Überblick: Homosexuelle im Iran

Luftballons in Regenbogenfarben – friedlicher Protest für Homosexuelle im Iran.

„Das Schrecklichste, was ich je gesehen habe.”

Ein ehemaliger iranischer Häftling, der wegen seines christlichen Glaubens in einem großen Gefängnis der Islamischen Republik gefangen gehalten und selbst gefoltert wurde, berichtet 2015: „Das Schrecklichste, was ich je gesehen habe, war, wie sie mit den Homosexuellen umgehen. Sie waren angekettet wie Tiere, an Händen und Füßen. Einige von ihnen über Jahre in Einzelhaft. Ich selbst war auch in Einzelhaft, aber nie mehr als etwa einen Monat am Stück. Unvorstellbar, und dann so angekettet! Die Wachen haben sie getreten, schlimmer als Tiere. Sie haben sie bespuckt, beschimpft, angeschrien. Sie haben sie auf die Toilette geschleift, wie Tiere – mit einer Hundeleine. Das war schockierend.“

Im Iran kann nach dem dort geltenden islamischen Strafrecht einvernehmliche Homosexualität bei Männern mit dem Tod bestraft werden. Bei Frauen mit 100 Peitschenhieben. Homosexuelle werden drangsaliert, willkürlich verhaftet und misshandelt. Vermutlich wurden im Iran bereits mehrere tausend Menschen allein wegen ihrer Homosexualität getötet.
 
Ein offenes Leben gleichgeschlechtlicher Orientierung ist im Iran unmöglich, homosexuelle Partnerschaften existieren im Iran nur in völliger Heimlichkeit. Frauen haben noch weniger Freiraum als Männer. Ihnen droht Zwangsverheiratung. Im Falle einer Entdeckung drohen Männern wie Frauen Erniedrigung, Misshandlung, Verhaftung, Folter und Hinrichtung. Obwohl ein Teil der iranischen Bevölkerung liberal eingestellt ist, bestehen sehr starke gesellschaftliche Vorbehalte. Insbesondere die Anhänger des Regimes betrachten Homosexualität als Verstoß gegen die „göttliche Ordnung“.

Spott und Hohn erntete der damalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad als er am 27. September 2007 in New York erklärte: „Es gibt im Iran keine Homosexuellen (...) Ich weiß nicht, wer Ihnen erzählt hat, es gebe so etwas bei uns.“ Viele Kommentatoren meinten, dass es im Iran wohl deshalb keine Homosexuellen gäbe, weil das Regime sie alle habe umbringen lassen.

Peitschenhiebe für Interviews mit Homosexuellen

Selbstverständlich gab und gibt es im Iran Homosexuelle, vermutlich ebenso häufig wie an allen anderen Orten der Welt. Doch nach Überzeugung vieler Repräsentanten der Islamischen Republik sind Zuneigung, Partnerschaft, Liebe und Sexualität keine Privatangelegenheiten. Auch Intimität müsse sich nach den Vorgaben des Islamischen Rechts richten. Übertretungen dieser über 1.000 Jahre alten Vorschriften seien nicht nur Sünde, sondern „Verbrechen“ gegen göttliches Recht, die vom Staat verfolgt werden müssten. Wer diese Sichtweise in Frage stellt, oder sogar offen Verständnis für Homosexualität zeigt, wird ebenfalls verfolgt. Als Reaktion auf die Behauptung des damaligen Präsidenten, es gäbe im Iran keine Homosexualität, interviewte der iranische Journalist Siamak Ghaaderi mehrere Homosexuelle im Iran. Er wurde wegen „Propaganda gegen das (islamische) Regime“ und „Provokation“ zu 60 Peitschenhieben und vier Jahren Haft verurteilt.

Staatliche Verfolgung

Im Privaten gibt es in der iranischen Oberschicht und dem Bildungsbürgertum eine langsam zunehmende, begrenzte Toleranz, vor allem aber Mitleid, weil Homosexuelle nach wie vor als „krank“ betrachtet werden. Bei streng Religiösen und Traditionalisten gilt Homosexualität nach wie vor als Sünde, Schande und als strafwürdig. Die Führung der Islamischen Republik befeuert seit deren Gründung im Jahr 1979 aktiv schwerste Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen, obwohl es in der iranischen Geschichte auch Phasen recht großer Liberalität gegeben hat.

In der Islamischen Republik setzen regimenahe Sittenwächter die gesetzlich festgeschriebenen Moralvorstellungen durch. Streifen der Polizei und der den Revolutionsgarden unterstehenden Basidj-Milizen überwachen die Einhaltung der „islamischen Moral“ und „Sittlichkeit“: In aller erste Linie heißt das, dass Frauen und Mädchen, die Kleidervorschriften einhalten, unter anderem das obligatorische Kopftuch, und das junge Pärchen nicht öffentlich Händchen halten. Die Angehörigen der Basidj und der Revolutionswächter werden für willkürliche Übergriffe und Gewalt nicht zur Rechenschaft gezogen. Vermuten sie Homosexualität, so müssen die Betroffenen mit Demütigungen, Gewalt, Verhaftungen und Todesdrohungen rechnen – aber auch mit späterer Ausgrenzung, Spott und weiteren Demütigungen. Ein freies Leben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ist in der Islamischen Republik undenkbar.

Isolation, Verzweiflung, Selbstmord

Homosexuelle leben daher in ständiger Furcht vor Entdeckung. Durch die allgegenwärtige staatliche Propaganda in Schulen und Medien sind viele junge Menschen, die bei sich selbst homosexuelle Neigungen entdecken, verzweifelt. Sie halten sich selbst für krank und abnorm. Sie fürchten die Entdeckung durch die Familie, Freunde, Kommilitonen, Kollegen und das Regime. Viele ziehen sich daher zunehmend zurück, sind isoliert und entwickeln Depressionen und Gedanken an Selbstmord. 

Heimlichkeit

In den großen Städten des Iran wie Teheran, Esfahan, Shiraz oder Mashad gibt es – in größter Heimlichkeit – Treffen und Austausch zwischen homosexuellen Männern. Männer genießen weit mehr Freiheiten als Frauen, sie werden weniger stark sozial überwacht und können sich so begrenzt Freiräume schaffen. Manche homosexuellen Männer heiraten, um den Verdacht der Homosexualität zu entkräften, pflegen heimlich aber weiter homosexuelle Beziehungen. 

Lesbische Frauen – doppelt diskriminiert

In der Oberschicht und der – sehr großen – gebildeten Mittelschicht sind die Ansichten und Rollenverteilungen oft weit entfernt vom „islamischen“ Idealbild des Regimes. Trotzdem sind nicht nur die Gesetze des Landes, sondern weite Teile der iranischen Gesellschaft stark patriarchal geprägt. Mädchen und Frauen sind in der Islamischen Republik ohnehin rechtlich und gesellschaftlich sehr stark benachteiligt. Die soziale Kontrolle lastet wesentlich stärker auf ihnen als auf Männern. In konservativen Familien sind und werden Frauen gezwungen, irgendwann zu heiraten – auch wenn sie als lesbische Frauen Intimität mit einem Mann verabscheuen. Ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben ist insbesondere bei Frauen aus ärmeren und streng religiösen Familien unerreichbar – ohne die Unterstützung der Eltern müssen sie heiraten. Es sind Fälle bekannt, in denen lesbische Frauen von ihren Familienangehörigen misshandelt und gefoltert wurden, bis sie in eine Ehe „einwilligten“. Eine Ehe bedeutet für sie immer das Aus für eine mögliche frühere gleichgeschlechtliche Beziehung. 

Flucht

Nach der Entdeckung ihrer Neigung durch die Familie oder die Behörden beginnt für viele Homosexuelle im Iran eine Hölle aus Erniedrigungen und Gewalt. Sind die Opfer noch auf freiem Fuß, ist die Flucht ins Ausland für viele die einzige Option. Eine legale Ausreise ist vielfach nicht möglich, weil die Betroffenen keinen Reisepass besitzen, er ihnen weggenommen wurde, weil sie kein Visum erhalten oder sie keinerlei Mittel für die Reisekosten haben. Eine illegale Ausreise mit Fluchthelfern oder Schleppern ist in aller Regel bedeutend teurer und unerschwinglich. Viele suchen Asyl in der benachbarten Türkei. Doch auch dort sind einige von Ihnen der Verachtung und Übergriffen von Behördenvertretern ausgesetzt. Viele Flüchtlinge leben in der Türkei in großer Armut. Weltweit hat Kanada besonders viele geflohene homosexuelle Iraner aufgenommen. Großen Anteil daran hat die kanadische Organisation „Iranian Railroad for Queer Refugees“.

[Homepage der Iranian Railroad for Queer Refugees …]
[Beitrag aus dem ASYLMAGAZIN, Ausgabe 3/2013 ...]

Sonderfall Transsexuelle

Transsexuelle haben im Iran eine Sonderstellung. Ganz im Gegensatz zu Homosexuellen können sie seit 1987 ein relativ normales Leben führen. Möglich geworden ist dies durch ein Rechtsgutachten des damaligen „Revolutionsführers“ Ajatollah Ruhollah Khomeini. Er entschied, dass sich Männer und Frauen im Iran operieren lassen dürfen, um das Geschlecht zu wechseln. Außerdem wurde Transsexuellen erlaubt, nach ihrer Operation zu heiraten. Inzwischen hat der Iran nach Thailand die höchste Rate an Geschlechtsumwandlungen weltweit. Der Wunsch der Transsexuellen, sich umoperieren zu lassen, wird als mentale und physische Störung angesehen, die geheilt werden muss. 

Gesellschaftlich haben Transsexuelle im Iran dennoch Probleme, da sie von ihren Mitmenschen vielfach gemieden und nicht akzeptiert werden. Es gibt auch Berichte von gefolterten Transsexuellen in iranischen Gefängnissen. Trotzdem lassen sich im Iran immer wieder homosexuelle Männer operieren, um hinterher mit ihrem männlichen Partner zusammenleben zu können.

 

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