/Ägypten: Toxische Mischung aus Kultur und Religion

Ägypten: Toxische Mischung aus Kultur und Religion

Ägypten: Toxische Mischung aus Kultur und Religion

Anhängerinnen der Muslimbruderschaft: Von theologisch konservativen Imamen dazu gebracht, sich für die Einschränkung von Frauenrechten einzusetzen. Ägyptische Menschenrechtler werfen der Muslimbruderschaft außerdem vor, bei Auseinandersetzungen mit der Polizei Frauen in den ersten Reihen platziert und „verheizt“ zu haben. Ägypten: Toxische Mischung aus Kultur und Religion (Bild: Gaynor Barton, Flickr CC BY 2.0.)

Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen haben dabei verschiedene Gesichter: Teilweise finden sie innerhalb der Familien statt, fadenscheiniglegitimiert durch Traditionen und religiöse Vorstellungen; teilweise werden Verbrechen auch durch Vertreter des Staates begangen oder geduldet. Vor allem aber sind Gewalt und Diskriminierung fest in den Köpfen von Männern und Frauen verankert.

Die bekannte ägyptische Kolumnistin Mona Eltahawy brachte diese Tragödie auf den Punkt: „ Wir haben [den früheren Diktator] Mubarak aus unserem Präsidentenpalast geworfen. Aber den Mubarak, der in unseren Köpfen und Schlafzimmern lebt, haben wir immer noch. (…) Wir Frauen brauchen eine doppelte Revolution. Eine gegen die verschiedenen Gewaltherrscher, die unser Land ruiniert haben, und eine weitere gegen die toxische Mischung aus Kultur und Religion, die unser Leben als Frauen ruiniert.“

Die Probleme von Frauen in der gesamten islamisch geprägten Welt sind so vielschichtig, dass der folgende Beitrag sie nur

anreißen will – und zwar beispielhaft am bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt: Ägypten.

 

Weibliche Genitalverstümmelung

Der geläufige Begriff „Beschneidung“ ist irreführend und verharmlosend. Es handelt sich nach deutschem und internationalem Recht um ein

Verbrechen. Es ist eine der schwersten Formen von Gewalt gegen Frauen überhaupt. Mit dem offenen oder stillschweigenden Segen religiöser Autoritäten werden noch heute Millionen von Mädchen traumatisiert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die Zahl der unmittelbaren Todesfälle weltweit auf jährlich drei bis sieben Prozent oder 60 000 bis 140 000 Tote. Durch spätere Komplikationen erhöhe sich die Todesrate auf 25

bis 30 Prozent. Außerdem steige das Sterblichkeitsrisiko von Säuglingen verstümmelter Frauen während der Geburt ebenfalls um 25 bis 30 Prozent. Die Verstümmelung der weiblichen Genitalien ist kein „arabisches“ oder „muslimisches“ Problem, nicht einmal ein rein „afrikanisches“. Dennoch ist diese besonders drastische und traumatisierende Tradition vor allem in einer Reihe von Ethnien in Afrika verbreitet flächendeckend auch in Ägypten. Die Opfer sind dabei sowohl muslimische als auch christliche Mädchen und Frauen.

Genitalverstümmelung ist in Ägypten verboten. Das Gesetz enthält aber Lücken und wird de facto nicht angewandt. Im Gegenteil: Muslimbrüder und die mit ihnen verbündeten ultra fundamentalistischen Salafisten propagieren offen die Verstümmelung von Frauen und Mädchen. Der frühere Präsident der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, hatte im staatlichen Fernsehen die Verstümmelung sogar als „Privatsache“ de facto wieder freigegeben. In Oberägypten haben Islamisten sogar mit mobilen Arztgruppen kostenlose Verstümmelungen vor Ort angeboten.

Nach verschiedenen Schätzungen sind zwischen 91 und 97 Prozent aller Frauen und Mädchen ab 15 Jahren in Ägypten „beschnitten“. Vor allem im Süden an der Grenze zum Sudan ist ein kleinerer Teil von ihnen sogar infibuliert. Bei der Infibulation werden nicht nur große Teile der weiblichen Genitalien herausgeschnitten, sondern die Vagina bis auf eine winzige Restöffnung zugenäht, so dass sie verwächst. Diese Narbe wird dann bei jedem Verkehr gewaltsam – mit einem Messer – vom Ehemann aufgeschnitten.

In Ägypten haben religiöse Autoritäten einen enormen und unvergleichlich viel stärkeren Einfluss als in Mitteleuropa. Um die Genitalverstümmelung

in Ägypten zu überwinden, müssten die führenden Personen aus Islam und Kirche diese Tradition verurteilen. Einige hochrangige islamische Geistliche, wie Ägyptens Großmufti Ali Guma, haben das getan. Andere, gesellschaftlich deutlich einflussreichere Scheichs, befürworten aber nach wie vor die Genitalverstümmelung.

In der koptischen Kirche gibt es seit vielen Jahren kirchliche Initiativen, die versuchen innerhalb der christlichen Gemeinschaft Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder nicht zu verstümmeln. Bisher leider mit sehr geringem Erfolg. Entgegen anderslautender Meldungen im Internet, hat der frühere Papst der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Schenuda III., die Genitalverstümmelung nicht verurteilt. Der gegenwärtige koptische Papst, Tawadros II., hat dies bisher ebenfalls nicht getan.

 

Kinderehefrauen

Nach staatlichen Angaben leben in Ägypten rund 500 000 Straßenkinder. Hilfsorganisationen sind überzeugt, dass die Zahl mehr als dreimal so groß sein könnte. Viele Kinder, wie diese drei Mädchen, leben zusammen mit ihrer Mutter auf der Straße. Der ägyptische Staat verweigert Kindern Geburtsurkunde, Staatsangehörigkeit und Schulbesuch, wenn sich kein Mann zur Vaterschaft bekennt. Diese Mädchen sind leichte Beute für Menschenhändler.

Die Verheiratung von jungen und sehr jungen Mädchen ist in der gesamten arabischen Welt noch immer weit verbreitet, obwohl das

durchschnittliche Heiratsalter in Ägypten in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Mittlerweile liegt das gesetzliche Heiratsmindestalter für Männer und Frauen bei 18 Jahren. In der Praxis hat das an der Verheiratung junger und sehr junger Mädchen aber nichts geändert. Eltern und auch Standesbeamte sind dazu übergegangen, Urkunden zu fälschen oder sogenannte „Urfi-Ehen“ zu schließen, die gesetzlich keine anerkannten Ehen sind und durch den Mann jederzeit durch Zerreißen des Schriftstücks aufgehoben werden können. Der Grund für eine auf diese Art geschlossene und kulturell akzeptierte, kostengünstige „Ehe“ liegt in der Regel darin, dass diese Ehen Sexualität rechtlich legitimieren und eine Strafverfolgung verhindern. Auch kann der Ehemann auf diese Weise völlig problemlos eine Zweit oder Drittfrau heiraten und mit ihnen eine gemeinsame Wohnung beziehen. Verstößt er die Frau oder das Mädchen jedoch, so hat er ihr gegenüber keine rechtlichen Verpflichtungen, beispielsweise zur finanziellen Unterstützung.

Unverheirateten Frauen haftet in Ägypten gesellschaftlich ein sehr „schlechter Ruf“ an, der sogar auf die übrigen weiblichen Familienmitglieder abfärbt. Der „Ruf“ der Familie spielt kulturell aber eine herausragende Rolle. Die Möglichkeit, unverheiratet zu bleiben und ein selbstständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen, existiert für Frauen praktisch nicht. Ein weiterer Kernpunkt des Problems liegt auch darin, dass die zumeist ungebildeten Mädchen und jungen Frauen von manchen Eltern als finanzielle Belastung betrachtet werden. Die nach islamischer Tradition für die Eheschließung verantwortlichen Väter sehen in einer frühen Verheiratung eine Möglichkeit, die Kosten für die Kinder an ihre „Ehemänner“ abzuwälzen.

 

Ehrenmorde

Die Anwältin Nihad Abu El Komsan (ganz links) ist die Direktorin des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte. Das Zentrum richtet sich mit Seminaren und vielen anderen Infoveranstaltungen an Frauen und Männer. Die Furcht, vielleicht doch gegen ein Gebot Gottes zu verstoßen, lässt viele zögern.

Die Diskrepanz zwischen formell gültigen Gesetzen und de facto bestimmenden kulturellen Normen zeigt sich bei Ehrenmorden auf besonders drastische Art und Weise. In einigen, insbesondere ländlichen Teilen Ägyptens, ist es beispielsweise üblich, die Jungfräulichkeit der Braut in einer für die Frau beschämenden und schmerzhaften Art und Weise zu überprüfen. Vor den Augen der Brautmutter, der Schwiegermutter und einer Hebamme zerschneidet der Bräutigam im Anschluss an die Hochzeitsfeierlichkeiten das Jungfernhäutchen der Braut mit einer Rasierklinge oder zerstört es mit den Händen. Das blutige weiße Laken oder Kleidungsstück wird umgehend den Hochzeitsgästen gezeigt.
Nimmt der Bräutigam infolge dieser Prozedur an, dass seine Frau nicht jungfräulich in die Ehe gegangen ist, hat er neben dem Recht auf Scheidung, kulturell das „Recht“, sie sofort zu töten. Von Natur aus haben aber sehr viele Mädchen kein oder fast kein Jungfernhäutchen – auch ohne vorehelichen Verkehr. Ein bloßer Verdacht kann einem Todesurteil gleichkommen. Der Mord an der Braut oder der eigenen Tochter wird bei „begründetem Verdacht“ auf ein Ehrvergehen de facto zumeist lediglich mit einer Bewährungsstrafe geahndet – wenn überhaupt. Der gesetzliche Auslegungsspielraum ist groß.

 

Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt ist in Ägypten – wie auch in Deutschland – keine Frage des Bildungsstands. Anders als z.B. in Deutschland ist aber in Ägypten häusliche Gewalt in einem erschreckend hohen Umfang gesellschaftlich akzeptiert. Traditionell sind viele Männer überzeugt, dass sie das „Recht“ haben, ihren Willen wenn nötig mit Gewalt durchzusetzen. Im islamischen Kontext berufen sich Gewalttäter auf den Koran und auf die islamische Überlieferung, die dem Ehemann ausdrücklich zubilligt, seine Frau zu schlagen, wenn er Widerspruch befürchtet. Doch auch in christlichen Familien ist häusliche Gewalt weit verbreitet und gilt als „normal“. Ob Frauen in christlichen Familien graduell weniger häufig oder weniger stark misshandelt werden ist unklar, belastbare statistische Daten fehlen.

In jedem Fall sind verbale Gewalt, Demütigungen und Schläge weit verbreitet. Ein säkulares Eherecht existiert nicht. Nach islamischem und auch nach (ägyptisch-)christlichem Eherecht ist die Ehefrau dem Mann zum „Gehorsam“ verpflichtet. Das bezieht sich insbesondere auf sexuellen Gehorsam. Der Ehemann hat, nach klassischer islamischer Rechtsauffassung, ein „Recht“ am Körper „seiner“ Frau. Vergewaltigung in der Ehe kann es nach dieser Auffassung gar nicht geben. Ein entsprechender rechtlicher Schutz fehlt völlig. Auch sonst ist die rechtliche Stellung von Frauen prekär. Nach islamischem Eherecht ist eine Scheidung für den Ehemann eine einfache, schnelle und unbürokratische Angelegenheit. Eine Frau kann sich von einem gewalttätigen Ehemann aber nur sehr, sehr schwer in einem meist langwierigen Gerichtsverfahren trennen. Ein Recht auf Scheidung hat sie nicht.

Nach christlichem Eherecht ist in Ägypten eine Scheidung für Männer und Frauen gleichermaßen praktisch unmöglich. Eine Trennung wegen Misshandlungen ist rechtlich ausgeschlossen. Frauen bleibt – wenn überhaupt – nur eine Flucht zu Angehörigen.

 

Frauenhandel und Kindersextourismus

Einige kirchliche Initiativen arbeiten seit weit über 20 Jahren unter Kopten gegen Genitalverstümmelung – leider nur mit sehr begrenztem Erfolg. Eine Verurteilung der Verstümmelung durch die Oberhäupter der koptischen Kirchen fehlt bisher. (Bild: Aleksasfi, Wikipedia Commons, CC BY 3.0.)

Laut einer Veröffentlichung des Cairo Center for Development and Human Rights steht Ägypten weltweit auf Platz zwei hinsichtlich des Ausmaßes von Frauenhandel. Das Land ist ein regelrechter Umschlagsplatz für Menschenhandel mit Frauen und Kindern, insbesondere in Form von Sklaverei und Zwangsprostitution. Die Millionen von Ägyptern, die in bitterster Armut ihr Überleben sichern müssen, bilden ein riesiges Reservoir für Opfer von Ausbeutung. Viele der schätzungsweise 200 000 bis 1 000 000 Straßenkinder, sowohl Mädchen als auch Jungen, werden zur Prostitution und zum Betteln gezwungen. Oft sind organisierte lokale Gruppierungen an der Ausbeutung beteiligt. Wohlhabende Männer aus den Golfstaaten reisen Berichten zufolge nach Ägypten, um „befristete“ oder „Sommerehen“ mit Ägypterinnen, darunter minderjährige Mädchen, zu kaufen. Im Regelfall werden solche Vergewaltigungen unter dem Deckmantel einer Ehe von den Kindseltern und „Heirats-Brokern“ arrangiert.

 

Vergewaltigung und sexuelle Belästigung

Ägypten ist berüchtigt für das enorme Ausmaß an sexueller Belästigung. Dennoch gibt es kein einziges Gesetz, das sexuelle Belästigung oder Nötigung unter der Schwelle von versuchter Vergewaltigung verbietet. Frauenrechtlerinnen versuchen seit Jahren, die Gesetzgebung zu verändern und über Pressearbeit und Kampagnen auf sozialen Netzwerken ein Umdenken einzuleiten – bisher ohne Erfolg. Nach dem Sturz Mubaraks im Jahr 2011 hat sich das Problem sogar noch weiter verschärft.

Staatliche Daten zu sexuellen Belästigungen existieren nicht. Anfangs wurden Frauenrechtlerinnen sogar von Vertretern des Staates beschimpft, sie würden den „Ruf Ägyptens in den Dreck ziehen“ oder sie seien durch ihr Verhalten selbst schuld. Erst eine groß angelegte Studie des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte (ECWR) im Jahr 2008 führte dazu, dass das Problem nicht mehr geleugnet werden konnte.Die Frauenrechtlerinnen aus Kairo befragten rund 3 200 Ägypterinnen und Ägypter. Es stellte sich heraus, dass etwas über 40 Prozent der befragten Frauen täglich Opfer sexueller Belästigun werden. Die Studie räumte auch mit dem Vorurteil auf, Frauen und Mädchen würden durch ihre Kleidung Belästigung „provozieren“. Die Erhebung zeigte eindeutig, dass die Kleidung oder das Kopftuch annähernd keine Rolle dabei spielt, ob eine Frau belästigt wird. Selbst Frauen, die mit dem „Niqab“ bis auf einen Sehschlitz vollverschleiert sind, werden fast genauso häufig belästigt wie alle übrigen Frauen.

Die Opfer sind dabei doppelt gestraft. Gesellschaftlich gelten nach wie vor die betroffenen Frauen selbst als die eigentlich Schuldigen. Der „Ruf“ einer Frau – und damit oft ihr Leben – ist infolge einer Vergewaltigung zerstört. Hilfe bei Polizei und Justiz suchen und finden die wenigsten. Auch weil sexuelle Belästigung vielfach von Polizisten ausgeht.

 

Gewalt, Folter und Geiselnahme durch staatliche Autoritäten

Gewalt, Folter und auch Geiselnahmen durch die Polizei und Staatssicherheit sind gängige Praxis. Auch Druckmittel, wie sexuelle Belästigung oder sogar die Vergewaltigung von Familienangehörigen vor den Augen des Verhafteten, sind keine Seltenheit. Sie dienen in der Regel dazu, „Geständnisse“ zu erzwingen – entweder von den Frauen selbst oder von männlichen Familienangehörigen. In manchen Fällen sollen so flüchtige Täter gezwungen werden, sich der Polizei zu stellen.

 

Frauen und Führungspositionen

Obwohl rein formell die Bedingungen für Frauen in politischen Ämtern geschaffen sind, mangelt es an der praktischen Realisierbarkeit. Die Gesellschaft ist noch nicht bereit, Frauen die gleichen Leistungen wie Männern zuzutrauen oder sie in höhere politische Ämter zu wählen. Auch in der freien Wirtschaft zeigt sich die Diskriminierung durch die sehr ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen und durch die Praxis, Frauen zu kündigen, sobald sie schwanger oder auch nur verheiratet sind.

 


(Credit Vorschaubild: Al Jazeera English, Flickr CC BY 2.0./ Link: https://www.flickr.com/photos/aljazeeraenglish/5509882466)

2018-12-15T17:17:30+00:00Montag, Oktober 29, 2018|