Weißrussland: Frauen in U-Haft mit Vergewaltigung gedroht
Vorwort
IGFM, April 2006
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Minsk, 25.03.2006. Speznas-Sondertruppen gegen friedliche Demonstranten. |
© romlexa.ucoz.ru |
Der Protest gegen die Wahlfälschungen in Weißrußland bei den Präsiden-tenwahlen vom 19. März 2006 hat ein gewaltsames Ende gefunden. Dazu werden jetzt neue Einzelheiten bekannt. Speznas-Truppen, weißrussische Sonderdienste für Spezialaufgaben, haben friedlichen Demonstrantinnen aus dem Zeltlager von Minsk in Weißrussland bei und nach der Verhaftung mit Vergewaltigung und Hinrichtung gedroht. Wer bei der Verhaftung nicht strikt den Anweisungen folgte, wurde geschlagen. Zahlreiche männliche Teilnehmer der Zeltlager-Demonstration gegen die Wahlfälschung wurden mit Schlagstöcken misshandelt. Im Gefängnis von Okrestina wurden die gefangenen Frauen entkleidet und abgetastet.
Die IGFM veröffentlicht zwei Berichte, die als Kassiber aus der Haftanstalt geschmuggelt wurden und einen Eindruck von der Lage der etwa 70 verhafteten Frauen in der Untersuchungshaft abgeben:
Kassiber Nr. 1
Kassiber einer Frau,
die in der Nacht vom 23./24. März festgenommen wurde
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Tatjanas Kassiber, der die oppositionelle Vereinigte Bürgerpartei Weißrusslands erreichte. |
© ucpb.org |
"... Um etwa drei Uhr Nacht verließen die Journalisten das Zeltlager. Und plötzlich wurde es erdrückend still. Den Teilnehmern der friedlichen Demonstration im Zeltlager wurde klar, dass jetzt etwas Drohendes bevorsteht. Jemand aus den höheren Rängen der Speznas-Sonderdienste gab ein Interview, während dem wir blitzschnell von sieben Transportern lautlos umzingelt wurden. Unsere Jungen zogen den Ring enger, um sich und das Zeltlager zu schützen. Aus den Transportern sprangen bewaffnete Personen in Schwarz. Einige hielten ihre Waffe oder ihren Schlagstock im Anschlag. Jemand beleuchtete uns mit Kamerascheinwerfern. Der Sturm auf uns wurde wahrscheinlich gefilmt, um es anschließend im Fernsehen auszustrahlen.
Man gab uns fünf Minuten, um den Platz zu verlassen. Aber schon innerhalb knapp einer Minute stürmte man auf uns los. Angehörige der Sonderdienste schlugen mit Knüppeln auf die Jungen und Mädchen, die den Ring ums Zeltlager hielten, ein. Einige Mädchen wurden an Haaren gepackt aus dem Ring gezogen und anschließend auf dem Asphalt liegend in die Transporter geschleift. Dann warfen sie inmitten des Zeltlagers eine Gasgranate mit einem Gemisch, das die Willenskraft brach.
Die Teilnehmer setzten sich hin und hielten sich an den Händen fest. Daraufhin begannen die Sonderdienste mit Schlagstöcken brutal auf die Jugendlichen einzuschlagen. Sie durchbrachen den Ring, packten die Teilnehmer, schleiften sie zu den Transportern. Eine Frau ergriff das Megaphon und bat die Sonderdienste, uns in Ruhe zu lassen, da es eine friedliche Demonstration sei. Ihre Worte hatten die Sonderdienste wohl noch wütender gemacht. Sie stürmten den Ring, nahmen die Jugendlichen gleich gruppenweise fest und brachten geschlagene und kaum zum Gehen fähige Jungen und Mädchen zu den Transportern (den MAS, wie die Speznas-Angehörigen diese eisernen Gruften nannten).
Während der Fahrt fragte jemand einen Speznas-Angehörigen, wohin man uns bringt. Er antwortete, dass wir in den Wald zur Hinrichtung gebracht werden, und die Mädchen vor dem Erschiessen erst vergewaltigt werden. Ein anderer sagte ? in die Sandgruben. Vielen Mädchen war es schlecht, einige verloren das Bewusstsein. Die Jungs hielten sich sehr gut, versuchten uns, Mädchen, zu beruhigen.
Später in der Einlieferungsabteilung der Haftanstalt sah ich alle unsere Jungs, blutig geschlagen und hinkend. Speznas-Leute führten uns aus den Transportern, stellten uns mit dem Gesicht zur Wand auf. Man befahl, uns nicht zu rühren. Wer von einem aufs andere Bein trat, wurde mit Schlagstöcken verprügelt. Einer vom Speznas verkündete, dass man uns jetzt erschießen wird. Erst jetzt wurde mir Angst. Angst deswegen, weil ein schrecklicher Begriff durch den Kopf ging ? FASCHISMUS. Alles, was um uns herum passierte, war Faschismus. So lebt unser Land. Ein Land in Angst. Ein Land des nackten Faschismus.
Etwa drei Stunden lang standen wir bewegungslos in der winterlichen Kälte. In meiner Gruppe gab es ganz junge Mädchen, die vor Kälte und Müdigkeit am Umfallen waren. Die Speznas-Angehörigen demütigten uns, nannten uns obdachlose Herumtreiberinnen, Abfall, Missgeburten usw. Einer sagte: "Jetzt seht ihr, dass Speznas kein Häuflein von Homosexuellen ist".
Später stellte sich heraus, dass wir uns im Gefängnis auf Okrestina befanden. In der Einlieferungsabteilung der Haftanstalt wurde noch einem Mädchen schlecht. Sie fiel um. Der Puls war kaum zu spüren. Die Milizionäre liefen an ihr vorbei, keinem kam der Gedanke, einen Notarzt zu rufen. Ihr weiteres Schicksal ist mir unbekannt. Ich sah nur, dass einige vom Speznas sie grob packten und wegbrachten.
Über jeden von uns wurde ein Protokoll aufgestellt. Man entkleidete und betastete uns. Man nahm mir 500 Rubel, die ich bei mir hatte, weg, Ohranhänger, Handschuhe, die Mütze, Wohnungsschlüssel. Bei einigen unserer Jungen verfuhr man folgendermaßen: man beschlagnahmte 200 Rubel, gab aber in der Bescheinigung 200 000 an. ...
Eine Gruppe von Festgenommenen, darunter ich, transportierte man in eine andere Haftanstalt. Ich erinnere mich, dass wir unterwegs die Metro-Haltestelle "Wostok" passierten. Als wir ankamen, sagte man uns, wir befänden uns in der Bezirksabteilung des Innern in der F.-Skorina-Straße. Wir wurden in Zellen aufgeteilt. Nachts schliefen wir auf kahlen Pritschen, mehrere zusammen, um sich zu wärmen.
Am dritten Tag gelang es jemandem von draußen, uns eine Notiz zu überbringen. Darin stand, dass wir tapfere Menschen seien, durchhalten sollen, dass am 25. März 45 000 Menschen auf den Platz kamen, um uns zu unterstützen, aber aus der friedlichen Demonstration nichts wurde, weil 7000 Speznas-Angehörige Tränengas, Schlagstöcke und Gummigeschosse gegen Jugendliche, Kinder und Alte einsetzten. ...
Wir sind traurig. Wir beten für das weißrussische Volk. Wir versprechen, dass wir zusammen bleiben und es nicht zulassen werden, uns die Freiheit zu nehmen, uns zu versklaven, aus uns Zombies zu machen.
Wir bleiben zusammen!
Tatjana"
Kassiber Nr. 2
Kassiber von Walentina Polewikowa und Larisa Bucholenko in der Haftanstalt Skorina mit einer detaillierten Zellenbeschreibung:
"... Wir wollten so sehr alles niederschreiben, was mit uns seit den ersten Minuten nach unserer Festnahme geschah, aber erst jetzt, am Sonntag, dem 26.03.2006 um 19:00 Uhr, erhielten wir diese Möglichkeit. Während seines Abendrundgangs hat der Leiter des Untersuchungsgefängnisses uns seinen Kugelschreiber geopfert. Bei der Festnahme und Durchsuchung wurde uns alles weggenommen, alle Hygieneartikel, sogar die Kopfbedeckung, Schals und Handschuhe. Der Besitz von Kugelschreibern und Bleistiften war in den ersten Hafttagen verboten, wir hatten auch kein Papier.
Wir, Walentina Polewikowa und Larisa Bucholenko, befinden und zur Zeit im Karzer Nr. 5 (für zwei Personen). Ich bin hier schon den dritten Tag. Walentina Polewikowa wurde hierher aus der Zelle Nr. 9 verlegt, wo sie sich mit 11 Jugendlichen befand. Diese Zelle ist für acht Personen ausgelegt.
Unser Karzer Nr. 5 sieht so aus: Er ist 3,65 m lang und 1,70 m breit, das Fenster ist 83/83 cm groß und befindet sich 1,60 cm über dem Boden. Es ist durch ein dichtes Gitter verdeckt, das kaum Licht durchlässt. An der Wand zwei Holzpritschen je 1,90 m lang und 70 cm breit. Wir schlafen auf dem nacktem Holz, ein Bett gibt es nicht. Im Karzer brennt rund um die Uhr ein schwaches Licht. Wir haben eine "richtige Latrine" direkt neben den Pritschen. Das kalte Wasser aus dem Wasserhahn läuft direkt in die Latrine. In der Zelle ist es 0° C kalt, es zieht.
In der Zelle Nr. 9 schlafen die Mädchen auf den Pritschen zu zweit. Das strenge Regime trat heute seinen Rückzug an: wir werden menschlicher, ohne Beleidigungen behandelt. Das ist unser großer Sieg. Keinen von uns, weder uns Erwachsene, noch die Mädchen konnten sie mit psychischen und physischen Erniedrigungen brechen.
Wir möchten über den Mut dieser unserer Mädchen berichten. Obwohl man sie wie Schwerverbrecherinnen behandelt hat, erwiesen sie sich stärker und gescheiter als diese männlichen Uniformierten. Trotz harter Haftbedingungen, gemeinen Verhöhnungen hört man in jeder Zelle Lachen, Lieder, Slogans. Ununterbrochen hört man den Slogan "Es lebe Weißrussland!", weißrussische Lieder.
Nach unserer Beobachtung befinden sich in unserem Untersuchungsgefängnis auf Skorina etwa 70 Frauen. Glücklicherweise waren wir, erwachsene Frauen, bei den Mädchen und haben jegliche Versuche von Erniedrigungen gegen sie unterbunden. Wir wissen nicht, was uns morgen vor Gericht erwartet, wohin wir danach hinkommen. Aber wir möchten glauben, dass das Schlimmste hinter uns liegt: das dreistündige Stehen in eisiger Kälte mit dem Gesicht zur Wand neben dem Untersuchungsgefängnis auf Okrestina, die Verprügelung unserer Männer vor unserer Augen, die Unkenntnis darüber, wohin man uns bringt, was uns erwartet, das entwürdigende Entkleiden bis auf die Unterhosen bei der Leibesvisitation.
Man hat uns alles weggenommen: Wir haben weder Zahnpasta noch Zahnbürsten und Hygieneartikel. Man tat alles, um uns als Frauen herabzuwürdigen. So war es seit dem Moment unserer Festnahme. Stellen Sie sich vor, Sie werden um 3:00 Uhr nachts von Hunderten bewaffneten Männern in Schwarz, seelenlosen Robocops, und vielen Gefangenentransportern umzingelt, in die man sie mit Gewalt stößt. Viele wurden auf dem Asphalt liegend an den Haaren zu den Transportern geschleppt. Nicht jeder konnte die Fassung behalten, einige Mädchen weinten. Auf unsere Fragen, wohin man uns bringt, antworteten sie: ins Leichenschauhaus oder in den Wald, um uns zu erschießen und zu vergewaltigen.
Von den Mädchen nahm man Fingerabdrücke und machte erkennungsdienstliche Aufnahmen. Im Falle einer Verweigerung drohte man an, keine Lebensmittelübergaben von Angehörigen zuzulassen.
Hier haben wir die Zeit zum Nachdenken und zu realisieren, was geschehen war. Keiner bereut es! Jede weiß, welche Folgen die Festnahme haben wird: Verlust des Studium- bzw. des Arbeitsplatzes...."


















