"Wer unsere Stimmen aus der Wahlurne klaut, der klaut auch unsere Märtyrer"
Kommentar: Parisa Tonekaboni
17. Februar 2011
Die iranischen Oppositionsführer, Mousavi und Karroubi, hatten zu Protesten am 14. Februar 2011 aufgerufen. Dabei kamen in Teheran mindestens zwei junge Männer um. Der 26 jährige Student Sane Jaleh und der 22 jährige Mohammad Mokhtari wurden erschossen. Während Regimegegner keine Zweifel daran haben, dass Sicherheitskräfte der Regierung dafür verantwortlich sind, beschuldigt die Regierung die Demonstranten. Diese hätten auf Sicherheitskräfte geschossen, sagen offizielle Stellen. Da bisher niemand in Zusammenhang mit den Todesfällen verhaftet wurde, bleibt die Aussage der Regierung zweifelhaft.
Das islamische Regime versucht unterdessen mit allen Mitteln die beiden Toten als Regierungsanhänger darzustellen. Bereits am Dienstag veröffentlichten staatliche Nachrichtenagenturen Bilder einer Mitgliedskarte, die angeblich Sane Jaleh gehörte. Demnach soll er Mitglied der berüchtigten islamischen Miliz, der Basij, gewesen sein.
Erste Zweifel an der Richtigkeit dieser Meldung verbreiteten sich im Netz, als bekannt wurde, dass Jaleh kurdischstämmig und Sunnit war. Die islamische Regierung ist dafür bekannt, dass sie ethnische und religiöse Minderheiten diskriminiert. Es scheint unrealistisch, dass die Milizen einen sunnitischen Kurden aufgenommen haben sollen.
Seine Freunde und Kommilitonen bestreiten eine Mitgliedschaft Jalehs bei der Basij-Miliz ebenfalls vehement. Mittlerweile haben mehrere von ihnen öffentlich Stellung bezogen und Sane Jaleh als einen Regimekritiker beschrieben. Er soll bei den Präsidentschaftswahlen 2009 im Wahlbüro von Mousavi aktiv gewesen sein. Darüber hinaus wurde ein Bild im Internet veröffentlicht, das Jaleh bei einem Besuch bei dem wichtigsten geistlichen Gegner des Regimes, Ayatollah Montazeri, zeigt.
Trotz aller Interviews und Aussagen der Freunde, hält die iranische Regierung an ihrer Darstellung fest. Für Mittwoch hatte die Regierung zu einer Gedenkfeier an der Teheraner Kunstuniversität (an welcher Jaleh studierte) aufgerufen.
Studenten der Universität riefen daraufhin im Internet zu einer Gegenveranstaltung auf. Sie wollten nicht zulassen, dass "die Mörder den Sarg des Märtyrers tragen". Laut Augenzeugen kamen am Mittwoch früh mehrere Busse mit Basiji-Milizionären zur Kunstuniversität. Die Studenten wurden angegriffen und in einen Saal gesperrt. Der Sarg des Toten wurde ohne Teilnahme der Kommilitonen und Freunde zur Universität Teheran gebracht. Die beteiligten Basijis riefen dabei Parolen und forderten die Todesstrafe für Mousavi, Karroubi und den Ex-Präsidenten Khatami.
Mittlerweile hat der Bruder von Sane Jaleh dem Sender VOA-Persian ein Interview gegeben und weinend erklärt, sein Bruder sei niemals ein Basiji gewesen. Die Mitgliedskarte sei gefälscht. Er und seine Familie seien unter Druck gesetzt worden der Version des Regimes zuzustimmen. Das Regime gebe die Leiche seines Bruders nicht frei und er wisse nicht mehr, was er tun soll.
Auch die Beerdigung von Mohammad Mokhtari am Mittwochnachmittag hat die Regierung vereinnahmt. Die "revolutionäre Bevölkerung" hätte den Sarg Mokhtaris getragen, lautete die Meldung einer staatlichen Nachrichtenagentur. Dabei hatten Oppositionelle im Internet auf seine Facebookseite aufmerksam gemacht. Mokhtari hatte am 11. Februar im Vorfeld der Demonstrationen geschrieben: "Lieber Gott, lass mich aufstehen und sterben, denn ich habe die Entwürdigung in der Untätigkeit satt."
Anscheinend versucht die Regierung mit dieser neuen Methode zu verhindern, dass aus den Todesopfern Helden, wie die getötete Neda Aghasoltan, werden. Sie und andere Protestierende, die nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 während Demonstrationen umkamen, sind für oppositionelle Iraner Symbolfiguren und Helden.
Mit Hinblick auf die vergangenen Wahlen dominiert im Moment ein Satz die persischsprachigen Weblogs und Facebookseiten: "Wer unsere Stimmen aus der Wahlurne klaut, der klaut auch unsere Märtyrer".

















