Belarus

Lukaschenko straft auch junge Kritiker
Elf junge politische Gefangene brauchen Hilfe und Rechtsbeistand
Dieser Artikel wurde publiziert in der August 2022-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘
Papa, sie haben mich jeden Tag geschlagen, auch in der Arrestzelle. Der da hinten am Tisch hat mich geschlagen. Immer auf den Hinterkopf, weil das keine Spuren hinterlassen würde
Das erzählte der 16-jährige Nikita Zalatarou weinend über seine Verhaftung und legte seinen Kopf an die Schulter seines Vaters. Sein Vater war zu einem Ermittlungsgespräch vorgeladen worden, hatte ein Paket mit Kleidung zum Wechseln ins Gefängnis gebracht und durfte mit seinem Sohn für einen Moment in einem Besucherraum sprechen.
Bei seiner Festnahme am 11. August 2020 wurde der junge Mann von Polizisten so hart geschlagen, dass er das Bewusstsein verlor.
„Doch erst am nächsten Tag brachten sie ihn zur Untersuchung zunächst auf eine Intensivstation und anschließend gleich in eine „vorübergehende Hafteinrichtung“, berichtete sein Vater. Nikita wurde nach Artikel 339 des Strafgesetzbuches wegen böswilligem Rowdytum angeklagt. Er bekannte sich nicht schuldig, doch wurde er zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, die er in der Jugendstrafanstalt Nr. 2 in Bobrujsk verbüßen muss. Nach unabhängigen Untersuchungen, die zum Schluss kommen, dass Nikita Zalatarou an den ihm vorgeworfenen Verbrechen nicht beteiligt war, ist er seit 26. Februar 2021 offiziell als politischer Gefangener anerkannt. Zu den Misshandlungen, die er erlitt, kommt noch hinzu, dass seine Epilepsie in der Haft nicht ausreichend behandelt wird.

Nikita Zalatarou
Auch Nikita Sidarowitsch war 16 Jahre alt, als er bei einer Demonstration gegen den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko am 11. August 2020 festgenommen wurde. Nun ist er im Gefängnis volljährig geworden. Nikita ist der Verzweiflung nahe. Er ist der Willkür von Gefängniswärtern und Mitgefangenen ausgeliefert, die ihn anscheinend grundlos hänseln, schikanieren und schlagen. Doch das hat System:
Bei seiner Festnahme beschmierten Polizeibeamte sein Gesicht mit grüner Farbe. Die Farbe signalisiert anderen Polizisten und dem Gefängnispersonal, dass sie ihn schlagen und zusätzlich bestrafen dürfen, ohne dafür belangt zu werden.
Informationen der Opposition zufolge hatten über 1.200 Jugendliche an Protesten gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen in Belarus am 9. August 2020 teilgenommen. Es gab mehr als 300 Anzeigen gegen jugendliche Teilnehmer. In rund 400 Fällen wurden Jugendliche und Kinder mit ihren Eltern vorgeladen und ihnen angedroht, die Kinder aus ihren Familien zu nehmen, sollten sie sich weiterhin an Protesten beteiligen. Bei allen Polizeiaktionen gingen die Beamten und andere Vollstecker rigoros und rücksichtslos auch gegen Minderjährige vor. Selbst verletzte Jugendliche erhielten eher Prügel statt angemessene medizinische Behandlung. Eltern wurden nicht informiert, wenn ihre Kinder die Nacht auf Polizeiwachen verbringen mussten.

Nikita Sidarowitsch, hier zusehen mit grüner Farbe im Gesicht, womit Polizisten und Gefängnispersonal signalisiert wurde, dass sie ihn schlagen und bestrafen dürfen, ohne Konsequenzen zu erwarten.
Der IGFM sind elf Jugendliche bekannt, die von Menschenrechtsorganisationen öffentlich als politische Gefangene anerkannt sind und ihre Strafe hinter den Gittern der einzigen Jugendstrafanstalt Nr. 2 in Bobruisk verbüßen müssen. Mit einem ordentlichen Rechtsanwalt, der sich vom Lukaschenko-System nicht verbiegen lässt, haben die jungen Leute eine reelle Chance, durch Begnadigung oder einem Wiederaufnahmeverfahren früher freizukommen.
Diese Anwälte sind rar und teuer, aber es gibt sie. Wir wollen die Chance nutzen und 5.000 Euro für den Rechtsbeistand der inhaftierten Jugendlichen bereitstellen. Nicht weniger wichtig, um der Verzweiflung bis hin zu Suizidgedanken vorzubeugen, ist es, die jungen Häftlinge spüren zu lassen, dass man sich für sie interessiert. Wir möchten daher erneut zu einer Paketaktion (Standardpaket für 65 Euro) aufrufen, die wir mit unserer belarussischen Partnerorganisation „Unser Haus“ (Nash Dom) durchführen.
Gehen mehr Paketaufträge ein, unterstützen wir damit Frauen, die aus politischen Gründen in belarussischen Gefängnissen einsitzen. Bitte helfen Sie nach Kräften mit. Kennwort: Belarus (39)