Tenzin Delek Rinpoche - Tibetischer Mönch zu lebenslanger Haft verurteilt
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Der Mönch Tenzin Deleg Rinpoche. |
Zusammenfassung
Der tibetische Mönch und Bürgerrechtler Tenzin Delek Rinpoche (auch "Deleg" umschrieben, im chineseischen: 阿安扎西, A'an Zhaxi) wurde am 26. Januar 2005 zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihm wird von den chinesischen Behörden vorgeworfen, in einer Reihe von teils unaufgeklärten Bombenanschlägen verwickelt gewesen zu sein. Tenzin Delek, der grundsätzlich für völlige Gewaltlosigkeit einsteht, bestreitet, in irgendeiner Form an den Anschlägen beteiligt gewesen zu sein. Ursprünglich war der Mönch bereits 2002 aufgrund derselben Anschuldigungen zum Tode verurteilt worden. Der Mönch Lobsang Dhondup, ein entfernter Verwandter von ihm, wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls zum Tode verurteilt und unmittelbar nach der Bestätigung des Schuldspruchs hingerichtet. Die IGFM geht davon aus, dass starker Druck aus dem Ausland maßgeblich dazu beigetragen hat, dass das Todesurteil gegen Tenzin Delek in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt wurde.
Zur Person
Tenzin Delek Rinpoche wurde 1950 in Litang in der Provinz Sichuan geboren. Zum Zeitpunkt seiner Geburt gehörte Litang politisch noch zum de facto unabhängigen Staat Tibet. Der hochrangige tibetisch-buddhistische Mönch Tenzin Delek Rinpoche ist für seine mutigen Meinungsäußerungen über die repressive chinesische Politik in Tibet bekannt, außerdem für seine Loyalität gegenüber der im Exil lebenden spirituellen Leitfigur Tibets, dem Dalai Lama, bei dem er studiert hatte. Er setzte sich für die Wiederbelebung der tibetischen Kultur und buddhistischen Religion in Tibet ein. Neben seiner religiösen Autorität genießt er auch hohes Ansehen für sein Engagement zur Förderung von örtlichen Schulen, Waisenhäusern, Klöstern und zur Verbesserung der Straßenverbindungen. Der Mönch gelangte 1998 und 2000 in den Focus der kommunistischen Behörden, als er ohne offizielle Erlaubnis ein Kloster zu eröffnen versuchte. Auch führte er den öffentlichen Protest gegen die maßlose Abholzung in der Region an.
Hintergrund: Tibet und die Volksrepublik China
Am 23.05.1951 marschierte Truppen der Volksrepublik China in Tibet ein. Die gewaltsame Unterwerfung des über Jahrhunderte politisch eigenständigen und seit 1912 wieder de facto unabhängig Staates Tibet wurden von der chinesischen Regierung damit begründet, das tibetische Volk müsse von der feudalistischen Herrschaft buddhistischer Priester befreit werden.
Diese vollständige militärische Besetzung Tibets wird von der Volksrepublik China noch immer offiziell beschönigend "friedliche Befreiung" genannt. Die Besetzung hatte de facto die vollständige Annexion Tibets zur Folge. Die chinesische Staatsführung konstatiert bis heute, dass es sich bei allen Angelegenheiten Tibets um "innere Staatsangelegenheiten" der Volksrepublik handelt.
Während des Einmarsches der Volksrepublik kam eine nicht exakt bekannte, aber hohe Zahl von Tibetern ums Leben. Ab 1956 plünderte und zerstörte die Volksbefreiungsarmee tibetische Klöster und Kulturdenkmäler. Von den mehr als 6.000 Klöstern und Tempeln sollen bis zum Ende der Kulturrevolution nur 12 unzerstört geblieben sein.
1965 wurde die tibetische Provinz U-Tsang sowie der westliche Teil der tibetischen Provinz Kham zur Autonomen Region Tibet (TAR) erklärt. Die TAR macht jedoch noch nicht mal die Hälfte des ursprünglichen Territoriums des von chinesischen Truppen 1951 überfallenen Staates Tibets aus. Nach Darstellung der Volksrepublik entspricht "Tibet" nur dem Gebiet der neugeschaffenen "Autonomen Region Tibet" (TAR). Die übrigen tibetischen Provinzen sind nach Ansicht der Volksrepublik "seit jeher" chinesisch gewesen, obwohl sie zu tibetischen Reichen gehörten und mehrheitlich von Tibetern bewohnt waren. Die Volksrepublik China versuchte und versucht durch Ansiedlung von Han-Chinesen in großem Maßstab, die Tibet in Teilen ihrer angestammten Heimat zu einer Minderheit zu machen.
Inhaftierung und Verurteilung
Am 7. April 2002 wurde Tenzin Delek Rinpoche mit vier weiteren Mönchen bei einer Polizeirazzia im Kloster Jamyang Choekhorling in dem Bezirk Kardze (chinesich: Ganzi) festgenommen. Man warf ihm vor, angeblich an einem Bombenattentat beteiligt zu sein, das sich vier Tage zuvor auf dem Hauptplatz der zentralchinesischen Provinzhauptstadt Chengdu, Sichuan ereignet hatte.
Tenzin Deleks Assistent und Mönch seines Klosters, Lobsang Dhondup, wurde bereits am 3. April verhaftet. Angeblich befand er sich auf der Flucht. Man warf beiden vor, auch für zahlreiche ungeklärte Bombenanschläge in den Jahren 2001 und 2002 in der Gegend von Kardze in Sichuan verantwortlich zu sein.
Sein Gerichtsverfahren begann am 29. November 2002 vor dem Mittleren Volksgericht in Kardze. Am 2. Dezember wurde das Todesurteil mit zweijährigem Bewährungsaufschub über ihn verhängt und am 26. Januar 2003 bestätigt. Er wurde für schuldig befunden, Explosionen verursacht und im Zuge dessen zum Separatismus aufrufende Flugblätter verteilt zu haben. Der Mönch soll daraufhin aufgestanden sein und lauthals den unfairen Prozess beklagt, sowie seine Unschuld beteuert haben, bevor man ihn mit geknebeltem Mund aus dem Gerichtssaal führte. Er wurde anschließend an einen geheimen Ort verbracht. Die lokalen Behörden untersagten Familienangehörigen und anderen ortsansässigen Bürgern, mit Journalisten über den Fall zu sprechen. Zudem wurden Verhaftungen angedroht, sollten Bilder des Mönchs aushängen.
Am 26. Januar 2003 wurde der damals 28-jährige zum Tode verurteilte Assistent Tenzin Deleks, Lobsang Dhondup, hingerichtet. Es handelte sich hierbei um die erste international bekannt gewordene Hinrichtung eines Tibeters seit 20 Jahren, dem ein politisch motiviertes Vergehen zur Last gelegt wurde. Der Rundfunksender Radio Free Asia berichtete am 4. Februar 2003, Familienangehörigen der beiden Männer sei von den chinesischen Behörden verboten worden, sich über den Fall öffentlich zu äußern oder zu verreisen. Da ihnen der Leichnam Lobsang Dhondups nicht ausgehändigt wurde, liegt die Befürchtung nahe, dass er Spuren von Folter aufwies. Am 17. Februar sollen Behördenvertreter seinen Hinterbliebenen einen Behälter überbracht haben, welcher die Asche Lobsang Dhondups enthalten habe.
Einschüchterungsversuche
Der heute 53 Jahre alte Mönch Tenzin Delek Rinpoche war vermutlich im Vorfeld des Gerichtsprozesses Misshandlungen und Einzelhaft ausgesetzt. In den acht Monaten zwischen seiner Verhaftung und der Gerichtsverhandlung hatte Tenzin Delek von der Haftanstalt von Dartsedo (chinesisch: Kangding) aus keine Verbindung zur Außenwelt. Unbestätigten Berichten zufolge wurde er im Gefängnis gefoltert, indem er mit gefesselten Händen und Füßen an eine Raumdecke gehängt wurde. Sein Bruder hatte versucht, ihm zwei Pekinger Anwälte zur Seite zu stellen, die jedoch das Gericht ablehnte. Stattdessen berief das Gericht seinerseits offiziell die Verteidiger. Inoffiziellen Quellen zufolge scheint es jedoch, dass bei der Urteilsverkündung im Dezember 2002 kein Verteidiger anwesend war.
Im Januar 2003 war Tenzin Delek Rinpoche mehrere Tage lang aus Protest gegen seine Behandlung und die Gewalt im Gefängnis in einen Hungerstreik getreten. Am 7. oder 8. Januar beendete Tenzin Delek seinen Streik wieder, weil chinesische Beamte ihm ein Berufungsverfahren bei einem höheren Provinzgericht von Sichuan zugesichert hatten.´
Stellungnahme des Gefangenen
Gemäß Aussagen der chinesischen Behörden soll Tenzin Delek sich zu den Bombenanschlägen bekannt haben. Am 18. Januar 2005 jedoch gelang es, eine Tonkassette aus dem Gefängnis zu schmuggeln, die eine Botschaft Tenzin Delek Rinpoches enthielt. Darin bekundete er unter anderem: "Ich wurde zu Unrecht beschuldigt, weil ich immer aufrichtig war und mir die Interessen und das Wohl der Tibeter am Herzen lagen. Was ich tat und sagte, gefiel den Chinesen nicht. Das ist der einzige Grund, warum sie mich festgenommen haben." Und weiter klagt er an: "Ich bin völlig unschuldig Ich habe immer gesagt, dass wir unsere Hände nie gegen andere erheben sollen, denn das ist eine Sünde Ich habe weder Briefe oder Flugschriften verteilt noch heimlich Bomben gelegt. Solche Dinge kamen mir nicht einmal in den Sinn, denn ich habe keine Absicht, andere zu verletzen." Darüber hinaus gab der Mönch sein weiteres Engagement für die unter chinesischer Herrschaft lebenden Tibeter bekannt: "Ich werde weiterhin für das tibetische Volk und seine Sache arbeiten, selbst wenn es mir das Leben kosten sollte." Er führte weiter aus: "Ich möchte Frieden in der ganzen Welt. Alle fühlenden Wesen waren in dem Zyklus ihrer Existenzen irgendwann einmal meine Eltern Wenn ich im Gefängnis bleiben und sterben muss, möge mein Tod allen fühlenden Wesen nützlich sein." Die Aussagen Tenzin Delek Rinpoches veröffentlichte Radio Free Asia am 21. Januar 2003.
Aufhebung des Todesurteils
Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua bestätigte am 26. Januar 2005, dass das Todesurteil gegen Tenzin Delek Rinpoche in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt wurde. Momentan existiert kein Kontakt zu Tenzin Deleg, er ist abgeschirmt von der Öffentlichkeit an einem unbekannten Ort gefangen. Nach Ansicht der IGFM ist dies ein Resultat der internationalen Kampagne zu seiner Rettung.
Es liegt der Verdacht nahe, dass Tenzin Delek Rinpoche nicht wegen Gewalttaten verfolgt wurde, sondern wegen seiner friedlichen religiösen Aktivitäten und seines Einsatzes für das Gemeinwohl. Bei der Gefangennahme und Urteilsbemessung handelt es sich um schwerwiegende Justizirrtümer. Das Gerichtsverfahren verstieß in eklatanter Weise gegen internationale Standards für einen fairen Prozess.
Aktuelle Lage
Ende 2009 soll der Mönch in das Gefängnis von Mianyang in der Provinz Sichuan verlegt worden ein. Wann die Verlegung jedoch genau stattfand ist unklar. Zuvor war er im Gefängnis in Chuandong inhaftiert. Mehreren Quellen zufolge ist Tenzin Delek Rinpoche in schlechtem Gesundheitszustand. Er sei herzkrank, leide an hohem Blutdruck und habe Schmerzen in den Beinen. Er bekommt zwar Medikamente, aber die tibetische Medizin, um die er bat, wird ihm verweigert. In der Untersuchungshaft erlitt er schwere Folterungen. Obwohl er, soweit bekannt, zurzeit nicht mehr misshandelt werden soll, setzen die miserablen Gefängnisbedingungen seiner Gesundheit sehr zu.
Proteste in Tibet und China
Anfang Dezember 2009 sollen hunderte von Tibetern in Tenzin Deleks Heimatregion mit Hungerstreiks und Sitzblockaden für ein Wiederaufnahmeverfahren für den inhaftierten Mönch protestiert haben. Nach Angaben von Exiltibetern soll es dabei auch zu mindestens 90 Festnahmen gekommen sein. "Das ist eine außergewöhnliche öffentliche Zurschaustellung an Unterstützung für Tenzin Delek Rinpoche, insbesondere angesichts der hoch angespannten Sicherheitslage, die bis heute in Tibet andauert", sagt der Vorstandsvorsitzende Tenzin Dorjee von Students for a Free Tibet. "Tibeter in dieser Region haben niemals akzeptiert, dass dieser tibetische Mönch, der sein Leben dem Gemeinwohl und dem Schutz der Umwelt widmete, eines Gewaltverbrechen überführt werden könnte und sie nehmen außergewöhnliche Risiken in ihren Bemühungen auf sich, um seine Freilassung zu erwirken."
Zudem haben fünf Verwandte von Tenzin Delek versucht, eine Petition mit mindestens 30.000 Unterschriften in Peking einzureichen, um ebenfalls eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erzielen. Nach unbestätigten Angaben, sollen die fünf Familienmitglieder von den Behörden dazu gezwungen worden sein, unverzüglich wieder nach Hause zurück zu kehren. Auf ihrem Rückweg über die Stadt Chengdu, in der sie eine Genehmigung für einen Gefangenenbesuch einholten wollten, wurden die fünf Tibeter möglicherweise verhaftet. Eine sichere Bestätigung dafür steht jedoch noch aus.
[zum Appell ...] [Unterschriftenliste im pdf-Format, 45 kB ...]
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