter und andere grausame, unmenschliche oder herabsetzende Behandlungen, einzuladen.

 

 

 

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