Bagdad/Frankfurt am Main (2. Juli 2012) - Direkt nach der Hochzeitsnacht haben irakische Männer das Recht, vor Gericht zu gehen, wenn sie der Ansicht sind, ihre Frau sei keine Jungfrau mehr gewesen. Ein bloßer und meist unbegründeter Verdacht reicht aus, dass der für die Frau beschämende und schmerzhafte Test durchgeführt wird. "Wenn aber bewiesen wird, dass die Frau tatsächlich keine Jungfrau mehr war, gibt es kein Gesetz, das sie schützt", so die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). "Oftmals werden die Frauen kurz darauf von männlichen Angehörigen umgebracht, weil sie angeblich `Schande` über die Familie gebrachte haben."
Das Medical Legal Institute (MLI) in Baghdad führt mehrere Jungfrauentests pro Tag durch. "Der Ehemann beklagt sich, dass seine Frau keine Jungfrau mehr war und die Familie bringt sie her. Das ganze läuft über das Gericht, wir untersuchen sie dann", so der Leiter des Zentrums Dr. Munjid al-Rezali. "Das ist nicht ungewöhnlich". Der Test wird von drei Ärzten, davon mindestens eine Frau, ausgeführt, und dauert zwischen 15 und 30 Minuten.
Zu dem Test gehört auch eine Untersuchung des Hymens der Frau, aber auch der Ehemann kann unter Umständen untersucht werden. Manchmal wird der Mann auf Impotenz getestet, da Männer mit Erektiler Dysfunktion oftmals vorgeben, die Frau sei keine Jungfrau mehr, um ihre eigene Schande zu verbergen. Das Resultat wird direkt an das Gericht und nicht zuerst an die betroffenen Parteien weitergegeben.
"Die Ehemänner glauben oft, wenn sie nach dem ersten Geschlechtsverkehr kein Blut sehen, wäre die Frau keine Jungfrau mehr", so Dr. Sami Dawood, Gerichtsmediziner am MLI, der ebenfalls in die Tests involviert ist. "Dies zeigt, dass der Wissensstand auf diesem Gebiet sehr gering ist."
IGFM: Gesetz muss Frauen schützen, nicht diskriminieren
Die IGFM bezeichnet derartige Jungfrauentests als "herabwürdigend". "Das Hymen gibt oft keinen Aufschluss darüber, ob eine Frau tatsächlich Jungfrau war." Die Gesetzeslage in der Republik Irak trage zudem weiter zur Diskriminierung der Frau bei. "Das Gesetz muss die Frauen schützen, nicht diskriminieren. Die irakische Gesetzgebung regelt, dass die Familie der Frau, den Mann für Geschenke, und andere mit der Hochzeit verbundene Ausgaben entschädigen muss, wenn die Frau keine Jungfrau mehr war. Aber kein Gesetz garantiert in diesem Fall das Leben und die körperliche Unversehrtheit der Frau", so die IGFM.
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