Julia Burkhart
IGFM, September 2008
![]() |
| Gorki Águila, Frontmann der regimekritischen kubanischen Punkrock-Band "Porno Para Ricardo". Auf seinem T-Shirt: "Grosser Irrtum 59" - Hinweis auf 1959, die Machtergreifung durch die Castro-Brüder auf Kuba. Bild: miamiherald.com |
Punkrocker Gorki Águila kommt mit einem Bußgeld davon, weil seine Band "Porno Para Ricardo" zu laut musiziert hat, nachdem ihm eigentlich wegen "potentieller Gefährdung der Gesellschaft" eine Haftstrafe von bis zu vier Jahren drohte. Doch nicht die Musik der Punker war zu laut, es waren die weltweiten Stimmen des Protests.
Punker sind frech wie Oskar und für vulgäre Texte bekannt, die das System und die Politik im Lande nicht nur kritisieren, sondern hämisch verspotten. Das tun alle Punker, ob sie nun in Deutschland, Japan, Australien oder auf der diktatorisch regierten Karibikinsel Kuba grölen. Nur dass es dort nicht bei Beschwerden von Normalbürgern bleibt, die empört die Nase rümpfen.
"Mit Raúl an der Spitze bleibt die Scheiße genau die gleiche" ist noch einer der harmloseren Sätze aus dem Repertoire der kubanischen Punkband mit dem erotisch verfremdeten Sowjet-Symbol. Seit mehreren Jahren sind "Porno Para Ricardo" in Kuba verboten und können nur illegal in privaten Räumen auftreten. Trotzdem sind die vier Männer, die kein Blatt vor den Mund nehmen, in Kuba recht bekannt, nicht zuletzt aufgrund der Popularität in ihren Anfangsjahren, als ihre Lieder noch landesweit im Radio gespielt wurden und dank des Internets, in dem ihre Lieder und Ansichten ungehindert verbreitet werden.
Es war nicht das erste Mal, dass der Wuschelkopf mit dem Silberring in der Nase, der so gar nicht wie ein "Westpunker" aussieht, verhaftet wurde. Der Vater einer elfjährigen Tochter pfeift schon lange auf die Einschränkungen und Repressionen des Regimes und nimmt sein Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch, wo er gerade geht und steht. Waren die Texte in den ersten Jahren nach der Bandgründung 1998 noch metaphorisch und interpretierbar, gilt seit dem offiziellen Auftrittsverbot im Jahr 2002: Die Dinge werden beim Namen genannt. Ohne Beschönigungen. In besagtem Jahr liefen die Lieder von "Porno Para Ricardo" im kubanischen Radio, schließlich wurden sie mit dem kubanischen Lucas-Preis in der Kategorie "Rockmusik" ausgezeichnet. Dafür strafte sie das Castro-Regime mit der Verbotsplakette ,und schoss sich damit selbst ins Knie. Im darauffolgenden Jahr wurde Gorki Águila wegen angeblichen Drogenbesitzes zwei Jahre eingesperrt, was seine Motivation, "laut auszusprechen, was alle denken", nur noch steigerte. Da soll "El Commandante" dann schon mal aufhören, Oralsex mit Männern zu haben.
![]() |
| Gorki Aguila wurde am 25. August 2008 zur "Prävention" verhaftet. Bild: penultimosdias.com |
Was "Porno Para Ricardo" sich trauen, sei einmalig in der Geschichte Kubas, meint Uva de Aragón vom Cuban Research Institute der Florida International. Es hätte in den letzten 40 Jahren zwar auch andere protestierende Künstler gegeben, die beim kubanischen Regime in Ungnade gefallen seien. Aber Gorkis Truppe würde jene bei weitem übertreffen. "Es ist eine Sache, zu sagen, die Regierung mache Fehler, dieses oder jenes funktioniere nicht, aber Raúl und Fidel direkt anzusprechen, ist etwas völlig anderes." Über ihre einmalige Direktheit hinaus seien sie auch die einzigen, die nicht irgendwann das Lager gewechselt hätten. "Darin liegt ihre besondere Bedeutung", glaubt Boris Luis Santa Coloma von Radio Martí.
Der Slogan "Free Gorki" ging um die Welt, renommierte internationale Zeitungen und Rundfunkanstalten wie die BBC, der Miami Herald oder The Daily Telegraph berichteten ausführlich über den Fall. Mittwochs, zwei Tage nach der Verhaftung, kündigte die kubanische Regierung eine Gerichtsverhandlung für Freitag an. Dieses eilige Vorgehen erschwerte es der Familie und den Freunden von Águila enorm, einen Anwalt zu finden. Es sei ohnehin schwer genug freigesprochen zu werden, auch mit Anwalt, da ja kein Delikt vorliege, somit auch keine Beweise existieren können und nur die Aussage der Polizei gelte, erklärte der Gitarrist und Bandgründer Ciro Diaz die verzwickte Lage.
Gorki Águila bat deshalb um "diplomatische Beobachter", verweigerte allerdings die Hilfe der in den USA ansässigen Cuban American National Foundation, was wohl mit der generellen apolitischen Haltung der Band zusammenhängt. Auf ihrer Webseite stellen sie klar, dass sie unabhängig und als Individuen handeln, keine Gelder von Organisationen oder Parteien annehmen und strikt verbieten, ihr geistiges Eigentum für politische Zwecke, egal welcher Richtung, zu verwenden. Wer das "Wagnis" eingehen sollte, sich nicht an diese Weisungen zu halten, würde es "bedauern", schreiben die Latinopunker auf ihrer Website. In gewohnt kampflustiger Manier drohen sie: "Es wird Ihnen ergehen, als würde Sie ein rabiater Hund in den Hintern beißen." Damit schützten sie sich gleichzeitig vor dem Castro-Regime, das ihnen so nicht vorwerfen könne, Geld vom 'Yankee-Imperialismus' zu erhalten, erklärte die Mexikanerin Laura García, die eine Doktorarbeit über Widerstandsbewegungen dieser Art verfasst hat, dem Miami Herald.
![]() |
| Claudia Cadelo De Nevi (li.) und Yoani Sánchez (r.), deren Blog "Generation Y" auf Kuba nicht zugänglich ist. Bild: desdecuba.com/generaciony |
Am Abend vor der Gerichtsverhandlung veranstalteten die übrigen Bandmitglieder ein Konzert auf dem Malecón, dem Platz vor der amerikanischen Vertretung, für das sie den bekannten kubanischen Sänger Pablo Milanés gewonnen hatten. Die Mehrheit der Anwesenden vor der "Antiimperialistischen Tribüne", auf der das kubanische Regime selbst Veranstaltungen zu organisieren pflegt, stellten Fans des offiziell regimefreundlichen Sängers.
Laut Angaben der Bloggerin Yoani Sánchez waren mehr Polizisten als Konzertbesucher anwesend. "Ganz eindeutig, sie haben darauf gewartet", schreibt sie in ihrem Blog "Generación Y". Eine Stunde sei das Konzert ruhig verlaufen, bis sie zusammen mit anderen Gorki-Anhängern in den hinteren Reihen ein Transparent entfaltete, auf dem "Gorki" stand. Sie hätten kaum seinen Namen gerufen, als die Polizisten und Polizistinnen sich auf sie stürzten und anfingen auf sie einzuschlagen. Die Staatsdiener agierten schnell genug, damit das Publikum in den vorderen Reihen und sogar Pablo Milanés nichts von dem Tumult weiter hinten bemerkten. Viele Aktivisten wurden abgeführt, darunter auch Ciro Diaz. Nach Angaben von Yoani Sánchez wurden alle Verhafteten nach wenigen Stunden oder spätestens am nächsten Tag wieder entlassen.
Die Bitte nach diplomatischem Beistand wurde tags darauf in erstaunlicher Weise erhört. Zahlreiche Botschafter, Menschenrechtsaktivisten und internationale Medien kamen zur Gerichtsverhandlung ,letztere wurden allerdings ausgeschlossen. Das globale Interesse setzte die kubanischen Behörden so unter Druck, dass sie die Anklage wegen "potentieller sozialer Gefährlichkeit" schnell fallen ließen und stattdessen ein Bußgeld über 600 Pesos, umgerechnet etwa 19 Euro, verhängten. Die Band sei während der Aufnahmen zu laut gewesen.
Der internationale Druck war entscheidend für das milde Urteil in letzter Minute, dessen ist sich Gorki Águila sicher. Nach der zweistündigen Gerichtsverhandlung verkündete er: "Mit Schweigen kann man nichts erreichen. Ich bin sehr stolz, dass mich so viele Leute unterstützt haben, und ich empfinde jetzt noch mehr Hass auf diese Tyrannei."
Porno para Ricardo werden nun erst einmal ihr neues Album fertig stellen. Sie werden weiter laut und unverschämt rocken mit ihrem Motto "Kommunikation, Toleranz, Libido" bis ihr Kumpel Ricardo, Namensgeber der Band, die Pornos, die jener so sehr liebt, legal anschauen und besitzen darf. Und bis alle anderen, vielleicht fundamentaleren Menschenrechte, in Kuba gelten.