Russland: offiziell "Gestorben fürs Vaterland" - die Wahrheit: Ermordet im Grundwehrdienst


Soldatenmütter: Alles hat seinen Preis, nur das Leben eines Rekruten nicht

 

 

 

 

Ella Poljakowa, Vorsitzede des Komitees "Soldatenmütter St. Petersburgs", bei der IGFM-Jahresversammlung 2009. Bild: Christoph Rüttger, IGFM

Trauerecke im Büro der Soldatenmütter St. Petersburgs: Opfer der Gewalt in Russlands Armee.

Kaum jemand weiß es: die allgemeine Wehrpflicht in Russland ist aufgehoben, aber die jungen Leute erfahren es erst durch die Soldatenmütter-Komitees. Gerade jetzt, wo junge Männer von der Straße weg razziamässig gefangen und zu Rekruten gemacht werden, ist Information das Wichtigste.

Bis zum Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges 1999 hatte sich der Horizont in Russland verändert. Mit dem Erlass des Verteidigungsministers, dass die Bestimmungsgewalt in den Kasernen an den befehlshabenden Offizier übergeht , zur Sicherung der Kontrolle, wie es hieß , entstand wieder die bekannte schreckliche Situation wie zu Sowjetzeiten: Alles bekam und hatte seinen Preis, nur das Leben eines Rekruten nicht. Es kam zu einer Explosion der Korruption; Rekruten wurden Objekte des Sklavenhandels. Die Situation der Rekruten ist entsetzlich grausam. Die Kaserne ist heute schlimmer als Gefängnis.


"Putin wirft uns vor, die Ehre der Armee zu beschmutzen. Wir werden angefeindet als Agenten des Westens und neuerdings auch des Terrorismus. Die Gesellschaft wird Opfer und Zielscheibe der Korruption. Es gibt keinen Eisernen Vorhang mehr, stattdessen eine Spiegelwand. Man versucht durchzuschauen, aber sieht nur sich selbst. Putin hat Schein-Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aufgebaut, die im Dienste des Kreml arbeiten, und eine Scheininstitution des Ombudsmannes, der nur die Interessen der Bürokraten verteidigt.

Wir gehören zur Opposition und suchen nach gewaltfreien Wegen. Wir haben zu einer Aktion gegen die Allmacht der Bürokraten aufgerufen: Ausweis vorzeigen, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Wenn ein Bürger einem Offizier begegnet, ist der Bürger in der Position des Schuldigen, der Offizier in der Machtposition. Der Bürger hat aber keinen Grund, sich als Schuldiger zu verhalten. Also haben wir für junge Leute, die auf der Straße von Offizieren angehalten werden, um ihre Zustimmung zur Einberufung abzupressen, eine kleine Rechtssammlung mit der russischen Verfassung am Schluss zusammengestellt. Wer das hat, verhält sich anders. Die Bürger sollen sich wehren können; der Offizier erhält ein Blatt über die Rechte der Militärs, die Bürger, welche Rechte er hat, wie man Beschwerden schreibt, erklärt wie für einen Neugeborenen."

(Ella Poljakowa, Vorsitzende des Soldatenmütter-Komitees St. Petersburg, 12.3.2009, zu Besuch bei der IGFM)


Die Soldatenmütter, Mütter, Großmütter und Schwestern ermordeter Soldaten, prüfen und listen Fälle auf, fertigen rechtliche Analysen an und geben Kommentare ab. Sie differenzieren nach Folter, widerrechtlichem Freiheitsentzug, widerrechtlichem Einzug in die Armee, widerrechtlichen Urteilen, anderen Verletzungen. Sie geben die Informationen in Russisch oder Englisch an die Vereinten Nationen, an die Regierung und an das Militär.


"Es ist wichtig, dass wir mit Offizieren zusammenarbeiten, damit die Heeresführung unbemerkt von der Öffentlichkeit keine Kriege einleiten kann. Wir befinden uns in einem Land, wo die Menschen nicht mehr wissen, was Menschenwürde ist. Wir versuchen, sie aus der totalitären Denkweise herauszuholen, indem wir den Menschen das Gefühl geben, Mensch zu sein und Würde zu haben," so Ella Poljakowa.



Das Komitee ist der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Vor Kurzem wurde im Büro eingebrochen, das Mobiliar zertrümmert, die PCs gestohlen. Die Dateien waren Gott sei Dank anderweitig gesichert. Die IGFM hat einen Mitarbeiter mit zwei PCs nach St. Petersburg geschickt, damit das Komitee wieder kommunizieren konnte.

Wir wollen aber mehr: ein "Schwarzbuch der Verbrechen der russischen Armee", eine Datenbank der Opfer aufbauen und mehr Merkblätter zur Aufklärung über die Würde, die Freiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Bitte helfen Sie uns dabei.

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