"Kubas bangste Frage: Fidel - und dann?"


Spätsozialistisches Endstadium auf der Trauminsel in der Karibik - Misswirtschaft und Tourismus verschärfen Apartheid - Extreme Versorgungskrise neben Überfluss

 

THEMEN  DER  ZEIT

 

Von Reinhard Brockmann
Westfalen-Blatt Nr. 236, Donnerstag, 11.Oktober 2007

 

 

 

 

 

 

Reinhard Brockmann, Westfalen-Blatt, bei der Verleihung des IGFM-Medienpreises in Bonn am 19.04.2008.

Foto: © IGFM, Felix Seuffert

"Kubas bangste Frage: Fidel ? und dann? Castros Gegner sind unglaublich mutige Menschen" von Reinhard Brockmann, Westfalen-Blatt, 11.10.2007 (PDF-Format)

Havanna (WB). Ende nächsten Jahres könnte die Revolution in Kuba 50. Geburtstag feiern. Ob die letzte »Exklave«des gescheiterten Sowjet-Kommunismus dann noch Bestand hat, weiß niemand. Aktueller denn je: »Sozialismus oder Tod?«

Der von Alterskrebs gezeichnete Fidel Castro hat in einem seiner selten gewordenen Interviews schwer verständlich entweder das Wort »Ende« oder »infinito« (unendlich) gebraucht. Hoffnung auf Neues oder soll die schlimmste aller Versorgungskrisen auf der Zuckerinsel nie ein Ende nehmen?

Die Kubaner wissen es nicht. Vielen scheint der Blick auf die Zeit nach Fidel (81) und Raúl (76) allzu kühn. Der allgegenwärtige Mangel und die Sorge um die jeweils nächsten Tage verstellten den Blick auf die Zeit »danach«. Hunger, Krankheit und eine gnadenlose Geheimpolizei bedrängen die Menschen.

Unter Intellektuellen kursiert das verbotene Buch »Modelle einer Transition«, Meinungsfreiheit Fehlanzeige und in Polizeigewahrsam wurden allein von April bis Juli sechs Dissidenten tot aufgefunden, Umstände ungeklärt. Vor allem aber: die Apartheid zwischen Touristen im Überfluss und 11,5 Millionen Kubanern unter Kuratel wird immer himmelschreiender. Schlemmen gegen Devisen, Hungerrationen fürs Volk.

Eine Schnitte Brot pro Tag, drei Eier die Woche und einmal im Monat ein Stück Fisch oder Huhn: Das »Libreta«, dem Markenheft nach dem Kriege hierzulande nicht unähnlich, ist für Kubaner das Maß aller Dinge. Eine Familie muss schon vier Köpfe haben, um wenigstens alle drei Monate für eine Flasche Öl anstehen zu dürfen. Milch geht nur an Kinder unter acht Jahren. Damit wenigstens das klappt, ruft die PDS/Linke in Deutschland zu Spenden auf.

Von Misswirtschaft und Chaos war allerdings nicht die Rede, als Oskar Lafontaine im August Kubabesuchte. Der schärfste Kritiker von Kinderarmut und Hartz IV fand warme Worte für Castros bankrottes System: »Die Wirtschaft hat sich offenbar gut entwickelt.« Der Rückschlag von Anfang der 90er Jahre sei überwunden, säuselte der Castro-Verehrer.

Dabei ist das Gegenteil mit Händen zu greifen. Verrottende Industrieanlagen, gähnend leere Regale in staatlichen Läden und bettelarme Menschen, viele erschreckend abgemagert. In Minden an der Weser stapeln sich derzeit mehr Container als im riesigen, gespenstisch leeren Havanna-Port. Experten sprechen von »extremer Dekapitalisierung der Staatswirtschaft«. Das Zehren von der Substanz erfordert immer mehr teure Importe.

Obwohl sich der Volkstribun von der Saar auf dem linken Augeblind zeigte, blieb ihm eine erhoffte Begegnung mit Castro ebenso verwehrt wie dessen Landsleuten schon lange. Fidel wird nicht mehr in das vor einem Jahr an den Bruder übergebene Präsidentenamt zurückkehren. Das zeigen die wenigen Foto-Termine deutlich.

Die jungen Leute wüssten kaum noch um die großen Errungenschaften des Sozialismus auf Kuba, klagt Berta (53). Die Alt-Aktivistin hat in ihrem lokalen »Komitee zur Verteidigung der Revolution« 70 Prozent der Nachbarn für Solidaritätsverpflichtungen geworben. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR 1992 durchleide ihr Land eine »periodo especial«.

Schuld daran sind für Berta einzig und allein die USA. Deren Wirtschaftsblockade ist die Generalerklärung für den extremen Mangel an Treibstoff, Strom und Transportkapazität. Nicht der Ausfall von jährlich sechs Milliarden US-Dollar aus Moskau, sondern das Embargo und Verschärfungen durch die Präsidenten Clinton und Bush betrachtet Berta als Kern des Dilemmas. Interessant: Das Bild vom bösen Nachbarn im Norden weckt bei vielen Kubanern mehr nationale als sozialistische Empfindungen. Wohl deshalb ist Castro in seinen letzten aktiven Jahren von »Socialismo o muerte« zur Ursprungsformel »Patria/Vaterland oder Tod« zurückgekehrt.

Selbst der Kauf von Medikamenten, die nur zu 20 Prozent aus US-Vorprodukten stammten, seien ihrem Land verboten, klagt die Kubanerin. Berta hat Recht. Unternehmen aus Drittländern, die mit Kuba Geschäfte machen, verlieren ihren US-Markt.

Das erklärt aber nicht, weshalb selbst Textilien nicht mehr mitnationaler Währung gekauft werden können. Auch die Notwendigkeit freier und teurer Bauernmärkte, wo der an den Eurogekoppelte Devisengleiche »Pesoconvertible« gilt, ist Kritikern ein Beleg für hausgemachte Probleme.

In diesen Wochen werden einige der »Propaganda« genannten Großtafeln mit Werbung für die »Elecciónes« überklebt. Der Text nennt kein Datum, keine Inhalte und ruft allein zur Beteiligung an den Kommunal- und Parlamentswahlen auf. Interessanter ist neben den politischen Durchhalteparolen im XXL-Format die mancherorts große Zahl kleiner selbstgeschriebener Tafeln an Bäumen und Strommasten.

Vinales, ganz im Westen: Kein anderer Ferienort hat so viele Pensionszimmer und Privatrestaurants (Paladares mit maximal 12 Stühlen). Der Zusammenhang zwischen gern genutzter neuer Freiheit für Kleinexistenzen und demonstrativer Linientreue wird offenbar. Dutzende Täfelchenpreisen hier die Nationalhelden José Marti und Che Guevara. Jedes vierte erwähnt Fidel. »Raúl« allein wird selten genannt. Das mag Zufall sein, deckt sich aber mit einer gewissen Distanz der Kubaner zu Raúl.

»Ihm fehlt das Charisma«, sagt Lazarus (41) aus Camagüey. Der Bruder werde es kaum schaffen, die vom Volk verlangten Entbehrungen nochlange mit revolutionärem Pathos zu beschönigen. Ob Fidels unersetzliche Begeisterungsfähigkeit oder Raúls »ernster Blick«, Lazarus weiß selbst nicht, welche Eigenschaft für die Zukunft mehr Schlechtes erwarten lässt. Voll Sorge beobachtet er aus dem Hausflur heraus eine Polizeistreife: »Überall nur Wanzen und Kakerlaken.«

 

 

 

Castros Gegner sind unglaublich mutige Menschen

Die Geheimpolizei ist allgegenwärtig ? jüngste Massenverhaftung im Schatten der Birma-Krise ? 25 Jahre Haft 

 

 

 

Jesus Adolfo (2.v.r.) sucht mit seiner Familie seine verschwundene Ehefrau Maria de los Angeles.

Foto: © WB

Armenarzt Dr. Pedro Braque Hombre in seiner »Praxis«.

Foto: © WB

Havanna (WB). Der Kubaner Manuel Mussero fährt einen britischen Kleinwagen, Baujahr 1957. Zwischen alten US-Straßenkreuzern und klapprigen Ladas schwimmt das illegale Taxi im dünnen Verkehrsstrom Havannas unauffällig mit: Das ideale Auto, um Angehörige politischer Häftlinge zu besuchen.

Auf der Fahrt in einen der heruntergekommen Vororte tippt Manuel nur leicht an den Rückspiegel. Ansonsten stellt er keine Fragen an den Ausländer, der sich in diesen Stadtteil fernab aller Touristen-Ziele verirrt. Beim Blick zurück wird deutlich, was gespielt wird. Ausgerechnet jene Frau unter vielen am Straßenrand, die Manuel gerade nach dem Weg gefragt hat, wird jetzt von einem Motorradfahrer angesprochen.

Kubanern ist es verboten, Ausländer in ihrem Auto mitzunehmen. Und jeder, der nicht glühend für die Revolution eintritt, muss sich auf Fragen des Geheimdienstesgefasst machen, wenn er Kontakt zu Fremden hat.

Das Gespräch mit dem Ex-Häftling Jesus Adolfo kommt nach einigen Finten doch noch zustande. Der große und starke Mann kennt keine Angst. Obwohl er als Gewissensgefangener stundenlang aufgehängt und schwer gefoltert worden ist, lässt er sich fotografieren. Er braucht die Öffentlichkeit. Kein Risiko ist ihm zu hoch, um seine Frau, die verschwundene Maria de los Angeles, zu finden. Nur Druck von außen gibt Kubas Dissidenten einen gewissen Schutz vor Polizei-Willkür.» Hilfe den Ausgeschlossenen und Vergessenen« steht in Großbuchstaben auf der Rückseite des Fotos.

Jesus weiß nicht, was seit ihrer Verschleppung geschah. Er versucht alles, sie zu finden. Er fürchtet auch nicht den nächsten Besuch der Staatssicherheit. Und die kommt schneller als erwartet. Keine 15 Minuten dauert das Gespräch, da gibt es warnende Klopfzeichen. An der Hintertür ist Manuel schon startklar. Im fliegenden Galopp geht es auf einer anderen Route raus aus dem verwinkelten Barrio.

Sie werden geschlagen und gedemütigt, sie bekommenunendlich lange Haftstrafen und manche überleben die Zustände in den Lagern nicht. Kubas Oppositionelle »sind vor allem unglaublichmutige Menschen«, sagt Martin Lessenthin von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Früher kümmerte sich die IGFM um Häftlinge in Honeckers, Ceausescus und Titos Zuchthäusern. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sehen viele Befreier und Befreite von damals heute bedrückende Parallelen in Castros karibischem Knast.

Staatsfeind ist, wer aufmuckt. Dr. Pedro Braque Hombre (Name geändert) warnte, ein längst ausgerottetes tückisches Fieber sei zurückgekehrt. »Dengue gibt es nicht mehr« behauptet dagegen der »maximo Líder«Fidel Castro. Weil Braque Hombre dennoch nach Medizin für seine Patienten verlangte, bekam er es mit der Polizei zu tun. Seitdem schaut der Mediziner genauer hin, schmuggelt Bilder von schlimmen Zuständen im angeblich besten Gesundheitssystem Lateinamerikas in alle Welt und geht auch schon mal auf die Straße. Beim letzten Mal wurden er und 30 Gefährten von 150 alkoholisierten Castro-Anhängern verprügelt. Die allgegenwärtige Polizei schaute zu.

Mut bewiesen am 27. September auch einige Dutzend Oppositionelle, die sich ein Herz fassten und friedlich vor dem Justizministerium in Havanna demonstrierten. Sie forderten die bedingungslose Freilassung aller politischen Gefangenen und kritisierten die Übergriffe und menschenunwürdigen Zustände, denen politische Häftlinge in kubanischen Gefängnissen ausgesetzt sind. Angeführt wurde der friedliche Protest von Martha Beatriz Roque Cabello, Noelia Pedraza Jiménez und dem Bürgerrechtler Jorge Luís García Pérez ? genannt Antunez. Auf Kuba zählt er zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Demokratiebewegung. Das Ergebnis: 25 Oppositionelle in Haft, 10 unter Hausarrest, 23 namentlich bekannte Bürgerrechtler spurlos verschwunden.

»Das Castro-Regime nutzte die Ereignisse in Birma, um in deren Schatten unbemerkt die Massenverhaftung von politisch unbequemen Personen zu vollziehen«, sagt Lessenthin. Die Taktik kennt der Vorstandssprecher schon: »Sie wurde bereits 2003 zum beginnenden Irak-Krieg angewandt, als im Schatten des ersten Angriffs auf Bagdad 75 Oppositionelle verhaftet und bis zu 25 Jahren Haft verurteilt wurden.«

© Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), deutsche Sektion e.V. Spendenkonto: 23 000 725, Taunussparkasse, BLZ 512 500 00

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