"Verurteilt mit erzwungenen Geständnissen"


Menschenrechtsexperten der UN werfen dem Iran die Misshandlung von Hunderten Häftlingen vor - Nun sollen die Mullahs ihren schlimmsten Folterer reaktiviert haben

 

 

Von Martin Zöller
Die WELT, 15.08.2009 

 

 

 

 

 

Martin Zöller von Die Welt erhielt für seinen Artikel den IGFM-Medienpreis Menschenrechte 2009.

Foto: © IGFM, Marco Urban

Schwarze Kerze für ein Folteropfer im Iran 2009. Bild: Mazdak, iranian.com 

Er macht eine Arbeit, mit der er sich ziemlich schnell unbeliebt machen kann: Der Österreicher Manfred Nowak ist Sonderberichtserstatter der Vereinten Nationen, er fährt zu den schlimmsten Orten der Welt, um über Folter in Gefängnissen zu berichten - 2006 erregte er etwa Aufsehen mit seiner Kritik am US-Internierungslager in Guantánamo. Nun war Manfred Nowak im Iran, sein erster Befund ist erschreckend: "Ich befürchte, dass Menschen aufgrund von erzwungenen Geständnissen verurteilt werden", sagte er jetzt. Dieses Schicksal droht Hunderten Regimegegnern, die derzeit im Iran vor Gericht stehen, weil sie gegen die mutmaßlich gefälschte Präsidentenwahl demonstriert hatten.

300 Fälle von Folter und Misshandlungen, so Manfred Nowak, habe er den iranischen Behörden zur Kenntnis gebracht. Die Häftlinge seien zumeist geschlagen, mit Elektroschocks traktiert oder psychisch unter Druck gesetzt worden. All dies erfuhr er von freigelassenen Demonstranten, ihren Angehörigen oder ihren Verteidigern. Iranische Spitzenpolitiker bestätigen diesen Befund. So hat der unterlegene Präsidentschaftskandidat Mahdi Karubi inzwischen seinen Vorwurf bekräftigt, wonach männliche wie weibliche Gefangene in der Haft vergewaltigt worden seien. Die Behörden wiesen die Anschuldigungen zurück. Sie haben aber Fälle von Folter im Charisak-Gefängnis eingeräumt.

Glaubt man vielen verschiedenen Zeugnissen im Internet und in Zeitungsberichten, so ist es vor allem ein Mann, der darauf spezialisiert ist, solche "erzwungene Geständnisse" herbeizuführen: Javad Azadeh. Auf einer Liste mit 20 Namen, die eine iranische Oppositionsseite ins Internet gestellt hat und mit "Die Meistgesuchten" betitelt, steht Javad Azadeh auf Platz 1.

"Früher oder später kommt die Wahrheit heraus", das so heißt es, sei die Javad-Methode. Er kenne kein Scheitern, er mache dort weiter, wo andere aufhörten, schrieb die italienische Intellektuellenzeitung "Il Foglio" nun in einem langen Beitrag über Javad Azadeh, den die Führungselite Irans gut kennt. "Er macht das, was man sich unter mittelalterlicher Folter vorstellt", sagte laut "Il Foglio" einmal Ex-Staatspräsident Mohammed Chatami über Javad. Nun hat dieser wegen der Unruhen nach der mutmaßlich gefälschten Präsidentschaftswahl seine zweite große Chance bekommen.

Die erste große Aufgabe hatte Folterer Javad Azadeh im Jahr 1998, damals starben von unbekannter Hand eine ganze Reihe von Künstlern, Journalisten und Intellektuellen. Die Brutalität dieser sogenannten "Kettenmorde" zwang die iranische Führung dazu, die Mörder gnadenlos zu jagen. Gefasst wurde unter anderem Said Emami, immerhin zuvor stellvertretender Geheimdienstminister. Um diesen nicht ganz unbedeutenden Mann zum Drahtzieher der Morde erklären zu können, bedurfte es eines Mannes, der Ängste von Gefangenen herausfinden und sie erzeugen kann. Glaubt man den Berichten, ging der Folterer so auch bei Said Emami vor, bis sich sein Opfer mit einer Flasche Enthaarungsmittel das Leben nahm. Daraufhin verhörte der Folterer die Frau seines verstorbenen Opfers.

Im Internet kann man verstörende Bilder dieses Verhörs sehen: Man sieht die verschleierte Frau auf einem Plastikstuhl, immer wieder hält sie ihre Hände vors Gesicht. Nicht einmal beim Verhör von Frauen, so war jetzt klar, wich Javad von seinen brutalen Methoden ab. Selbst Konservative wandten sich von ihm ab, die Karriere des Folterers schien am Ende.

Doch dann begann die Ära von Staatspräsident Ahmadinedschad, nach den vielen Verhaftungen bedurfte es vieler, ertragbringender, Verhöre. Javad Azadeh war wieder da. Statt Nebensächlichkeiten erhielt er laut "Il Foglio" die "Geständnisse" von so prominenten Männern wie Mustafa Tjzadeh, Behzad Nabavi, Feizollah Arabsorkhi, Mohsen Aminzadeh und Abdollah Ramezan. Vor allem deren Aussagen, Demonstrationen seien vom Ausland gesteuert worden, waren wertvoll.

Javad Azadeh glaubt, nur seine Pflicht zu tun: "Wenn unser geistlicher Führer sagt, dass ausländische Spitzel schuld sind an den Toten, dann ist es meine religiöse Pflicht, die bereits von ihm erkannte Wahrheit nachzuweisen. Und dabei ist es auch meine Pflicht, mit allen Mitteln die Schuldigen dazu zu bringen, zu gestehen." Doch selbst manchem Konservativen geht das zu weit: Weil jeder doch wisse, wie Javad Geständnisse erreiche, würden diese doch wertlos und schadeten dem ganzen Regime. Doch so lange macht Javad Azadeh wohl einfach weiter.

 

 

 

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