Normando Hernandez Gonzales: Ewige Nacht
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Ich konnte nicht mehr zurück in mein Haus gehen. Jetzt weiß nur noch Gott allein, ob es dort, wohin ich nicht noch einmal gelangte, Tag oder Nacht ist.
Wenn es morgens sein sollte, bringt sicher meine Frau unsere kleine Tochter zur Schule. Sie nimmt sie an die Hand, sie spazieren langsam mit traurigem Gesicht und tiefbetrübt zur Schule. Sie denken an mich, genau wie ich an sie denke, jeden Tag, jede Stunde, immer.
Nachmittags komme ich nicht. Daniela mit ihren kleinen, traurigen Augen beobachtet sicher, wie die anderen Eltern ihre Kinder am Schultor abholen. Sie beobachtet diese Umarmungen, diese Küsse voll von Liebe, die allein Eltern und Kinder sich geben können, die sich lieben. Sie beobachtet den Stolz ihrer Mitschüler, die alles ihren Helden, den Eltern, zeigen. Daniela leidet, weil sie zwar einen Vater hat, der sie liebt und den sie liebt, dieser aber niemals da ist, sie nie umarmt und ihr nie ein Küsschen gibt. Das Mädchen kann nicht verstehen warum.
Abends komme ich nicht. Ich helfe der Kleinen nicht bei den Hausaufgaben, ich lese ihr keine Märchen vor, ich spiele nicht mit ihr. Ich kuschele nicht mit ihr im Bett, ich gebe ihr keinen Kuss auf die Stirn, weder sage ich ihr Gute Nacht, noch beten wir zusammen ein kleines Gebet zu Gott. Meine Frau wartet auch vergeblich auf mich. Sie muss für unsere Tochter Mutter, Vater und Freundin - das heißt alles auf einmal sein. Sie erzählt mir, dass alle im Stillen weinen, mich sehr vermissen und dass sie in Angst leben. "Die Familie, der ganze Haushalt ist traurig, weil du fehlst", sagt sie mir als sie mich später besucht.
Ich bin auch traurig. Die Zelle ist klein, feucht, kalt und still. Sie hat eine eiserne Tür, die das Tageslicht nicht herein lässt. Aber ich habe ja noch nicht mal künstliches Licht, man hält mich in Dunkelheit. Die 24 Stunden zähle jedes Mal im Kopf. Ich lebe jetzt 101 Tage hier in dieser Zelle. 101 Tage habe ich nichts mehr von meiner Familie gehört. 101 Tage, in denen ich kein Sonnenlicht gesehen habe. 101 Tage, in denen ich auf einem Bett aus Stein, ohne Matratze übernachtet habe. 101 Tage, an denen ich gefroren habe. 101 Tage, an denen ich mich wegen Wassermangels nur 46 Mal waschen konnte. 101 Tage gestochen zu werden von Moskitos, sich an Kakerlaken und Spinnen gewöhnen und 101 Tage flüchten vor Ratten, damit sie nicht über mich laufen.
Das Loch, das die Zelle in einer ihrer Ecken hat, wird "turco" (Türke) genannt. Es ist der einzige Weg der Nager, die mir das Leben erschweren und der einzige Ort, an denen ich meinen menschlichen Bedürfnissen nachgehen kann. Ich entsorge ihre, der Nager, und meine Exkremente an diesem Ort, um den bestialischen, modrigen Gestank der Zelle nicht noch zu verstärken.
Ja. Das war eine kurze Erinnerung. Eine kurze Erinnerung an eine Zeitspanne, in der ich gefoltert wurde. Ich wurde zu 25 Jahre Gefängnis verurteilt. 88 Monate davon habe ich in einem kubanischen Gefängnis abgesessen. Ich wurde dafür verurteilt, dass ich geboren wurde, geboren mit den Rechten, die man einem Menschen nicht absprechen kann. Dafür bestraft, dass ich unabhängigen Journalismus ausübte in dem Kuba, das keine andere Meinung als den offiziellen Diskurs akzeptiert, der nun schon seit 51 Jahren in dieser schlechten Regierung präsent ist.
Eine kurze Erinnerung an eine Zeitspanne, die für mich wie eine ewige Nacht war.
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Normando Hernandez Gonzales mit Familie in Madrid |
Normando Hernandez Gonzales (geb. 27.10.1969),
verheiratet, ein Kind, Journalist und Direktor der Unabhängigen Journalistenschule (Colegio de Periodistas Independientes de Camagüey/CPIC) in Camagüey/Kuba, wurde im März 2003 während des sogenannten kubanischen "Schwarzen Frühlings" verhaftet und wegen seiner Artikel im oppositionellen Cubanet und Interviews mit Radio Martí zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.
Er wurde gefoltert und misshandelt, von Gefängniswächtern an den Haaren aufgehängt, befand sich mehrmals aus Protest gegen die unmenschlichen Haftbedingungen im Hungerstreik und musste sich ständig gegen Übergriffe der von Gefängniswärtern aufgewiegelten, gewalttätigen Mithäftlingen wehren.
Am 12.07.2010 wurde er vorzeitig freigelassen und nach Spanien abgeschoben.
Normando Hernandez Gonzales ist Ehrenmitglied der IGFM.




















