Tibetischer Filmemacher Dhondup Wangchen zu sechs Jahren Haft verurteilt
Zusammenfassung
Dhondup Wangchen wurde am 28. Dezember 2009 zu sechs Jahren Haft wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ verurteilt. Der tibetische Filmemacher und sein Helfer, der Mönch Golog Jigme Gyatso, wurden bereits am 23. März 2008 von den chinesischen Sicherheitskräften verhaftet. Noch kurz vor Ausbruch und Niederschlagung der Massenunruhen in Tibet im März 2008, hatten die beiden ihren Dokumentarfilm „Leaving Fear Behind“ (zu Deutsch: „Die Furcht zurücklassen“, im Tibetischen: „Jigdrel“) fertig gestellt und in die Schweiz bringen lassen. Für den Film haben die beiden Tibeter von Oktober 2007 bis Anfang März 2008 über 100 Interviews über die kommunistische Herrschaft in Tibet, die Olympischen Spiele und den Dalai Lama durchgeführt.
Der Mönch Golog Jigme Gyatso wurde 15. Oktober 2008, über ein halbes Jahr nach seiner Verhaftung, auf freiem Fuß gesetzt. Während seiner Gefangenschaft war er wiederholt gefoltert worden. Die chinesischen Behörden gaben keine Informationen über die Gründe der Haft bekannt.
Zur Person
Dhondup Wangchen wurde am 17. Oktober 1974 in Bayen in der Tsoshar Region von Amdo, der nordöstlichen Provinz des ehemaligen Staates Tibet geboren (chinesisch: Gemeinde Bayan, Kreis Hualong, Präfektur Haidong, Provinz Qinghai). Seine Eltern waren Bauern und auch er verdiente seinen Lebensunterhalt als Landwirt. 1993 reisten er und sein Cousin nach Indien, um den Dalai Lama zu treffen. Danach setzten sich die beiden für Menschen- und kulturelle Rechte in Tibet ein. Dhondup Wangchens Frau Lhamo Tso (Jahrgang 1973), ihre gemeinsamen vier Kinder und sein Bruder Dorjee Wanchen, konnten im Jahr 2007 aus der Volksrepublik nach Indien fliehen. Dhondup Wangchens Cousin, Gyaljong Tsetrin, hatte sich für den Erhalt der tibetischen Kultur eingesetzt und war dafür mehrfach verhaftet worden. Im Jahr 2002 musste er aus der Volksrepublik fliehen und erhielt politisches Asyl in der Schweiz.
Golog Jigme Gyatso ist tibetischer Mönch und Freund von Dhondup Wangchen. Sein Geburtsort ist Golog Serta, in Karze (chinesisch: Ganzi) in der Region Kham, der ehemaligen südöstlichen Provinz des Staats Tibets. Heute ist die Region an die chinesische Provinz Sichuan angegliedert.
Der Film "Leaving Fear Behind"
„Für Tibeter ist es äußerst schwierig, nach Peking zu reisen und dort ihre Meinung zu äußern. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, mit diesem Film den wahren Gefühlen der Tibeter, die noch in Tibet leben, nachzugehen“, beschreibt der Filmemacher Dhondup Wangchen die Motivation für seine Arbeit. Der Dokumentarfilm zeigt die Lebenswelt und Vorstellungen von Tibetern, die trotz drohender Verfolgung fast alle einverstanden waren, dass ihr Gesicht im Film zu sehen ist. Sie berichten in 108 Interviews über ihre Verbitterung über die Zerstörung ihrer Kultur, die chinesische Siedlungspolitik, die Einschränkung der religiösen Freiheit, die Marginalisierung ihrer Sprache, die Verunglimpfung des Dalai Lama und über gebrochene Versprechen der kommunistischen Regierung. Wangchen und Golog Jigme hatten den Film heimlich gedreht. Dabei legten sie insgesamt mehrere Tausend Kilometer zurück, um ihre Interviewpartner, einfache Tibeter, befragen zu können. Die Mehrheit der Interviews entstand im Osten Tibets.
Wangchens Cousin Gyaljong Tsetrin, der in der Schweiz lebt, erstellte aus dem 35 Stunden umfassenden Material einen 25 Minuten langen Dokumentarfilm. Die Dokumentation hatte für Aufsehen gesorgt, als sie in Peking am 6. August 2008, kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele, vor einer kleinen Gruppe von Journalisten heimlich in einem Hotelzimmer aufgeführt worden war. Die Vorführung wurde von chinesischen Sicherheitskräften abgebrochen, das Hotel geschlossen. Eine zweite Aufführung wurde von chinesischen Sicherheitskräften verhindert.
Weitere Informationen und Ausschnitte des Films sind auf folgender Seite zugänglich:
[www.leavingfearbehind.com]
Der komplette Film kann unter Google-Video angesehen werden:
[http://video.google.de/videoplay?docid=8048230761996582635]
Inhaftierung und Verurteilung
Dhondup Wangchen wurde am 23. März 2008 von chinesischen Sicherheitskräften verhaftet, nur wenige Tage nachdem die Filmaufnahmen am 10. März 2008 in die Schweiz gelangt waren. Zuerst wurde der Filmemacher im „Hotel“ Gongshan, einem inoffiziellen „Schwarzen Gefängnis“, gefangen gehalten. Dort soll er auch mit heftigen Schlägen, Lebensmittel- und Schlafentzug misshandelt worden sein. Zudem wurden Wangchen Medikamente vorenthalten, die er für die Behandlung seiner Hepatitis-B Erkrankung benötigt. Anschließend wurde der Tibeter für ca. drei Monate in der Haftanstalt Ershilipu, in Xining, Provinz Qinghai verlegt. Von dort wurde er in die Haftanstalt Guangsheng Binguan, in Xining gebracht. Auch in diesen Haftanstalten soll Wangchen weiter Opfer von Folter gewesen sein.
Golog Jigme Gyatso wurde ebenfalls am 23. März 2008 verhaftet. Der Mönch wurde in der Haftanstalt der Stadt Kachu (chinesisch: Lingxia) in der Provinz Gansu für sieben Monate festgehalten. Nach Angaben von Kollegen soll er dort gefoltert worden sein. Konkret schildern sie, dass er über viele Stunden mit den Füssen an die Decke gehängt und über viele Tage eng an einen Stuhl gebunden worden sein soll. Dabei wurde er immer wieder geschlagen. Am 15. Oktober 2008 wurde Golog Jigme Gyatso aus der Haft entlassen.
Gegen Dhondup Wangchen wurde dagegen Anklage wegen "Anstiftung zum Separatismus" erhoben. In einem geheimen Gerichtsverfahren wurde der Tibeter schließlich am 28. Dezember 2009 vor dem Mittleren Volksgerichtshof Xining zu sechs Jahren Haft wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ verurteilt.
Im April 2009 soll Wangchen nur ein einziges Mal die Möglichkeit gehabt haben, seinen Rechtsanwalt zu sehen, der eigens von seiner Familie engagiert wurde. Der in Peking ansässige Anwalt soll im Juli 2009 von den chinesischen Behörden dazu gezwungen worden sein, das Mandat für den Tibeter niederzulegen. Daraufhin veröffentlichte Wangchens Ehefrau Lhamo Tso einen dramatischen Appell. „Ich appelliere an das Gericht in Xining, meinem Ehemann einen Rechtsbeistand eigener Wahl zu erlauben. Meine Kinder und ich sind verzweifelt über die Aussicht, dass wir ihn für viele Jahre nicht sehen können. Wir rufen die chinesischen Behörden dazu auf, Menschlichkeit zu zeigen, indem sie ihn befreien. Mein Ehemann ist kein Krimineller. Er wollte lediglich die Wahrheit zeigen.“ Die chinesischen Behörden kamen dem Wunsch der Familie nicht nach, und es ist unklar, ob Wangchen während des Prozesses überhaupt anwaltlich vertreten wurde. Ein Berufungsgesuch nach dem Schuldspruch wurde ebenfalls abgelehnt.
[Unterschriftenliste im pdf- Format, 45kB ...]
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