Von der Verfolgung zum vorsichtigen Aufbruch
von Walter Flick
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Bereits im Juni 1994 reiste eine IGFM-Delegation in den Tur Abdin in der Südost-Türkei. Die im September 1994 erschienene IGFM-Dokumentation berichtet von Verfolgung, Ermordung und Emigration der dort seit zwei Jahrtausenden ansässigen Christen assyrischer Volkszugehörigkeit. Der Tur Abdin - der Berg der Knechte Gottes - ist Namensgeber einer bedeutenden Kulturlandschaft mit den Städten Mardin und Midyat.
Die Region ist ein wasserarmes Hochland (ca. 800m bis 1000m), vorwiegend aus Kalkstein, zwischen dem Tigris im Norden und Osten, der Grenze zum Irak und Syrien im Süden und der Linie Mardin-Hasamkyf im Westen. Der christliche Glaube soll bereits durch Apostelschüler im ersten Jahrhundert in die Region gebracht worden sein und im 4. Jahrhundert entwickelte sich ein eigenständiges kirchliches Leben mit dereinst rund 80 Klöstern. Der Tur Abdin wurde zu einem spirituellen Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche bis in unsere Gegenwart. Während des 1. Weltkrieges waren die Christen vom Völkermord an Armeniern und Assyrern betroffen. Die Zahl der Christen in der Region sank von mindestens 70.000 in den 60er Jahren auf etwas über 2000 in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. In den 60er und 70er Jahren wurden viele Bewohner als Gastarbeiter nach Deutschland oder Schweden abgeworben, in den 80er und 90er Jahren wurde die Emigration durch Bedrohungen und gravierende Menschenrechtsverletzungen ausgelöst. Gewaltakte gegen die christliche Minderheit gingen sowohl von Seiten türkischer Sicherheitskräfte im Kampf gegen die PKK als auch von der PKK selbst und von kurdisch-muslimischen Fundamentalisten aus. Ganze Dörfer wurden zerstört und mussten von den Bewohnern aufgegeben werden. Überall gab es Militärkontrollen. Kurden übernahmen die Häuser von Christen und in einigen Fällen wurden aus Kirchen Moscheen. Weder die kurdischen Separatisten noch die türkische Regierung zeigte Interesse am Überleben der winzigen christlichen Minderheit.
Immer wieder appellierte die IGFM in dieser Zeit an die Türkei und den damaligen Staatspräsident Demirel, die Christen im Tur Abdin zu schützen und das ins 4. Jahrhundert zurückgehende Kloster Mar Gabriel in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes eintragen zu lassen. So wurden 1997/98 rund 9000 Unterschriften an Demirel übersandt.
Mit der Verhaftung von PKK-Führer Abdullah Öcalan, der EU-Kandidatur der Türkei, der allmählichen Aufhebung des Ausnahmezustandes in den Südost-Provinzen und der Rückkehrgarantie von Ministerpräsident Ecevit für die ausgewanderten Christen durch das Zirkular vom 12. Juni 2001 beruhigte sich die Lage allmählich. Im September 2003 stellte die IGFM-Delegation deutliche Normalisierungszeichen, aber auch fortbestehende Probleme und Diskriminierungen fest.
Hoffnungszeichen
Es besteht prinzipiell Bewegungs- und Reisefreiheit. Zahlreiche Besuche von ehemaligen "Tur Abdinern" aus Europa und Erneuerung von Bauwerken in den Klöstern und Dörfern und Kirchenrenovierungen finden statt. Vor Ort arbeiten sogar Rückkehrerinitiativen. In Dörfern, in denen heute nur noch Kurden leben, werden mit Finanzierung der ausgewanderten Christen zumeist durch kurdische Arbeiter Kirchen renoviert. Die zwölf christlichen Religionslehrer in den Dörfern des Tur Abdin können ungestört arbeiten, wobei 45 Prozent der Bevölkerung in den verbliebenen christlichen Dörfern unter 20 Jahre alt sind.
In den beiden Hauptklöstern Mar Gabriel und Deyulzafaran herrscht ein reger Gästebetrieb mit Unterbringung in eigenen Räumlichkeiten, was eine Konterkarierung des inzwischen aufgehobenen Gästeverbots durch den Gouverneur von Mardin aus dem Jahr 1997 bedeutet. Innerkirchlich bringt die im Februar 2003 erfolgte Wiederbesetzung des seit 1969 vakanten Bischofssitzes von Mardin durch den westlich gebildeten 39-jährigen Erzbischof Philoxenos Özmen starken Auftrieb. Der syrisch-orthodoxe Bischof wohnt im Kloster Deyrulzafaran, bis 1932 Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien. Philoxenos Özmen ist nicht nur um ein lebendiges Gemeindelebens bemüht, sondern möchte die kleine inoffizielle Klosterschule zu einem international anerkannten College ausbauen.
Anhaltende Schwierigkeiten
Das im Oktober 1997 durch den Gouverneur von Mardin erteilte Unterrichtsverbot für die Klöster des Tur Abdin wurde bisher nicht aufgehoben. Zwar wird der Unterricht für die derzeit rund 70 Schüler geduldet, aber die Umsetzung der im Reformpaket vorgesehenen Sprachfreiheit wäre für die Ausstellung von offiziellen Zeugnissen und die Einrichtung von Ausbildungsstätten bis hin zu internationalen Akademien von großer Bedeutung. Gerade die aramäische Sprache, die Sprache Jesu, muss geschützt werden. Es geht um die Anerkennung der kulturellen Rechte der Christen assyrischer Volkszugehörigkeit sowie um Minderheitenrechte in der Verfassung.
Große Bedeutung hat die friedliche Klärung von Immobilien- und Landstreitigkeiten zwischen Kurden und Christen. Viele Kurden haben die von Christen verlassenen Häuser eingenommen und nutzen das Land für ihre Schaf- und Ziegenherden. Hier muss es mit Unterstützung der Behörden zu einvernehmlichen Regelungen und zur Durchsetzung der entsprechenden Rechte kommen. Gelegentlich erfolgen Übergriffe von Kurden auf rückkehrwillige Christen, die einer gerechten juristischen Ahndung bedürfen. Im Zirkular von Ministerpräsident Ecevit von Juni 2001 wird u.a. verfügt, dass der Innenminister die notwendigen Maßnahmen einleiten wird, "um den Staatsbürgern syrischer Herkunft zu erlauben, in ihre Dörfer zurückzukehren, wenn sie darum bitten". Anzuerkennen ist, dass Rückkehrer eine sogenannte "Rosa Karte" erhalten können, mit der sie Rechtsgeschäfte aller Art tätigen können. Zur vollen Rechtsfähigkeit wie z. B. aktives und passives Wahlrecht gehört aber die Wiedererlangung der türkischen Staatszugehörigkeit. Eine Voraussetzung für die Rückkehr ist auch die Einhaltung erfolgter Behördenzusagen bei der Verbesserung der Infrastruktur wie Kostenübernahme für Brunnenbohrungen, Abwasseranlagen und Telefonleitungen. Ebenso wurde bei der Reise der IGFM-Delegation im September 2003 die Frage aufgeworfen, wo Millionen Euro der EU für den Aufbau im Südosten der Türkei geblieben sind. Es ist allerdings hervorzuheben, dass es zwischen Behörden, Bürgermeistern und Vertretern der Christen einvernehmliche Kontakte gibt. Es bleibt zu hoffen, dass Äußerungen wie "Die Rückkehr der Christen in den Tur Abdin stellt eine potentielle Gefahr für die Einheit des türkischen Staates dar", erfolgt durch den AKP-Abgeordneten Resul Tosan, eine Ausnahme bleiben.
Unabhängig von einer Realisierung der Rückkehr in den Tur Abdin ist, dass die verbliebene Jugend nicht abwandert und Zukunft hat. Hier gilt das Wort von Staatspräsident Ahmet Necder Sezer, das er am 6. Juni 2001 in das Gästebuch des Klosters Deyrulzafaran schrieb: "Der Beitrag der aufopferungsvollen, begabten und staatstreuen Mitglieder der syrischen Gemeinde für die Entwicklung und Wohlfahrt der türkischen Republik ist groß. In diesen Tagen, in denen die Probleme unserer südostanatolischen Region zu Ende gehen und ein neues wirtschaftliches Programm gestartet wird, wird dieser Beitrag noch wichtiger."
Stand: Januar 2004















