Philip Eppelsheim: Kein Widerstand, kein Selbstmord, keine Flucht


Wang Wangxing war 13 Jahre in einer Polizei-Psychiatrie in China und lebt heute in Sossenheim

Von Phillip Eppelsheim
in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31.01.06

Wang Wangxing bei der Verleihung des IGFM Medienpreises.

Foto: © IGFM / Christoph Rüttger



Sein Vorname bedeutet "zehntausend Sterne." Das steht in der chinesischen Tradition für unendliches Glück. Glück, davon konnte Wang über ein Jahrzehnt nur träumen, wenn er mit Hilfe von Psychopharmaka Schlaf fand, sich nicht mehr der Qualen und Gefahren bewusst war. Wang Wanxing war 13 Jahre in einem Pekinger Psychiatriekrankenhaus eingesperrt. Er hatte sich gegen das Regime gestellt und für die Demokratisierung Chinas demonstriert. Laut Human Rights Watch ist der am 10. Oktober 1949 in der chinesischen Provinz Shandong geborene Wang der erste der schätzungsweise 3000 aus politischen Gründen in chinesischen Psychiatrien Zwangsinhaftierten, der in das europäische Ausland entlassen wurde. Die Zeit in der Ankang-Psychiatrie, die 13 Jahre des Leidens, der Demütigung und der Gefangenschaft, sind ihm nicht anzusehen. Er ist körperlich fit, sein Körper durchtrainiert: Eine alterslose Erscheinung. Auch sein Widerstandswille, sein Bestreben, gegen die Missstände in China zu kämpfen, ist ungebrochen.

Wang lebt mit seiner Frau in Sossenheim. Sie kam schon vor zwei Jahren als politischer Flüchtling nach Deutschland, jetzt wohnen sie in einer kleinen Zweizimmerwohnung, im sechsten Stock eines Sozialwohnungsbaus. Jeden Tag geht Wang joggen, hält sich mit Liegestützen fit. Kontakt mit seinen Brüdern hat er nicht mehr, seine Schwester ist früh verstorben.

Schon in den sechziger Jahren hat Wang als Jugendlicher gegen die Kulturrevolution protestiert. Von Haftstrafen ließ er sich nicht einschüchtern, nahm in Kauf, dass er seine Arbeit verlor und ihm nach und nach die Lebensgrundlage entzogen wurde. Unermüdlich setzte er sich für die Demokratisierung ein. Die Kommunisten warfen ihm vor, Chinas Ansehen zu beschmutzen. "Ich habe versucht, mit den Kommunisten zu reden, aber niemand hat mir zugehört", so Wang.

Gerade ist er vom Joggen gekommen, trägt noch Sporthose und Turnschuhe. Mit der goldumrandeten Brille und der Glatze wirkt er fast wie ein buddhistischer Mönch. Er lächelt freundlich, ist ein zuvorkommender Gastgeber. Die Sozialwohnung ist ihm peinlich. Für die Zukunft wünscht er sich, Besuch angemessener empfangen zu können. Doch zu mehr reicht die Sozialhilfe, die er und seine Frau derzeit bekommen, nicht aus. Wang räumt auf, zieht einen Vorhang vor den Kleiderschrank, macht Erinnerungsfotos. Dann beginnt er mit ruhiger Stimme, übersetzt von einem Dolmetscher, zu erzählen, von den 13 Jahren in der Polizei-Psychiatrie, von einem Leben des Kampfes für die Demokratisierung Chinas. Am 3. Juni 1992 ist Wang weltberühmt geworden: Mit einem Banner marschierte er in Peking auf den Platz des Himmlischen Friedens und forderte, die Regierung solle die Niederschlagung der Studentenproteste, das Tiananmen-Massaker am 4. Juni 1989, neu beurteilen und die Studenten rehabilitieren. Sicherheitskräfte nahmen ihn sofort fest. Schon einen Tag später kam er in ein Arbeitslager, nach einem Monat wurde er an die Polizei-Psychiatrie überwiesen, ohne Anhörung, ohne Rechtsbeistand. Mit der Aktion hatte er Studenten helfen wollen. Etwa 200 waren bereit gewesen, wieder auf den Tiananmen-Platz zu gehen, um am dritten Jahrestag des Massakers mit einer Kerzenmahnmalwache zu protestieren. Wang wollte ihnen zeigen, was geschehen würde. Er sei gegangen, um die anderen zu beschützen, sagt er heute.

Der Preis dafür waren 13 Jahre in der Ankang-Psychiatrie. ?An? heißt Sicherheit, ?Kang? bedeutet Gesundheit. Offiziell heißt es, die Psychiatrien, von denen es etwa 25 in China gibt, dienten dazu, das Land vor gefährlichen Geisteskranken zu schützen. Aber auch politisch Andersdenkende werden dort eingesperrt und gedemütigt. Wang wurde auf einer Station mit 50 bis 70 zumeist geistesgestörten Straftätern festgehalten. Die Diagnose: "politische Monomanie".

Das schlimmste sei die Schlaflosigkeit gewesen, sagt Wang. Er habe Angst vor den Mitinsassen gehabt, sich immer wieder von ihnen in Acht nehmen müssen. Nachts habe er sich oft dazu zwingen müssen, wach zu bleiben. Eine breite Narbe auf der linken Brust zeugt noch von den Gefahren: Ein ?Irrer? habe ihm mit dem Fingernagel eine tiefe Schnittwunde zugefügt, berichtete Wang. Ein anderes Mal schlug einer der psychisch Kranken mit einer Eisenstange auf ihn ein, zertrümmerte den Schädelknochen. Viele der Mitinsassen hatten Morde begangen, bevor sie in die Psychiatrie gesteckt wurden, die Wärter stachelten sie auf, hetzten sie auf Wang.

Die Ruhelosigkeit war wie Folter. Um wenigstens ab und zu fest schlafen zu können, schluckte er Chlorpromazin-Tabletten, die er von seiner täglichen Psychopharmaka-Dosis abzweigte. Das Personal habe schwierige Insassen außerdem an die Betten gefesselt, berichtet Wang. Dann seien sie körperlich misshandelt und mit Stromstößen gefoltert worden. Er entging dieser Folter, musste aber miterleben, wie Menschen zu Tode gequält wurden.

Um sich mit den Aufseherinnen gutzustellen, schrieb Wang in den 13 Jahren mehr als 10.000 Seiten Liebesbriefe, an mindestens 30 Wärterinnen. Nicht nur bei ihnen wollte er sich dadurch beliebt machen, er hatte so auch Gesprächsthemen mit dem männlichen Personal. Die Mitgefangenen versuchte er auf seine Seite zu ziehen, indem er ihnen Zigaretten gab und für sie Briefe schrieb. Drei Regeln halfen ihm, Tag für Tag den Betrieb in der Ankang-Psychiatrie zu überstehen: Keinen Widerstand leisten, keinesfalls Selbstmord, keinesfalls Flucht.

Im August 1999 wurde Wang entlassen. Doch als er ankündigte, mit Journalisten über seine Erlebnisse zu sprechen, wurde er sofort wieder inhaftiert. Auch seine Frau, die gerade bei einem Journalisten gewesen war, um ihrem Mann zu helfen, wurde bedroht. Zwei Männer mit Messern überfielen sie nachts und ließen sie blutüberströmt zurück.

Jahrelang setzten sich Menschenrechtsgruppen für Wang ein. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte wandte sich an die chinesische Staatsführung und das Auswärtige Amt. Nach deutsch-chinesischen Verhandlungen kam er am 16. August 2005 endlich frei. Noch an diesem Tag flog er von Peking nach Frankfurt, mit ihm ein deutscher Diplomat und ein chinesische Sicherheitsbeamte. Dass das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in China an der Freilassung beteiligt gewesen sind, steht fest. Nicht jedoch die Rolle, die sie spielten.

Wang hat keinen Antrag auf politisches Asyl gestellt. Er hält sich im Rahmen einer Familienzusamenführung in Deutschland auf. Trotz der Gefahren, die ihn in China erwarten, will er noch vor den Olympischen Spielen 2008 wieder zurück. Als er entlassen wurde, sagte man ihm, er solle schweigen, dürfe niemandem erzählen, was er erlebt hat, sonst werde er sofort wieder eingesperrt, wenn er jemals wieder das Reich der Mitte betrete. Darum schwieg er elf Wochen, bis er sich das erste Mal and die Öffentlichkeit wandte. "Ich bin zwar rausgekommen, aber ich darf nicht die vergessen, die dort noch leiden" sagt er. Er denkt dabei unter anderem an Huai Yu Zhi, der gegen Korruption aufmerksam machen wollte und sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens selbst verbrannte.

Ereignisse wie 1989 können jederzeit wieder passieren, sagt Wang. Nut mit einem Unterschied: "Wenn jetzt ein Konflikt ausbricht, gibt es eine riesige Explosion." Die Umstände seien tausendmal schlimmer als vor 17 Jahren, nur die westliche Welt sei mit ihren Reaktionen wesentlich verhaltener. Deshalb will Wang weiterkämpfen. Von der Sossenheimer Henri-Dunant-Siedlung aus, in einer 40 Quadratmeter großen Wohnung, am Computer zwischen Wäscheständer und Deutschbüchern.

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