Protest am 19. Juli 2006 für Rechte von Homosexuellen. Foto: Elvert BarnesFlickr / CC BY 2.0.

Volksgruppen und Minderheiten im Iran

Im Februar 2007 wurde in Iran ein Attentat verübt infolge dessen zwölf iranische Revolutionsgardisten ums Leben kamen. Im Oktober 2009 werden zwei iranische Polizisten erschossen und bei einem Bombenanschlag sterben 41 Menschen, darunter weitere 15 Revolutionsgardisten. Allerdings gehörten die Attentäter weder zu den Taliban, noch zu Al-Qaida oder islamischen Fundamentalisten. Auch mit den derzeitigen Demonstranten gegen das Wahlergebnis bzw. das Regime oder mit den berüchtigten Volksmujahedin hatten sie nichts zu tun. Dies war 2009 eines von mehreren Attentaten seitens der südiranischen Belutschen – einer von vielen iranischen Volksstämmen, der für mehr Autonomie bzw. Unabhängigkeit kämpft.

Der Iran bildet geographisch gesehen die Brücke zwischen Orient und Okzident. Strategisch und wirtschaftlich nimmt er in dieser Region eine wichtige Rolle ein. Die zahlreichen Nationen und Kulturen, die den Iran umgeben, spiegeln sich zum Teil in den unterschiedlichen iranischen Bevölkerungsgruppen wieder. Lediglich die Hälfte der rund 70 Millionen Iraner sind sprachlich und ethnisch gesehen Perser. Nomadische Beduinen, Volksstämme und ethnische Verbände wie etwa die Belutschen, Qashqai, Tadschiken, Bakhtiaren, Khuzen, Aserbaidschanern oder Kurden haben oftmals Angehörige in den benachbarten Ländern. Einige Gruppen kämpfen seit Jahrzehnten für ihre Unabhängigkeit bzw. größere Autonomie und Anerkennung ihrer ethnischen bzw. sprachlichen Eigenheiten.

Mit der Errichtung eines Nationalstaats unter Schah Reza (1878-1944) und seinen zentralistischen Bestrebungen ging die Entmachtung regionaler Stammesführer einher. Persisch wurde als Amts- und Landessprache eingeführt. Der bisher funktionierende Verbund aus relativ autonomen Volksgruppen wurde durch die Entmachtung ihrer Fürsten zu einem nationalen Problem.

Diverse Autonomiebestrebungen und aufkeimenden Separatismus konnte Reza Schah erfolgreich zerschlagen. Bis heute haben sich allerdings Unruheherde erhalten, die bei jeder Gelegenheit und jeder Schwäche der Zentralregierung neu aufflammen. Die Schah-Tradition der gewaltsamen Eindämmung dieser Konflikte hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Deutlich wurde die Minderheitenproblematik beispielsweise Anfang 2006: Demonstrationen (in Teheran, Tabris und verschiedenen aserbaidschanischen Orten Irans) gegen eine verunglimpfende und beleidigende Zeitungskarikatur, die iranische Aseris in Form einer bildungsfernen Kakerlake darstellte, wurden gewaltsam aufgelöst. Mindestens vier Menschen kamen laut offiziellen Angaben ums Leben. Auch die Turkmenen sind seit 1979 bekannt für ihre Konflikte mit der Zentralregierung, vor allem im Zusammenhang Landenteignungen.

Allgemein sind genaue Zahlenangaben zu den einzelnen Volks- und Minderheitengruppen schwer zu machen. Solche Zahlen sind stets ein Politikum und je nach Interessenslage werden Schätzungen sehr hoch oder sehr niedrig angesetzt. Verlässliche Zahlen existieren kaum.

Turkvölker

Die sogenannten Turkvölker – beispielsweise Turkmenen, Aseris/Aserbaidschaner, Afdscharen, und Qaschqai – leben vorwiegend im Norden Irans östlich des kaspischen Meers. Sie machen etwa ein Viertel der iranischen Bevölkerung aus. Ihre Muttersprachen sind turkmenische Dialekte bzw. Sprachen, die dem Türkischen verwandt sind und diesem nach wie vor stark ähneln. Zwischen den verschiedenen turkmenischen Bevölkerungsgruppen bestehen ungeachtet verschiedener Landesgrenzen enge Kontakte. Die Landesfürsten bzw. Klanführer der verschiedenen zentralasiatischen Turkstaaten sehen sich gerne als Beschützer der iranischen Turkmenen.

Per Satellit werden in fast allen Haushalten Programme der türkischsprachigen laizistischen, westlich orientierten Türkei empfangen. Trotz des allgemeinen iranischen „Sat-Schüssel-Verbots“ haben die meisten Iraner ihre versteckte Sat-Schüssel und empfangen westliche Programme.

Ungeachtet diverser Autonomiebestrebungen und separatistischer Bewegungen (etwa die verbotene Aseri-Gruppe Gamoh, die für mehr kulturelle Rechte kämpft, einen eigenen Bundesstaat mit eigenem Parlament, eigener Flagge und Sprache errichten will) sind Teile der nationalen Ethnien weitgehend integriert und angepasst. Die Aseris haben wie eh und je große wirtschaftliche Bedeutung im Iran. Politisch spielten sie etwa bei der Ausarbeitung der ersten Verfassung 1906 eine große Rolle. Die momentan oberste politische und rechtliche Instanz des Landes, Ayatollah Ali Chamenei, ist aserbaidschanischer Abstammung.

Die Aserbaidschaner zählten über Jahrhunderte zu den wichtigsten politischen und militärischen Mächten der Region. Nach 1945 gehörte etwa ein Drittel der Aserbaidschaner zur Sowjetunion, zwei Drittel zum Iran. Die Beziehung der heute etwa 8 Millionen autonomen Aserbaidschaner zu den vielleicht 16 Millionen iranischen Aserbaidschanern wird vor allem durch die völlige religiöse Entfremdung belastet und dämpft Autonomiebestrebungen der iranischen Aserbaidschaner.

Kurden

Etwa 7 – 17% der Iraner sind Kurden, die vor allem in den türkischen und irakischen Grenzgebieten siedeln. Sie sind die zweitgrößte ethnische Minderheit Irans mit einer bewegten Geschichte.
Auch wenn ihre Hauptdialekte genau wie das Persische den indogermanischen Sprachen zuzählen, unterscheiden sie sich teils sehr stark vom Persischen.

Die Verbindungen der Kurden sind untereinander trotz nationaler Grenzen und oftmals großer Differenzen zwischen den verschiedenen politischen und ethnischen Richtungen sehr eng. Autonomiebestrebungen iranischer Kurden werden vom iranischen Staat rigoros bekämpft – bis hin zur Ermordung kurdischer Oppositioneller im europäischen Exil. Zahlreiche politische Gefangene und Oppositionelle sollen in den 90er Jahren hingerichtet worden sein. Unter den Kurden Irans gibt es eine ungewöhnlich hohe Zahl an Analphabeten, große Arbeitslosigkeit und Armut. Die Pflege ihrer Sprache und Kultur wird nur in streng begrenztem und kontrolliertem Maße durch den Staat gewährt.

Sunniten und iranische Araber

Die Schätzungen zu den Zahlen der iranischen Sunniten rangieren zwischen 9 bis über 30% der Bevölkerung. Dazu werden allgemein die Turkmenen, Azerbaidschaner, Belutschen und Khuzen gezählt, auch wenn viele von ihnen Schiiten sein sollen. Von Saudi-Arabien und Pakistan unterstützte Exil-Sunniten sollen in Iran regelmäßig für Unruhe sorgen. So haben sie seit Mitte der 90er Jahre beispielsweise in den Zentralmoscheen von Maschhad und Zahedan schwere Bombenattentate verübt. Im Mai 2006 starben 25 Schiiten und 150 wurden bei einem Anschlag auf ihre Mosche in Sahedan/Sistan verletzt.

Iranischen Sunniten soll seit 1979 der Bau eigener Moscheen erschwert bis völlig verboten sein und Wahlergebnisse irritieren dadurch, dass in sunnitischen Gebieten mehrheitlich schiitische Kandidaten gewinnen. Immer wieder beklagen iranische Sunniten die Missachtung ihrer religiösen, kultischen sowie kulturellen Bedürfnisse.

Die größte Gruppe der „iranischen Araber“ lebt im Süden Irans in der Provinz Khuzistans. Allgemein zählt man auch die iranischen Araber automatisch den Sunniten zu, obwohl bekannt ist, dass viele von ihnen schiitischen Glaubens sind. Sie werden als Ahwazi bezeichnet (ihre Vorfahren waren in der Antike als „Eilam“ bekannt) und leben zwischen der Grenze zum Irak und der Hafenstadt Bandar Abbas im persischen Golf. Die große sprachliche, religiöse und ethnische Nähe der iranischen Araber zu den Irakern gab Saddam Hussein Anlass zu Gebietsansprüchen, Übergriffen und USA-unterstützten Einfällen in den Iran. Hierbei spielten wirtschaftliche Faktoren eine wichtige Rolle: In dieser Provinz werden 80 % des iranischen Erdöls gefördert. Gerade die wirtschaftlichen Aspekte machen jeglichen Keim einer Unabhängigkeitsbestrebungen der Provinz Khusistan oder die Erwägungen des Anschlusses an den Irak von vorneherein zunichte. Trotz alledem gab es in den letzten Jahren immer wieder Anschläge und Unruhen. Dies führt seit 1999 zur Umsiedlung von mehreren Hunderttausend ethnischen Arabern und der Ansiedelung persischstämmiger Iraner in Khuzistan. Mittlerweile soll es ein Verbot geben, in der Öffentlichkeit Arabisch zu sprechen und dies im Unterricht zu lehren. Den Aufständen der Araber soll zum Teil mit der Hinrichtung ganzer Familien begegnet werden.Wiederholte Anschläge auf die iranischen Erdölanlagen schreibt der Iran entweder den durch die USA unterstützen Irakern zu, den iranischen Ahwazis selbst oder Al-Qaida, die damit irakische Sunniten und Schiiten gegeneinander aufhetzen wollen.

Belutschistan / Sistan

Die Gemeinsamkeiten der Belutschen Irans, Afghanistans und Pakistans liegt vor allem in der einheitlichen Sprache. Zwar sprechen sie eine persische Dialektsprache, diese unterscheidet sich allerdings genau wie das afghanische Dari, das Tadschikisch oder das bis Pakistan gesprochene Paschtunisch zum Teil stark vom iranischen Persisch.

Die Stammesgebiete der Belutschen erstrecken sich über Pakistan, Afghanistan und Iran. In Iran zählt Sistan zu den ärmsten und unterentwickeltsten Regionen. Die Belutschen fordern vor allem religiöse Gleichberechtigung, Freiheit für ihre Kultur und Sprache sowie größere Autonomie. Anders als die iranische Mehrheitsbevölkerung sind die Belutschen Sunniten. Mithilfe afghanischer und pakistanischer Stammesgenossen (und wohl auch mit Unterstützung der Taliban) sorgen die sogenannten belutschischen „Dschundallah“ (Gottessoldaten) durch Wegelagerei, Drogenhandel und Anschläge immer wieder für Unruhe in der Region. 2008 wurden beispielsweise 16 iranische Polizisten nach Pakistan entführt und zwei getötet, um 200 belutschische Gefangene im Iran freizupressen.

Religiös-ethnische Minderheiten

Vank-Kathedrale der armenischen Christen. Foto: dariush1 / Flickr

Neben den genannten Volksgruppen gibt es noch weitere, kleinere ethnische bzw. religiöse Minderheiten. Die größte Gruppe bilden hierbei die iranischen Armenier, die beispielsweise im 16./17. Jahrhundert in großen Gruppen unter Schah Abbas (1588-1629) in Isfahan angesiedelt wurden. Sie spielten wirtschaftlich und kulturell stets eine wichtige Rolle.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem unabhängigen Armenien besteht mittlerweile ein reger kultureller und wirtschaftlicher Austausch zwischen den beiden Staaten sowie eine erleichterte religiöse und kultische Anbindung der iranischen Armenier an den Patriarchen in Etschmidiasin. Trotzdem haben die wohl 150-260.000 Armenier Irans – und mehr noch die nicht ethnischen Christen bzw. christlichen Konvertiten des Landes – unter derzeit wieder zunehmenden Verdächtigungen, Diskriminierungen und Verfolgungen zu leiden.

Dies gilt auch für die etwa 15-30.000 Juden des Landes. Ihre Ansiedlung im Iran geht auf die Antike, auf die Herrschaft der Sassaniden (ca. 226 – ca.634 n. Chr.) zurück. Sie werden im heutigen Iran genau wie die Chaldäer/Assyrer und Armenier zwar als ethnische, religiöse, und familienrechtlich sowie kulturell relativ autonome Gruppe anerkannt und geduldet. Jedoch wird ihnen der Kontakt zu Israel offiziell sowohl verboten und als auch gleichzeitig unterstellt. Dies führt zu häufigen Verdächtigungen bis hin zu Verhaftungen.

Neben den größeren religiösen Ethnien gibt es innerhalb der verschiedenen Stämme und Völkergruppen kleinere religiöse Sondergruppen: Hierzu zählen die bereits erwähnten Chaldäer/Assyrer (ca. 11-40.000), die vor allem im Norden Irans in der Gegend von Urmiya leben sowie im Süden Irans in Khusistan und um Bandar Abbas.

Als Ursprungsreligion der Kurden wird oft das Jezidentum genannt, dem nach wie vor eine schwer bestimmbare Zahl (vermutlich ein bis mehrere Tausend) von Kurden anhängt. Genau wie die Ahl al-Haqq (schätzungsweise bis 2 Millionen Anhänger, vor allem unter den Kurden) und Mandäer (etwa 1-10.000, leben vor allem im Süden Irans) sind sie meist aus Sicherheitsgründen und Angst vor oftmals grausamer Verfolgung um die Geheimhaltung ihres Glaubens bemüht.

Bahai-Friedhof bei Najafab

Eine besondere religiöse Minderheit bilden die rund 300.000 iranischen Bahai. Zwar sind sie keine historisch gewachsene Ethnie mit eigener Sprache und kulturellen Besonderheiten. Doch werden sie durch die gesetzliche Exklusion und harsche Verfolgung durch den iranischen Staat zu Vogelfreien, zu einer Art Paria gemacht. Durch diese Sonderposition, die schwere Diskriminierung sowie durch ihre große Zahl und die wachsende Anhängerschaft bilden sie eine besondere Gruppe.

Äußerst anerkannt sind die etwa 10-60.000 Zoroastrier. Ihre Abstammung und Religion geht auf die einstmals so mächtigen Sassaniden zurück. Zwar sind sie sprachlich und historisch nicht wirklich als separate Ethnie zu bezeichnen, doch sind sie durch ihre Kultur, ihre endogamen Eheschließungen und ihren Glauben in dem religiösen, vom Schiismus geprägten Land einer Besonderheit. Anders als die anderen religiösen Gruppen werden sie nicht nur geduldet sondern als Nachfahren der einstmals mächtigen Sassaniden respektiert.

Trotz aller Verschiedenheiten und separatistischen Erscheinungen pflegen viele Iraner – durch alle Volks- und Minderheitengruppen hindurch – ein unerwartet starkes gemeinsames National- und Geschichtsbewusstsein. Mit wachsendem Druck von Außen erstarkt dieses Gemeinschaftsgefühl zusammen mit der Solidarität und Identifikation mit der iranischen Nation und ihren Zielen. Daran ändern Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des aktuellen Regimes kaum etwas.

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