Venezuela: "Operation Freiheit" soll weitergehen


Studenten beenden nach 23 Tagen ihren Hungerstreik und danken Gott



Von von Sebastian Grundberger
IGFM, Februar 2011

 

 

 

 

Lorent Saleh, Sprecher der hungerstreikenden Studenten: "Die Operation Freiheit geht weiter"
 

"Operation Freiheit": Studenten hungern für die Freilassung politischer Gefangenen in Venezuela.
 

Chávez-Jugend feiert vor den Augen der hungerstreikenden Studenten ein Grillfest. Bild: reportero24.com 

"Nieder mit den Ketten" und "Gelobt sei Gott" - Mit dem spontanen Singen eines spanischen Kirchenliedes haben elf Studenten vor der Vertretung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Caracas nach 23 Tagen ihren Hungerstreik beendet.

Wie ihr sichtlich bewegter Sprecher Lorent Saleh am vergangenen Dienstag in die Mikrofone erklärte, hatte die Regierung zuvor versprochen, die Kernforderungen der "Operation Freiheit" zu erfüllen. In den nächsten Tagen sollen sieben politische Gefangene freigelassen werden und weitere aus einem als besonders grausam geltenden Gefängnis in eine andere Haftanstalt verlegt werden. Zudem sagte die Regierung von Hugo Chávez zu, mit der OAS die Menschenrechtslage im Land erörtern zu wollen.

Was am 31. Januar als einzelne Aktion oppositioneller Studenten begann, hatte sich schnell zum Flächenbrand ausgeweitet. Über das Internet fanden die Bilder der hungerstreikenden Studenten mit dem weißen Mundschutz landesweit Nachahmer. Zuletzt hatten fast 90 Menschen in acht Provinzen des Landes aus Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen des venezolanischen Regimes die Nahrungsaufnahme verweigert. Schauplätze der Hungerstreiks waren die Botschaften von Chile, Brasilien, Bolivien oder Paraguay, eine Apothekenfiliale oder einfach die Straße. Am Tag vor dem Zugeständnis der Regierung waren  vier Streikende, darunter Lorent Saleh, vor Schwäche in Ohnmacht gefallen.

In mehreren Städten kam es daraufhin zu Massenprotesten gegen die Regierung. Auch Vertreter der  katholischen Kirche ließen keinen Zweifel an ihrer Unterstützung der Studenten. Der Erzbischof von Caracas und einer der schärfsten Chávez-Kritiker, Kardinal Jorge Urosa Savino, erklärte, er "teile die Besorgnis" der Protestierenden. In einem ungewöhnlichen Schritt feierte er gemeinsam mit den hungerstreikenden Jugendlichen eine Heilige Messe vor der Vertretung der OAS.

Bis unmittelbar vor dem Einlenken der Regierung waren die Hungernden Opfer offiziellen Spottes geworden. Vertreter der Jugendorganisation der Chávez-Partei feierten vor ihren Augen ein Grillfest. Das von der Regierung unterhaltene Internetportal "Aporrea" erklärte die Streikenden zu "kleinen Jungs mit weissen Pobacken", die glaubten, wie in Ägypten Regierungen stürzen zu können.

Die Angst vor ägyptischen Verhältnissen könnte es jedoch letztlich gewesen sein, was Chávez zum Einlenken gegenüber den von ihm sonst gerne im Fernsehen als "widerlichen" oder "Würmer" verspotteten Oppositionellen geführt hat. Dies zumindest vermutet Martin Lessenthin von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main. "Die Ereignisse in Venezuela haben eine für Hugo Chávez gefährliche Eigendynamik entwickelt", glaubt er und weist darauf hin, dass Venezuela noch immer "weit von einem respektvollen Umgang mit den Menschenrechten entfernt" sei. Nach IGFM-Angaben sitzen noch mindestens 25 weitere politische Gefangene in Haft, während Hugo Chávez mit Versammlungs-, Presse und Meinungsfreiheit "Katz und Maus" spiele.

Wie wenig in der Vergangenheit auf Versprechen der Chávez-Regierung Verlass war, weiß auch Streik-Wortführer Lorent Saleh. Der palästinensischstämmige Jugendliche forderte die Streikenden und die Menschen auf den Straßen deshalb auf, landesweit rund um die Uhr Mahnwachen abzuhalten, bis die Regierung alle Versprechen erfüllt habe. "Die Operation Freiheit geht weiter" versprach der gläubige Christ in die Mikrofone und sandte anschließend per Twitter eine weitere Botschaft in die Welt: "Gott ist groß und segnet uns. Ihm gebührt alle Ehre".





Hinweis:
Dieser Beitrag ist in veränderter und erweiterter Form am 24. Februar 2011 in der Zeitung "Die Tagespost" erschienen.



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