Usbekistan: Freitag, der 13., in Andischan


Vorwort

IGFM, Juni 2005

 

 

In den Medien ist im vergangenen Monat sehr viel über die Unruhen in Andischan, Usbekistan vom 12.-14. Mai 2005 berichtet worden. Immer noch werfen sie mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben. Zuverlässige, überprüfbare Informationen, auf die man zurückgreifen könnte, um Ursachen zu ermitteln, sind rar. Augenzeugenberichte sind sehr widersprüchlich in ihren Aussagen, Berichte von Dritten ebenso wenig objektiv. Ein klares Bild läßt sich noch nicht ermitteln.

Die Antwort auf die Frage, wer die Personen waren, die den Polizeiposten, die Militärbrigade und das Gefängnis am 13. Mai in Andischan gestürmt hatten, bleibt bis heute umstritten. Belegt ist nur, daß unter den bewaffneten Aufständischen Verwandte und Freunde jener 23 Unternehmer waren, die im Gefängnis in Andischan einsaßen und auf ihr Urteil warteten.

Präsident Islam Karimow lehnt eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse strikt ab. Statt dessen bildete die Regierung eine eigene Kommission, bestehend aus usbekischen Parlamentariern sowie eine "Arbeitsgruppe zur Beobachtung der Stabilisierung der Lage in Andischan und Umgebung" aus Vertretern der Botschaften Indiens, Rußlands, Pakistans, Irans, Kasachstans, Kirgisiens, Chinas und Turkmeniens, also jener Staaten, abgesehen von Indien, die die gewaltsame Unterdrückung der Unruhen bereits gebilligt, oder, wie China, sogar begrüßt haben. Von beiden Gremien ist keine unabhängige Auswertung der Ereignisse zu erwarten.

Dieser Bericht ist ein Versuch, die wenigen Dokumente - Berichte usbekischer und russischer Journalisten, die vor Ort waren und Augenzeugenberichte, die wir miteinander verglichen haben - auszuwerten. Wir erheben auf unseren Bericht keinen Anspruch der Vollständigkeit.

Die Akteure

 

Im Juni und August 2004 waren in Andischan 23 Unternehmer verhaftet und wegen "religiösem Extremismus" und "staatsfeindlicher Tätigkeit" angeklagt worden. Ihnen wurde vorgeworfen, einer islamistischen Organisation mit dem Namen "Akramija" anzuhören. Ihr geistiger Anführer, Akrom Juldaschew, Verfasser der Broschüre "Der Weg zum Glauben" (1992), ist nach den Terroranschlägen in Taschkent im Februar 1999 zu 17 Jahren Haft verurteilt worden, weil er einer der Organisatoren des Anschlags gewesen sei. Juldaschew sitzt in einem Gefängnis in der Hauptstadt Taschkent.

Die verhafteten Unternehmer selbst stritten ihre Mitgliedschaft in einer religiös-politischen Organisation namens "Akramija" ab. Sich bezeichneten sich als "Mitglieder einer informellen Jugendgruppe", die die Wirtschaft in Usbekistan reformieren wolle, in dem sie "das neue Denken" - eine auf religiösen Grundsätzen sozial orientierte Wirtschaft zum Wohle der Menschen - propagiere und auch umsetze.

"Akramija" ist in der Tat eine eher informelle und lose Vereinigung von Gleichgesinnten als eine straff strukturierte Organisation mit streng religiösem Hintergrund. Ihre Anhänger sind vor allem in Andischan, Namangan und Fergana - alles Städte im Ferganatal - zu finden. Die Zahl der aktiven Anhänger wird auf 200 bis höchstens 300 geschätzt. Durch eine stark ausgeprägte Wohltätigkeitsarbeit der Anhänger dieser Bewegung kann man bei der Zahl ihrer Sympathisanten von weit mehr ausgehen. Der Wortlaut der Broschüre, die der IGFM in russischer Übersetzung vorliegt, läßt keine Rückschlüsse auf eine gewaltsame Ausrichtung der Lehre zu.

Die Unternehmer waren durchaus erfolgreich. Im Jahre 2000 gründeten sie ihr erstes Unternehmen in Andischan, bis 2004 waren es bereits 19 Unternehmen verschiedenster Ausrichtung, zum Beispiel im Bereich der Textilindustrie. Auch in der Hauptstadt Taschkent gründeten sie ein Unternehmen. Außer der Schaffung von Arbeitsplätzen mit einer höheren Entlohnung als in anderen Unternehmen unterstützten sie Bedürftige, Waisenkinder und Behinderte. Im Jahre 2003 gründeten sie ein Bildungszentrum für Jugendliche. Sie finanzierten einen Kindergarten, unterstützen finanziell ein Kinderheim, ein Heim für behinderte Kinder und zwei Internate. Sie genossen viel Sympathie in der Bevölkerung.

Aber auch die Gebiets- und Stadtbehörden partizipierten am Erfolg der Unternehmer. Ein neues Haus des Bürgermeisters ist in ihrem Auftrag gebaut worden; das Amtsgebäude des Bürgermeisters wurde renoviert und vollständig eingerichtet. Finanziert wurden diese Aktivitäten aus einem Fond, in den die Unternehmer 20 % ihres Gewinns einzahlten. Dieser Fond kam auch den lokalen Behörden und deren Vertretern zugute, was in Usbekistan normal ist, da kein Unternehmertum ohne ein gutes Verhältnis zu den regionalen Machteliten auskommt.

Die Schwierigkeiten der Unternehmer begannen im Sommer 2004, als Präsident Karimow den Verwaltungschef des Gebietes Andischan, K. Abidow, ablöste und einen neuen, S. Begaliew, der dem Clan Karimows angehört, ernannte. Diese Praxis der regulären Ablösungen der Spitze der lokalen Behörden (ca. alle zwei Jahre) ist sehr gängig. Ziel ist, eine Bildung von starken regionalen Machtzentren, die der Regierung um Karimow gefährlich werden könnten, zu verhindern. Das Ringen um Macht unter den verschiedenen Clans spielen dabei in Usbekistan eine große Rolle.

Zu einem Konflikt zwischen der neuen Spitze Andischans und den Unternehmern könnte es gekommen sein, weil der neue Gouverneur mehr Schmiergelder verlangt hatte oder die Unternehmen an die eigenen Leute vergeben wollte. Dies wäre ebenfalls eine nicht ungewöhnliche Praxis in Usbekistan.

Fakt ist, dass die Unternehmer sich eine "Gruppe" nannten und die religiöse Komponente ihres Tuns nicht verheimlichten. So war es ein Leichtes für die neuen Machthaber, sie als Mitglieder einer nicht registrierten, also verbotenen, religiös-politischen Gruppe zu denunzieren und letztendlich nach Art. StGB 242 "Bildung einer kriminellen Vereinigung" und Art. 244 "Organisation von Massenunruhen" anzuklagen.

Der Prozeß begann am 11. Februar 2005. An den ersten Tagen der Verhandlung kamen zunächst 100 Menschen zum Gefängnis, danach immer mehr, manchmal bis zu 500, um gegen den Prozeß friedlich zu demonstrieren. In den Tagen unmittelbar vor dem 13. Mai waren es bis zu 700 Menschen.

Am Freitag, den 13. Mai, sollten die Angeklagten ihr letztes Wort sprechen dürfen und der Richter den Tag des Urteilsspruches benennen. Am 11. - 12. Mai gingen in der Menschenmenge vor dem Gefängnis Gerüchte umher, der Richter sei geneigt, verhältnismäßig milde Haftstrafen - zwischen drei und fünf Jahren - zu erteilen, die lokale Verwaltung des Sicherheitsdienstes aber bestünde auf Haftstrafen von 18 bis 20 Jahren. Andere Gerüchte besagten, die 23 Unternehmer würden noch vor dem 13. Mai ins Gefängnis in Karakalpakien im Westen Usbekistans gebracht oder aber sie seien bereits am 12. Mai im Gefängnis unter Ausschluß der Öffentlichkeit verurteilt worden.

Die Atmosphäre wurde immer bedrohlicher. Am Abend des 12. Mai verhaftete der Sicherheitsdienst einzelne Demonstranten.

Der Aufstand - Ausbruch und Eskalation

 

Der "Aufstand" in Andischan begann in der Nacht vom 12. zum 13. Mai. Am 12. Mai vor Mitternacht überfiel eine Gruppe bewaffneter Personen ein Bataillon (Regiment, Einheit) eines Polizeistandortes und erbeutete Waffen (nach offiziellen Berichten über 264 Schußwaffen und 40 Granaten). Danach stürmte die Gruppe den Standort der 34. Infanteriebrigade (ca. 500 Soldaten) und erbeutete weitere Waffen (nach offiziellen Angaben 53 Kalaschnikows, 4 Karabiner und 5000 Patronen). Sowohl die offiziellen Quellen als auch Augenzeugen bestätigen, daß es dabei Tote und Verwundete unter den Polizisten und Soldaten gegeben hat. Über Opfer unter den Angreifern ist nichts bekannt.

Kurz nach Mitternacht stürmte die Gruppe - nach verschiedenen Angaben zwischen 40 oder 50 bewaffneten Personen im Alter von 20 bis 40 Jahren in 10 bzw. 15 Pkws - das örtliche Gefängnis. Einigen Berichten zu Folge war es nicht eine Gruppe, sondern drei, insgesamt ca. 130 Personen, die zur gleichen Zeit den Polizeistandort, die Militärbrigade und das Gefängnis stürmten.

Das Gefängnistor wurde von einem Lkw gerammt, der Gefängnisdirektor gezwungen, die Zellen zu öffnen. Die Angreifer ließen, nach verschiedenen Angaben zwischen 734 (offizielle Angaben) und 2000 (Gerüchte) Häftlinge frei, darunter viele, die wegen angeblicher Mitgliedschaft in der verbotenen radikal-religiösen Bewegung "Hisb-ut - Tahrir" verurteilt worden waren sowie Kriminelle. An die Häftlinge sollen Waffen verteilt worden sein. Nach anderen Berichten (dies hätten einige der freigelassenen Häftlinge ausgesagt) lagen die Waffen einfach griffbereit an einer Wand. Einige Gefängniswächter sollen erschossen bzw. verwundet worden sein. Augenzeugen sahen auf dem Boden liegende Wächter, konnten aber nicht bestätigen, ob diese tot oder verwundet waren.

Unmittelbar nach der Freilassung der Gefangenen näherten sich dem Gefängnis 2 oder 3 gepanzerte Fahrzeuge mit Soldaten, wobei es zu einem chaotischen Schußwechsel zwischen den Aufständischen und den Soldaten kam.

Noch in dieser Nacht sollen die Aufständischen das Gebäude der lokalen Verwaltung des Sicherheitsdienstes (SNB) und der Polizeiverwaltung auf dem Weg in die Stadt (ca. 8 km vom Gefängnis entfernt) gestürmt haben, aber abgewehrt worden sein. Nach anderen Berichten sollen die Aufständischen das Gebäude nicht erstürmt, sondern aus den Gebäuden beschossen worden sein und das Feuer erwidert haben. Gesichert ist, daß am Gebäude des SNB die ganze Nacht und im Morgen noch geschossen wurde. Im nächtlichen Chaos haben sowohl Polizisten bzw. Sicherheitsdienstleute als auch Aufständische wahllos auf alle beweglichen Ziele, vorbei fahrende Autos, und auch auf Menschen geschossen. Sowohl die Sicherheitsleute als auch die Aufständischen fuhren in Autos durch die Stadt und lieferten sich kleine Gefechte. Berichten zufolge kam es hierbei zu den ersten Opfern in der Zivilbevölkerung, vor allem Jugendliche, die vermutlich aus Neugier zufällig in die Schußlinie gerieten. Über die Anzahl der Opfer liegen keine gesicherten Angaben vor.

Zwischen 6 und 7 Uhr am 13. Mai besetzten die Aufständischen das Gebäude der Gebietsverwaltung, das nur von ein paar Polizisten bewacht wurde. Gegen 9 Uhr versammelten sich vor dem Gebäude der Gebietsverwaltung etwa 300 bis 400 Menschen. Auch die Straßen füllten sich im Laufe des Vormittags mit Menschen. Viele gingen aus Neugier auf die Straße. Die Menschen wurden von den Aufständischen per Handy mobilisiert und auf den Platz gerufen, Anhänger der Aufständischen gingen von Haus zu Haus und riefen die Menschen auf, ihnen zu folgen.

Auf dem Platz vor der Gebietsverwaltung wurde eine improvisierte Tribüne mit Mikrofonen eingerichtet und jeder durfte sprechen. Die meisten sprachen über ihre Unzufriedenheit mit der sozialen und wirtschaftlichen Lage. Einige forderten den Rücktritt Karimows und der Regierung. Allen Berichten zu Folge gab es keine religiös motivierte Aufrufe, außer Berichten einiger usbekischer Korrespondenten, laut derer die Aufständischen während ihrer Telefonate laut in den Hörer "Allah akbar" schrien.

Am frühen Nachmittag waren auf dem Platz nach verschiedenen Angaben zwischen 2000 und 5000 Menschen versammelt. Diese Zahlen gaben die vor Ort zur dieser Zeit anwesenden Journalisten an. Die Zahl 30-50.000 stammt von den Aufständischen selbst und wurde von den meisten Journalisten nicht bestätigt.

In der Menschenmenge selbst befanden sich keine bewaffneten Personen. Um den Platz waren einige mit Kalaschnikows und Pistolen postiert. Die Straßen in Andischan waren voll mit Menschen, Polizei oder Soldaten waren nicht zu sehen.

Die Aufständischen versuchten, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen und postierten überall ihre bewaffneten Anhänger. Sie blockierten die Straßen mit Lkws und Bussen. Am Metallzaun um das Verwaltungsgebäude wurden Barrikaden errichtet. Im und vor dem Gebäude wurden Molotowcoctails angefertigt. In mehreren Bezirken der Stadt lieferten sich Sicherheitsleute und Aufständische, in kleinere Gruppen von 6 bis 20 Personen eingeteilt, kleine Gefechte.

Die Aufständischen hatten Geiseln genommen: Polizisten, Soldaten, Staatsanwälte, Feuerwehrleute und andere Uniformierte, insgesamt etwa 20 bis 40 Personen. Die Regierung behauptete, Frauen und Kinder hätten sich unter den Geiseln befunden. Dies konnte nicht nachgewiesen werden. Die Geiseln wurden geschlagen, einige leicht, andere erlitten schwere Verletzungen. (Bericht von Kodir Ergaschew, IGFM-Mitglied aus Andischan, der ebenfalls als Geisel genommen worden war).

Die Aufständischen riefen den Innenminister an und verlangten die Freilassung ihrer Gleichgesinnten, die in anderen Gefängnissen Usbekistans inhaftiert waren. Der Minister, so einer der Aufständischen, soll ihnen einen freien Abzug nach Kirgisien angeboten haben. Das entsprach nicht den Zielen der Aufständischen; sie lehnten dieses Angebot ab und verlangten erneut die Freilassung ihrer sich noch in Haft befindender Freunde, darunter A. Juldaschew. Der Innenminister lehnte es ab und drohte mit Gewaltanwendung.

Am Nachmittag, etwa kurz vor 15 Uhr, wurden in den Randbezirken der Stadt die ersten Polizeipatrouillen mit Schußwaffen gesichtet. Die Stadt wurde nach und nach abriegelt.

Zum Platz vor dem Gebäude der Gebietsverwaltung näherten sich Schützenpanzer und Soldaten. Über der Stadt flogen Hubschrauber. Noch wurde nicht geschossen. Zu der Zeit befanden sich auf dem Platz ca. 10 000 Menschen. Um ca. 17.40 begann der Sturm, das Militär feuerte in die Menschenmenge auf dem Platz. Ein Teil der Aufständischen befand sich bereits in einem kleinen Park neben dem Platz und erwiderte das Feuer. Der andere Teil verließ mit den Geiseln das Gebäude und versuchte durchzubrechen. Daß die Soldaten zunächst in die Luft geschossen haben sollen, wird von zwei Quellen berichtet. Dafür, daß die Menschen über Lautsprecher aufgefordert worden seien, den Platz zu verlassen, gibt es keinen einzigen Beleg. Nach Augenzeugenberichten schossen die Soldaten ohne Vorwarnung. Im Feuergefecht starben viele der Demonstrierenden.

Eine Gruppe von Aufständischen, vor sich her die Geiseln treibend und von mehreren Hundert Menschen begleitet, ging Richtung Kino "Tschulpon". Ob es ein Versuch war, durchzubrechen, oder, wie aus einigen Berichten hervorgeht, das Militär den Aufständischen einen Fluchtkorridor versprochen hatte, sie jedoch in eine Falle locken wollte, läßt sich nicht eindeutig nachvollziehen. Die Menschenmenge bewarf die Soldaten mit Plastikflaschen und Stöcken, schrie sie an, sie hätten auf wehrlose Menschen geschossen. Die Menge unternahm einen Versuch, die Absperrung zu durchbrechen woraufhin die Soldaten vor dem Kino das Feuer auf die Kolonne eröffneten. Die bewaffneten Aufständischen schossen auf die Soldaten. Die Menschen versuchten zu fliehen. Während des Schußwechsels sind viele Demonstranten getötet worden. Viele von ihnen weisen Rückenschüsse auf.

Auch am späten Abend und in der Nacht wurden Schüsse gehört. Nach einigen Angaben, auch von IGFM-Mitgliedern, wurden Verwundete von den Sondereinheiten des Innenministeriums noch vor Ort erschossen.

Zwei oder drei Gruppen der Aufständischen, ihrer Familienangehörigen und anderen, 500 bis 1000 Personen, gelang die Flucht nach Kirgisien. Die meisten Flüchtlinge waren Männer, darunter einige der Häftlinge aus dem andischaner Gefängnis und, so wird berichtet, 12 der 23 Unternehmer.

Immer noch ist die Frage nicht geklärt, wie es diesen Gruppen, aber auch einigen kleinen Gruppierungen gelang, aus einer abgeriegelten Stadt zu entfliehen und ca. 50 km zu Fuß, ohne Verfolgung durch die Soldaten, nach Kirgisien zu gelangen.

Die Opfer

 

Es gibt bis heute keine zuverlässigen Angaben über die Zahl der Toten und Verwundeten. Die Regierung spricht von 176 Getöteten, darunter 79 "Terroristen", 31 Polizisten und Soldaten sowie 45 Zivilisten, weitere 21 Leichen werden noch identifiziert. Die Zahl der Verwundeten beziffert die Regierung mit 295 Personen.

Die massenhaften Erschießungen durch die Polizeikräfte beschränkten sich auf Andischan. Berichte, daß in Pachtaabad, unweit von Andischan gelegen, 200 Menschen erschossen worden seien, sind von zuverlässigen Quellen nicht bestätigt worden.

Am 13. und 14. Mai berichteten usbekische Augenzeugen von über 300 bis 400 Toten. Ausländische Journalisten (AFP), ebenfalls vor Ort, zählten ca. 50 Tote. Berichte von usbekischen Menschenrechtlern über fast 800 Getötete konnten bisher nicht überprüft und bestätigt werden. Mit Sicherheit kann davon ausgegangen werden, daß über 200 Menschen getötet worden sind. Die Bewaffnung der Sondereinheiten mit Kalaschnikows und Maschinengewehren der gepanzerten Wagen und die Art der Beschießung lassen auf eine sehr hohe Zahl von Verwundeten schließen.

Die Existenz von Massengräbern außerhalb der Stadt, von denen berichtet worden ist, konnte von Beobachtern, die dort waren, weder bestätigt noch dementiert werden. Auf dem Friedhof entdeckte man etwa 40 neu ausgehobene Gräber, in denen zwischen 50 und 80 Personen hätten begraben sein können. Die Leichenhallen und Krankenhäuser in Andischan sind von der Polizei und den Sicherheitsdiensten blockiert worden, die Ärzte und Mitarbeiter durften mit Außenstehenden nicht in Kontakt treten. Berichte, nach denen Hunderte bzw. Tausende von Leichen mit Flugzeugen aus Andischan gebracht worden seien, sind nicht bestätigt.

Resümee

 

Wenn man den Verlauf der Ereignisse, wenn auch nicht vollständig, rekonstruieren kann, so bleiben Fragen nach den Gründen und Ursachen der Unruhen, abgesehen von der miserablen sozialen Situation in Usbekistan, immer noch offen. Mehrere Erklärungen sind dargeboten worden:

1. Ein Volksaufstand, hervorgerufen durch die unerträgliche wirtschaftliche und soziale Situation im Ferganatal: Überbevölkerung (ca. 300 Einwohner auf ein Quadratkilometer), Massenarbeitslosigkeit, Gehälter von 5 bis 10 Dollar im Monat, ständigen Schikanen der Kleinhändler und Bauern durch die regionalen Machthaber führten bereits seit einem Jahr zu Demonstartionen der Betroffenen, die zumeist gewaltsam aufgelöst wurde.

2. Eine Provokation des Sicherheitsdienstes, um die Gefahr des radikalen Islamismus in Usbekistan erneut unter Beweis zu stellen und somit der Außenwelt zu beweisen, daß nur und ausschließlich Karimow die Stabilität in dieser Region gewährleisten kann. 3. Eine Provokation des "Fergana-Clans", dessen Einfluß weit geringer war, als der mächtigen Taschkenter- und des Samarkander-Clans, der nach der Benennung eines neuen Gouverneurs die politische und vor allem wirtschaftliche Kontrolle im Gebiet zu verlieren begann.

Keine dieser Erklärungen kann mit Sicherheit verneint werden, und keine kann allein als Ursache benannt werden.

Aber ungeachtet der Beweggründe der bewaffneten Aufständischen, die eine Mitschuld an dem Tod Hunderter Menschen tragen, trägt Präsident Karimow die Hauptverantwortung für den Verlauf der Unruhen und für Hunderte von Toten und Verletzten. Seine Erklärungen, hinter den Aufständischen und in ihren Reihen stünden organisierte Islamisten, muß verneint werden. Sowohl für die radikalen Islamisten als auch für die weltliche Opposition kam der Aufstand vollkommen unerwartet. Weder die Islamisten noch die Opposition verfügen über gut strukturierte und handlungsfähige Organisationen.

Karimow hat die weltliche Opposition etwa bis Mitte der 90er Jahre zerstört. Ihre führenden Köpfe sind im Ausland. Die heutigen Menschenrechtsvereine und oppositionellen Parteien sind schwach und untereinander zerstritten. Auch nach den Ereignissen in Andischan haben sie keine breite Koalition zustande bringen können.

Die gemäßigten Muslime und ihre Anführer, derzeit die einzig ernst zu nehmende Opposition in Usbekistan, mit der Verhandlungen möglich wären, sind entweder im Gefängnis oder im Ausland. Die radikalen Islamisten arbeiten im Untergrund und beschränken sich derzeit auf die Verbreitung von Flugblättern und Broschüren. Die Reste ihrer militärischen Strukturen befinden sich noch in Afghanistan und Pakistan, zu einem kleinen Teil auch in Tadschikistan. Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden, daß einzelne Aktive, die in Usbekistan und im Süden Kirgisiens untergetaucht sind, sich ebenfalls an den Unruhen in Andischan beteiligt haben, aber das Ausmaß ihrer Beteiligung an den Unruhen darf nicht überbewertet werden.

Die Situation in Usbekistan bleibt instabil. Die Gründe für ein neuerliches Aufflammen der Unruhen - Armut, Korruption, ständige Verhaftungen von gläubigen Moslems, Unterdrückung jeglicher politischer Aktivitäten sind nach den blutigen Zusammenstößen in Andischan noch präsenter. Nach den Erschießungen in Andischan aber weiß die Bevölkerung nun, daß die Regierung in Taschkent Härte zeigen will und Proteste auch mit Waffengewalt unterdrücken wird. Daher kann man größere Unruhen zunächst mittelfristig ausschließen.

Das schafft jedoch keine Perspektive für die Zukunft. Durch seine Politik trägt Karimow entscheidend zur Popularität der derzeit noch nicht sehr verbreiteten radikal-religiösen Stimmungen in der Bevölkerung bei. Durch Mangel an nicht religiös gefärbten Alternativen könnte die Überzeugung, die Gesetze der Scharia wären vielleicht gerechter, viele Anhänger finden, vor allem im Ferganatal. Der "inoffizielle" Islam war schon zu Sowjetzeiten in Usbekistan präsent und gewann in der Zeit der Unabhängigkeit weiteren Zulauf.

Einerseits die Angst, in dieser Krisenregion einen "Verbündeten" zu verlieren, und andererseits die Erkenntnis, daß eine usbekische "orangene" Revolution nicht von Demokraten, sondern von anderen Kräften angeführt werden könnte, erzeugt bei den Staaten, die aktiv in dieser Region sind, Unsicherheit; daher die zurückhaltende Reaktion sowohl der westlichen Staatengemeinschaft als auch der Nachbarn Usbekistans - Kirgisien, Kasachstan und Tadschikistan - auf die Ereignisse in Andischan.

Auf die etwas bestimmteren Töne aus den USA, die sich der Forderung (zuerst Großbritanniens) nach einer unabhängigen Untersuchungskommission anschlossen, reagierte Karimow mit einer antiamerikanischen Kampagne in den usbekischen Massenmedien und einem Verbot von Nachtflügen der Militärflugzeuge der USA von ihrer Militärbasis in Karschi-Hanabad in Usbekistan nach Afghanistan. Die US-amerikanische Organisation "Peace Corps" mußte ihre Arbeit in Usbekistan einstellen, da über 50 ihrer Mitarbeiter kein Visum für Usbekistan erhielten.

Einen neuen Bündnispartner hat Karimow bereits gefunden. Unmittelbar nach den Unruhen in Andischan flog er nach China, das ihm jegliche Unterstützung zusicherte und verstärkte wirtschaftliche Kooperation anbot, da es am Gas und Baumwolle aus usbekistan großes Interesse zeigt. Die beiden Staatsführungen verbindet ja bereits die rücksichtslose Unterdrückung der politischen Proteste.

 

IGFM, Juni 2005

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