Würdigung des Beitrags von Philip Eppelsheim: "Kein Widerstand, kein Selbstmord, keine Flucht"


Monique Schlegel, IGFM-Sektion Schweiz. Foto: IGFM/Christoph Rüttger

Die Laudatio auf den Gewinner des dritten Preises, Phillip Eppelsheim von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung/FAZ, hielt Frau Monique Schlegel

Es ist für mich eine grosse Ehre, den Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung/FAZ, Phillip Eppelsheim, für seinen Artikel über Wang Wanxing zu ehren.  Er beschreibt den Leidensweg des Chinesen auf eindrückliche Art und Weise.

Wang bedeutet "Zehntausend Sterne". Das steht in der chinesischen Tradition für unendliches Glück. Davon konnte Wang Wanxing über ein Jahrzehnt nur träumen, wenn er mit Hilfe von Psychopharmaka Schlaf fand, sich nicht mehr der Qualen und Gefahren bewusst war. Wang war während 13 Jahren in einem Pekinger Psychiatriekrankenhaus eingesperrt. Er hatte sich gegen das Regime gestellt und für die Demokratisierung Chinas demonstriert. Er ist der erste der schätzungsweise 3000 aus politischen Gründen in chinesischen Psychiatrien Zwangsinhaftierten, der in das europäische Ausland entlassen wurde. Er lebt heute mit seiner Frau in einer kleinen Zweizimmerwohnung im sechsten Stock eines Sozialwohnungshauses in  Sossenheim.

Wang hält sich mit Jogging und Körperübungen fit. Er erzählt seinen Besuchern vom 13jährigen Leidensweg, Diagnose "politische Monomanie"!

Dem Leser macht vor allem die Beschreibung der ungefähr 25 Psychiatrien in China, die das Land "vor gefährlichen Geisteskranken schützen" sollen, Eindruck. Gleiches hatten wir ja seinerzeit aus der ehemaligen UdSSR zu berichten, wo sich die Schweizer Sektion für den Arzt Anatolij Korjagin einsetzte, vor 25 Jahren mein Einstieg in die Arbeit der IGFM!

Am 3. Juni 1992 ist Wang weltberühmt geworden: mit einem Banner marschierte er in Peking auf den Platz des Himmlischen Friedens. Sicherheitskräfte nahmen ihn sofort fest, und einen Tag später kam er in  ein Arbeitslager und einen Monat später wurde er in die Polizei-Psychiatrie überwiesen, ohne Anhörung, ohne Rechtsbeistand.

Er sei gegangen, um den Studenten zu helfen, um sie zu beschützen, sagt er. Der Preis dafür waren 13 Jahre in der Ankang-Psychiatrie. "An" heisst Sicherheit, "Kang" bedeutet Gesundheit? Er war zusammen mit 50 bis 70 zumeist geistesgestörten Straftätern. Viele von ihnen hatten Morde begangen, bevor sie in diese Anstalt gesteckt wurden. Die Wärter hetzten sie auf Wang!

Die Ruhelosigkeit und Angst waren wie Folter. Das Personal hatte "schwierige Insassen" an die Betten gefesselt; dann seien sie körperlich misshandelt und mit Stromstössen gefoltert worden. Wang hat miterlebt, wie Menschen zu Tode gequält wurden.

Der Artikel beschreibt eindrücklich die Gefahren, denen Wang durch seine Mitgefangenen ausgesetzt war: Schnittwunden und mit einer Eisenstange zertrümmerte Schädelknochen! Er schildert seinen Leidensweg  ruhig, ohne sichtbare Emotionen.

Um sich mit den Aufseherinnen gut zustellen, schrieb Wang in den 13 Jahren mehr als 10'000 Seiten Liebesbriefe an mindestens 30 Wärterinnen. Drei Regeln halfen ihm Tag für Tag, seine Qualen zu überstehen: keinen Widerstand leisten, keinen Selbstmord, keinesfalls Flucht.

Im August 1999 wurde Wang entlassen. Doch als er ankündigte, mit Journalisten über seine Erlebnisse zu sprechen, wurde er sofort wieder inhaftiert.

Seine Frau wurde bedroht, überfallen und blutüberströmt zurückgelassen.

Jahrelang setzten sich Menschenrechtsgruppen für Wang ein. Die IGFM wandte sich an die chinesische Staatsführung und das Auswärtige Amt. Nach deutsch-chinesischen Verhandlungen kam er am 16. August 2005 endlich frei.

Wang hat keinen Antrag auf politisches Asyl gestellt. Er hält sich im Rahmen einer Familienzusammenführung in Deutschland auf. Trotz der Gefahren, die ihn in China erwarten, will er noch vor den Olympischen Spielen 2008 wieder dorthin zurückkehren. "Ich bin zwar herausgekommen, aber ich darf nicht die vergessen, die dort noch leiden", sagt er.  "Wenn jetzt ein Konflikt ausbricht, dann gibt es eine riesige Eruption". Die Umstände seien tausendmal schlimmer als vor 17 Jahren, nur die westliche Welt sei mit ihren Reaktionen wesentlich verhaltener.

Sein Mut und sein Durchhaltewillen sind beeindruckend. Der Artikel über seinen Leidensweg verdient den Medienpreis der IGFM ohne Zweifel!

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