Iran: Hausdurchsuchungen von Bahai

In einem Aufsatz kritisiert der iranische Schriftsteller Ahmad Zeidabadi die landesweiten Hausdurchsuchungen von Bahai im Iran vom 22. November 2020 und beschreibt, welche Auswirkungen solche einschneidenden Erlebnisse auf die psychische Verfassung der Betroffenen haben können.
Wo kann ich über dieses Leid klagen?
Ein Essay von Ahmad Zeidabadi
Ich bitte Seyyed Ibrahim Raisi und Seyyed Mahmoud Alavi, sich eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und sich Riazollah Sobhani genau anzusehen! Und wenn ihnen das nicht möglich ist, bitte ich sie, sich wenigstens ein aktuelles Foto von ihm anzuschauen und einfach nur einen Blick darauf zu werfen. Wenn sie, nachdem sie Sobhani oder sein Foto gesehen haben, auch nur so viel wie ein Senfkorn oder wie ein Nadelöhr dächten, dass eine Person seines Alters und seines Gesundheitszustandes möglicherweise eine Quelle der Bedrohung, eine Gefahr oder sogar einen Einfluss haben könnte, dann wäre das in Ordnung. Aber wenn sie nicht so dächten, sollten sie dann nicht besorgt sein oder darüber nachdenken, was genau die unter ihrer Kontrolle stehenden Einsatzkräfte tun?
Riazollah Sobhani saß mehrere Jahre lang im Rajaei-Shahr-Gefängnis in Karaj. Seitdem er inhaftiert war hat seine körperliche Kraft nachgelassen und seine geistige Leistungsfähigkeit ist so geschwächt, dass er heute im Krankenbett kaum noch zwischen Tag und Nacht unterscheiden kann. Unter all diesen Umständen gehörte Herr Sobhani zu Dutzenden von Bahá’í-Bürgern, deren Häuser am Sonntag von Sicherheitsbeamten durchsucht wurden deren persönliche Gegenstände beschlagnahmt wurden! Sind sich die Leiter der Justiz und des Geheimdienstministeriums dessen bewusst? Und wenn ja, was ist ihre Rechtfertigung für solche Aktionen? Man könnte behaupten, dass eine bloße „Hausdurchsuchung“ nicht all diese Aufregungen erfordert! Das können aber nur diejenigen sagen, deren Häuser noch nie durchsucht wurden; ansonsten sind sich diejenigen, die diese Erfahrung gemacht haben, sehr wohl des tragischen Leids und der Unsicherheit bewusst, die diese Aktion den Familien zufügt. Zwanzig Jahre nach meiner ersten und zehn Jahre nach meiner zweiten Verhaftung habe ich die verheerenden psychologischen Auswirkungen unserer Hausdurchsuchung auf meine Frau und meine Kinder noch immer deutlich vor Augen!
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in Ihrem Haus, und plötzlich stürmt eine Gruppe unbekannter Sicherheitsbeamter ohne Vorankündigung oder richterlichen Beschluss in Ihr Haus und beginnt vor den staunenden Augen Ihrer Familienmitglieder mit der Durchsuchung, vom Schlafzimmer bis zu den Fugen Ihres Kellers und durchsucht all Ihren Besitz, Ihre Finanzdokumente, Pässe, Broschüren, Bücher und persönlichen Gegenstände, und sammelt und beschlagnahmt dann einige davon, ohne Ihnen oder Ihren Familienmitgliedern zu erlauben, Fragen zu stellen, einzugreifen oder zu widersprechen!

Im Iran haben am 22. November bei 30 bis 50 Angehörigen der religiösen Minderheit der Baha’i umfangreiche Hausdurchsuchungen stattgefunden. Die Internetseite Hrana beschreibt das Ausmaß der Durchsuchungen als „rekordverdächtig“.
Wenn Frauen solche Szenen sehen, fangen sie an zu zittern und ihre Tränen fließen. Junge Menschen, deren Stolz verletzt wird, wenn sie sehen, dass ihr Schlafzimmer, ihr Büro und ihre Bücher durchsucht, auf den Kopf gestellt und verstreut werden, fangen an zu grollen, unterdrücken aber ihre Wut, und die Kinder, deren Herzen klopfen, zittern vor Angst! Das Gefühl der Unsicherheit, das durch eine solche Tragödie hervorgerufen wird, sitzt so tief, dass ihre Wirkung auf die Psyche der Kinder für den Rest ihres Lebens anhält!
Welche Beweise sollen dadurch gefunden werden? Gab es irgendwelche terroristischen Anschläge? Oder hat ein gefährlicher, facettenreicher Spion streng geheime Dokumente versteckt? Oder wurde ein Mord, eine Vergewaltigung oder ein gefährliches Verbrechen begangen? Nichts davon! Außer, dass jemand einer anderen Religion angehört oder mündlich oder schriftlich eine abweichende Meinung geäußert hat. Tatsache ist, dass viele Bahá’í in unserem Land seit vier Jahrzehnten unter Bedingungen der Angst, der Besorgnis und der Unsicherheit leben, die auf periodische Sicherheitsrazzien zurückzuführen sind! Dieses ständige Gefühl der Unsicherheit führt bei den Familien zu Komplikationen wie neurologischen Erkrankungen und Depressionen und nimmt ihnen die Freude am Leben.
Hat diese Geschichte keinen Endpunkt?
Sind die Bahá’í keine Bürger dieses Landes?
Haben sie irgendwelche Rechte?
Ist es erlaubt, ihnen Leben, Eigentum, Würde und Sicherheit zu nehmen, ohne bestraft zu werden?
Ist es ihnen verboten, ihre Grundrechte einzufordern?
Wenn aus der Sicht der Beamten des Landes die Antworten auf all diese Fragen positiv ausfallen, dann müssen sie die von ihnen begangenen Handlungen aus ideologischen, ethischen, rechtlichen oder religiösen Gründen rechtfertigen. Und sollte ihre Antwort negativ ausfallen, warum definieren sie dann nicht ein für alle Mal formell und offen die Schranken der Rechte der Bahá’í, ihre Grenzen und Unantastbarkeit und beenden die „Bahá’í-Frage“? Wo soll ich mich über dieses Leid beklagen? Bei wem soll ich die Antwort suchen? Als ich vor Jahren die Frage der Bahá’í und ihrer Bürgerrechte aufwarf, wurde ich beschuldigt, die Bahá’í während ihrer Verhöre und vor Gericht verteidigt zu haben! Aber gibt es diesmal unter all diesen Behörden jemanden, der eine rechtliche und logische Antwort geben könnte, anstatt Anschuldigungen zu verbreiten? Dies ist keine politische Debatte! Es ist eine Gewissensfrage! Wie kann man als Mensch oder als Muslim angesichts eines solchen Verhaltens schweigen und ein reines Gewissen haben?
Ich warte auf die Antwort und hoffe, dass diese Antwort nicht dieselbe ist, wie die vorherige.

Ahmad Zeidabadi ist ein iranischer Autor und Journalist und wurde für seine Publikationen bereits mehrfach verhaftet. Zeidabadi ist eine bekannte Figur der iranischen Reformbewegung und ein Kritiker der iranischen Regierung. Während seiner Karriere hat sich Zeidabadi stets für die Rechte ethnischer und religiöser Minderheiten eingesetzt. Er ist Preisträger des World Association of Newspapers‘ Golden Pen of Freedom Award des Jahres 2010 und erhielt 2011 den Guillermo Cano World Press Freedom Prize, der jährlich von der UNESCO vergeben wird.