Würdigung des Films von Matthias Hentschler und Florian Borchmeyer "Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen"


Laudatio von Prof. Dr. Menno Aden für den zweiten Preis zum Thema "Menschenrechte auf Kuba"

 

IGFM-Medienpreis 2008

Bonn, 19. April 2008

 

 

 

 

 

Laudator Prof. Dr. Menno Aden

Foto: © IGFM, Felix Seuffert

"Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen"
Dokumentarfilm von Matthias Hentschler und Florian Borchmeyer

Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Im 18./ 19. Jahrhundert gab es die Mode, künstliche Ruinen in die Landschaft zu bauen. In Berlin ist die Ruine auf der Pfaueninsel ein Beispiel dafür. Der Bauherr zauberte in die Natur romantische Bilder eines verklärten Mittelalters. Das war die alte Kunst, Ruinen herzustellen. Der Film meint  eine völlig  neue Methode. In der Mitte des Films sagt ein interviewter  Schriftsteller über das System in Kuba: Estan fabricando ruinas - sie ( die Diktatoren) bauen  bewusst  Ruinen!

Der  Inhalt des Films ist rasch erzählt: Havanna, die Hauptstadt Kubas, war bis zum Machtantritt Fidel Castros, eine der schönsten, eine der europäischsten Städte  Lateinamerikas. Heute ist diese Stadt sozusagen das Gegenteil davon.  Der Film blendet eine Reihe von alten Filmausschnitten ein. Diese sind in schwarz-weiß,  von nicht sehr guter Qualität und erzeugen so den  Eindruck einer fernen, sehr fernen  Vergangenheit, die kaum noch wirklich ist. Ich weiß nicht mehr, wie  es hier früher aussah,  sagt der  enteignete Bewohner  eines Landgutes. 

Mit der Revolution Fidel Castros im Jahr 1958 änderte sich das Bild Kubas. Der Film beschreibt diese Änderung an Hand der baulichen Veränderung in  der Hauptstadt. Eine der  interviewten Personen sagt: Erst ein Tropfen durchs Dach, dann zwei, dann mehr - es geschieht unmerklich, und eines Tages ist das Haus nicht mehr bewohnbar. Die Kamera geht scheinbar unbetroffen  über eine Reihe von Baulichkeiten, denen man ansieht, dass sie bessere Tage gesehen haben, Straßenzeilen, Wohnblocks und das Innere von Wohnungen. Überall Verfall.  In einem formalen Sinne ist das schon der  Film. Mehr wird nicht gezeigt. Oder doch?

Es treten Menschen auf, die in den Ruinen leben. Der Film lässt sie zu Worte kommen. In kunstloser Umgangssprache, hören wir sie  erzählen. Warum lebe ich hier eigentlich noch? Ich  möchte schon lange fort, aber mein ganzes Leben habe ich hier  zugebracht, ich möchte  auch bleiben. Ich  möchte überhaupt ganz anders leben, oder lieber doch nicht? Wie war es doch früher, als ich fünf Jahre alt war und das Lieblingskind meiner Eltern. Jetzt lese ich gerne und schreibe fantastische Geschichten. Ich bin  keine Hure,  wie die Nachbarn sagen. Drogen haben mich ganz kaputtgemacht. Es sind  Gesprächs- und Gedankenfetzen, die dem Zuschauer entgegen geworfen werden.

Es ist nicht schön,  in diesen Ruinen zu leben. Das Wasser geht häufig nicht, die Toiletten spülen  Exkremente wieder herauf. Von den 180 Wohnungen des Wohnblocks sind nur noch 120 bewohnbar, sehen Sie doch selbst, wirft  eine entnervte Hausfrau dem Kameramann entgegen! Szenenwechsel: Ein Ehepaar, welches vor der Revolution geheiratet hatte. Die Hochzeitsbilder der glücklich Lachenden werden eingeblendet.  Er kann kaum mehr gehen; sein Bein wurde  nach einem Bruch schlecht  angeschient. Wir denken an das Versprechen der Revolution eine kostenlosen medizinischen Betreuung für alle. Aber was für eine: es ist doch schwer nicht, ein gebrochenes Bein zu schienen!   Sie erzählen von alten Zeiten. Ich schäme  mich dafür,  dass es hier  jetzt so aussieht, sagt die noch immer gut aussehende alte Frau. Ein Blick auf das Heiligenhäuschen mit einer leeren Nische, sie  zuckt die Achseln: Tja, die Santa Virgen, die Hl.  Jungfrau,  ist schon lange daraus weg. Ist ihr  Glaube zugleich damit  gestohlen worden?

Ein  Mann hat sich  in der Oper  häuslich eingerichtet. Logen und  Orchestergraben sind noch gut zu  erkennen. Aus der einst stolzen Architektur bricht ein Mauerteil nach dem anderen heraus. Lieber hier zwischen herab fallenden Mauerresten wohnen als  auf der Straße - meint der einsame Opernbewohner. Wenn ich im Schlaf getroffen werde -  mala suerte.  Jeder kommt auf seine Weise zu Tode. Seit 38 Jahren wird das Haus nicht mehr bespielt. Früher hat  hier sogar Caruso gesungen. Der Film spielt die Stimme  dieses legendären Tenors mit der  wunderbaren Arie Una furtiva lacrima ein. Lacrima, Träne und die schmerzhafte Melodie sagen fast mehr als das Bild. Der Bewohner redet,  als wäre es normal, in einer verfallenen  Oper zu wohnen, aber sagt dann doch:   Ich frage mich, was das wohl ist, eine Oper. Das möchte ich doch gerne wissen, als ob er fragte, wie es auf dem  Mond aussieht, so fern ist alles, was an bürgerliche Kultur  erinnert. Ein Schriftsteller, der nichts veröffentlichen darf,  stemmt sich gegen die Kulturlosigkeit. Er will ein Teil der  europäischen Kultur bleiben und zitiert  Thomas Mann, Georg Simmel,  Rimbaud u.a. Die unorganische Zusammenstellung seiner Zitate zeigt aber, wie fern auch ihm alles geworden ist, dass auch er von der Isolation, in welcher Kuba seit Jahrzehnten gehalten wird, geprägt ist. Er zitiert eben aus Büchern, die  er  noch von früher im Schrank  hat. Neue kommen seit Jahrzehnten nicht ins Land.

So ähnlich sieht es im  New York der Untergangsfilme aus - hier allerdings ist es nicht die Phantasie unseres in Hollywood wirkenden Landsmanns Emmerich, der diese Wüsten ins Szene setzt, hier ist es gelebte Wirklichkeit. Aber das ist noch nicht die Kunst, Ruinen zu bauen, von welcher der Film eigentlich handelt. Der Zuschauer merkt langsam, dass es dem Film um Ruinen ganz anderer Art geht. Es sind menschliche Ruinen, die hier gezeigt werden. Keiner der Interviewten klagt. Das Leben ist schwer - nun ja. Das Leben war früher schöner ? je nun, alles ändert sich, nichts bleibt. Mir geht es nicht gut, mein ganzes Leben ist  in diesem Elend dahin gegangen - ja freilich, aber ich war  selber schuld.

Die eigentlichen Ruinen, welche in 50 Jahren Diktatur in Kuba produziert worden sind, befinden sich in den Seelen der Menschen. Nach der deutschen Wiedervereinigung hörten wir von  DDR ? Deutschen:  Erst als wir nach der Maueröffnung im Westen die Häuser sehen konnten, wurde uns bewusst, wie verfallen alles bei uns in der DDR war,  und wir begannen uns zu schämen. Die Ruinen, von welchen dieser Film spricht, sind die ruinierten Lebensläufe von Menschen, denen  ebenso wie uns ein Leben in Freiheit hätte bevorstehen können. Aber  die kommunistische Diktatur hat es anders gefügt.  Die wahren Ruinen sind die   Menschen, welche als Individuen an ihrem verfehlten Lebenslauf völlig unschuldig sind, und die sich jetzt doch dafür das schämen und sich  die Schuld an ihrem Schicksal geben.

Das erste Bild des Films zeigt einen Mann, welcher auf einem Dach seine Tauben pflegt. Er sieht ihnen nach, wie sie frei und hoch in den Himmel, weit über das Meer hin fliegen. Wir denken an das  Bild von Noah, welcher über die Wasserwüste den Tauben nachschaut und fragt, ob wohl eine  mit einem grünen Blatt wiederkehrt, welches das Ende der Drangsal verspricht. Die letzte Szene des Films ruft einen modernen Mythos auf:  Ein Mann schippert auf einem Autoreifen ins Meer, zum Boot reicht es ja nicht, und versucht eine Angel auszuwerfen. Wir denken an das tragische Bild  aus der Novelle von Hemingway " Der  alte Mann und das Meer". Dort wird dem alten Mann das bisschen Glück, das er fängt, wieder entrissen. Ob es dem Angler  in unserem Film besser geht, sehen wir nicht mehr. Der Film ist zu Ende.  Der Film beginnt also mit einem Bilde der  Hoffnung und er endet mit dem Bilde einer tiefen Hoffnungslosigkeit. Oder soll das dass Schippern auf dem Autoreifen etwas wie Hoffnung bedeuten?

Im Film  fällt fast kein politisches Wort, kaum ein Anklage.  Der Name  Fidel Castro kommt fast nicht vor. Dennoch ist der Film  von der  ersten Szene an  ungeheuer politisch. Der Film bleibt im Gedächtnis und wirkt weiter und tiefer als laute Worte und grausame Bilder von Folterungen. Er ist Anklage gegen Diktatur, wie sie intensiver kaum denkbar ist.  Darum haben wir ihn   ausgezeichnet.

 

 

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