Tschetschenien: Moskaus Versuchsfeld für giftige Substanzen


Ärzte beschreiben Symptome

Aufzeichnungen der IGFM über Berichte von vermutetem Einsatz chemischer Substanzen durch russische Truppen in Tschetschenien

IGFM, Oktober 2002

 

 

 

 

 

Moskaus Krieg in Tschetschenien: Schmutzige Waffen im schmutzigen Krieg.

Foto: Nowaja Gaseta

Nach Erkenntnissen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hatten russische Einheiten giftige Substanzen in Tschetschenien bereits 2000 eingesetzt.

Am 10. Januar 2000 berichtete der russische Korrespondent Andrej Babizkij in seiner Reportage aus Grosnyj, dass russische Truppen die Stadt mit Granaten beschießen, die giftige Stoffe enthielten. Stunden später, als er eine der Stellen ihres Einschlags passierte, habe er starke Kopfschmerzen und extreme Atem- und Halsbeschwerden bekommen.

Im August 2000 verstarben innerhalb weniger Stunden sechs Menschen im Dorf Staryje Atagi und zwei in Nowyje Atagi an Symptomen, die auf Nervengift hin deuteten.

Im Januar 2001 berichtete der Korrespondent der unabhängigen russischen Zeitung "Nowaja Gaseta", Boris Sergejew, dass im Dorf Wedutschi bei Itum-Kala bei Kindern nach dem Spielen mit Splittern einer russischen Granate, die in der Nähe ihres Dorfes eingeschlagen war, kurz darauf die Haare büschelweise ausfielen, sie an Hepatitis erkrankten und man bei ihnen eine Anschwellung der Lymphdrüsen feststellte. Es war, als ob das ganze Dorf, auch die Erwachsenen, von einer unbekannten Krankheit befallen waren. Viele bis dahin gesunde Menschen starben an Krebs. Der Korrespondent liess sich die Einschlagstelle zeigen.


"Wir befanden uns auf dem von der Granate ausgebrannten Hügel höchstens zehn Minuten, als ich starke Kopfschmerzen bekam. Auch meine Begleiter klagten über starkes Unwohlsein, obwohl wir uns alle bis dahin sehr gut fühlten. Später erklärten mir Spezialisten, dass unser Zustand die Folge einer toxischen Vergiftung war. Militärärzte, mit denen ich sprach, bezeichneten diese Kontaminierung als eine der unter strengsten Geheimhaltung stehenden Erkrankungen, deren Symptome und Behandlung am besten in den medizinischen Einrichtungen der Raketentruppen erforscht sind, doch streng geheim gehalten werden."



Ende März 2001 veröffentlichte der ehem. tschetschenische Gesundheitsminister, Dr. med. Umar Chambijew, der nach Beginn des Kriegs seinen Posten gegen einen Arztkittel tauschte, einen Bericht über den Einsatz chemischer Waffen durch die russischen Truppen in Tschetschenien. Der Bericht beruht auf seinen eigenen Erfahrungen, die er im Jahre 2000 als behandelnder Arzt gemacht hatte. Er schreibt:



"Ende Juli und Anfang August 2000 haben russische Truppen mit Giftsubstanzen bestückte Bomben und Granaten in drei Kreisen eingesetzt: im Raum Staryje Atagi, im Umkreis von Vedeno und in Zentoroj im Kreis von Noschaj-Jurt. Ich habe die Verletzten von Vedeno und Zentoroj untersucht und behandelt. ... Am 27. Juli wurden zwei Personen aus Vedeno, die sich im bewusstlosen Zustand befanden, eingeliefert. Sie waren 17 bzw. 28 Jahre alt. Ihre Begleiter berichteten, dass beide über starke Kopfschmerzen klagten, bevor sie in Fieberwahn fielen, und auf dem Weg ins Krankenhaus das Bewusstsein verloren haben. Vor ihnen starben bereits vier Menschen an einer rätselhaften Blitzkrankheit. Ihr Mund war voller blutigen Speichels, das Gesicht blau angelaufen wie bei einer Erstickung.

Untersuchungsergebnisse: Der 17jährige Patient aus Vedeno ist bewusstlos. Er ist sehr bleich, seine Pupillen stark erweitert, hat ausgeprägtes Herzrasen, Muskelkrämpfe, erhöhten Blutdruck, und zwei bis sechs Zentimeter große Flecken an Gliedern und Körper. Schnelle Atmung (bis zu 50-60 Atemstöße pro Minute), starke Speichelbildung. Gleiche Symptome bei dem 28jährigen Patienten aus Vedeno.

Drei Tage später, als diese zwei immer noch nicht ihr Bewusstsein erlangt hatten, wurden sechs Patienten aus Zentoroj ins Krankenhaus eingeliefert. Alle sechs hatten die gleichen Symptome wie die beiden aus Vedeno. Ihre drei Begleiter berichteten, dass sie zusammen mit den Eingelieferten bei Feldarbeiten waren, und sie dort zurückließen, um ins Dorf zum Mittagessen gehen. Als sie zwei Stunden später zurückkamen, fanden sie ihre sechs Freunde im schlimmen Zustand. Sie schienen vor Kopfschmerzen, lachten, dann weinten sie, hatten Halluzinationen, zeigten auf etwas Unsichtbares, das sie quälte, mit dem Finger und benahmen sich, als ob sie den Verstand verloren hätten. Auf meine Fragen hin, berichteten die Begleiter, dass am Morgen dieses Tages die russischen Truppen mit Bomben und Granaten das Waldstück am Feldrand beschossen hatten.

Am gleichen Tag wurden fünf weitere Personen mit gleichen Symptomen eingeliefert, diesmal aus dem Dorf Zentoroj, dass sich ebenfalls unweit des Waldes befand, der bombardiert und beschossen wurde. Das medizinische Personal stand vor einem Rätsel.

Acht der Eingelieferten benahmen sich, wie besessene, wobei der erregte Zustand nach 10-15 Minuten der völligen Erschöpfung wich und sie das Bewusstsein verloren. Wir begannen mit der Anwendung desintoxikologischer Methoden.

Charakteristische Symptome aller dieser Patienten: schneidende Kopfschmerzen, als ob das Gehirn explodieren würde, Bauchschmerzen, allgemeine Schwäche, Übelkeit, brennendes Gefühl im ganzen Körper, kalter Schweiß, extreme Bleichheit, schnelles Erscheinen und Verschwinden von Flecken an Gliedern und Körper, Krämpfe der Gesichtsmuskulatur, erhöhte Speichelbildung, erweiterte Pupillen, Herzrasen, hoher Puls (140-150 Schläge pro Minute), unstabiler Blutdruck (180-160/120-100 mm bis zu 80-60/40-30 mm), schnelle Atmung, Röcheln in den Lungen, Bewußtlosigkeit, Fieberwahn, Angstzustände, Hilfeschreie, Halluzinationen, Lachanfälle, Wechsel zwischen erhöhten Erregung und völliger Erschöpfung.

Am nächsten Tag wurden noch zwei Patienten eingeliefert, die sich in der Nähe des Ortes befanden, der bombardiert und beschossen wurde. Sie hatten identische Symptome, die aber schwächer ausgeprägt waren.

Alle Patienten überlebten.

Neben der Behandlung der Patienten waren wir Mediziner auch mit ethischen Problemen konfrontiert. Alle diese Patienten waren 17 bis 30 Jahre alt. Sie außerhalb Tschetscheniens zu transportieren, bedeutete Gefahr für sie und ihre Angehörige, da alle Wege von russischen Truppen abgesperrt waren. Die Angehörigen der Patienten erklärten, dass sie eher bereit seien, den Tod in Kauf zu nehmen, als in die Hände der russischen Truppen zu geraten, weil sie danach nie mehr die Leiche ihres kranken Familienmitglieds finden könnten.

Ich versuchte vergeblich, über Mittler Kontakt zu Toxikologen in Dagestan und Inguschetien aufzunehmen. Zwei Wochen lang führten wir eine intensive desintoxikologische Behandlung durch, die letztendlich zum positiven Ergebnis führte. Als es den Patienten besser ging, wurde sie von ihren Angehörigen umgehend aus dem Krankenhaus geholt, da sie einen"Besuch" russischer Truppen befürchteten.

Anfänglich wunderten wir uns, dass ab dem 25. Juli bis zum 20. August 2000 die davor so intensive Bewegung russischer Panzertruppen in dieser Region vollständig eingestellt wurde und sogar die Kontrollposten verschwunden waren. Den Grund dafür erkannte ich erst, als mir klar wurde, dass hier mit Giftsubstanzen angereicherte Bomben und Granaten eingesetzt und die russischen Militärkommandanturen darüber entsprechend informiert wurden.

In Kenntnis dessen, dass einige von uns Kontakt zu russischen Offizieren hatten, fragte ich sie gezielt, ob sie Andeutungen auf das, was passieren sollte bzw. passierte, bekamen. Einer erklärte mir: 'Im Vorfeld dieser Bombardierungen hatte mich ein bekannter russischer Offizier am Kontrollposten gewarnt, dafür zu sorgen, dass meine Leute zu Hause bleiben und sich nicht in die Nähe des Waldes wagen sollen. Ich hatte damals dem keine Bedeutung beigemessen, da diese Stelle täglich bombardiert wurde und die Menschen sowieso den Wald deswegen mieden'.

Ich war und bleibe der festen Überzeugung: die oben geschilderten drei Vorfälle, die zum Teil tödliche Folgen hatten - in Vedeno waren 9 Menschen betroffen, 3 davon starben; in Zentoroj waren es 20 Einwohner, von denen 2 starben; in Staryje Atagi - 21 Einwohner, von denen 6 starben, d.h. insgesamt 39 Kontaminierte, davon 12 mit tödlichem Ausgang - Glieder einer Kette sind, und dass drei Tage lang in drei Regionen Bomben und Granaten mit Giftsubstanzen Nerven lähmender Wirkung eingesetzt wurden.

Ich bin der Meinung, dass die Weltgemeinschaft hier nicht gleichgültig bleiben darf. Es ist notwendig, die Durchführung unabhängiger Untersuchung zur Offenlegung der Anwendung von Waffen dieser Art zu fordern. Wir sind unsererseits bereit, den Experten solch einer Untersuchungskommission die von der Kontaminierung Betroffenen und Zeugenaussagen zur Verfügung zu stellen. ..."



Am 27. November 2001 berichtete die russische Menschenrechtsagentur Glasnostmedia über den Ausbruch einer rätselhaften Krankheit bei den Kindern im tschetschenischen Dorf Beti-Mack im Kreis Noschaj-Jurt, an der in kürzester Zeit drei Kinder starben. Konfrontiert mit den Symptomen der Krankheit, äusserte damals der russische Experte für C-Waffen, Prof. Lev Fjodorow, die Vermutung, dass es sich hier um die Folgen des Einsatzes von chemischen Waffen handeln könnte.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) drängt auf Aufklärung und eine internationale öffentliche Befassung mit diesem Problem. "Die Schonzeit in der Beurteilung der vielfältigen Mängel, die Russland wegen des Aufbaus von Demokratie und Rechtstaatlichkeit gewährt worden sind, ist verstrichen", so Karl Hafen, geschäftsführender Vorsitzender der IGFM.

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