Ohne Fenster gegen Fidel


Der kubanische Arzt und Bürgerrechtler, Darsi Ferrer, setzt auf Rebellion und Gottvertrauen

 

Von Sebastian Grundberger
IGFM, August 2010

 

 

Dr. Darsi Ferrer, kubanischer Armenarzt und Bürgerrechtler, Mitbegründer der IGFM-Sektion Kuba.

Rebell ohne Fenster: Darsi Ferrer vor einem der Fensterlöcher in seiner Wohnung in Havanna, nachdem die Polizei die Fenster willkürlich entfernte.

Seine gute Laune lässt sich Darsi Ferrer nicht verderben. Herzlich lachend zeigt er auf die beiden großen Löcher in der Wand seines Wohnzimmers. "Dort waren bis vor zwei Wochen noch Glasscheiben", erklärt der Arzt und streicht seinem siebenjährigen Sohn über den Kopf. "Aber dann kamen Regierungsbeamte und haben das Glas herausgeschnitten". Einfach so. Weil Darsi Ferrer ein Oppositioneller ist. Große Sorgen macht sich der gläubige Christ wegen der fehlenden Scheiben nicht. Ein paar Fliegen seien es jetzt mehr in der Wohnung. Aber ansonsten gehe das Leben auch ohne Glasscheiben weiter. Er habe schon viel Schlimmeres erlebt.

Bis zum 22. Juni war Darsi Ferrer gar nicht zu Hause. Statt in seiner einfachen Erdgeschosswohnung in den Hügeln von Havanna hatte er elf Monate in einer Gefängniszelle verbracht. Die Castro-Brüder duldeten eben keinen Widerspruch, so Ferrer. Eingesperrt war er in einem kleinen Raum mit mehr als einem Dutzend Menschen. Mit Mördern, Vergewaltigern und sonstigen Kriminellen. Auf dem Speiseplan standen dabei Nahrungsmittel, die eigentlich für die Schweinezucht des Gefängnisses gedacht waren.

Frei gekommen ist Darsi Ferrer dank der Verhandlungen zwischen katholischer Kirche, spanischer Regierung und Castro-Diktatur. Genau wie bisher 32 weitere politische Gefangene. Im Unterschied zu den meisten anderen stellte ihn das Regime jedoch nicht vor die grausame Wahl zwischen Exil und Gefängnis. Während er wieder von seiner Wohnung aus für Demokratie und Menschenrechte kämpfen kann, müssen die Exilierten dies aus Spanien tun. So schaffe es das Regime, die demokratische Opposition auf der Insel auszubluten, beklagt der Arzt.

Trotzdem ist Darsi Ferrer optimistisch. Etwas bewege sich in Kuba. Allerdings sei dafür ein "Märtyrer" notwendig gewesen. Seit sich der Dissident Orlando Zapata am 23. Februar aus Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen in Kuba zu Tode gehungert habe, stehe das Castro-Regime unter Zugzwang.

Die jüngste Freilassungswelle sei dabei nur ein Hoffnungszeichen. Ein anderes sei paradoxerweise das Wiederauftauchen von Fidel Castro in den Medien. "Fidel wird langsam senil und verrückt", stellt Darsi Ferrer fest. "Wenn er im Fernsehen spricht, dann versteht doch kaum noch einer, was er sagen will". Das einstige Denkmal demontiere sich selbst. Und in Havanna herrsche große Konfusion darüber, wer eigentlich das Heft des Handelns in der Hand halte.

Wie es für Darsi Ferrer weitergeht? Auf diese Frage antwortet er mit zwei Wörtern: "Gottvertrauen" und "Rebellion". Ohne beides hätte er die elf Monate in der "Hölle" des Gefängnisses nicht durchgehalten, betont er. Und mit beidem will er alles überstehen, was vor ihm liegt.

Auf Solidarität hofft der Demokrat bei der Europäischen Union. Diese wollte eigentlich im September über ihre bisherige harte Haltung gegenüber Kuba beraten. Darsi Ferrer wünscht sich, dass die EU konsequent bleibt. Alles andere würde der erstickenden Diktatur der Castro-Brüder nur neuen Sauerstoff verschaffen, ist er überzeugt.

Ersticken lassen will sich Darsi Ferrer nicht. Er berichtet, wie ihm vor ein paar Tagen ein älterer Herr eine Vorladung zum Gericht gebracht hat: "Ich habe sie zerrissen und gesagt: Wenn Ihr mich wieder verhaften wollt, kommt bitteschön mit einer Patrouille". Darsi Ferrer wird rebellisch bleiben. Egal, wie sich die Europäische Union künftig zum kubanischen Regime positioniert. Und auch ohne Fensterscheiben.



* Sebastian Grundberger besuchte im August 2010 im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) Dissidenten in Kuba. Der Arzt und Menschenrechtsverteidiger Darsi Ferrer ist Gründungsmitglied der kubanischen Sektion der IGFM.

 

 

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