Russlands Krieg in Tschetschenien: Gewalt gegen Frauen als Kriegsmethode
Der demokratische Westen schweigt
IGFM, Wanda Wahnsiedler
Juli 2002
|
Alltag in Tschetschenien. |
Bild: PRIMA News Agency (prima-news.ru) |
"Gestern wurden in Tschetschenien sechs Zivilisten umgebracht. Im Leninskij-Bezirk von Grosnyj wurde auf offener Strasse eine 20jährige Frau mit einem Schuss in den Rücken ermordet. Im Oktjabrskij-Bezirk von Grosnyj haben maskierte Militärs ein PKW beschossen und dabei den Fahrer und die Beifahrerin getötet. Im Sawodskoj-Bezirk der Hauptstadt wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Im Dorf Naurskaja wurden zwei Frauen erschossen" - so die trockene Meldung des Senders Radio Liberty vom 28. Juni 2002.
Nach dem 11. September 2001 nahm Rußlands Krieg in Tschetschenien, der von Moskau als "Terrorbekämpfung" ausgegeben wird und in erster Linie gegen die Zivilbevölkerung gerichtet ist, an Brutalität zu. Es vergeht kein Tag, ohne das mehrere Ortschaften abgeriegelt und mehrtägigen "Säuberungen" ausgesetzt werden. Es vergeht keine "Säuberung" ohne Tote, Verschleppte und Vermißte.
Wenn aber zuvor zumeist Männer und männliche Jugendliche bevorzugtes Zielobjekt der russischen Truppen waren, so stellen russische Menschenrechtsorganisationen neuerdings fest, daß nun auch Frauen und Mädchen im zunehmenden Maße Opfer von Verschleppungen, Gewalt und willkürlichen Erschießungen geworden sind und sexuelle Übergriffe gegen sie alarmierende Ausmaße angenommen haben.
Verschleppung, Gewalt, willkürliche Erschiessungen
Auszug aus den Berichten der Gesellschaft für Russisch-Tschetschenische Freundschaft (1):
"Am 4. Mai 2002 setzte im Stadtteil Kirowo von Grosnyj erneut eine "Säuberung" ein. Derzeit ist Kirowo durch eine hohe Anzahl von Panzertechnik und Truppenstärke von der Außenwelt abgeriegelt. Es wird befürchtet, daß diese "Säuberung" noch schlimmer ausfällt, als die vorherige bewaffnete Willküraktion von Ende April 2002. Die Welle der Gewalt und Verschleppungen hatte damals immense Ausmaße erreicht.
In der Nacht auf den 26. April drangen die russischen Militärs ins Haus von Swetlana Kotschenko, einer alleinstehenden Mutter eines 1 ½ Jahre alten Kindes. Ihr Ehemann wurde in diesem Krieg getötet. Die Militärs gaben das Kind einer Nachbarin und brachten Swetlana mit Gewalt weg. Die Nachbarin, Marjam Sachabowa (ca. 60 J.), flehte die Soldaten an, Swetlana freizulassen. Sie schrien sie an "Geh weg, Alte", und verpaßten ihr paar Schläge dem Gewehrkolben. Sie ließ nicht locker, und packte sie an der Uniform. Daraufhin wurde sie entsetzlich verprügelt und ausgeraubt - die Soldaten nahmen ihr Erspartes weg, daß sie für ihr Begräbnis zurückgelegt hatte. Auch eine andere Nachbarin, die uns bat, ihren Namen nicht zu nennen, erklärte den Soldaten, versuchte Swetlana zu helfen. Sie klammerte sich an den Soldaten fest, erklärte ihnen, daß Swetlana eine Russin sei und mit dem bewaffneten Widerstand nie was zu tun hatte. Daraufhin setzten sie ihr ein Messer an den Hals und rissen ihr die Ohranhänger brutal ab. Und als sie sagte, daß sie unter Berufung auf den Befehl Nr. 80 des Truppenkommandierenden, General Moltenskij, Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft einlegen werde, wurde sie entsetzlich verprügelt.
Am 28.04.2002 wurde nachts Taus Magomedowa abgeholt, die in der Utschenitscheskaja-Str. 6, Whn. 3 wohnte. Die Nachbarn versuchten, die Soldaten daran zu hindern, wurden aber mit Waffengewalt zurückgedrängt. Taus' achtjährige Tochter, die weinend ihrer Mutter hinterherlief, wurde von den Soldaten zu den Nachbarn geschickt.
Von beiden Frauen fehlt seither jegliche Spur, ebenfalls von den Verschleppten, Wisita Abdulkadyrow (42 J.), Islam Katermanow (25 J.), Rustam Galajew (22 J.) und Nasrudin Bagalow (42 J.). Im kritischen Zustand befindet sich Sultan Betergirijew (23 J.). Nach Festnahme wurde er an einem unbekannten Ort mehrere Tage gefoltert, um von ihm Angaben über Mitglieder des bewaffneten tschetschenischen Widerstands abzupressen. Er wurde geschlagen, ihm wurde Seifenwasser injiziert, er wurde an Elektrode angeschlossen und bis zu den Hüften in einen mit feuchter Zementmasse gefüllten Behälter versenkt und Elektroschocks ausgesetzt. Doch er konnte keine Angaben machen, da er nie in Kontakt mit dem Widerstand war.
In der Nacht auf den 1.05.2002 wurde im Dorf Gechi-Tschu der Lehrer, Aslambek Sasujew (43 J.) verschleppt. Das geschah wenige Tage nachdem er sich mit uns und einer schweizerischen humanitären Hilfsorganisation getroffen hatte, der er ein Projekt zur Instandsetzung seiner Schule übergab.
Am 20.04.2002 wurde das Dorf Gorga-Tschu von der russischen Luftwaffe bombardiert. Zwei Mädchen kamen dabei ums Leben - Elima Tisajewa (11 J.) und Chaita Tisajewa (3 J.). Ihr 6jähriger Bruder Wachan wurde lebensgefährlich verletzt.
Am 4. April haben russische Truppen bei Sernowodsk ein Taxi beschossen, in dem sich neben dem Fahrer zwei Frauen befanden. Eine der Frauen und der Taxifahrer sprangen aus dem Auto und wurden erschossen. Auch die Frau, die im Auto geblieben war. Zwei Tage lang durften die Leichen nicht geborgen werden. Erst am dritten Tag, nachdem sich die Miliz und die Militärstaatsanwaltschaft eingeschaltet hatten, gab das Militär die Leichen frei. Eine der Frauen konnte identifiziert werden - es war Madina Umarowa (27 J.), Mutter von drei kleinen Kindern.
Vor Kurzem erhielten wir auf Umwegen Listen mit Namen tschetschenischer Bürger, die sich in Gefängnissen von Rostow-Don und von Nordossetien befinden. Bei allen handelt es sich um Personen, die nach Verschleppung durch russische Truppen als vermißt gelten. Die Liste derjenigen, die im Gefängnis von Rostow-Don gefangen gehalten werden, umfaßt 39 Personen, darunter fünf Frauen. Drei der Gefangenen sind bereits in der Haft verstorben. Die Liste der inhaftierten tschetschenischen Bürger im Gefängnis von Nordossetien enthält ebenfalls 39 Personen, darunter eine Frau. ..."
Aus dem Bericht des Viktor-Popkow-Informationszentrums (2) über die "Säuberung" des Dorfes Alchan-Kala bei Grosnyj, die am 25. - 30.04.2002 stattfand:
|
Grosnyj. Alltag im Spital Nr. 9 |
Bild: A. Kosyrew, Nowaja Gaseta, Nr. 19, 2002 |
"... Auffallend bei dieser "Säuberung" war, daß nie zuvor die Truppenangehörigen so gemein Frauen behandelten, wie diesmal. Die Frauen wurden widerlichen Anzüglichkeiten ausgesetzt, auf entsetzliche Weise erniedrigt und beleidigt.
Besonders empörend war der Fall vom 28. April mit Malkan Tochtamurowa. Zuerst brachten die Soldaten ihren Sohn Nurali um. Dann rissen sie ihr die Kleider vom Leib, bis sie völlig nackt war, schlugen brutal auf sie ein und versuchten, sie zu vergewaltigen. Der Offizier, der diese "Aktion" leitete, schrie ihr ins Gesicht: "Ich lasse alle meine Soldaten über dich".
Nur die entsetzten Schreie Malkans kleiner Kinder hielten die Soldaten ab, den Befehl ihres Kommandeurs zu befolgen. Zuguterletzt sperrten sie die arme Frau in eine Kiste, nahmen alles brauchbare aus dem Haus mit und gingen weg.
Auch eine andere Dorfbewohnerin, Marem, wurde sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Ihr Ehemann wurde festgenommen und in ein Filtrationslager gesperrt, weil er sich weigerte, die Adresse seiner Söhne mitzuteilen, die Tschetschenien auf der Suche nach Arbeit verlassen hatten. Der Offizier versuchte, Marem zum Beischlaf im Tausch gegen die Freilassung ihres Ehemannes zu erpressen. Marem gelang es, den Offizier zu überreden, ihren Mann gegen 2000 Rubel Lösegeld freizulassen. ...
Im schweren Zustand befinden sich zwei Frauen, bei denen am 25. April die Wehen einsetzten und die zur Niederkunft ins Krankenhaus, das sich im Nachbarort befindet, mußten. Doch der Einsatzleiter, General Branizkij (so sein Name nach Aussage der Dorfbewohner), verweigerte ihnen die Genehmigung, das von seiner Truppe abgesperrte Dorf zu verlassen. Die Frauen mußten ohne medizinische Hilfe gebären. Infolge dessen kam ein Kind tot zur Welt. ...
Die Verwaltungschefin des Dorfes, Malika Umaschewa, wurde bedroht und psychologischem Druck ausgesetzt, um sie zur Unterzeichnung einer Erklärung zu zwingen, die "Säuberung" wäre ordnungsgemäß durchgeführt worden und es keine Klagen der Dorfbewohner gebe. Sie weigerte sich und erklärte, daß sie nur dann unterschreibt, wenn in der Erklärung alle von der Truppe im Dorf begangenen Verbrechen aufgeführt werden, wie Raub, Marodieren, Verprügelungen und Morde an unschuldigen Menschen. Daraufhin drohte ihr ein Offizier wörtlich an: "Wir haben schon drei Verwaltungschefs beseitigt, und werden auch dich beseitigen". Dann plünderten sie ihr Haus aus, zerschossen die Einrichtung und drohten, das Haus zu sprengen. Als sich immer mehr Dorfbewohner vor Malikas Haus versammelten, gab der Kommandeur seinen Soldaten den Befehl, sich zurückzuziehen. Plötzlich erschien bei Malika ein anderer Offizier, der höflich und ruhig versuchte, sie zur Unterzeichnung zu überreden. Er sagte ihr, daß ihre Sturheit nur noch mehr die Lage ihrer Dorfbewohner verschlimmern werde. "Zehn Tage später kommen sie wieder, dann erst wird?s schrecklich. Du weißt doch, daß der FSB die Gestapo ist. Sie haben schon eine Akte auf dich angelegt und dort eingetragen, daß du eine Wahhabitin bist", sagte er. Aber Malika blieb konsequent und unterschrieb nicht.
Nach letzten Erkenntnissen wurden acht Dorfbewohner umgebracht bzw. zu Tode gefoltert, von vier weiteren, die von Soldaten mitgenommen wurden, fehlt jegliches Lebenszeichen. Infolge des brutalen Vorgehens der Militärs verstarben fünf ältere Menschen am Herzversagen. ..."
Am 02.06.2002 wurde in Argun die Lehrerin Sara Bisajewa von russischen Militärs verschleppt. Kurz zuvor traf es die 22jährige Grundschullehrerin, Svetlana Madarowa, deren mit Gewaltspuren übersäte Leiche man später fand.
Aus Sorge um Sara Bisajewa fand am 03.06.2002 vor dem Regierungsgebäude in Grosnyj eine Protestdemonstration statt, an der ca. 1000 Menschen teilnahmen. Eine Abordnung der Demonstranten traf sich auch einem hohen Vertreter des von Moskau eingesetzten Tschetschenien-Verwalters, Achmad Kadyrow.
Doch anstatt sie anzuhören und Massnahmen zu ergreifen, beschimpfte er sie als "kreischende Marktfrauen" und warf ihnen vor, aus Langeweile Demonstrationen zu veranstalten, um die Regierung an ihrer Arbeit zu hindern. Auch unterstellte er ihnen, sich von "Terroristen" bezahlen zu lassen, um Spannungen in der Hauptstadt zu schüren. Der Verwaltungschef Tschetscheniens, Kadyrow, der seine meiste Zeit in Moskau verbringt, wo er seine Familie unterbrachte, hatte in der Tat keine Zeit. Er war mit der Ausrichtung der Feierlichkeit beschäftigt, die anlässlich seiner Amtsberufung vor zwei Jahren stattfinden sollten.
Und die Verschleppung tschetschenischer Frauen durch russische Militärs geht weiter. Bis auf den heutigen Tag weiss man nichts über den Verbleib der tschetschenischen Ärztin, Amnat Wisirchanowa, aus dem Dorf Kurtschasloj. Die Mutter von sechs Kindern wurde am 18. Juni 2002 verschleppt. Am späten Abend drangen russische Militärs überfallartig in das Haus der Therapeutin ein. Als Aminats jüngste Tochter zu weinen begann, klebten sie dem Kind den Mund zu. Seit Aminats Verschleppung sind ihre sechs Kinder verwaist, denn am 20.09 2001 wurde auf die gleiche Weise ihr Ehemann von den Militärs verschleppt, von dem seither jegliches Lebenszeichen fehlt.
Der Budanow-Prozess als Spiegelbild der russischen Militärjustiz
Die russische Militärjustiz ist eher bemüht, die Verbrechen der russischen Truppenangehörigen an tscheschenischen Frauen zu kaschieren, als ihnen ernsthaft nachzugehen. Nach IGFM-Kenntnissen gibt es bisher nur einen einzigen Fall, in dem auf immensen internationalen Druck einem russischen Offizier der Prozess gemacht wird - Oberst Jurij Budanow. Das Militärgericht von Rostow-Don befindet über ein Verbrechen an einer jungen Tschetschenin, das vom Oberst vor über zwei Jahren begangen wurde.
Am 26. März 2000 hatte er die 18jährige Elsa (Cheda) Kungajewa aus dem Dorf Tangi-Tschu verschleppt. Drei Stunden lang quälte und vergewaltigte er sie, bis er sie schliesslich erwürgte und sie von Soldaten im Wald verscharren liess. Der erste offizielle Autopsiebericht stellt Hämatome im Gesicht und am Oberkörper, Knochenbrüche im Gesicht, Würgemale am Hals und eindeutige Zeichen der vaginalen und analen Vergewaltigtigung fest.
|
Oben: Oberst Jurij Budanow. |
Am 28. Februar 2001 begann in Rostow-Don der Prozess, in dem zwei Vorstandsmitglieder der von der IGFM-Abteilung Nischnij Nowgorod gegründeten Gesellschaft für russisch-tschetschenische Freundschaft, als Gesellschaftliche Ankläger und Vertreter der Familie Kungajew im Budanow-Prozess auftraten.
Dies rief die faschistoide National-Bolschewistische Partei des Ex-Abgeordneten Limonow auf den Plan. Am 5. April 2001 demonstrierte sie, von der Miliz unbehelligt, vor dem Büro der Gesselschaft in Nischnij Nowgorod mit Plakaten:
"Alle Tschetschenen nach Auschwiz!"
"Gibt?s keine Tschetschenen - gibt?s keinen Krieg!"
"Wir alle sind Budanows"
In Rostow-Don selbst wurde der Prozess von Demonstrationen der ultranationalistischen Russischen Nationalen Einheit/RNE begleitet.
Lautstark beschimpften sie die Eltern des Mädchens, schriehen Solidaritätsparolen für den Angeklagten und trugen Plakate mit der Forderung "Säubern Tschetschenien nach Beria-Methode!" (Beria, grausamer Geheimdienstchef des Diktators Stalin, leitete 1944 die Zwangsdeportation des tschetschenischen Volkes 1944 - Anm. IGFM.)
Und während Budanow sich der Zuwendung der Nationalisten und hochrangiger Sympathisanten erfreute, übte das 160. Panzerregiment, das er vor seiner Verhaftung kommandierte, Rache am Dorf Tangi-Tschu, in dem das Mädchen lebte. Am Tag des Prozessbeginns wurde das Dorf aus Panzern beschossen, und von der Luftwaffe bombardiert. Mehrere Menschen wurden verletzt, Häuser zerstört. Dann rückten Panzerwagen in die Stadt. Soldaten plünderten Häuser, prügelten auf die Menschen ein. Den alten Invaliden, Dakajew, zwangen sie unter Waffengewalt in Frauenunterkleidung durch die Dorfstrassen zu laufen. Als ein Rekrut für den alten Mann eintrat, schlug ihn ein Söldner mit dem Gewehr nieder. Am 2. März holten sie den 32jährigen Lema Dudajew und warfen ihn in die Grube. Als man ihn am nächsten Tag gegen Lösegeld frei bekam, war er nicht mehr zu erkennen. Folter und Misshandlungen machten ihn zum bleibenden Invaliden.
Aus Furcht um ihr Leben floh die Familie Kungajew in ein Flüchtlingslager nach Inguschetien, wo der Vater Tuberkulose bekam und die Mutter schwer herzkrank wurde. Am 3.04.2001 wurde ihre Schwägerin, Chadischat Kungajewa, getötet, als ein Lastwagen mit 20 Frauen und Kindern - alles tschetschenische Flüchtlinge - von russischen Truppen beschossen wurde. Sie hinterlies eine 2jährige Tochter und einen 3 Monate alten Sohn.
Gleich zu Prozessbeginn wurde Budanow vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Gleiches drohte auch hinsichtlich der Anklagepunkte wegen Verschleppung und Mordes. Das Gericht unter Vorsitz des Justizoberst Viktor Kostin lehnte regelmässig die Anträge der Verteidiger der Familie Kungajew ab, in denen es um Zeugenvorladung und weitere Beweise ging. Denn Elsa war nicht das erste Opfer Budanows. Die Verteidiger der Familie Kungajew legten Zeugenaussagen vor, dass der Oberst für die Verschleppung und Ermordung von sieben weiteren namentlich genannten tschetschenischen Zivilisten verantwortlich war. Drei dieser Verschleppten wurden tot, mit abgeschnittenen Nasen und Ohren und Stacheldrahtknoten um den Hals auf dem Friedhof von Elsas Heimatdorf gefunden, von den anderen vier fehlt bisher jede Spur. Der Richter, Oberst Viktor Kostin, lehnte es in gleicher Weise ab, dies zur Kenntnis zu nehmen, wie er sich weigerte, Zeugen der Tat anzuhören oder den angeblichen Informanten Budanows, Ramsan Sambiejew, vorzuladen, der in Machatschkala eine Haftstrafe wegen Menschenentführung verbüßt.
Andererseits nutzte das Gericht jede Möglichkeit, den Oberst zu entlasten. Mehrere psychiatrische Gutachten wurden in Auftrag gegeben, bis endlich Anfang Mai 2002 das noch zur Sowjetzeit berüchtigte Moskauer Serbskij-Institut (ordnete im Augftrag des Geheimdienstes psychiatrische Zwangsbehandlung für Dissidenten und Gläubige an) das entsprechende lieferte: Budanow habe das Mädchen im Affekt getötet und sei daher als vermindert schuldfähig zu betrachten.
Umgehend stellte der Militärstaatsanwalt, Major Sergej Nasarow, in seinem Plädoyer am 3. Juni die forderung auf, Budanow des Mordes freizusprechen. Allerdings drohte diese offene Parteinahme des Chefanklägers für den Angeklagten und die sich abzeichnende Freilassung des Oberst in erster Linie dem gerade in die G-8 Gipfel aufgenommenen Präsidenten Putin mit Presigeverlust vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Der Leiter der russischen Bewegung "Für die Menschenrechte", Lew Ponomarew, brachte es auf den Punkt:
"Ich denke, dass Präsident Putin seine Einstellung zu dieser Strafsache unter dem Einfluss seiner Kollegen aus der "G 8" geändert hat. Die westlichen Staatschefs haben dem russischen Präsidenten wahrscheinlich zu verstehen gegeben, dass ein Freispuch für den Moerder-Oberst eine Schande für ein Land sei, dessen Staatschef sie gerade in ihren "Klub" aufgenommen haben. Wenn meine Vermutung zutreffen sollte, dann haben die westlichen Regierungschefs damit das Ansehen des russischen Praesidenten gerettet".
Militärstaatsanwalt Nasarow wurde am gleichten Tag auf Befehl aus Moskau abgesetzt und "aus gesundheitlichen Gründen" in die Reserve geschickt. Der Oberst blieb in Haft und das Gericht gab ein neues psychiatrisches Gutachten in Auftrag. Obwohl dem neuen Gutachtergremium Ärzte des Verteidigungsministeriums und wieder ein Psychiater des berüchtigten Serbski-Intituts angehören, wird Budanow wahrscheinlich doch noch verurteilt. Allerdings hat die Familie Kungajew und deren Rechtsbeistand diesen Gutachtern bereits ihr Mistrauen ausgesprochen.
Der demokratische Westen schweigt
Die anderen Opfer bleiben bisher ungesühnt. Die russische Militärjustiz, gestärkt nach dem 11. September durch die Gleichgültigkeit des Westens gegenüber den Verbrechen russischer Truppen an der Zivilbevölkerung in Tschetschenien, will diese Verbrechen nicht sehen, weil alle so tun, wie Budanow. Z.B. wie im Dorf Mesker-Jurt, in dem russische Truppen vom 21. Mai bis zum 11. Juni unter direktem Kommando des Oberbefeltshabers General Moltenskoj mordeten und vergewaltigten. 24 Zivilisten wurden umgebracht, von acht weiteren fehlt nach Verschleppung jegliches Lebenszeichen.
|
Alltag in Tschetschenien. Bild: KC |
Tagtäglich wächst die Zahl der Opfer. Am 30 Juni schoss ein russischer Scharfschütze in Grosnyj eine 40jährige Frau, mit ihrem Neugeborenen auf dem Arm, auf offener Strasse nieder. Die Kugel traf die Mutter direkt ins Herz, dem Kind zertrümmerte sie die Hand. Am 15. Juli eröffneten russische Soldaten vom fahrenden Panzerwagen aus willkürliches Feuer auf Passanten. Sie zielten auf die Köpfe der Menschen. Zwei junge Passanten kamen ums Leben, zwei Frauen und zwei Männer wurden mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Am 17. Juli drangen Uniformierte nachts ins Haus von Jacha Elambajewa im Dorf Nowyje Atagi ein und erschossen sie und ihre beiden Kinder.
Am 23. Juli wurde die 33jährige Raisa Batschajewa aus dem Dorf Gikalo bei Grosnyj mit einem gezielten Kopfschuss umgebracht. Kurz darauf verschleppten russische Militärs im Dorf Geldygen (Kries Kurtschaloj) ein 18jähriges Mädchen. Sie haben sie entsetzlich misshandelt, mehmals vergewaltigt. Am Morgen liessen die Peiniger sie frei. Ob sie überlebt, ist fraglich.
Der demokratische Westen schweigt bzw. wird zum Schweigen verurteilt. Der Appell der Assoziation "Tschetschenische Mütter für den Frieden" an die UN-Menschenrechtskommission verhallte auch in diesem Jahr klanglos. Am 19.04.2002 lehnte die UN-Menschenrechtskommission mit den Stimmen Chinas, Kubas und einer Allianz asiatischer und afrikanischer totalitärer Staaten den Antrag der Europäischen Union und der USA ab, Rußlands Vorgehen in Tschetschenien zu verurteilen und eine unabhängige Kommission zur Untersuchung der Verbrechen an der tschetschenischen Zivilbevölkerung einzusetzen.
(1) Die Gesellschaft für Russisch-Tschetschenische Freundschaft wurde im April 2000 von der IGFM-Abteilung Nischnij Nowgorod (Rußland) gegründet. Die nordkaukasische Regionalabteilung der Gesellschaft hat ein breites Beobachternetz in Tschetschenien.
(2) Das Viktor-Popkow-Informationszentrum ist benannt nach dem bekannten Menschenrechtler, Priester Viktor Popkow, der während seiner humanitären Arbeit in Tschetschenien am 18.04.2001 vom russischen Geheimdienst erschossen wurde.




















