Religions- und Glaubensfreiheit. Anmerkungen aus der Sicht eines vatikanischen Medienmannes


Vorwort

Pater Eberhard von Gemmingen SJ
Chefredakteur von Radio Vatikan

IGFM-Jahresversammlung, Königstein/TS., 6. Mai 2006

Pater Eberhard v. Gemmingen, Chefredakteur des Radio Vatikan (vorne links), bei der IGFM-Jahresversammlung 2006.

Foto: © IGFM/Christoph Rüttger

Da ich kein Fachmann für Menschenrechte bin und auch kein Spezialist für katholische Glaubenslehre, möchte ich Sie bitten, nur das von mir zu erwarten, worum ich gebeten wurde: die Sicht aus dem Vatikan auf die Fragen Glaubens- und Gewissensfreiheit im Kontext der Begegnung zwischen Christen und Muslimen und auf dem Hintergrund der Zusammenstöße zwischen Anhängern der beiden Religionen nach dem Karikaturenstreit darzulegen.

Nun bin ich auch nicht    d e r   Vatikan, sondern halt jemand, der am Vatikan Radio-Arbeit macht, daher kann ich auch nur vortragen, was ich als solcher beobachte. Wer weiß, welche klugen Leute es im Vatikan noch gibt, die sich in Recht und Politik besser auskennen als ich!  Alle anderen Vatikanpersönlichkeiten kann ich nicht in Haftung nehmen für meine Ansichten. Manche werden mich vielleicht sogar korrigieren.

Und noch eine Vorbemerkung: Da ich im Rahmen der Gesellschaft für Menschenrechte spreche, gehe ich auch davon aus, dass die allermeisten meiner Hörerinnen und Hörer, sich in Fragen der Menschenrechte, ihrer Begründung, ihrer Geschichte, ihrer Realisierung besser auskennen als ich. Daher bitte ich meine Ausführungen eben nur als die eines Beobachters im Vatikan zu nehmen. Manches was ich sage, wird eher grundsätzlicher Art sein, da ich mich hier eher auskenne.

Hier einige Kapitelüberschriften:
- Karikaturenstreit und Religionsbeleidigung , aus meiner Sicht.
- Die Änderung der kirchlichen Sicht auf Menschenrechte und Religionsfreiheit.
- Die unterschiedlichen Kulturen in Ost und West, Nord und Süd.
- Schlussbemerkungen

Karikaturenstreit und Religionsbeleidigung

Ich beginne mit Popetown, schließlich komme ich aus Popetown, dem Vatikan. Wie sehe ich es im Vatikan? Ich kann nur meine persönliche Meinung dazu sagen, dabei fließt aber wohl ein, was ich von Papst Benedikt gelesen und wie ich ihn verstanden habe. Er hat schon vor mehr als 25 Jahren - noch in München - gesagt: nur wenn Scheiben eingeworfen werden, wird der Staat einschreiten gegen Religionsbeleidigung. Das ist ein Manko, dass nur bei Störung des öffentlichen Friedens die öffentliche Gewalt einschreitet. Ich erinnere mich, aber kann keine genaueren Details mehr nennen.

Ich persönlich meine:
Die Pressefreiheit soll nicht in Frage gestellt werden. Sie ist ein hohes Gut. Aber wer Freiheit hat, hat auch Verantwortung. Man kann die Freiheit unverantwortlich gebrauchen oder verantwortlich. Also man muss gegen möglichen Missbrauch der Verantwortung einschreiten, nicht gegen die Freiheit als solche. Es gibt ja auch die freiwillige Selbstkontrolle. Sie müsste sich vielleicht gerade im Interesse der Pressefreiheit mehr aktivieren.

Wichtiger aber scheint mir zweitens, dass wir unabhängig vom Recht, vor allem vom Respekt reden. Respekt hat mit Bildung zu tun. Der Ungebildete ist respektlos, weil er gar nicht weiß, was er tut, und nicht bedenkt, was sein Tun auslöst. Unser ganzes Zusammenleben basiert auf gegenseitigem Respekt. Wir respektieren die Rechte des Mitbürgers, die Rechte der Frau, die Rechte des Behinderten, die Rechte des Kindes und des Greises. Wenn wir das nicht täten, viele unsere Kultur in sich zusammen. Vor dem Recht kommt der Respekt. Respektlosigkeit heißt Mangel an Bildung, heißt blanker Kapitalismus. Beispiele für Respekt, die auf der Hand liegen: Wir würden es verabscheuen, den Dalai Lama durch den Kakao zu ziehen oder buddhistische Mönche und Nonnen. Wir würden es als primitiv ansehen, wenn wir hier im Westen fromme Hindus bei ihren Kulten lächerlich machen, oder Shiks oder Animisten. Erst recht würde hier ein Aufschrei durch die Welt gehen, wenn wir fromme Juden beim Gebet vor der Klagemauer auf die Schippe nähmen. Komischerweise dürfen religiöse Autoritäten der Christen durch den Kakao gezogen werden und man verteidigt es: Recht auf Unterhaltung, Recht auf Meinungsfreiheit. Haben wir das Recht, Buddhisten, Muslime, Hindus, Juden durch den Kakao zu ziehen, wenn sie ihren Kult verrichten. Wer würde sagen, dass wir das Recht haben? Es geht  nicht um Recht und Unrecht, es geht um Anstand, Respekt, Kultur.

Wer Religion verhöhnt, ist kulturlos. Das muss gesagt werden. Wir alle müssten uns aufregen, dass wir offenbar gewisse Kulturnormen vergessen haben und uns verfangen haben in Fragen des Rechts. Vorsicht vor Rechtsanwälten. Bevor es eines Anwalts bedarf, brauchen wir Kultur. In Thomas Morus Utopia gibt es eine gute Verfassung und keine Anwälte.

Ich komme zu den Mohammed-Karikaturen.

Als die Welt sich aufregte über die Mohammed-Karikaturen, fand ich - bei allem Respekt vor der Berliner Koalitionsregierung - das, was ich da aus Berlin hörte, unbefriedigend. Ich erinnere mich vor allem daran, dass gesagt wurde: bei uns gilt Pressefreiheit. Und implizit wurde damit gesagt: die Mohammed-Karikaturen sind rechtens, man kann nichts gegen sie sagen.

Vielleicht wurde noch viel differenzierter reagiert. Bei mir in Rom kam fast ausschließlich die Message an: Solche Karikaturen muss man ertragen, denn es gilt Pressefreiheit.

Ich finde die Antwort ungenügend. Warum: Weil gerade wo Pressefreiheit herrscht, auch Verantwortung gefragt ist. Wer Freiheit hat, hat gerade deswegen Verantwortung. Und ich finde es verantwortungslos, die Welt der Muslime durch die Karikaturen zu reizen. Warum: erstens weil die Welt ohnehin schon genügend Spannungen hat, die leider mit Gewalt ausgetragen werden, zweitens weil der - ich sage mal -  reifere Westen dem noch nicht so ausgereiften muslimischen Osten mit Respekt begegnen sollte. Ich halte die Karikaturen für ein Zeichen mangelnder Weisheit. Pressefreiheit braucht eben auch Weisheit. Wer seine Freiheit voll ausspielt, erinnert mich an einen Pubertierenden, dem es Freude macht, andere Menschen zu reizen, auszuprobieren, wie weit er gehen kann, bevor er eine Ohrfeige bekommt. Ich halte es für pubertär oder einfach naiv, in der ohnehin so angespannten Weltlage die Islam-Welt so zu reizen. Wenn jemand sagt: die Muslime müssen lernen, mit solchen Dingen umzugehen. Dann antworte ich: Es gibt andere Felder, auf denen sie lernen müssen. Und man lernt nicht durch einen provozierenden Lehrer, sondern nur durch einen pädagogisch liebevollen und weisen Lehrer.

Man könnte sich nun denken, dass z. B. auch ein religiöser Vollzug von Christen die Muslime reizt, denken wir an eine Fronleichnamsprozession in Saudi Arabien. Man kann also die Frage stellen: müssen die Christen nicht manchmal reizen, wenn sie ihren Glauben nicht verleugnen wollen, muss man von Muslimen diese Toleranz gegenüber Christen und Juden verlangen, damit sie lernen, in einer pluralistischen Welt zu leben?

Ich würde antworten: wenn der religiöse Vollzug aus dem Glauben heraus wirklich notwendig ist, dann kommt man um eine Provokation nicht herum. Dann muss auch trotz möglicher Todesgefahr provoziert werden. Jesus hat seine Gegner provoziert, die Apostel haben in der Apostelgeschichte provoziert, die Martyrer haben provoziert. Aber nur durch das Bekenntnis ihres Glaubens, nicht dadurch dass sie den Glauben anderer lächerlich gemacht haben.

Und die Schlussfolgerung lautet ganz einfach: Pressefreiheit ist keine Religion. Wenn sie zur Religion wird, dann ist es Aberglauben und Abgötterei. Dann wird ein Scheingott zu einem Gott stilisiert.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn jemand meint, aus religiösen Gründen die religiösen Überzeugungen anderer bekämpfen zu müssen, dann muss er oder sie bereit sein, für diesen seinen religiösen Glauben auch zu sterben. Religiöser Glaube bedeutet ja, dass es sich um einen absoluten Wert handelt, dass kein anderer Wert vorgezogen werden darf. Angewandt auf den Islam: wenn ein Muslim meint, aus religiösen Gründen die Christen oder Juden bekämpfen zu müssen, weil sie nicht Mohammed oder Allah anerkennen, dann muss er bereit sein, für diesen seinen Glauben sein Leben zu wagen. Eben weil es sein Glaube an einen absoluten Wert ist, der nicht relativiert werden darf.

Aber hier kommen wir schon an einen entscheidenden Punkt, denn hier erhebt sich die Frage, was unter Religion verstanden wird. Wenn man unter Religion eine Glaubensüberzeugung versteht, zu der der einzelne Mensch nach reiflicher Überlegung gekommen ist, zu der ihn sein Gewissen zieht oder gar zwingt, dann wird Religion so verstanden, wie ihn die Katholiken oder wohl auch die Evangelischen heute verstehen. Das ist mit Religionsfreiheit gemeint: dass jemand aufgrund seiner innersten Überzeugung sich zu einem Gott oder einer Offenbarung Gottes bekennt. Religion muss frei gewählt werden, muss aus der Freiheit des Menschen kommen. Wenn Religion nicht frei gewählt, sondern aufgezwungen wird, ist es nicht Religion, sondern eine Ideologie. Das ist das christliche Verständnis von Religion heute. Die Muslime, die Juden und viele Anhänger anderer Religionen haben aber wohl ein anderes Verständnis von Religion. Religion ist bei ihnen eher ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe.

Ein Grundproblem im Verhältnis von Christen und Muslimen kommt wohl von dem gegensätzlichen Verständnis von Religion: Religion aus freier Wahl oder Religion aus gesellschaftlicher Pflicht. Aber natürlich gehen hier die Meinungen unter Muslimen auch auseinander - ebenso wie die Ansichten der Christen nicht einheitlich sind.

Die Spannung zwischen dem Westen und der Welt des Islam kommt wohl auch von einem Gegensatz zwischen dem offiziellen Bekenntnis vieler muslimisch geprägter Staaten zu einer Art von UNO-Weltzivilisation einerseits und ihrer angestammten Kultur andererseits. Was meine ich damit: Fast alle Völker bekennen sich in ihrer Verfassung zu Religionsfreiheit, weil das die Voraussetzung ist, um im Kreis der UNO-Mitglieder angenommen zu werden. Wer UNO-Mitglied ist, muss die UNO-Menschenrechtscharta unterschrieben haben und anerkennen. Zu den Menschenrechten gehört das Recht auf Religionsfreiheit. Um auf dem edlen Parkett der Weltgrößen dazuzugehören, muss man nach außen hin die ethischen, rechtlichen Normen anerkennen. Diese aber sind oft im Widerspruch zu der eigenen traditionellen Kultur. Was man auf internationaler Ebene bekennt, gilt im eigenen Hause nicht. Das ist eine Binsenweisheit. Aber auch die Großen der UNO kümmern sich oft nicht um das, was sie vorher unterzeichnet haben. All das ist nicht sehr verwunderlich. Verwunderlich und ärgerlich ist nur, wenn nicht offen darüber gesprochen wird, sondern wenn man so tut, als hielte man sich an die Versprechen, Verträge, Unterzeichnungen.

Und noch etwas zu den Karikaturen und der MTV-Serie popetown.

Ich glaube, es geht unterhalb der Rechtsordnung um eine Frage des Lebens.

Wir sprechen in manchen Bereichen von politischer Correctness. In gewissen Fragen gibt es ein Übereinkommen, politically correct zu sein.

Gibt es nicht andere Bereiche, wo die Menschheit entweder schon Normen hat oder sich zulegen sollte? Thomas Gottschalk hat zu popetown gesagt: Hier gilt, was ihm sein Vater gesagt hat: das tut man einfach nicht - nämlich die Grundüberzeugungen Anderer zu beleidigen. Auf dieser Ebene möchte ich fortfahren: Die Menschenrechte setzen ja voraus, dass jeder Mensch mir ein gleichwertiges Gegenüber ist. Den Respekt, den ich für mich erwarte und erbitte, erwartet auch der oder die andere. Unterhalb der Ebene des einklagbaren Rechts gibt es die Ebene des Respekts, wie sich gleiche begegnen. Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem Anderen zu. Wenn wir eine Weltkultur wollen, müssen wir immer mehr dahin kommen, dass wir nicht unseren ganzen Spielraum ausreizen und möglichst ausdehnen, sondern dass wir unseren Spielraum mit den anderen Mitspielern ordnen. Wer Teilbereiche, nämlich z.B. die Pressefreiheit total ausreizt, schadet dem Zusammenleben. Damit hängen wir den Journalisten keinen Maulkorb um, sondern erinnern sie daran, dass auch sie und ihre Arbeit eingebettet sein müssen in ein Gewebe von weltweiten Beziehungen. Und wenn diese Beziehungen friedlich sein sollen, dann dürfen die Partialrechte eben nicht ausgereizt werden.

Nochmals unser gesamtes zivilisiertes Zusammenleben basiert auf Grundannahmen. Eine von ihnen ist: Respektiere den Spielraum deines Nachbarn, wie er deinen Spielraum respektieren muss. Und dies gilt noch vor dem Greifen von Rechtsordnungen. Wenn das Gemeinwesen und das Gemeinwohl ausschließlich auf Rechtsnormen und nicht auf zugrunde liegenden Wertordnungen beruht, dann ist es unnötig gefährdet. Recht ist nötig, aber es ist nicht das einzige Mittel, um Zusammenleben in Frieden zu garantieren.

Die Änderungen der kirchlichen Sicht auf Menschenrechte und Religionsfreiheit

Wenn ein Mann aus dem Vatikan über Gewissensfreiheit spricht, erwartet man zu Recht, dass er erst einmal erklärt, warum die katholische Kirche die Religions- und Gewissensfreiheit so lange nicht anerkannte oder gar bekämpft und unterdrückt hat. Man erwartet, dass er erst einmal an die eigene Kirchenbrust klopft und sich für die Kirche entschuldigt. Schließlich war der Vatikan, die katholische Kirche eine längsten Gegner der Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Als fast alle anderen Kulturträger Europas längst erkannt hatten, dass der christliche Glaube nur aus der freien Wahl der autonomen Persönlichkeit übernommen werden kann, hielten der Papst und die anderen Hirten der katholischen Kirche immer noch daran fest, dass es keine Religions- und Gewissensfreiheit geben kann, dass christliche Fürsten verpflichtet sind, der katholischen Kirche einen Vorzugsplatz einzuräumen, dass sie andere Kirchen und Religionen maximal tolerieren dürfen, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Was stand theologisch gesprochen hinter dieser Überzeugung, für die sicher auch katholische Männer und Frauen ihr Leben gegeben haben. Ich antworte zunächst mit einfachen Worten: Dahinter stand die Überzeugung: Gott hat sich in definitiver Form in Jesus Christus offenbart. Der Mensch, der davon hört, weil ihm der Glaube verkündet wird, muss sich dem Anspruch Gottes unterwerfen. Wer sich nicht unterwirft, wird verdammt. Die Kirchenverantwortlichen sahen sich dazu berufen, den Anspruch Gottes vorzutragen und soweit als möglich durchzusetzen. Wenn Sie Gottes Anspruch nicht mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen, werden sie schuldig vor Gott.

Hinter der Ablehnung von Gewissens- und Religionsfreiheit stand aber natürlich auch, dass die sozialen Kräfte, die diese Freiheiten forderten, ausgesprochen kirchenfeindlich waren. Es waren ja nicht nur nachdenkliche Philosophen, die die Kirchen kritisierten, sondern es waren staatliche Kräfte, die ihre Macht ausweiten wollten. Um es konkret zu sagen: für die Päpste spielte in dieser Auseinandersetzung eine große Rolle, dass in Italien vor allem das Haus Savoyen die Macht übernehmen wollte und die Savoyer waren ganz wesentlich freimaurerisch inspiriert. Hinter dem italienischen Einheitsstreben und der Papstfeindschaft standen wenigstens indirekt und teilweise Frankreich und England. Deren Gegner saßen in Wien, es waren die Habsburger, die auch ihre Macht und ihren Einfluss nicht verlieren wollten. Wien brauchte Rom und Rom brauchte Wien. Also die Frage der Religions- und Gewissensfreiheit war auch ein europäisches Machtspiel. Nicht nur Theologie bewegte die Päpste, sondern auch eine Frage der politischen Macht. Aber auch für Kanzler Bismarck war Rom ein Störenfried, weil er glaubte, Katholiken könnten keine treuen, zuverlässigen und solidarischen Staatsbürger sein, ihr Herz schlage nicht beim König, sondern beim Papst. Daher Kirchenkampf.

Was aber stand hinter der Ablehnung Roms durch die neuen Nationalstaaten ? vor allem Frankreich, Italien, Deutschland?

Dahinter stand das jahrhundertealte Bündnis zwischen Kirche und Thron. Ich glaube sagen zu können: Weil sich die Kirche vor allem in Frankreich - aber auch anderswo - Jahrhunderte lang auf die Macht von Fürsten und Königen gestützt hatte, musste sie jetzt die Strafe dafür bezahlen. Die Kirche war zu politisch geworden, stand den Nationalstaaten und den Demokratisierungswünschen im Wege und wurde daher bekämpft. Die Kirche musste viel lernen, musste für frühere Fehler büßen. Und gottlob: die Kirche hat unter Schmerzen gelernt.

Was war der Irrtum in der damaligen Ansicht: Die Kirchenverantwortlichen und wohl auch ihre Theologen übersahen, dass Jesus immer von seinen Hörern die freie Zustimmung zu seiner Botschaft erwartet hatte. Er hat niemand gezwungen, er hat auch keine staatliche Macht eingesetzt oder zu Hilfe gerufen, um seinen Anspruch durchzusetzen. Es ging ihm und es ging Paulus und den anderen Aposteln um die freie Zustimmung zu Jesu Botschaft. Die Freiheit war die Grundlage für die Übernahme der Bergpredigt.

Es kam dann im Lauf der Jahrhunderte noch die Unterscheidung zwischen dem Recht der Wahrheit und dem Nicht-Recht des Irrtums. Der Irrtum hat kein Recht, nur die Wahrheit hat ein Recht. Erst später kam die Theologie zur Unterscheidung zwischen dem Irrtum und dem Irrenden. Der Irrtum hat kein Recht, wohl aber hat der Irrende ein Recht auf Suche nach der Wahrheit.

Lassen Sie mich noch ein wenig in den entsprechenden Dokumenten blättern.

Da Sie in mir einen Vatikanman erbeten haben, möchte ich noch ein wenig gründlicher in die Quellen schauen, die die Einstellung der katholischen Kirche zu Glaubens und Gewissensfreiheit deutlich machen.
Gehen wir zuerst zur Erklärung über die Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Konzils.

Das Konzil erklärte: ?Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen - innerhalb der gebührenden Grenzen - nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das offenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird. Weil die Menschen Personen sind, d. h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, werden alle - ihrer Würde gemäß - von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen. Der Mensch vermag aber dieser Verpflichtung auf die seinem eigenen Wesen entsprechende Weise nicht nachzukommen, wenn er nicht im Genuss der inneren, psychologischen Freiheit und zugleich der Freiheit von äußerem Zwang steht. Demnach ist das Recht auf religiöse Freiheit nicht in einer subjektiven Verfassung der Person, sondern in ihrem Wesen selbst begründet. So bleibt das Recht auf religiöse Freiheit auch denjenigen erhalten, die ihrer Pflicht, die Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen, und ihre Ausübung darf nicht gehemmt werden, wenn nur die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt? (Kapitel 1, Abs. 2)

Ich fasse zusammen: Niemand darf in irgendeiner Weise zu einer religiösen Glauben gezwungen werden. Das ist in seiner Menschenwürde begründet. Diese Freiheit muss zu einem bürgerlichen Recht werden. Später heißt es: dies Recht kommt ihnen nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als Gruppe zu. Wer aber das Recht auf religiöse Freiheit hat, hat eine entsprechende Verantwortung: Die Rechte der anderen müssen beachtet werden, ebenso wie die eigenen Pflichten. Die bürgerliche Gesellschaft hat das Recht, sich gegen Missbräuche zu schützen, die unter dem Vorwand der Religionsfreiheit vorkommen können.

Später heißt es in der Erklärung ?Dignitatis humanae?: ?Es ist ein Hauptbestandteil der katholischen Lehre?, dass der Mensch freiwillig durch seinen Glauben Gott antworten soll, dass dementsprechend niemand gegen seinen Willen zur Annahme des Glaubens gezwungen werden darf. Denn der Glaubensakt ist seiner Natur nach ein freier Akt, da der Mensch von seinem Erlöser Christus losgekauft, und zur Annahme an Sohnes Statt durch Jesus Christus berufen, dem sich offenbarenden Gott nicht anhangen könnte, wenn er nicht ? indem der Vater ihn zieht ? Gott einen vernunftgemäßen und freien Glaubensgehorsam leisten würde. Es entspricht also völlig der Wesensart des Glaubens, dass in religiösen Dingen jede Art von Zwang von Seiten der Menschen ausgeschlossen ist.? (Kapitel 1, Abs. 10)

Ich wollte eigens zuerst das zitieren, was heute gilt. Denn auf diese Weise wird deutlicher, welche Wandlung die katholische Kirche in der offiziellen Lehre gemacht. Im Jahr 1864 hatte Papst Pius XI in der Enzyklika "Quanta cura" Gewissens- und Religionsfreiheit verurteilt. Verurteilt hat er die Sätze ? so wörtlich:

?Gewissens- und Religionsfreiheit sei das eigene Recht eines jeden Menschen. Das Gesetz in jeder wohlgeordneten Gesellschaft müsse dieses Recht proklamieren und sicherstellen. Für die Bürger bestehe ein Recht auf eine allgemeine Freiheit, die weder durch die kirchliche, noch durch die staatliche Autorität eingeschränkt werden darf, und die ihnen erlaubt, ihre Ansichten und Empfindungen durch das gesprochene Wort, durch Druckschriften, oder auf andere Weise offen bekannt zu geben und zu erklären. (((Während sie dies leichtfertig behaupten, bedenken und erwägen sie nicht, dass sie die Freiheit des Verderbens verkünden. Es wäre ihnen freigestellt, alles mit den Mitteln menschlicher Überzeugung zu erörtern, da es an solchen Menschen niemals fehlen würde, die es wagen, der Wahrheit zu widerstehen und auf die Geschwätzigkeit der menschlichen Weisheit zu vertrauen. Der christliche Glaube und die christliche Weisheit vermögen es, aus der Lehre unseres Herrn Jesus Christus selbst zu erkennen, wie sehr diese höchst lügenhafte Eitelkeit gemieden werden muss.
Wo die Religion aus der bürgerlichen Gesellschaft verbannt sowie die Lehre und Autorität der göttlichen Offenbarung verworfen wurde, wird sogar der wahre Begriff der Gerechtigkeit und des menschlichen Rechts verdunkelt und geht verloren. Materielle Gewalt tritt an die Stelle der Gerechtigkeit und des gesetzmäßigen Rechts. Daher ist es verständlich, weshalb einige Menschen, indem sie die sichersten Grundsätze der gesunden Vernunft missachten und an die letzte Stelle setzen, miteinander auszurufen wagen: Der Wille des Volkes, kundgegeben durch die so genannte ?öffentliche Meinung? oder auf irgendeine andere Weise, begründe das oberste Gesetz, unabhängig von jedem göttlichen und menschlichen Recht. In der politischen Ordnung haben vollendete Tatsachen bereits durch ihre Vollendung die Bedeutung einer Rechtskraft. Wer versteht und empfindet nicht ganz deutlich, dass die menschliche Gesellschaft, gelöst von der Bindung an die Religion und des wahren Rechts, keine andere Ausrichtung mehr haben kann, als sich den Erwerb und die Anhäufung von Reichtümern zum Ziel zu setzen? Sie folgen in ihren Handlungen keinem anderen Gesetz mehr, als der ungezähmten Begierde des Herzens, den eigenen Gelüsten und dem persönlichen Vorteil zu dienen.?

Soweit Zitat aus der Enzyklika ?Quanta cura? von Papst Pius XI.

Im Gegensatz dazu noch ein Satz aus der Erklärung des 2. Vatikanums: ?Die Wahrheit erhebt nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt.?

Kein Wunder, dass der Übergang von der strikten Ablehnung von Religions- und Gewissensfreiheit zur Anerkennung dieser Freiheit und der Verpflichtung jedes Menschen, die Wahrheit zu suchen und an ihr festzuhalten ? kein Wunder also, dass dieser Wechsel von manchen Menschen heute als Bruch angesehen wird und dass diese Menschen die Rückkehr zur Kirche vor dem Konzil verlangen.

Es sind die Anhänger des Erzbischofs Levebfre. Die Erklärung über die Religionsfreiheit ist ihnen Stein des Anstoßes.

 

Die unterschiedlichen Kulturen in Ost und West, Nord und Süd

Und nun fragt sich natürlich heute, ob der Islam eines Tages die gleiche Wende wie die katholische Kirche machen kann. Die Frage ist, ob der Islam ebenso wie das Christentum eine Art Aufklärung durchmachen kann, ob die Vernunft zugelassen wird, wie sie von der katholischen Kirche unter Schmerzen zugelassen wurde. Ich erinnere daran, dass eine Enzyklika von Papst Johannes Paul II. heißt: Fides et ratio. Glaube und Vernunft. Der Papst ruft darin gleichsam in die heutige Welt: glaubt bitte wieder an die Vernunft, verlasst Euch nicht nur auf die Naturwissenschaft, sondern vertraut und glaubt an die Fähigkeit, Eure eigene Vernunft einzusetzen.

Und also Frage: Was zählt im Islam die menschliche Vernunft? Läßt sich der Islam durch eine Aufklärung in die heutige Gesellschaft einfügen, lassen sich gemäßigte Muslime auf Vernunft, auf eine nicht aggressive Auslegung des Korans an, können sie sogar so etwa wie Religionsfreiheit dulden?
Viele Beobachter werden sagen: nein, der Islam kann die freie Entscheidung seiner Anhänger nicht dulden. Jedenfalls nicht der Koran. Die Anhänger anderer Religionen müssen bekehrt und bekämpft werden. Und doch ist damit die Frage noch nicht abgeschlossen.

Ich möchte hier noch mal von einer persönlichen Radio-Vatikan-Erfahrung ausgehen: beim Kongress von Kirche in Not ? der Organisation des verstorbenen Speckpaters Werenfried van Straaten ? habe ich sehr gegensätzliche Positionen von Personen gehört, die an sich große Fachkenntnisse haben. Der immer noch sehr temperamentvolle und hoch engagierte Otto von Habsburg vertrat vehement die Ansicht: Christen und Muslime müssen auf politischer Ebene zusammenarbeiten ? und zwar genau, weil sie beide von einem Gott ausgehen, der über dem Menschen und über der Politik steht. Diejenigen, die einen Gott anerkennen, stehen denen gegenüber, die Gott ablehnen. Auch auf meine Rückfrage hin, ob im Islam nicht doch eine Grundaggression stecke, vertrat er vehement die Ansicht: Nein, Christen und Muslimen können und sollten zusammenarbeiten.

Es gab aber auch andere Islam-Kenner, die hier wesentlich zurückhaltender sind. Ihr Argument: Im Kern des Islam steckt nicht nur Missionsgeist, sondern Aggression. Mohammed sei aggressiv gewesen, der Islam sei insgesamt aggressiv. Hier gelte nicht die Freiheit des Einzelnen, der Religion zuzustimmen, sondern hier gelte letztlich das Schwert.

Und dennoch gibt es vielleicht noch ein Drittes: dass nämlich die führenden Leute bei den Muslimen im Lauf der nächsten Jahre oder eher Jahrzehnte eine Art Aufklärung mitmachen, etwas von ihrer Koraninterpretation abrücken und auf Dialog umschwenken ? ähnlich wie es die katholische Kirche gemacht hat. Das ist natürlich mehr eine Hoffnung als eine Analyse. Es ist eben die Frage, welche Koraninterpretation sich durchsetzt, die gemäßigte oder die fanatische. Und die Christen tun gut daran, die Gemäßigten ernst zu nehmen, sie zu fördern, mit ihnen den Dialog zu pflegen und sie nicht in einen Topf zu werfen mit Fanatikern.

Kürzlich fand ich im Spiegel ein Interview mit dem ägyptischen Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfus. Er vertritt höchst energisch die Meinungsfreiheit und meint, dass die Kriege und Konflikte nicht in den Religionen ? im Islam und dem Christentum ? begründet sind, sondern andere Gründe haben. Wörtlich sagte er in dem Interview: Wann immer es zu Auseinandersetzungen kommt, stellt sich bei genauerem Hinsehen heraus, dass die in Islam und Christentum verankerten Werte in keiner Weise Konflikte schüren. Im Gegenteil: beide Religionen rufen zu einem friedlichen Miteinander auf. Auf den Einwand, dass im Libanon, in Afghanistan und im Irak wurde von islamistischen Fanatikern zum Mord aufgerufen sagte Mahfus: Religiöse Extremisten haben sich bislang nirgendwo auf der Welt als Hüter menschlicher Grundwerte profiliert. Religiöse Werte wurden manipuliert, um Unrecht zu rechtfertigen. Religionen sind nicht deckungsgleich, aber in den essentiellen Wertvorstellungen vermag ich keine gravierenden Differenzen oder gar Gegensätzlichkeiten zwischen Islam und Christentum zu erkennen.

Mahfus sagt: die von der UNO anerkannten und garantierten Menschenrechte mit den Werten des Islam und des Christentum voll vereinbar. Er meint, etliche muslimische Prediger und Politiker verwechseln Säkularismus mit Atheismus oder Religionsfeindlichkeit. Sie täten dies aus purer Unkenntnis, weil sie sich mit dem Thema nicht hinreichend befasst haben. Es gebe aber auch eine Minderheit, die meint, dass ein säkularer Staat ausdrücklich immer den Kampf führt gegen Religion. Der Dialog wäre der Schlüssel für alle Probleme. Politisch ist einfach Demokratie nötig. Je mehr die Fenster geöffnet würden, umso mehr setze sich der Wille des Volkes durch.

Auf die Frage, ob in einem mehrheitlich islamischen Land Demokratie überhaupt möglich ist, sagt Mahfus: selbstverständlich.

Warum aber sehen viele Muslime in der Demokratie aber einen Einfall des Westens? Eine solche Invasion des Westens gebe es nicht. Ein Kulturkreis übernehme von einem anderen immer das, was er für gut hält. Das sei schon immer so gewesen. Mahfus vertritt die Überzeugung, dass die muslimischen Länder sehr bald die Demokratie übernehmen werden, das zeigen die sauberen Wahlen bei den Palästinensern. Mahfus gehört also zu den Optimisten, die dem Islam zutrauen, auch in die moderne demokratische und pluralistische Welt zu gehören.

Aber es gibt nicht nur Christentum und Islam. Es gibt überhaupt tief greifende kulturelle Unterschiede. Menschen und Völker sind in tieferen Schichten nicht so gleich wie dies UNO-Versammlungen vortäuschen. Wer Menschenrechte und Religionsfreiheit weltweit verwurzeln will, sollte die Grundgegebenheiten der Weltkulturen nicht übersehen. Man muss mit ihnen rechnen. Dazu möchte ich Ihnen meine persönlichen Erfahrungen in Radio Vatikan erzählen.

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Vor rund einem Jahr habe ich eine Radio-Akademie gemacht mit dem Titel ?Die christlichen Wurzeln Europas?. Um unseren Hörern klar zu machen, was damit eigentlich gemeint ist, habe ich Interviews geführt mit Fachleuten anderer Kulturen. Ich sprach mit einem Fachmann für di alte chinesische Kultur und ihre Eigenheiten, die sie gerade abheben und unterscheiden von Europa. Ich sprach zweitens mit einem Spezialisten für Japan. Ich wollte wissen, wodurch die japanische Kultur sich von der europäischen unterscheidet. Ich sprach mit einem Indienkenner. Auch er sollte mir erklären, was die spezifischen Unterschiede sind zwischen dem, was man die Kultur Indiens bezeichnen kann und Europa. Schließlich sprach ich mit einem Kenner der arabischen Welt und ihrer Kultur. Ich wollte genau wissen, was in anderen Kultur- oder Zivilisationsbereichen typisch anders ist als in Europa. Und es ging mir um Bereiche, die im Allgemeinen von Europa als Länder hoher und höchster Kultur angesehen werden, wo Wissenschaft und Kunst in Blüte standen, angesehen sind, Zonen, die von Europäern aufmerksam bereist werden.

Was mich besonders bewegte, war die Auskunft, dass eigentlich in allen vier Kulturen die Einzelpersönlichkeit nur im Rahmen der Familie, des Stammes, des Clans gesehen und verstanden wird. Das Verständnis der Einzelpersönlichkeit, wie es für Europa selbstverständlich ist, sei ? so sagte man mir ? in den genannten Kulturen völlig anders. Es gibt nicht die Einzelpersönlichkeit, sondern nur die Familie, die Sippe, die Generationen und Traditionen.

Nun aber haben diese großen und wichtigen Länder die internationalen Menschenrechte übernommen und unterzeichnet. Sie gelten rechtlich, aber sie sind nicht in der eigenen Kultur verankert. Sie kommen aus der Ferne, aus der Fremde. Natürlich haben die Intellektuellen der jeweiligen Länder die Menschenrechte auch erkannt, verstanden und angenommen, aber das Gemeinwesen ist zunächst und spontan nicht von ihnen her geprägt. Etwas vereinfacht könnte man wohl sagen: Die genannten Kulturen betonen zunächst und vorwiegend die Pflichten des Einzelnen und die Ordnungen der Gesellschaft. Der westliche Welt betont vorwiegend nicht die Pflichten, sondern die Rechte. Nicht die Rechte der Gesellschaft, des Gemeinwesens, sondern des Einzelnen, des Individuums.

Ich komme zum Schluss ? und spreche aus der hier gewünschten vatikanischen Sicht. Es geht meines Erachtens heute vor allem um Ehrlichkeit.

Wenn wir im Radio immer wieder von Menschenrechtsverletzungen in dem oder jenem Staat sprechen, und wir dabei genau dieses Wort ?Menschenrechtsverletzung? gebrauchen, dann kommt mir die Frage, ob wir nicht viel mehr differenzieren müssten. Es ist ja doch ein riesiger Unterschied, ob jemand etwa in Ägypten seine Meinung nicht in der Zeitung aussprechen darf oder ob er in der Türkei einen Tag lang gefoltert wird oder ob er in Guantanamo mehrere Jahre lang unmenschlich behandelt wird. Es ist ein riesiger Unterschied, ob in Darfur eine Frau aus politischen Gründen vergewaltigt wird und ihr Leben dadurch ein für alle Mal verdorben ist, oder ob sie in einem anderen Land gegen ihren Willen einen Schleier tragen muss oder ob sie ein bestimmtes politisches Amt aus gesellschaftlichen Gründen nicht annehmen darf. Alles sind Menschenrechtsverletzungen. Aber doch sehr unterschiedliche. Daher sollten wir ? so meine ich ? die entsprechende Verletzung auch deutlicher beim Namen nennen. Das Wort ?Menschenrechtsverletzung? kann die Sache - gegen unsere Intention - verharmlosen.

Eine weitere Gefahr ist ? aus meiner Sicht als Journalist ? dass wir leider immer noch viel zu sehr national denken, auch wir Deutsche, aber andere Völker wohl noch viel mehr. Zwei entführte deutsche Ingenieure im Irak sind viel in den Schlagzeilen, aber viele nichtdeutsche Todesopfer werden übergangen. Natürlich gibt es das journalistische Gesetz, dass das Nahe wichtiger und interessanter ist als das Ferne, aber wenn wir uns zu sklavisch daran halten, dann tun wir vielen Menschen Unrecht. Manchmal ist es auch nicht die Zugehörigkeit zu einem Volk, sondern zu einer Religion. Tote Buddhisten bewegen uns vielleicht mehr als tote Muslime.

Dadurch dass fast alle Länder die internationale Charta für Menschenrechte unterzeichnet haben, ist zwar etwas gewonnen, aber noch nicht viel erreicht. Die Theorie der Menschenrechte basiert auf der abendländischen Kultur. Sie speist sich meines Erachtens ganz wesentlich aus drei Quellen: der griechischen Demokratie, dem römischen Rechtswesen und dem christlichen Denken. Die Demokratie bei den Griechen war eine Einrichtung der besseren Gesellschaft, das Rechtswesen der Römer war eine gute Pragmatik, das christliche Denken brauchte Jahrhunderte lang, um sich niederzuschlagen. Es ging durch die Feuertaufe der Aufklärung. Ohne Aufklärung, ohne französische Revolution wären wir nicht dort angelangt, wo wir heute sind. Die Kriege führten zu Völkerbund und UNO. Um zur Völkerfamilie zu gehören, sind fast alle Staaten beigetreten und anerkennen Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit, weil sie die Menschenrechtscharta unterzeichnet haben.

Aber nicht nur politische Interessen verhindern die tatsächliche Respektierung der zugesagten Rechte, auch die kulturellen Wurzeln vieler Staaten behindern wenigstens in gewisser Weise und für große Bevölkerungskreise die Realisierung der Menschenrechte und die Wahrnehmung der zugesagten Freiheiten. Ich halte es für falsch wenig nützlich, bei der Einhaltung der Menschenrechte alles oder nichts zu verlangen. Um den Menschen effektiv zu helfen, muss man wohl vor manchem die Augen schließen, um anderes zu urgieren.
 
Wenn man sagt: Z.B. China hat eine andere Kultur, daher gelten dort die Menschenrechte nicht. Das ist zu krass und kann nicht gehen. Aber man kann realistisch einfach nicht davon ausgehen, dass Staaten wie China, Indien, Vietnam, Korea die Menschenrechte so respektieren wie westliche Staaten. Viele Staaten werden immer wieder entschuldigende Erklärung vorbringen. Es wäre gut, die entsprechende Staaten zu fragen, wie sie nach ihrer kulturellen Tradition mit der Wahrung entsprechender Rechte umgehen. Man sollte sie nicht eins zu eins vergleichen mit westlichen Staaten, weil der Dialog dann nur scheitern kann. Man sollte versuchen, an ihre kulturellen Werte anzuknüpfen.

Schlussbemerkungen

Johannes Paul II. ist zu einem starken Vertreter der Menschenrechte geworden. Papst Benedikt geht auf seine Spuren. Aber ich vermute, Benedikt wird sich sagen: den Menschenrechten ist durch die Kirche am besten gedient, wenn die Katholiken, wenn die Christen in aller Welt glaubensstark sind. Nicht der Papst muss Politik machen - so vermute ich, wird er sagen - sondern die Kirche muss so lebendig sein, dass man an den Grundüberzeugungen der Christen nicht vorbeikommt. Der Papst muss seinen Teil dazu beitragen, dass die Getauften vom Evangelium her leben. Wenn viele Getaufte dies tun, dann müssen sich die Politiker mit ihnen auseinandersetzen, dann kann man sie nicht übergehen. Ich meine, so wie ich Papst Ratzinger kenne, wird er sagen: wenn die Kirche innerlich gefestigt und stark ist, dann macht sie Geschichte, Weltgeschichte - wie Christen zur Zeit der römischen Christenverfolgung. Damals haben sich die Kaiser mit ihnen arrangieren müssen, weil sie sahen, dass diese Christen nicht umkippen.

Und solche inneren Reformbewegungen gab es immer wieder in der Kirche. Sie haben europäische Kulturgeschichte gemacht. Ich denke an Benedikt, an Cluny, an die Zisterzienser, an die Franziskaner, die Dominikaner, die Jesuiten, an Vinzenz von Paul und dann die ersten Bemühungen um Bildung der Frau, vor allem durch Mary Ward.  Benedikt wird sich sagen: Mein Anliegen ist, dass die Kirche innerlich so gesund ist, dass sie von diesem Innen her wieder Kultur und Zivilisationsgeschichte macht. Dazu müssen es nicht viele sein, aber wenige, die vom wirklichen Innen geprägt sind. Die dann auch einen Beitrag leisten für die Erhaltung der Werte Europas und so für den Gang der Weltgeschichte.

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