Noch immer erstaunliche Vielfalt


Christliche Minderheiten waren Opfer von Genozid und Vertreibungen im 20. Jahrhundert

 

von Walter Flick

Rund 99 Prozent der etwa 70 Millionen Türken sind Muslime. Schätzungsweise 15 bis 25 Prozent von ihnen sind Aleviten, die verbleibende große Mehrheit fast ausschließlich Sunniten. Nur etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung in der Republik Türkei sind Christen. Dennoch verteilt sich die geringe Zahl der Gläubigen auf ein breites Spektrum christlicher Konfessionen.

 

Nichtsdestoweniger gehört die Türkei zum frühchristlichen Gebiet der ersten Jahrhunderte, man denke nur an die Reisen des Apostels Paulus und die frühen Gemeinden und Konzilie. Papst Johannes Paul II. hat beim ad-limina-Besuch der türkischen Bischöfe 1994 in Rom die Türkei  "Heiliges Land der Urkirche" genannt.

 

Ein Teil der Christen in der Türkei sind Nachfahren der seit der Antike dort ansässigen Bevölkerung. Hinzu kommen als sogenannte Ausländerkirchen die römisch-katholische und die anglikanische Kirche, verschiedene protestantische und freikirchliche Gemeinschaften, aber auch neu eingewanderte georgisch- und russisch-orthodoxe Christen.

 

Auch heute noch ist die armenisch-apostolische Kirche die größte christliche Konfession des Landes. Von den ungefähr 82.000 Armeniern mit türkischem Pass leben allerdings nur rund 65.000 in der Türkei, davon wiederum rund 60.000 allein in Istanbul.

 

In Istanbul konzentriert sich die große Mehrheit der auf 200.000 Personen geschätzten Christen in der Türkei. Die griechisch-orthodoxen Christen mit dem Patriarchat in Istanbul zählen etwa 3000 Gläubige, hinzu kommen etwa 13.000 griechisch-orthodoxe Christen in der an Syrien und ans Mittelmeer grenzenden Provinz Hatay. Die syrisch-orthodoxe Kirche zählt in der Türkei knapp 15.000 Mitglieder, dreiviertel von ihnen leben in Istanbul.

 

Die Zahl der Katholiken wird auf bis zu 30.000 Gläubige geschätzt. Hierzu gehören auch die Chaldäer und die mit Rom unierten Syrer und Armenier. Es gibt ein römisch-katholisches Erzbistum in Izmir und apostolische Vikariate in Istanbul und Mersin mit je einem römisch-katholischen Bischof. Die Zahl der Protestanten im Land liegt bei einigen Tausend. Hierzu gehören missionarisch aktive Gruppen und sogar einzelne Konvertitengemeinden.

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten die Christen noch rund 20 Prozent der Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Türkei - heute sind es nur noch rund 0,3%. 1915/16 wurden bis zu 1,5 Millionen christliche Armenier, rund drei Viertel dieses Volkes, im Gefolge der jungtürkischen Revolution von 1909 umgebracht. Unter den Tätern waren sowohl Türken als auch Kurden. Dies war einer der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts, der bis heute von der Türkei geleugnet und dessen Anerkennung durch den türkischen Staat zur Zeit international gefordert wird. Auch rund 500.000 assyrische Christen fielen den Massakern während des 1. Weltkrieges zum Opfer. Ihnen folgten weitere Vertreibungen und Bevölkerungsumsiedlungen im Gefolge des 1. Weltkrieges. Die Zahl der griechisch-orthodoxen Christen ging von mehreren Hunderttausend zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf heute lediglich mehrere Tausend zurück. Massenvertreibungen und Morde Anfang der 20er Jahre spielten dabei die größte Rolle.

 

Zusätzlich haben die Zypernkrisen 1955 und 1964 das griechisch-türkische Verhältnis stark belastet. Besonders diese alteingesessenen Christen, die Armenier, Assyrer und Griechen, sind in der Türkei in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in erschreckendem Ausmaß Opfer von Menschenrechtsverletzungen geworden, die bis heute nur unzureichend ins Bewusstsein getreten sind.

 

Stand: Januar 2004

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